Beʾer Scheva (, übersetzt „Brunnen des Schwurs“ oder „Brunnen der Sieben“; , osmanisch-, , teils auch Beerscheba) ist eine Großstadt im Südbezirk Israels; sie ist eine der größten Städte des Landes.
Demografie Beʾer Scheva gilt als „Hauptstadt des Negev“, an dessen Rand sie liegt. Lange Zeit war die Stadt die viertgrößte Stadt Israels nach Jerusalem, Tel Aviv und Haifa; inzwischen ist sie jedoch mit Einwohnern (Stand ) hinter Rischon LeZion und Aschdod zurückgefallen, gilt aber weiterhin als eine der Metropolen des Landes. Die Bevölkerungszahl liegt de facto um bis zu 20.000 Einwohner höher als amtlich erfasst. Viele Studenten der vier in der Stadt gelegenen akademischen Institute sind offiziell nicht als Beʾer Schevaiten registriert. Die relative Abgeschiedenheit der Stadt vom Landeszentrum macht sie zu einem überaus wichtigen regionalen Anziehungspunkt.
Seit 2001 ist eine Agglomeration um Beʾer Scheva offiziell definiert. Ende 2004 lebten dort in 125 Ortschaften 521.100 Einwohner mit einer jährlichen Wachstumsquote von 1,8 %. Im innersten Siedlungsring liegen die Satellitenstädte Omer, Tel Scheva, Lehavim, Rahat, Ofaqim, Segev Schalom und Meitar. Im mittleren und äußeren Ring liegen die Ortschaften Arad, Sderot, Netivot, Mizpe Ramon, Jerocham, Laqiye, Kuseife, Hura, ʿArʿara baNegev und Dimona.
Geographie Lage mini|Beʾer Scheva (2014) Ein Großteil der Stadt liegt in der Beʾer Scheva-Arad-Senke (). Das Stadtviertel Ramot im Nordosten erstreckt sich über die Hügel der letzten Ausläufer des Hebron-Gebirges, dem südlichen Teil des aus weißem Kalkstein bestehenden Judäischen Berglands. Die in der Ebene gelegenen Stadtteile stehen auf Löss, einem homogenen, ungeschichteten Sediment, in dem Wasser kaum versickern kann. Bei den seltenen Regenfällen sammeln sich daher dort schnell größere Mengen von Oberflächenwasser; lokale Überschwemmungen, Schlammbildung und Bodenerosion sind die Folge. Das Stadtgebiet innerhalb der offiziellen Stadtgrenzen beträgt 54 Quadratkilometer.
Stadtgliederung mini|Neubauviertel in Beʾer Scheva Die heutige Stadt ist überwiegend erst wenige Jahrzehnte alt. Anders als vielen anderen israelischen Entwicklungsstädten gelang es Beʾer Scheva, sich zu einem Zentralort der Region zu entwickeln.
Das Zentrum der Stadt liegt bis heute im Bereich der Altstadt, obwohl in den zurückliegenden Jahrzehnten vorübergehend versucht wurde, andere Zentren zu schaffen. Nördlich der Altstadt wurden große Wohngebiete errichtet, während vor allem im Osten und Süden größere Industriegebiete (mit Betrieben der Bereiche Keramik, Baumaterial und Chemie) geschaffen wurden. Die chemische Schwerindustrie wurde ab den Siebzigerjahren ins südliche Industriegebiet Ramat Chovav umgesiedelt.
Die meisten Stadtviertel Beʾer Schevas, vor allem die älteren, sind nummeriert nach den Zahlwerten der Buchstaben des hebräischen Alphabets, gemäß dem Schema „Schchunah (Wohngebiet) + Buchstaben“. Die Grenze zwischen den Quartieren verläuft meistens entlang der sehr breiten Hauptverkehrsachsen. Die buchstabierten Viertel sind: Schchunah Aleph (1), Beit (2), Gimmel (3), Dalet (4), Dalet-Ost (auch Alt-Waw), He (5), Waw (6) (auch Neu-Waw), Ṭet (9) und Jod-Aleph (11). Die nicht nummerierten Quartiere sind: die Altstadt (haʿIr haʿAttiqa), das moderne Stadtzentrum (Merkaz Ezrachi), Ramot, Newe Noj, Newe Zeʾev, Darom, Nachal Beqa und Nachal Aschan/Newe Menachem sowie die Industriegebiete Qirjat Jehudit und ʿEmeq Sarah.
Klima Durch seine Lage im nördlichen Negev hat Beʾer Scheva im Sommer tagsüber ein heißes und sehr trockenes Klima, wobei die Nächte verhältnismäßig mild sind. Im Winter ist es tagsüber mild, nachts relativ kühl. Frost ist äußerst selten, Schnee kommt nur wenige Male pro Jahrhundert vor. Regen fällt nur sporadisch, durchschnittlich 195,4 Millimeter jährlich und nur in der winterlichen Regenperiode. Somit liegt die Stadt definitionsgemäß in einer Halbwüstenzone. Im Frühling treten häufig massive Staubstürme auf. Im Winter kommen in den ebenen Stadtteilen dichte Morgennebel vor. Die vorherrschenden Winde am frühen Morgen kommen aus dem Süden (trockene Wüstenluft) und am Nachmittag sowie Abend aus dem Nordwesten (feuchte Meeresluft).
