Henning Schierholz (* 2. Februar 1949 in Jerxen-Orbke, heute ein Stadtteil von Detmold; † 19. Oktober 2007) war ein Pädagoge und ein deutscher Politiker.
Leben Henning Schierholz studierte Pädagogik und promovierte 1976 an der Universität Bremen mit dem Thema „Friedensforschung und Politische Didaktik. Studien zur Kritik der Friedenspädagogik“. Seine Hochschulmentoren waren die Professoren Wolfgang Schäfer und Wilfried Gottschalch.Friedensforschung und Politische Didaktik. Studien zur Kritik der Friedenspädagogik. VS Verlag für Sozialwissenschaften 1. Auflage 1977, weitere Auflage 2012, ISBN 978-3-322-95516-6. Die Dissertation erschien in einer überarbeiteten Fassung 1977 als Buch im Verlag für Sozialwissenschaften.
Nach seinem Studium absolvierte er 1974 und 1975 als anerkannter Kriegsdienstverweigerer den Zivildienst im Raum Hamburg.Rundschreiben an die Mitglieder der DFG/IdK Landesverband Hamburg vom 30. April 1975 Er war seit 1968 Mitglied im Verband der Kriegsdienstverweigerer und seit 1974 Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft / Internationale der Kriegsdienstgegner (DFG/IdK).Rundschreiben der DFG/IdK Landesverband Hamburg vom 30. April 1975 Im Mai 1975 wurde er zum 1. Vorsitzenden des Landesverbandes Hamburg der DFG/IdK gewählt.Rundschreiben an die Mitglieder der DFG/IdK Landesverband Hamburg vom 20. Mai 1975 Er organisierte die Vereinigung der schon auf Bundesebene vereinigten Verbände DFG/IdK und VK in Hamburg. Diese Vereinigung erfolgte am 27. April 1976 in den Räumen der Friedenspolitischen Studiengesellschaft durch die Konstituierung der Gruppe Hamburg der Deutschen Friedensgesellschaft / Vereinigte Kriegsdienstgegner (DFG/VK).Rundschreiben der Landesverbände Hamburg der DFG/IdK und des VK vom April 1976
Henning Schierholz war Mitglied der 1965 von Helmut HertlingDFG/IdK e. V. Rundbrief info 2/75 (April 1975) gegründeten Friedenspolitischen Studiengesellschaft e. V. Hamburg.
Er arbeitete seit 1975 als pädagogischer Studienleiter für Bildungsarbeit an der Evangelischen Akademie Loccum.Das Aktionsbuch Für Frieden - Gegen Raketen Hrsg.: Heine, Werner, Henning Schierholz und Kurt Weichler, Reinbek b. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH rororo 7831, ISBN 3-499-17831-1 Umfangreiche Veröffentlichungen in der Reihe „Loccumer Protokolle“ erfolgten unter seiner Herausgeberschaft seit 1976 bis 1995.Literaturdatenbank der Evangelischen Akademie Loccum https://loccumer-protokolle.cidoli.de/webopac/index.asp?DB=w_loccumpr (abgerufen am 21. Februar 2023) Seit 1977 war er auch wissenschaftlicher Begleiter der Heimvolksschule Frille.Frille. Eine Heimvolkshochschule macht Jugendlichen und Arbeitslosen Mut. Ein Beispiel sozialen Lernens. Hrsg.: Heidrich, Walter, Henning Schierholz und Rudi Swoboda, 1980 Fischer alternativ Taschenbuch 4032, ISBN 3-596-24032-8 ISBN 978-3-596-24032-6. Er war Mitglied der Kirchengemeindevertretung der evangelisch-reformierten Kirche Hannover.Gemeindeblatt der Evangelisch-reformierten Kirche Hannover Dez 2007 / Januar 2008 www.reformiert-hannover.de › gemeindeblatt › blatt_dez_jan_07_ohne.pdf Seite 11. Über 35 Jahre war er Gewerkschaftsmitglied, seit 2001 Mitglied bei ver.di. Er engagierte sich für die Jugendsozialarbeit u. a. als Studienleiter an drei Evangelischen Akademien in Ost- und Westdeutschland sowie als Abteilungsleiter in einer Diakonie-Stiftung für die Berufsausbildung von benachteiligten und behinderten Jugendlichen.Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit. https://jugendsozialarbeit.news/1187-2/ abgerufen am 23. Februar 2023.
