Das Wehrdorfprogramm (engl. Strategic Hamlet Program, vietn. Ấp Chiến lược), auch als Taylor-Staley-Plan bekannt, war ein im März 1962 begonnenes weitreichendes militärisches, politisches und soziales Programm. Es wurde von der südvietnamesischen Regierung mit Unterstützung der USA durchgeführt und hatte das Ziel, die Bevölkerung von dem Einfluss der Nationalen Befreiungsfront fernzuhalten. Dem Plan zufolge sollte die Zivilbevölkerung in einigen Landstrichen konzentriert werden, die unter der Kontrolle der Regierung standen. Nach anfänglichen Erfolgen zeigte sich jedoch bereits ein Jahr später, dass der Plan scheitern würde. Die Landbevölkerung wollte ihre Heimatgebiete vielfach nicht freiwillig verlassen. Korruption, Zwangsumsiedlungen, Missmanagement und die Willkür der zuständigen Beamten führten zu einer rapide abnehmenden Identifikation der Landbevölkerung mit der Regierung. Ende 1963 und Anfang 1964 wurde das Programm allmählich wieder eingestellt.
miniatur|Ein strategisches Dorf in Südvietnam 1964
Vietnam 1961
Nach dem Beginn der ersten größeren Kämpfe zwischen Aufständischen und Regierungstruppen Anfang 1960 entwickelte sich aus verschiedenen einzelnen Partisaneneinheiten bald eine an Schlagkraft gewinnende Widerstandsbewegung. Die bevorzugten Ziele der Guerillas waren zunächst fähige und einflussreiche Regierungsvertreter. Beispielsweise wurde der Chef der südvietnamesischen Geheimpolizei in den Provinzen Quang Ngai, Quang Nam und Bình Định, ein gefürchteter Mann namens Chau, mit einem Trick ausgeschaltet: einige Guerillas verkleideten sich als Offiziere der ARVN und schafften es unter einem Vorwand, Chau zu überreden, ihnen zu folgen. Als sie einige hundert Meter gegangen waren, wurden der Agent und seine Männer überfallen und entwaffnet. Chau wurde zur Abschreckung öffentlich exekutiert.Burchett: Partisanen contra Generale. S. 75 Die Hinrichtung Chaus war kein Einzelfall, allein in der ersten Hälfte des Jahres 1960 wurden 780 Regierungsvertreter getötet und hunderte weitere entführt.Frey: Geschichte des Vietnamkriegs. S. 65 Die Bedeutung dieser Hinrichtungen sollte nicht unterschätzt werden, mit jedem weiteren Anschlag sank der Einfluss der Regierung auf dem Land.
Nicht nur auf militärischer, sondern auch auf politischer Ebene organisierte sich der Widerstand gegen das Saigoner Regime. Am 20. Dezember 1960 wurde offiziell die Nationale Front für die Befreiung Südvietnams gegründet. Dabei handelte es sich um eine Allparteienregierung, deren Mitglieder ehemalige Anhänger der Việt Minh, bürgerliche Oppositionelle, Mitglieder der drei großen Sekten (Cao Dai, Hoa Hao und Bình Xuyên), Buddhisten, Intellektuelle und viele andere Menschen waren, die sich der südvietnamesische Regierungschef Ngo Dinh Diem durch seine unnachsichtige Politik zu Feinden gemacht hatte. Die NLF verkündete ein Programm, das breite Schichten der vietnamesischen Bevölkerung ansprechen sollte. Dieses beinhaltete unter anderem eine Umverteilung des Landes, die Verringerung der Pachtgebühren, die Absetzung Diems, die Förderung der heimischen Wirtschaft, die Reduzierung ausländischer Importe, die Gleichheit aller Religionen, Rassen und Geschlechter und schließlich die friedliche Vereinigung von Nord- und Südvietnam.Frey: Geschichte des Vietnamkriegs. S. 66
miniatur|links|ARVN-Truppen im Mekong-Delta 1961
Im Verlauf des Jahres 1961 kam es in Südvietnam zu großen Veränderungen. Nach ihrer Gründung begann die NLF sofort mit der Ausweitung ihres Einflusses und übernahm die Kontrolle in vielen Landstrichen. Das bei weitem wichtigste Ziel war die Gewinnung der Bevölkerung für die Sache der Befreiungsfront. Dies fiel ihr meistens nicht schwer, da die Vertreter des Saigoner Regimes vielfach korrupte, grausame und herrschsüchtige Beamte waren, die unter der Bevölkerung verhasst waren.Knöbl: Victor Charlie: Viet Cong. S. 47 Es gibt unzählige Geschichten über barbarische Folter, Morde und Verhaftungen durch Vertreter Diems oder Soldaten der südvietnamesischen Armee. Ehemalige Widerstandskämpfer oder diejenigen, die sie für solche hielten, wurden häufig öffentlich enthauptet, um die Bevölkerung einzuschüchtern und jeden Gedanken an Widerstand zu unterdrücken.Burchett: Partisanen contra Generale. S. 18 Das Gesetz 10/59 beispielsweise, welches im Mai 1959 erlassen wurde, gab den Vertretern Diems das Recht, jeder Person den Kopf abzuschlagen, die in Verdacht stand, mit den Rebellen zu sympathisieren.Frey: Geschichte des Vietnamkriegs. S. 72 Neben den Grausamkeiten trugen auch Plünderungen, Zwangsumsiedlungen, strenge Zensur und das Verbot jeglicher politischer Opposition zu Diems Unpopularität unter der Bevölkerung bei.
