mini|Die alte Kirche in Nowosolna

Die Geschichte der Deutschen im Raum Łódź beginnt Ende des 18. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit waren die Nachkommen früherer Einwanderungswellen im Mittelalter und der frühen Neuzeit bereits assimiliert. Ende des 18. Jahrhunderts begann der örtliche Adel, deutsche Bauern, so genannte Holländer, anzuwerben, deren Vorfahren bereits seit mehreren Generationen im polnischen Sprachraum als Siedler lebten und dabei von Westen nach Osten fortschreitend immer wieder neue Dörfer gründeten. Die älteste Ansiedlungsurkunde aus der Umgebung von Łódź stammt aus dem Jahr 1782. Bis 1800 wurden bereits über 50 Orte von deutschen Bauern gegründet. Anfang des 19. Jahrhunderts folgten den Bauern städtische Handwerker, die bei der Industrialisierung der Region eine Schlüsselrolle spielten. Sie wanderten zumeist in bereits bestehende Städte ein, es wurden aber auch einige neue Städte gegründet. Die Zuwanderung beider Siedlergruppen hielt bis etwa 1840 an, doch auch danach wuchs die deutsche Minderheit aufgrund ihres Geburtenüberschusses weiter. Durch den Januaraufstand von 1863–64 und die Bauernbefreiung 1864 wurden die Bedingungen für die deutschen Siedler in der Region schlechter, und es kam in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer starken Abwanderung nach Wolhynien. Erst in der Besatzungszeit des Ersten Weltkrieges kam es wieder zu einem engeren Kontakt mit dem Herkunftsland. Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen erlebten die Lodzer Deutschen als besonders schwierige Zeit: Einerseits brachte der neuerstandene polnische Staat ihnen großes Misstrauen entgegen, andererseits sahen sie sich einer zunehmenden Beeinflussung und Instrumentalisierung durch die Propaganda des Deutschen Reiches ausgesetzt. Darüber hinaus war die wirtschaftliche Lage in dieser Zeit schlecht. Mit dem Überfall auf Polen im September 1939 begann ein neues Kapitel, doch nach anfänglicher Erleichterung nach der deutschen Besetzung der Region waren viele der einheimischen Deutschen erschüttert und verstört angesichts der Verfolgung und Unterdrückung von Juden und Polen. Das Ende des Zweiten Weltkrieges bedeutete für einen Großteil der Lodzer Deutschen den Verlust der Heimat, für diejenigen die blieben, die Assimilation.

In den 1930er Jahren lebten im Raum Łódź, zwischen den Flüssen Warthe, Bzura und Pilica, etwa 180.000 Deutsche, davon etwa 60.000 bis 70.000 in Łódź selbst. Im 19. Jahrhundert waren sie zeitweise die größte Bevölkerungsgruppe der Stadt.Wiesław Puś: Die Berufs- und Sozialstruktur der wichtigsten ethnischen Gruppen in Lodz und ihre Entwicklung in den Jahren 1820–1914. In: Jürgen Hensel: Polen, Deutsche und Juden in Lodz 1820–1939. Eine Schwierige Nachbarschaft. Osnabrück 1999, S. 35.

Mittelalter und frühe Neuzeit mini|Szene aus dem Sachsenspiegel zeigt die deutsche Ostsiedlung um 1300

Im Rahmen der deutschen Ostsiedlung kamen bereits im Mittelalter deutsche Einwanderer in diese Region. In den folgenden Jahrhunderten verschmolzen diese Deutschen mit ihrem polnischen Umfeld.

Im 16. und 17. Jahrhundert wanderte aufgrund der Gegenreformation eine große Zahl evangelischer, deutscher Tuchmacher vor allem aus Schlesien nach Polen ein, wobei sich zwar die meisten von ihnen in westlicher gelegenen Regionen ansiedelten, einige erreichten jedoch auch das Łódźer Gebiet. Im Rahmen dieser Einwanderungswelle wurden auch in Brzeziny, Rzgów und Pabianice deutsche Tuchmacher in eigenen Stadtteilen angesiedelt, desgleichen wahrscheinlich in Lutomiersk.

Im 18. Jahrhundert, als es erneut zu einer Einwanderung deutscher Bauern in diese Region kam, waren die Nachkommen der frühen Einwanderer bereits assimiliert.