Organisationsberatung und Fortbildung von Kommunen und freien Trägern, Betriebsräten und Unternehmensleitungen im Themenschwerpunkt Arbeitsmarkt/berufliche Bildung machten seine selbständige Tätigkeit aus.Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit. https://jugendsozialarbeit.news/1187-2/ abgerufen am 23. Februar 2023. Henning Schierholz war verheiratet und hatte zwei Töchter. Er wurde am 26. Oktober 2007 in Hannover bestattet.Gemeindeblatt der Evangelisch-reformierten Kirche Hannover Dez 2007 / Januar 2008 Seite 11 www.reformiert-hannover.de › gemeindeblatt › blatt_dez_jan_07_ohne.pdf – abgerufen am 21. Februar 2023 Bei der Trauerfeier waren mehr als einhundert Trauergäste, darunter viele persönliche Freunde aus unterschiedlichen Zusammenhängen, u. a. Bodo Ramelow für die Bundestagsfraktion der Linken, Vertreterinnen der Rosa Luxemburg Stiftung und der Loccumer Initiative vertreten.https://www.linksfraktion-hannover.de/nc/presse/detail/news/henning-schierholz-ist-verstorben/ 27. Oktober 2007 Michael Höntsch Die Linke Fraktionsvorsitzender im Rat der Landeshauptstadt abgerufen am 22. Februar 2023
Politik Henning Schierholz war 1975 Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD).Rundschreiben der DFG/IdK Landesverband Hamburg vom 30. April 1975 Am 29. März 1983 zogen Die Grünen (jetzt: Bündnis 90/Die Grünen) in den Bundestag mit 28 neuen Abgeordneten ein. Er rückte am 14. März 1985 für den aufgrund des Rotationsprinzips ausgeschiedenen Abgeordneten Julius H. Krizsan über die Landesliste Niedersachsen in den Deutschen Bundestag nach und blieb dort bis zum Ende der Wahlperiode 1987 Mitglied. Schierholz wurde Nachfolger von Dirk Schneider als deutschlandpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion.Jens Gieseke, Andrea Bahr: Die Staatssicherheit und die Grünen. Zwischen SED-Westpolitik und Ost-West-Kontakten. Ch. Links, 2016, ISBN 978-3-86153-842-4 Im Bundestag war Schierholz ab dem 17. April 1985 Vorsitzender des Ausschusses für Forschung und Technologie (siehe Bundestagsausschüsse des 10. Deutschen Bundestages). Im November 1985 wiederholte Henning Schierholz den Antrag auf Auflösung des Ministeriums für innerdeutsche BeziehungenDrucksache des Deutschen Bundestages 10/4330 vom 22.1.85, den Dirk Schneider bereits 1984 gestellt hatte.Drucksache des Deutschen Bundestages BT-Drucksache 10/2437 vom 26.11.84. Im Bundestag sprach sich Henning Schierholz 1986 für die Anerkennung der DDR aus.Deutscher Bundestag. Stenographischer Bericht, 205. Sitzung (Plenarprotokoll 10/205), Bonn, Freitag, den 14. März 1986, S. 15774 in: Papers_4-2019_Die_Gruenen_online Es finden sich 213 Treffer für Henning Schierholz in der Datenbank des Bundestages bezüglich Anträgen, Entschließungen, Anfragen an die Bundesregierung, Reden und Wortmeldungen.https://dip.bundestag.de/suche?term=Dr.%20Henning%20Schierholz&start=200&rows=25&sort=datum_auf abgerufen am 17. März 2023. Seit Januar 2006 war er als Referent für Bildungspolitik für die Fraktion DIE LINKE im Deutschen Bundestag tätig.Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit. https://jugendsozialarbeit.news/1187-2/ abgerufen am 23. Februar 2023https://www.linksfraktion-hannover.de/nc/presse/detail/news/henning-schierholz-ist-verstorben/ 27. Oktober 2007 Michael Höntsch Die Linke Fraktionsvorsitzender im Rat der Landeshauptstadt abgerufen am 22. Februar 2023
Schierholz und die DDR Schon ab Februar 1985 rückte er in die besondere Aufmerksamkeit des Ministeriums für Staatssicherheit. Die Berichte in der Hauptverwaltung A über Henning Schierholz stiegen deutlich an.Jens Gieseke, Andrea Bahr: Die Staatssicherheit und die Grünen. Zwischen SED-Westpolitik und Ost-West-Kontakten. Ch. Links, 2016, ISBN 978-3-86153-842-4 Er gehörte zu den Top 10 der ausgespähten grünen PolitikerDer Deutsche Bundestag 1949 bis 1989 in den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR. Gutachten für den Deutschen Bundestag gemäß § 37 (3) des Stasi-Unterlagen-Gesetzes. Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, Abteilung Bildung und Forschung 10106 Berlin, Berlin 2013, ISBN 978-3-942130-94-3 Anders als Dirk Schneider verfolgte Henning Schierholz neben offiziellen Kontakten zur DDR auch Kontakte zur evangelischen Kirche in der DDR und zur unabhängigen Friedensbewegung in der DDR. Er traf sich regelmäßig mit Rainer Eppelmann. Laut Ministerium für Staatssicherheit war Schierholz „den sozialismusfeindlichen Kräften in der Bundestagsfraktion der Grünen zuzuordnen“. Schierholz erhielt, wie viele andere Grüne auch, eine zeitweilige Einreisesperre in die DDR.