Ende 1961 war die Lage überaus kritisch für Saigon, nach und nach schwand ihr Rückhalt in der vietnamesischen Gesellschaft. Zu dieser Zeit wurde die Regierung bereits massiv von der amerikanischen Regierung unterstützt. Als sich die Lage immer mehr zuspitzte und Diem die US-Regierung in einem Brief um Hilfe bat, entschied sich John F. Kennedy, Südvietnam durch verstärkte Militär- und Wirtschaftshilfe zu unterstützen. Die südvietnamesische Armee wurde um 50.000 Mann vergrößert und von wesentlich mehr US-Beratern unterstützt. Ein Bataillon der Green Berets wurde in den vietnamesischen Dschungel geschickt, um ethnische Minderheiten im westlichen Hochland zu mobilisieren und mit ihnen die Grenzen zu überwachen.
Das Jahr der Wehrdörfer Taylor-Staley-Plan
Zwischen 1955 und 1961 gewährte Washington der südvietnamesischen Regierung Militär- und Wirtschaftshilfe in Höhe von ca. 2 Milliarden Dollar, ohne dass sich vorzeigbare Erfolge einstellten.Frey: Geschichte des Vietnamkriegs. S. 55Knöbl: Victor Charlie: Viet Cong. S. 206 Ein entscheidender Schritt zur Verbesserung der Lage war die Anwendung einer neuen, komplexen Strategie. Neben gesteigerten militärischen Anstrengungen sollte auch versucht werden, die Bevölkerung durch soziale und wirtschaftliche Mittel auf die Seite der Regierung zu ziehen. Der Urheber des Plans war der amerikanische Wirtschaftsfachmann Eugene Staley. Nach einigen Besuchen in Vietnam erkannte er, dass man der sozialen Revolution der NLF nur durch soziale Reformen entgegenwirken konnte. Es war notwendig, den Kampf gegen die Rebellen von einer militärischen auf eine politische Ebene zu verlagern.
Staleys Plan sah die Schaffung eines breiten, unbesiedelten Gebietsstreifens entlang der kambodschanischen und laotischen Grenze vor. Dorthin sollten die Guerillas zurückgedrängt werden, um sie in größeren militärischen Aktionen vernichten zu können. Gleichzeitig sollte in mehreren Schritten die Kontrolle über die Dörfer errungen werden:
Stufe 1: Die südvietnamesischen Dörfer sollten militärisch gesichert und aus der Hand der NLF befreit werden.
Stufe 2: Nach der Übernahme der Kontrolle sollte eine kompetente, nicht korrupte Lokalregierung eingesetzt werden.
Stufe 3: Nachdem die Sympathie der Bevölkerung erworben worden war, sollte Schritt für Schritt die materielle Lage der Bewohner verbessert werden.Frey: Geschichte des Vietnamkriegs. S. 88
Auf diese Art und Weise hoffte man den Guerillas das Wasser abgraben zu können. Wenn alle drei Stufen Erfolg hatten, würde das Gebiet zu einer sogenannten „Wohlfahrtszone“ werden – ein Gebiet, in dem die Bevölkerung völlig unter der Kontrolle der Regierung stehen und dem Einfluss der NLF-Propaganda entzogen sein würde. Staley teilte Südvietnam in drei Gebiete auf:
1. Gelbe Zonen: Gebiete, die bereits unter der Kontrolle Saigons standen. Hier würde die großzügige US-Hilfe zuerst zum Einsatz kommen.