1782 bis 1793: Beginn der ländlichen Siedlung

mini|Karte des Heimatforschers Albert Breyer über die Herkunft der deutschen Siedler in Mittelpolen (1938) In den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts erreichte die neuzeitliche Siedlungsbewegung deutscher Bauern, die seit dem 16. Jahrhundert von Westen her immer weiter nach Osten vordrang, den Raum des späteren Łódźer Industriegebietes. Die deutschen Bauern machten mit neuen Techniken Böden nutzbar, die bisher als für die Landwirtschaft ungeeignet gegolten hatten. Dabei kamen von Nordwesten her Siedler pommerscher Herkunft, von Südwesten Siedler schlesischen Ursprungs in die Region. Allerdings hatten zumeist bereits die Eltern oder Großeltern diese Herkunftsregionen verlassen, um sich in Polen niederzulassen, so dass die meisten Siedler bereits Erfahrung mit der Rodungsarbeit besaßen.

Den Anlass für die Zuwanderung der deutschen Bauern gaben die örtlichen Adligen, die ihre Einnahmen durch den von den Ansiedlern zu zahlenden Pachtzins erhöhen wollten. In der Regel beauftragte der Grundeigentümer einen Werber, der die westlicher gelegenen deutschen Siedlungsgebiete bereiste und dort die Siedler anwarb und in das Siedlungsgebiet führte. Als Gegenleistung erhielt er in der Regel das erbliche Schulzenamt in dem neu gegründeten Dorf, zu dem auch zinsfreies Land gehörte. Die Siedler zahlten bei der Ansetzung ein sogenanntes Grundgeld. Sie erhielten für die schwierige Zeit der Urbarmachung einige Freijahre, in denen sie keinen Zins zahlen mussten, und verpflichteten sich im Gegenzug, das Land zu roden und darauf Wohn- und Wirtschaftsgebäude zu errichten. Außerdem erhielten sie vom Grundherrn Land für eine Schule und einen Friedhof. In der Regel lebten die Siedler also getrennt von der polnischen Urbevölkerung in eigenen Dörfern oder Ortsteilen.

Die Siedler schlesischer Mundart, im regionalen Dialekt „Hockerlinger“ genannt, gründeten in der Regel Streusiedlungen, wobei sie feuchte, kaltgrundige Böden bevorzugten. Typisch für ihre Dörfer waren außerdem Bohlenscheunen oder aus kurzen Bohlen erbaute Ständerscheunen. Die Siedler kamen vorwiegend aus den deutschen Dörfern des Kalischer Landes, aus der Umgebung von Stawiszyn, Grodziec und Zagórów, andere aus dem Bereich von Grätz, Santomischel, Koschmin, Rakwitz, Lomnitz und Pleschen.

Die Siedler pommerscher Mundart, die man auch „Kaschuben“ nannte, gründeten hingegen Straßendörfer, in denen die Riegelscheune charakteristisch war. Sie stammten überwiegend aus Kujawien, aus der Umgebung von Dombie, Babiak, Chodecz, Mogilno, Witkowo, Strelno, sowie aus Rogasen, Bromberg, Wongrowitz und Schokken.

Bei der Beschreibung der Herkunft der Siedler ist jedoch zu bedenken, dass die Familien zumeist seit mehreren Generationen im polnischen Sprachraum lebten und dass es daher bereits zu einer gewissen Durchmischung und Assimilation gekommen war. Zwar wurde dieser Prozess dadurch gebremst, dass die Polen fast ausnahmslos katholisch und leibeigen waren und es daher kaum zu Mischehen kam, doch gerade in den westlicher gelegenen Regionen, aus denen die Siedler Mittelpolens kamen, schritt die Bauernbefreiung schon bald voran und begünstigte so die Durchmischung. Zum Teil war es auch, in der Regel unter dem Druck des jeweiligen Grundherren, zu einer Katholisierung der deutschen Dörfer gekommen, was wiederum die Polonisierung von deren Einwohnern förderte.

Die ältesten in dieser Region von Deutschen gegründeten Orte waren Ruda, Bugaj (für beide siehe Ruda-Bugaj) und Wierzbno (heute ein Stadtteil von Aleksandrów Łódzki), die im Jahr 1782 von Siedlern schlesischer Herkunft gegründet wurden und zunächst gemeinschaftlich den Namen Groß-Bruschitz (poln. Brużyca Wielka) trugen. Im Jahr 1784 folgte wenige Kilometer nördlich die Gründung von Słowik und Pustkowa Góra durch Siedler pommerscher Abstammung. Da die Deutschen zumeist evangelisch, die Polen hingegen katholisch waren, bereiste von 1786 an der evangelische Pfarrer aus Iłów die Gegend zweimal im Jahr, um die kirchliche Versorgung sicherzustellen. In den Zeiten, in denen er nicht anwesend war, wurden die Taufen und dergleichen in der jeweils nächstgelegenen katholischen Kirche beurkundet.

