Bei den Mahlzeitstillleben handelt es sich um eine besondere Form des Stilllebens. Dargestellt sind Tische mit darauf präsentierten Nahrungsmitteln, Geschirr und anderen Objekten sowie in einigen Fällen Tieren, zum Beispiel Insekten. Das Mahlzeitstillleben existiert in der Kunst seit Autonomisierung des Stilllebens als eigene Gattung um 1600 und hatte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts seine Blüte. Der Begriff Mahlzeitstillleben ist synonym mit: Banket(je), Ontbijt(je), Laid table, Breakfast-piece, Banquet piece, Imbissstillleben und Frühstücksstillleben.

Begriffsgeschichte Da das Mahlzeitstillleben Anfang des 17. Jahrhunderts entstand, sind Bezeichnungen für derartige Gemälde ebenfalls erst im 17. Jahrhundert nachweisbar. Noch bevor das Wort stilleven um 1650 in niederländischen Inventaren zum ersten Mal auftritt, waren bereits Gemäldebezeichnungen wie „Een bancket schilderytgen“ (1624), „Een bancketgen met een pastey“ (1624), „Een cleyn viercant bancquetien van een schuttel met appelen en moerbesien met een witte broodt“ (1627) oder „Een ontbytgen van een pekelharingh“ (1627) üblich.A.P.A. Vorenkamp: Bijdrage tot de geschiedenis van het Hollandsch stilleven in de 17 eeuw. 1933, S. 6ff.

Ingvar Bergström etablierte mit seiner, 1956 auch ins Englische übersetzten, Dissertation Dutch Still-Life Painting in the Seventeenth Century den englischen Begriff „Breakfast-Piece“.Ingvar Bergström: Dutch still-life painting in the seventeenth century. 1956, S. 98ff & 112ff. Näher an den niederländischen Gemäldebezeichnungen – zumindest etymologisch – ist der u. a. von Sam Segal gebrauchte Begriff „banquet piece“.Sam Segal, William B. Jordan: A prosperous past. 1989. Sam Segal nimmt darüber hinaus auch eine Unterscheidung zwischen ontbijtje und banketje vor. Seinen Ausführungen folgend, sei das banketje einfach eine reichere bzw. größere Variante des ontbijtjes.„[…] early 17th-century still lifes with tables set for a meal – banketjes (banquet pieces) and ontbijtjes (breakfast pieces). The banketje is simply a richer form of the breakfast piece.“Sam Segal, William B. Jordan: A prosperous past. 1989, S. 28. Somit entspricht das ontbijtje der Darstellung eines Frühstücks bzw. Imbisses und das banketje der Darstellung eines Festessens. Die zeitgenössischen Inventare belegen eine solch deutliche Differenzierung nur bedingt.Auf der Grundlage der von Bredius veröffentlichten Künstlerinventare, ist festzuhalten, dass die Bezeichnung ontbijt (mit seinen Varianten) nur sehr sporadisch vorkommt. Die Bezeichnung banket (in verschiedenen Variationen) ist ungleich öfter vertreten. Wiederholt werden in den Inventaren Darstellungen an einer Festtafel versammelter Götter als Götterbankett bezeichnet. Daneben existiert aber auch die Auflistung von Dessertstillleben und kleinen Arrangements als Banketje. Der Deminutiv scheint in diesen Fällen aber verbindlich gewesen zu sein.Siehe: Abraham Bredius: Künstler-Inventare. 1915. In den deutschen Kunstlexika, Monografien und Übersichtswerken sind Begriffe wie „Bankettstück“Claus Grimm: Stilleben. Die niederländischen und deutschen Meister. 1988, S. 81. „Gedeckter Tisch“Norbert Schneider: Stilleben. Realität und Symbolik der Dinge. Die Stillebenmalerei der frühen Neuzeit. 1989, S. 101. „Mahlzeitbild“Sybille Ebert-Schifferer: Die Geschichte des Stillebens. 1998, S. 118. oder „Frühstücksstillleben“Gerhard Strauss, Harald Olbrich: Lexikon der Kunst. Band 7, 1994, S. 64. zu finden.