2. Blaue Zonen: Gebiete, die nicht ganz unter dem Einfluss der Regierung standen, d. h. „Niemandsland“, in dem sich sowohl Truppen Saigons als auch die der NLF bewegten, wo die Bewohner aber noch für die Sache der Regierung gewonnen werden könnten.
3. Rote Zonen: Die Landstriche, die von den Guerillas kontrolliert wurden. Hier mussten zuerst gelbe Zonen geschaffen werden, von denen sich der Einfluss der Regierung allmählich ausbreiten würde. Militärische Aktionen hatten hier vor den zivilen Aktionen den Vorrang.Knöbl: Victor Charlie: Viet Cong. S. 207
In allen drei Zonen sollten befestigte Siedlungen errichtet werden, strategische Dörfer mit Wassergräben, Stacheldrahtverhauen, Aussichtstürmen und Bambuspalisaden. Die Bewohner sollten eine militärische Ausbildung erhalten und zusammen mit regionalen Selbstverteidigungskräften die Landbevölkerung schützen. In den Siedlungen sollte es Schulen, Märkte und medizinische Einrichtungen geben. Zudem wurden vielen Bauern Land, eine gewisse Summe Geld und regelmäßige Lebensmittelrationen versprochen.
Kampf um die Herzen der Menschen miniatur|Der damalige Vizepräsident Lyndon B. Johnson trifft Ngo Dinh Nhu 1961
Nach anfänglichem Widerstand gegen die Pläne durch die Familie Diems wurde die Durchführung des Plans am 4. Januar 1962 beschlossen. Nachdem die Amerikaner versichert hatten, die Materialien für den Bau der Dörfer zu liefern, wurden Diem und sein Bruder Ngo Dinh Nhu zu der treibenden Kraft hinter dem Programm. Insgesamt sollten innerhalb von 18 Monaten 116 Wohlstandszonen mit 15.000 strategischen Dörfern errichtet werden, in denen 500 bis 900 Bewohnern pro Dorf lebten. Da das Mekong-Delta und die Küstenregionen ohnehin bereits dichter besiedelt waren, konnten dort bereits existierende Dörfer ausgebaut und befestigt werden. In den dünner besiedelten Provinzen musste die Bevölkerung jedoch erst konzentriert werden. Doch die Bauern, selbst die regierungsfreundlichen, waren vielfach nicht bereit, ihre Heimat zu verlassen und sich den Härten der Umsiedlung auszusetzen.Burchett: Partisanen contra Generale. S. 123
Anfang der 60er Jahre lebte mehr als 80 % der Bevölkerung auf Land, das von ihren Ahnen schon seit Generationen bebaut wurde. Dorfgemeinschaft und Familie waren dort, wo es meist nur sehr lose Beziehungen zu den staatlichen Autoritäten gab, die wichtigsten gesellschaftsbildenden Faktoren. Neben den materiellen Verlust, den viele erlitten, wog das Zurücklassen der Ahnengräber häufig noch viel schwerer. Im konfuzianisch-buddhistisch geprägten Glauben der Bevölkerung spielten die Vorfahren eine sehr wichtige Rolle. Die Bauern von ihnen zu trennen bedeutet, sie zu entwurzeln und den Gefahren des Kosmos schutzlos auszuliefern.Frey: Geschichte des Vietnamkriegs. S. 62
Wenn sich die Bewohner weigerten umgesiedelt zu werden, was oft geschah, wurden sie gewaltsam aus den Dörfern vertrieben. Meistens konnten die Bauern nicht mehr in die strategischen Dörfer mitnehmen, als was sie am Leibe trugen, und ein bisschen persönliche Habe. Immer wieder kam es zu Gewalt gegen die Dorfbewohner. Einige Siedlungen, die sich geschlossen gegen die Umsiedlung zur Wehr gesetzt hatten, wurden gar von der vietnamesischen Luftwaffe bombardiert und zerstört. Dorfälteste, die sich gegen die Umsiedlung stellten, wurden von der ARVN oft auf grausame Art und Weise hingerichtet: Man wollte Exempel statuieren. Während die ersten Dörfer noch von Soldaten gebaut wurden, war es später durchaus üblich, die Bewohner zum Bau des neuen Dorfes, ohne jede Form von Bezahlung, zu zwingen. Die verlassenen Dörfer wurden oft vor den Augen der Bauern niedergebrannt, über den Plantagen, Feldern und Wäldern seit Ende 1961 auch erstmals Chemikalien versprüht, um alles pflanzliche Leben zu vernichten: eine Maßnahme, die dem Ansehen der USA in ganz Asien ungeheuer geschadet hat.Knöbl: Victor Charlie: Viet Cong. S. 209