Mit dem Ausdruck Ritter-Schule (gelegentlich auch: „Schule von Münster“) wird in philosophie- oder ideengeschichtlicher Literatur ein Kreis von Denkern bezeichnet, die direkte Schüler des an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster wirkenden Philosophen Joachim Ritter waren oder zumindest von einigen seiner methodologischen, systematischen oder philosophiegeschichtlichen Optionen mehr oder weniger stark beeinflusst waren.
Der „Ritter-Schule“ zugerechnete Denker Der Ritter-Schule werden in der Sekundärliteratur u. a. die folgenden Denker zugeordnet: Günther Bien (1936–2023) Ernst-Wolfgang Böckenförde (1930–2019) Wilhelm Goerdt (1921–2014) Karlfried Gründer (1928–2011) Max Imdahl (1925–1988) Martin Kriele (1931–2020) Hermann Lübbe (* 1926) Odo Marquard (1928–2015) Reinhart Maurer (* 1935) Ludger Oeing-Hanhoff (1923–1986) Willi Oelmüller (1930–1999) Günter Rohrmoser (1927–2008) Robert Spaemann (1927–2018) Bernard Willms (1931–1991)
Positionen der „Ritter-Schule“ Ritter hatte in Münster seit 1947 ein Oberseminar abgehalten, das als Collegium Philosophicum bezeichnet wurde, zunächst .Jürgen Seifert: Joachim Ritter „Collegium Philosophicum“. Ein Forum offenen Denkens, in: Richard Faber, Christine Holste (Hrsg.): Kreise, Gruppen, Bünde: zur Soziologie moderner Intellektuellenassoziation, Königshausen & Neumann, Würzburg 2000, S. 189–199, hier S. 190. Später wird die Bezeichnung auch Titel einer Ritter-Festschrift: Ernst-Wolfgang Böckenförde u. a. (Hrsg.): COLLEGIUM PHILOSOPHICUM. Studien. Joachim Ritter zum 60. Geburtstag, Basel – Stuttgart 1965. Darin auch weitere Informationen zum Schülerkreis (die Jahresangabe 1947 dort S. 5). Ebenso bei Dirk van Laak: Gespräche in der Sicherheit des Schweigens. Carl Schmitt in der politischen Geistesgeschichte der frühen Bundesrepublik, Akademie Verlag, Berlin 2002, S. 192–199 („Münster: das ‚Collegium Philosophicum’“). Viele seiner direkten philosophischen Schüler, aber auch andere, hatten daran regelmäßig teilgenommen. Wenngleich der Ausdruck „Ritter-Schule“ schon früh und in der Fachliteratur häufig verwendet wurde, besteht doch ein weitgehender Konsens sowohl unter direkten Schülern Ritters wie etwa Robert Spaemann als auch in der Forschungsliteratur, dass „die Ritter-Schule“ hinsichtlich konkreter Positionierungen eher heterogen sei. Von einer „Schule“ im eigentlichen Sinne zu sprechen, wird daher größtenteils problematisiert.Vgl. Hermann Lübbe: Die Religion und die Legitimität der Neuzeit. Modernisierungsphilosophie bei Eric Voegelin, bei Hans Blumenberg und in der Ritter-Schule, in: Ders.: Modernisierungsgewinner: Religion, Geschichtssinn, Direkte Demokratie und Moral, Wilhelm Fink, München 2004, S. 58–79, hier S. 59: „[…] dass das Münstersche Collegium philosophicum seine Mitglieder keineswegs in einer konsensuell geteilten Philosophie zusammenschloss. Weder methodisch noch thematisch gab es ausschlusskräftig geteilte Verbindlichkeiten.“ – mit Verweis auf den Collegiums-Teilnehmer Ernst Tugendhat, der den dort üblichen „praktisch-politischen Optionen“ fernstand. Jens Hacke: Philosophie der Bürgerlichkeit, S. 11f.37 et passim. Gegen den Schulbegriff schon Hermann Lübbe: Laudatio in der Gedenkschrift Joachim Ritter, Aschendorff, Münster 1978, S. 14–20, hier S. 20; allerdings „gibt es viele Ritter-Schüler in vielen Fächern an vielen Orten, und stets ist es unverkannbar, daß sie es sind“. Vgl. auch Martin Laube: Die Vermittlung von Herkunft und Zukunft. Perspektiven der Philosophie Joachim Ritter, in: Theologie und neuzeitliches Christentum, Beiträge zur historischen Theologie 139, Mohr Siebeck, Tübingen 2006, S. 164–184. Odo Marquard sprach zwar zunächst in einem häufig zitierten Diktum von einer „Schulkonvergenz als langfristige Spätwirkung“O. Marquard: Abschied vom Prinzipiellen. Philosophische Studien, Stuttgart 1981, S. 8. korrigierte dies aber 1989: „die Ritter-Schüler sind inzwischen wieder – mehr oder weniger – auf verschiedenen Wegen“.Odo Marquard: Zukunft und Herkunft. Bemerkung zu Joachim Ritters Philosophie der Entzweiung, in: Skepsis und Zustimmung. Philosophische Studien, Stuttgart 1994, S. 15–29, hier S. 17f.