Sowohl banketje als auch ontbijtje sind, verwendet als Gemäldebezeichnung, zeitlich neutral. Für Verwirrung sorgte vermutlich die Bedeutungsänderung des Wortes ontbijt, welches im heutigen niederländischen Sprachgebrauch das Frühstück meint, aber im 17. Jahrhundert lediglich einen kleinen Imbiss zu jeder Tageszeit bezeichnete.„Een lichte maaltijd, op welk oogenblik van den dag ook; verg. hd. imbiss.“Matthias de Vries: Woordenboek der Nederlandsche Taal. Band 11, Nijhoff, Leiden 1993, S. 1811.Siehe auch: Jan de Vries: Nederlands Etymologisch Woordenboek. Koninklijke Brill, Leiden 1997, S. 486. Höchstwahrscheinlich entstand die falsche Bezeichnung der Banketjes als Frühstücksstillleben durch die anachronistische ÜbersetzungMöglicherweise hat Bredius in seinen Künstlerinventaren die Grundlage für die falsche Begrifflichkeit gelegt. Zumindest übersetzte er ebenso falsch:„Een ontbytie (Stilleben von einem Frühstückstisch [sic]) sonder lyst van Pieter Claesz.“Abraham Bredius. Künstler-Inventare. Band 1, 1915, S. 5. von ontbijtje oder der unreflektierten Übersetzung des englischen Breakfast-Piece. Denn auch dieses ist inkorrekt. Das englische breakfast hatte nie die Bedeutung einer von der Tageszeit unabhängigen Mahlzeit (Imbiss). Es bezeichnet schon immer das morgendliche Brechen des nächtlichen Fastens.„1472 'brekefaste'; earlier variant of 'breffast' (1463), from the earlier verb phrase 'breken faste' […], in reference to 'break' and 'fast', in the sense of ending one's fast of the night before.“Robert K. Barhhart (Hrsg.): Chambers Dictionary of Etymology. Chambers, Edinburgh u. a. 2006, S. 115.

Entwicklung Vorläufer mini|Pieter AertsenMetzgerladen mit Flucht-nach-Ägypten-Szene im Hintergrund, 1551, Öl auf Holz, 123 × 167 cm, Kunstsammlung der Universität Uppsala Als Vorstufe des autonomen Mahlzeitstillleben gelten die seit dem 16. Jahrhundert gefertigten Markt- und Küchenstücke. Pieter Aertsen und sein Neffe Joachim Beuckelaer fertigten Kunstwerke für profane Gebäude (Rathäuser und private Palais). Es sind philosophische Auslegungen der sichtbaren Welt, teilweise immer noch mit heilsgeschichtlichen Szenen im Bildhintergrund – oft ein moralischer Verweis wie der auf die gute Haushalts- und Lebensführung durch die Szene von Christus im Haus von Maria und Martha.Claus Grimm: Küchenstücke – Marktbilder – Fischstilleben. In: Gerhard Langemeyer, Hans-Albert Peeters (Hrsg.): Stilleben in Europa. 1979, S. 351–378.Claus Grimm: Stilleben. Die niederländischen und deutschen Meister. 1988, S. 28.

Die Gemälde der Aertsen-Werkstatt spiegeln die zeitgenössische Ambivalenz zwischen der Freude an Reichtum und Wohlstand – ausgedrückt durch die ostentative Präsentation von Viktualien im Vordergrund – und der Besinnung auf biblisch religiöse Werte wie die geistige Nahrung und Mäßigkeit – ausgedrückt durch die moralisierende figürliche Darstellung im Hintergrund wider.Sybille Ebert-Schifferer: Die Geschichte des Stillebens. 1998, S. 43. Ein entsprechendes Beispiel ist Aertsens Gemälde von 1552 im Kunsthistorischen Museum in Wien. Es zeigt im Vordergrund ein Stillleben bestehend aus mehreren Objekten – darunter ein besonders großes Stück Fleisch und die moralisierende Szene von Christus bei Maria und Martha im Hintergrund. Die von Pieter Aertsen etablierte Bildmotivik ist in der Kunst bis in das frühe 17. Jahrhundert präsent und beeinflusste Künstler wie Vincenzo Campi, Lucas van Valckenborch und Georg Flegel. Auch die sogen. Bodegones von Diego Velázquez gehen auf die flämischen und italienischen Vorbilder von Pieter Aertsen und Vincenzo Campi zurück.