Geschichte Antike mini|Ausgrabungen am Tell Beʾer Scheva mini|Sogenannte Quelle Abrahams in Beʾer Scheva
Der moderne Ort wurde bei seiner Gründung um 1900 nach der Siedlung Beʾer Scheva benannt, die an mehreren Stellen des Alten Testaments erwähnt wird. Der nahe der Stadt gelegene Tell mit seiner eisenzeitlichen Siedlung, in der seit 1969 Ausgrabungen stattfinden, wurde mit dem biblischen Beʾer Scheva identifiziert und deshalb im Laufe des 20. Jahrhunderts von Tell el-Mšāš in „Tell Beʾer Scheva“ umbenannt.Zur Umbenennung: Volkmar Fritz: Beersheba. In: Religion in Geschichte und Gegenwart. 4. Auflage, Band 1, Mohr Siebeck, Tübingen 1998, Sp. 1203–1204, hier Sp. 1203. Ob sich das Beʾer Scheva der Bibel tatsächlich dort befand beziehungsweise auch nur im Bereich der modernen Stadt Beʾer Scheva lag, ist allerdings nicht eindeutig nachgewiesen und in der Forschung umstritten. Die UNESCO hat den Tell (Hügel) im Jahr 2005 zum Weltkulturerbe erklärt.
20. Jahrhundert mini|Profanierte Große Moschee von 1906, durch das benachbarte Negev-Museum für Kunst für Ausstellungen mitgenutzt, 2011 Der Ort wurde 1899 von den Osmanen zur Sesshaftmachung der Beduinen der Wüste errichtet. Ihre ersten Maßnahmen führten im 20. Jahrhundert zu einer neuen Blüte. Wenige Jahre später entstand unter deutscher Beteiligung die heutige Altstadt mit rechtwinkligen Straßenzügen. Die Motive hinter der Gründung der Stadt waren unter anderem die Schaffung eines städtischen Zentrums für die bessere Kontrolle der rebellierenden Beduinen und eines strategischen Vorpostens auf dem Weg zum Suezkanal.
mini|Ehrenmal für osmanische Gefallene vor Museumslok und altem Bahnhof Beʾer Scheva, 2015 Um die stationierten Truppen der Mittelmächte mit dem deutschen Levante-Korps an der Sinai- und Palästinafront zu versorgen, errichtete die Osmanische Militärbahn die Schmalspurstrecke Masʿūdiyya–Sinai, die im Oktober 1915 Beʾer Scheva erreichte.
Am 31. Oktober 1917 konnten die Briten unter General Edmund Allenby die Stadt durch die 4. leichte Kavalleriebrigade des Australian and New Zealand Army Corps (ANZAC) in der Schlacht von Beʾer Scheva erobern.Australier und Neuseeländer erinnern an Sieg in Beʾer Scheva. Israelnetz, 30. Oktober 2017, abgerufen am 2. Oktober 2017. In Beʾer Scheva befindet sich der Soldatenfriedhof der ANZAC und das Kriegerdenkmal Beʾer Scheva für gefallene osmanische Soldaten.
Von Ägypten kommend erreichte die britische Militärbahn Rafah–Beʾer Scheva in Normalspur den Bahnhof der Stadt im Mai 1918. Die Briten hatten schon 1917 die osmanische Schmalspurbahn nach Norden bis Tulkarm auf Normalspur umgestellt. Beide Linien wurden aber mangels Verkehrsaufkommens 1918 (nach Norden) und 1927 (nach Ägypten) eingestellt. Bei den Ausschreitungen in Palästina 1929 verließ die jüdische Bevölkerung die Gegend. Im gegen das britische Mandat gerichteten Arabischen Aufstand 1936–1939 hatten die Rebellen im September 1938 kurzzeitig die Kontrolle über den Ort.