Die Ritter-Schule vertritt keine gemeinsame kohärente philosophische Lehre; sie kann aber als Versuch verstanden werden, an eine hermeneutische Tradition anzuknüpfen, die sich von der Hegel-Maxime leiten lässt, dass es in der Philosophie darauf ankommt, zu sehen, was die Wirklichkeit ist, und die in der Wirklichkeit enthaltene Vernunft zur Darstellung und zur Sprache zu bringen. Die Ritter-Schule wurde vielfach als „neokonservativ“, wertkonservativ oder „modernitätskonservativ“Henning Ottmann: Platon, Aristoteles und die neoklassische politische Philosophie der Gegenwart. In: information philosophie. Vgl. weiterhin: Hermann Lübbe: Die Religion und die Legitimität der Neuzeit. Sven Kluge spricht von „Modernitätstraditionalismus“: Affirmativer Protest – Ambivalenzen und Affinitäten der kommunitaristischen Kapitalismuskritik. In: Rolf Eickelpasch, Claudia Rademacher, Philipp Ramos Lobato (Hrsg.): Metamorphosen des Kapitalismus - und seiner Kritik. VS Verlag, Wiesbaden 2008, S. 59–79, hier S. 74. beschrieben. In der Philosophie der DDR wurde die Marxismuskritik von Ritter, Rohrmoser und anderen mitunter als „Kreuzzug […] gegen den Marxismus“ wahrgenommen.So bei Dieter Bergner, Wolfgang Jahn: Der Kreuzzug der evangelischen Akademien gegen den Marxismus. Berlin 1960; aufgegriffen bei Lübbe: Die Religion und die Legitimität der Neuzeit, 65f. Ritter und Rohrmoser hatten dort u. a. über hegelsche politische Philosophie und Rechtsphilosophie, insb. über Eigentumsrecht referiert. Ritter und viele seiner Schüler grenzten sich von Vertretern der „Frankfurter Schule“ ab, deren Ideen sie z. B. als „Sozialismusromantik“ bezeichneten. Umgekehrt sprach etwa Jürgen Habermas von einer „Theorie der Nachaufklärung“.Jürgen Habermas: Stichworte zur ‚geistigen Situation der Zeit’. Band 1, Nation und Republik. Frankfurt/M. 1979, 19. Aufgegriffen bei Lübbe: Die Religion und die Legitimität der Neuzeit. 59. Zur Ritter-Schule als Gegenpol zur Frankfurter Schule: Hacke: Philosophie der Bürgerlichkeit. S. 15.91 et passim. Vgl. z. B. auch die Verbindung von Neoaristotelismus und Neokonservativismus in der „Ritter-Schule“, wie sie besteht nach J. Habermas: Der philosophische Diskurs der Moderne. Frankfurt/M. 1985, 41 et passim. Ernst Tugendhat, der zur Zeit Ritters in Münster studiert hatte, sprach von einer „ethische[n] Gegenaufklärung“.Und zwar schon im Titel der 10. Vorlesung: „Die ethische Gegenaufklärung: Hegel und die Ritter-Schule […]“, in: Ders.: Vorlesungen über Ethik, Frankfurt/M. 1993, S. 192–225, hier bes. S. 197ff; auch angeführt bei Hermann Lübbe: Die Religion und die Legitimität der Neuzeit, S. 59. Odo Marquard dagegen hat die „Ritter-Schule“ beschrieben als Teil des Projekts der Aufklärung, die allerdings weniger Descartes, Turgot, Fichte, Marx, Lukács, Sartre oder Habermas nahe stehe als vielmehr