Bis 1793 wurden so folgende Orte gegründet: 1782: Ruda-Bugaj, Wierzbno; 1784: Słowik, Pustkowa Góra; 1785: Chechło; 1788: Chojny, Dąbrowa, Gałkówek; 1789: Swędów; 1790: Janów (nördl. v. Nowosolna), Janów (südl. v. Nowosolna), Górki; 1791: Rydzyny, Brużyczka; 1792: Żabieniec, Kały, Mileszki.

1793 bis 1807: Fortsetzung der Siedlung unter preußischer Herrschaft mini|Das Schloss der Krakauer Bischöfe in Pabianice, zwischen 1793 und 1807 Sitz der preußischen Verwaltung, seit 1833 Rathaus

Im Jahr 1793 gelangte die Region um Łódź im Rahmen der zweiten polnischen Teilung als Teil Südpreußens zu Preußen. Trotz des politischen Umbruchs schritt die deutsche Siedlung in der Region sehr schnell voran, so dass es im Jahr 1800 bereits über 50 deutsche Dörfer gab, die auf Initiative des polnischen Adels entstanden waren (→ Liste ehemals deutsch besiedelter Orte im Raum Łódź).

Parallel zum Ausbau der Siedlungen entwickelte sich das deutsche Schulwesen: 1798 gab es bereits neun deutsche Volksschulen in der Umgebung von Łódź, und zwar in Słowik, Groß Brużyca (Brużyca Wielka), Klein Brużyca (Bużyczka Mała), Kały, Dąbrowa-Holendry, Swendow (Swędów), Glombie (Głąbie), Mileszki und Domrasin-Holendry, von denen allerdings zwei unbesetzt waren. Bis 1805 kamen noch fünf weitere Schulen hinzu.

Im Jahr 1801 wurde mit Unterstützung des Grundherrn Raphael von Bratuszewski das erste evangelische Kirchspiel der Region in Ruda-Bugaj gegründet, dessen erster Pfarrer Friedrich Georg Tuve wurde.

Die private Kolonisation wurde unter der Herrschaft Preußens gebremst, denn da die meisten dieser Siedler aus anderen preußischen Provinzen stammten, war damit im Sinne der Peuplierungspolitik kein Gewinn zu erzielen. Stattdessen begann nun die staatliche Kolonisation, für die Siedler aus dem nicht-preußischen Ausland geworben wurden. Von 1798 an wurden erste staatliche Kolonien in der Region angelegt, doch erst im Jahr 1800 begann die Kolonisation im großen Stil. Im darauf folgenden Jahr wurden in Süddeutschland Werbestellen eingerichtet und es begann die systematische Anwerbung von Siedlern. In den Jahren 1801–03 stiegen die Zahlen der Siedler rasch an, 1804 musste die Werbung jedoch eingestellt werden. Da ein großer Teil der Einwanderer aus Schwaben kam, wurde „Szwaby“ zur Bezeichnung für den Deutschen schlechthin.

Die staatliche Kolonisation wurde mit erheblichem Aufwand betrieben: Allein die Einrichtung einer Siedlerstelle in Südpreußen kostete 1000 Taler. Die Ansiedler und ihre Söhne wurden vom Militärdienst befreit, sie erhielten 3–6 Jahre Abgabenfreiheit (zum Teil auch mehr), je nach Bodenbeschaffenheit, Rodungsgelder von 600 polnischen Gulden für eine Magdeburger Hufe, Reiseunterstützung von 15 Groschen pro Meile je Familienmitglied, außerdem Wirtschaftsgeräte, Vieh und z. T. sogar zinsfreie Darlehen. Darüber hinaus wurden Wohnhaus, Stall und Scheune auf Staatskosten erbaut. Diese Unterstützung war wohl auch notwendig, denn die in der Rodearbeit unerfahrenen Süddeutschen waren bei der Urbarmachung ihres Landes auf die Unterstützung der einheimischen Deutschen angewiesen, die sie dank der gewährten Rodegelder für diese Arbeit bezahlen konnten.

Obwohl die Anwerbung von Siedlern noch im Gange war, kam es bereits 1803 und 1804 zu einer verstärkten Ab- bzw. Weiterwanderung nach Russland. Der preußische Staat versuchte mit allen Mitteln das Abziehen der Kolonisten zu verhindern, die Grenzposten versuchten die flüchtigen Siedler abzufangen, und denjenigen, die erwischt wurden, drohte als Strafe das sechsmalige große Rutenlaufen. Dennoch gelang es vielen, über die Grenze nach Russland zu entkommen. Das Ziel dieser Wanderung war offenbar zumeist die Region von Odessa, zwischen Dnepr und Dnjestr.