mini|„Beʾer Scheva am Tag der Besetzung während der Operation Joav – Internierungslager für Bewohner der Stadt“ (Beno Rothenberg, 21. Oktober 1948)
Der UN-Teilungsplan für Palästina von 1947 sah vor, dass Beʾer Scheva im arabischen Staat liegen soll. Während des Palästinakriegs befanden sich ab Mai 1948 ägyptische Truppen in der Stadt. Jigal Allon, Befehlshaber des südlichen Kommandos der israelischen Streitkräfte (IDF), unterbreitete den Vorschlag zur Einnahme der Stadt im Oktober 1948 während der Operation Joav. Der Einsatzbefehl hatte die „Eroberung von Beʾer Scheva, die Besetzung der umliegenden Außenposten [und] die Zerstörung des Großteils der Stadt“ gefordert. Bereits ab dem 19. Oktober flohen viele Bewohner der Stadt in Richtung Hebron und Gaza, nachdem Beʾer Scheva in der vorherigen Nacht von der israelischen Luftwaffe bombardiert worden war. Am 21. Oktober 1948 eroberten schließlich das 89. Bataillon der 8. Brigade sowie das siebte und neunte Bataillon der Negev-Brigade der IDF die Stadt. Die verbleibenden Einwohner – rund 200 erwachsene Männer sowie 150 Frauen und Kinder – wurden zunächst im Polizeifort der Stadt interniert. Rund 120 gefangengenommene ägyptische Soldaten wurden in Kriegsgefangenenlager im Norden überstellt. Einige Tage nach der Eroberung der Stadt wurden die verbleibenden Frauen, Kinder, Alten und Invaliden nach Gaza zwangsumgesiedelt. Die übrigen rund 120 Männer verblieben zunächst in Beʾer Sheva und wurden zum Putzen und anderen niederen Arbeiten herangezogen. Jigael Jadin befahl schließlich ihre Entfernung aus der Stadt, nachdem es Beschwerden gegeben hatte, sie hätten Informationen an die ägyptische Armee durchgestochen. Ein Teil der Männer wurde in Kriegsgefangenenlager überstellt, andere nach Madschdal oder Gaza gebracht. Am 3. November verhängten die IDF einen 10-Kilometer-Radius um Beʾer Scheva, aus dem die Beduinen vertrieben werden sollten.Morris 2004, S. 525. Bis Dezember 1948 waren rund 30.000 Palästinenser aus Beʾer Scheva und der Umgebung vertrieben worden bzw. geflohen.
Nach der Eroberung durch israelische Truppen siedelten sich wieder Juden an; die ersten Einwandererfamilien zogen am 17. Februar 1949 in die Stadt.Morris 2004, S. 391. Es wurde ein Stadtwappen eingeführt, das die Worte aus Genesis 21,33 „Er (Abraham) pflanzte eine Tamariske in Beʾer Scheva“ trägt.
1950 kam es zu einer weiteren Vertreibung, als rund 10.000 Beduinen aus der Umgebung sowie aus Al-Auja (Jericho) in Richtung des Sinai vertrieben wurden, damit wollte die Regierung ägyptische Ansprüche auf den Negev unterbinden. Als Entwicklungsstadt gelang es Beʾer Scheva, sich zu einem Zentrum der Region zu entwickeln. Eva Beling berichtet von den Lebensverhältnissen im Jahr 1954.Eva Beling: Als Deutsche in Israel. In: Diskus, 5 Jg., Heft 3 (April 1955), S. 6–12, S. 6. Bis 1956 stieg die Einwohnerzahl auf rund 20.000.Nura Lasky: Beersheba. In: The Canadian Jewish Chronicle. 7. Oktober 1955, S. 5. Im März 1956 eröffnete die Bahngesellschaft Rakkevet Israel den neuen Bahnhof Beʾer Scheva (seit 1999 mit Zusatz Zafon/Universita) an ihrer bis dorthin verlängerten Hauptlinie von Naharija, die streckenweise die Trasse der osmanischen Militärbahn nutzt. 1966 wurde die Ben-Gurion-Universität im Negev gegründet, eine der bekanntesten Universitäten des Landes.
Am 27. Mai 1979 besuchten kurz nach Abschluss des Israelisch-ägyptischen Friedensvertrages der ägyptische Präsident Anwar as-Sadat zusammen mit seinem Vizepräsidenten Husni Mubarak, dem israelischen Staatspräsidenten Jitzchaq Navon, dem Ministerpräsidenten Menachem Begin und dem US-amerikanischen Außenminister Cyrus Vance die Stadt. Sie flogen gemeinsam nach einem Besuch in al-ʿArisch auf dem Sinai am gleichen Tag nach Beʾer Scheva.
21. Jahrhundert Am 10. Februar 2002 schossen zwei palästinensische Terroristen aus einem gestohlenen Fahrzeug vor den Eingang einer Militäreinrichtung mit Schnellfeuergewehren wahllos auf eine Gruppe israelischer Soldaten, die sich vor dem Stützpunkt an einem Kiosk aufhielten. Bei dem Attentat wurden zwei Soldatinnen, Leutnant Keren Rothstein, 20 und die Gefreite Aya Malʾachi, 18 getötet, 20 Personen wurden verletzt. Bei Bombenanschlägen auf zwei Busse rissen am 31. August 2004 die beiden Attentäter 18 Menschen mit in den Tod, mindestens 35 weitere wurden verletzt. Die Hamas übernahm die Verantwortung für die Anschläge.Kölner Stadtanzeiger. 1. September 2004, S. 1.
Im Rahmen des Gazakrieges zwischen Israel und der Hamas Ende Dezember 2008 erreichten von der Hamas aus dem Gazastreifen abgefeuerte Grad-Raketen chinesischer Bauart die Stadt und schlugen in einem evakuierten Kindergarten ein.Rockets reach Beersheba, cause damage