Montaigne, Locke, Montesquieu, Tocqueville, Weber oder Lübbe.Odo Marquard: Die Erziehung des Menschengeschlechts – eine Bilanz. In: Der Traum der Vernunft – vom Elend der Aufklärung, Luchterhand, Darmstadt 1985. Marquard selbst „gehörte (wie Karlfried Gründer) zu den wenigen im Collegium, auf die die ‚Kritische Theorie’ und insbesondere das Werk Theodor W. Adornos nicht ohne Einfluß geblieben war“.Seifert: Joachim Ritter „Collegium Philosophicum“, S. 192. Volker Gerhardt sieht „Ritter-Schule“ und Frankfurter Schule als „viel näher, als viele Menschen glauben“.Volker Gerhardt: Das Subjekt ist die Substanz. Laudatio auf Dieter Henrich zur Verleihung des Hegel-Preises der Stadt Stuttgart am 26. November 2003. In: Dieter Henrich (Hrsg.): Hegel-Preis 2003. Klett-Cotta, Stuttgart 2003, ISBN 3-608-94087-1, S. 23–48, hier 29f.
Inzwischen hat Jens Hacke in einer monographischen Darstellung die Bezeichnung „liberalkonservativ“ vorgeschlagen und begründet. Einleitend grenzt er seine Darstellung von Darstellungen einerseits dezidierter Kritiker aus dem Umkreis der sog. „Frankfurter Schule“ ab, andererseits vom „affirmativ-konservative[n] Standpunkt: Dort wird das notwendige analytische Niveau häufig unterschritten“.Jens Hacke: Philosophie der Bürgerlichkeit. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2006, S. 16 mit Bezug u. a. auf Habermas: Die neue Unübersichtlichkeit, Kleine politische Schriften V, suhrkamp, Frankfurt/M. 1985, S. 30ff für erstere, auf Hartmuth Becker u. a.: Die 68er und ihre Gegner, Graz 2003 für letztere. Vgl. zur Monographie Hackes z. B. die Besprechung in: Information Philosophie. Die politische Philosophie der Ritter-Schule strebte als liberalkonservative Alternative zur „Frankfurter Schule“ eine Bejahung des Staates und seiner Institutionen an, die die faktische Legitimität der demokratisch verfassten, auf dem Grundgesetz beruhenden Bundesrepublik hervorhob. Für Jens Hacke gehört die Ritter-Schule daher zur Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik:
Willms dagegen vollzog einen Wandel: zuerst „noch ganz getreuer Schüler der doch eigentlich so staatsbürgerlich gestimmten Ritter-Schule“, wird er „später selbst ein ziemlich steiler rechter Vogel, der über Hobbes und Fichte immer mehr zur Nation wanderte“.Stephan Schlak: Wilhelm Hennis. Szenen einer Ideengeschichte der Bundesrepublik. C.H. Beck, München 2008, S. 91. Ritter selbst wird u. a. wegen einschlägiger Publikationen zur NS-Zeit eine Beteiligung an „nationalsozialismuskonformen Philosophieunternehmen“ und ein „eleganter Opportunismus“, der „auf Germanisierung des Ursprungs der europäischen Neuzeit zielt“, zugeschrieben.So von Reinhold Aschenberg: Ent-Subjektivierung des Menschen. Lager und Shoah in philosophischer Reflexion. Königshausen und Neumann, Würzburg 2003, S. 113. Dazu vermerkt Hans Jörg Sandkühler: