mini|Semnonenhain nach Emil Doepler 1905 Der Semnonenhain ist die Kultstätte der Semnonen, die in Tacitus’ Germania um etwa 100 n. Chr. beschrieben wird. Es handelt sich um eine besondere Form eines heiligen Hains, die auch als Fesselhain oder Fesselwald bezeichnet wird. Tacitus zufolge fand in dem Hain ein Menschenopfer statt. Die Opferung soll ein verbindendes Element der suebischen Stämme gewesen sein.Heinrich Beck: Menschenopfer in der literarischen Überlieferung. S. 240–258. Auch in der Lieder-Edda wird im Zweiten Lied von Helgi dem Hundingstöter ein Fesselhain (Fjöturlund) erwähnt. Zwischen beiden Hainen liegt offenkundig eine Analogie vor,Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie (= Kröners Taschenausgabe. Band 368). 3., völlig überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2006, ISBN 3-520-36803-X. die der Altgermanist Otto Höfler zu beweisen versuchte. Höfler zufolge war das Opfer kein Niedriggestellter, sondern ein Auserwählter, der sein Geschick freiwillig auf sich nahm.Otto Höfler: Das Opfer im Semnonenhain und die Edda. In: Hermann Schneider (Hrsg.): Edda, Skalden, Saga. Festschrift zum 70. Geburtstag von Felix Genzmer. Heidelberg 1952, S. 1–67.
Quellen Tacitus beschreibt den Fesselhain wie folgt:
Im Lied Helgakviða Hundingsbana II heißt es:
Lokalisierung Ein konkreter Ort konnte bisher nicht ausfindig gemacht werden. Es gibt eine Reihe von Theorien. Zusammenfassend werden folgende Kriterien herangezogen, um den Hain zu lokalisieren: Er muss im Siedlungsgebiet der Semnonen, also zwischen Oder und Elbe, liegen. Es sollte eine möglichst dichte Besiedlung in der Nähe nachgewiesen sein. Der Hain sollte in einer exponierten Lage liegen, zum Beispiel an einer Handelsroute, auf einem Berg oder bei einem bedeutenden Stein.
Der Brandenburghistoriker Johannes Schultze verortete den Hain in Zootzen, einem Ortsteil von Friesack, wo eine alte Geschichte überliefert ist, die an den Fesselhain erinnert.Johannes Schultze: Die Mark Brandenburg. Band 1: Entstehung und Entwicklung unter den askanischen Markgrafen (bis 1319). Verlag Duncker & Humblot, Berlin 1961, S. 18. Der Rathenower Stadtarchivar Rudolf Guthjahr (1904–1988) siedelte den Semnonenhain zwischen Nauen und Velten im Krämer Forst an. Zudem gab es Vorschläge, den Hain im Blumenthal bei Prötzel oder in den Rauener BergenGeorg F.G. Goltz: Diplomatische Chronik Fürstenwalde. Fürstenwalde 1837, S. 9–10. zu suchen. Für die Rauener Berge sprächen, neben der hügeligen Landschaft, die großen Markgrafensteine und der anliegende Scharmützelsee.
Eberhard Bohm verwirft diese Orte, da sie außerhalb des semnonischen Siedlungsgebietes lägen, und plädiert stattdessen für das dicht besiedelte Havelland. Neuere Forschungen weisen aber darauf hin, dass es im östlichen „Brandenburg“ eine dichtere Besiedlung gegeben haben könnte als bisher angenommen. So konnten mit Susudata (Fürstenwalde) und Colancorum (bei Kostrzyn) zwei Handelsstädte im östlichen Brandenburg nachgewiesen werden.Andreas Kleineberg, Christian Marx, Eberhard Knobloch, Dieter Lelgemann: Germania und die Insel Thule. Die Entschlüsselung von Ptolemaios’ "Atlas der Oikumene". Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2010.
Literatur Michael D. J. Bintley: Revisiting the Semnonenhain. A Norse Anthropogonic Myth and the Germania. In: The Pomegranate 13.2 (2011), S. 146–162. Alfred Ebenbauer: Ursprungsglaube, Herrschergott und Menschenopfer – Beobachtungen zum Semnonenkult. In: Antiquitates Indogermanicae: Studien zur indogermanischen Altertumskunde und zur Sprach- und Kulturgeschichte der Indogermanischen Völker. Gedenkschrift für Hermann Güntert zur 25. Wiederkehr seines Todestages am 23. April 1973. Universität Innsbruck, Innsbruck 1974, ISBN 3-85124-520-2, S. 233–249; . Karl Hauck: Lebensnormen und Kultmythen in germanischen Stammes- und Herrschergenealogien. In: Saeculum 6 (1955), S. 193. Otto Höfler: Das Opfer im Semnonenhain und die Edda. In: Hermann Schneider (Hrsg.): Edda, Skalden, Saga. Festschrift zum 70. Geburtstag von Felix Genzmer. Heidelberg 1952, , S. 1–67. Rudolf Much: Die Germania des Tacitus. 3. Auflage. Wolfgang Lange (Hrsg.) unter Mitarbeit durch Herbert Jankuhn. Verlag C. Winter, Heidelberg 1967. Eve Picard: Germanisches Sakralkönigtum? Quellenkritische Studien zur Germania des Tacitus und zur altnordischen Überlieferung. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 1991, ISBN 3-533-04418-1; uni-frankfurt.de (PDF; 9,0 MB) Eberhard Bohm: Die Frühgeschichte des Berliner Raumes (6. Jahrhundert vor Chr. bis zum 12. Jahrhundert nach Chr.). In: Wolfgang Ribbe (Hrsg.): Geschichte Berlins, Band 1: Von der Frühgeschichte bis zur Industrialisierung. C.H. Beck, München 1987, ISBN 3-406-31591-7, S. 3–135, hier S. 35–38. J. B. Rives (Hrsg.): Tacitus: Germania. Oxford 1999 (englische Übersetzung mit ausführlicher Einleitung und umfangreichem Kommentar). Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte. 3. Auflage. Berlin 1970. Ludwig Rübekeil: Suebica – Völkernamen und Ethnos. (= Innsbrucker Beiträge zur Sprachwissenschaft, 68). Institut für Sprachwissenschaft Innsbruck, Innsbruck 1992, ISBN 3-85124-623-3.
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Einzelnachweise
Kategorie:Kultstätte Kategorie:Germanisches Heiligtum