Mit der Etablierung der aus den reich beladenen Marktständen und Küchentischen entstandenen autonomen Mahlzeitstillleben hörte die Gattung der Markt- und Küchenstücke aber nicht auf zu existieren, sondern entwickelte sich parallel weiter, wie die Gemälde von Frans Snyders eindrucksvoll beweisen.Sybille Ebert-Schifferer: Die Geschichte des Stillebens. 1998, S. 43ff & Claus Grimm: Stilleben. Die niederländischen und deutschen Meister. 1988, S. 30. Dabei verloren diese Darstellungen von Hofküchen und reich beladenen Warentischen zusehends das moralisierende oder ermahnende Moment. Gemälde wie Frans Snyders FischmarktDas Gemälde Fischmarkt ist ein Kooperationswerk von Frans Snyders und Anthonis van Dyck, der die Figuren im Hintergrund beisteuerte. von ca. 1618–1620 im Kunsthistorischen Museum in Wien sind kein Ausdruck mehr von dem Zwiespalt zwischen Luxus und Moral, sondern Zeugnisse des Wohlstands der Auftraggeber bzw. Käufer sowie einer sehr hohen künstlerischen Fertigkeit.

Die Entstehung des Mahlzeitstilllebens im Zuge der Verselbstständigung einzelner Bildmotive ging einher mit einer sehr spezialisierten Kunstproduktion. In Flandern existierte nachweislich ein durchdachtes System von Fachmalern. Dies bedeutet, dass mehrere Künstler ein Gemälde fertigten, welches aus verschiedenen Motiven bestand. So steuerte jeder Künstler das Motiv (Tiere, Menschen, Architektur, Blumenarrangements, angerichtete Tische etc.) bei, welches er besonders gut beherrschte. Ein Beispiel dafür, obwohl zeitlich schon etwas fortgeschritten, ist das Gemälde Madonna im Blumenkranz. In diesem Gemälde stammt der eindrucksvolle florale Kranz von Jan Brueghel d. Ä. Die Figuren im Bild stammen aber von einem anderen Künstler – in diesem Fall von Peter Paul Rubens.Andreas Burmester u. a.: Flämische Barockmalerei. (1996), S. 92. Eine ähnliche Kooperation ist die Heilige Familie von Jan Brueghel, der die eindrucksvolle Frucht- und Blumengirlande malte und vermutlich Pieter van Avont, der die Figuren im Bild beisteuerte.Andreas Burmester u. a.: Flämische Barockmalerei. (1996), S. 50.Abbildung: Heilige Familie von Jan Brueghel d. Ä. Claus Grimm lässt den durchaus logischen Schluss zu, dass es sich bei den ersten frühen autonomen Stillleben möglicherweise lediglich um Teile eines unvollendeten komplexeren Werkes handelt.Claus Grimm: Stilleben. Die niederländischen und deutschen Meister. 1988, S. 73.

Formen des Mahlzeitstilllebens Flandern mini|Clara PeetersStillleben mit Käse, Artischocken und Kirschen, ca. 1625, Öl auf Holz, 46,7 × 33,3 cm, Los Angeles County Museum of Art Am Anfang des 17. Jahrhunderts wurden in Flandern, besonders in Antwerpen, die Einzelmotive der Aertsen-Beuckelaer-Werkstatt definitiv zu eigenständigen Bildthemen.Claus Grimm: Küchenstücke – Marktbilder – Fischstilleben. In: Gerhard Langemeyer, Hans-Albert Peeters (Hrsg.): Stilleben in Europa. 1979, S. 370. Zu dieser ersten Generation von Stilllebenmalern in Flandern zählen Clara Peeters, die mehrfach Amsterdam besuchte oder gar dort hinzogPamela Hibbs Decoteau: Clara Peeters. 1992, S. 90.Fred Meijer bezweifelt aber, dass es sich dabei um Clara Peeters, die Malerin, handelt. Vgl.: Fred G. Meijer: Still Life paintings from the Netherlands. In: Oud Holland. 114, 2000, S. 232 & Fred G. Meijer: The Ashmolean Museum Oxford. 2003, Kat. Nr. 62., Osias Beert, Jacob van Es und Jacob van Hulsdonck. Bei diesen Malern war die Spezialisierung noch nicht derart fortgeschritten, dass sie nur Banketjes malten, sondern auch Blumenstillleben, Fischstilleben oder Früchtestillleben und diese miteinander kombinierten.