In der Samaritergemeinde in Ost-Berlin fand am 28. und 29. September 1985 ein Friedensseminar statt. Von den 48 Teilnehmern waren 31 Personen aus der DDR (u. a. Bärbel Bohley, Heiko Lietz, Ulrike und Gerd Poppe, Werner Fischer, Ralf Hirsch, Markus Meckel, Friedrich Schorlemmer, Rainer Eppelmann) und 17 westliche Friedensaktivisten wie Robert Jungk und einige Grüne (u. a. Henning Schierholz, Dirk Schneider, Jürgen Schnappertz, Lothar Probst). Noch am 8. November 1989 erstellte die Spionageabteilung der Bezirksverwaltung Magdeburg einen umfangreichen Maßnahmenplan gegen Henning Schierholz, um dessen Verbindungen zum Stendaler Friedenskreis und dem Neuen Forum Magdeburg genauer zu erkunden und die Kontakte zurückzudrängen.
Schriften
Autor Wehrbereitschaft – Ziel politischer Erziehung? Zur Analyse des Einflusses der Bundeswehr auf das Curriculum des politischen Unterrichts Verlag: Quelle & Meyer Broschiert 1972, ISBN 3-494-00726-8 Projekt MRCA. Dokumentation und Kritik des größten Rüstungsvorhabens der deutschen Geschichte mit Großner, Claus Pahl-Rugenstein Köln 1974, ISBN 978-3-7609-0177-0 Anti-Wehrkunde – Basistexte zur politischen Bildung mit Ulrich Albrecht Hrsg. von Joseph H. Helmut Thielen Luchterhand 1975, ISBN 978-3-472-62007-5 Friedensforschung und Politische Didaktik – Studien zur Kritik der Friedenspädagogik VS Verlag für Sozialwissenschaften 1. Auflage 1977, weitere Auflage 2012, ISBN 978-3-322-95516-6 Friedensforschung und politische Didaktik: Studien zur Kritik der Friedenspädagogik 1. Aufl. - Opladen: Leske und Budrich, 1977 Friedens- und Abrüstungspolitik. Bausteine für die politische Bildungsarbeit. Mit Dieter S. Lutz Waldkircher Verlagsgesellschaft, 1978, ISBN 978-3-87885-028-1 Frille. Eine Heimvolkshochschule macht Jugendlichen und Arbeitslosen Mut. Ein Beispiel sozialen Lernens. Hrsg.: Heidrich, Walter, Henning Schierholz und Rudi Swoboda Fischer-Taschenbuch, Frankfurt 1980, ISBN 978-3-596-24032-6 SDI, EUREKA u. „Europäische Verteidigungsinitiative“ Entwicklungen und Geistesverwandtschaften ; In: Statt Krieg der Sterne Abrüstung auf der Erde; Analysen u. Dokumente aus der Arbeit der Grünen im Bundestag 1. Auflage 1985, ISBN 978-3-925307-07-2 Das „Höchstmaß an Übung“ für den Angriff. In: Tiefflug Hrsg.: von Olaf Achilles, Lamuv Taschenbuch 51, Seiten 100 bis 107, 1987, ISBN 3-88977-118-1 Vorwort zum Buch: Kriegsdienst - Ökologische Verweigerung von Gunar Seitz, Verlag Weber, Zucht & Co, 1987, ISBN 978-3-88713-010-7 Offener Brief von Friedens- und KonfliktforscherInnen an die Bundesregierung und an den ESA Rat, Betr.: Beteiligung der Bundesrepublik Deutschland an der US-amerikanischen Weltraumstation und am Bau der westeuropäischen Raumfähre HERMES . In: Zeitschrift Wissenschaft und Frieden 1987/4 , Erstunterzeichner Sind die GRÜNEN für die Friedensbewegung noch wählbar? In: FriedensForum Ausgabe 5 / 1990 Strategien gegen Jugendarbeitslosigkeit zur Ausbildungs- und Berufsintegration von Jugendlichen mit schlechteren Startchancen Edition Jab 2001, ISBN 978-3-935757-03-4 Bundesanstalt ohne Arbeit. In: Blätter für deutsche und internationale Politik Ausgabe April 2002 Fordern statt Fördern, Hartz IV in der Praxis In: Blätter für deutsche und internationale Politik Ausgabe August 2005
Herausgeber (Hrsg.) Frieden - Abrüstung - Sicherheit Didaktisches Sachbuch für Schule, Jugendarbeit und Erwachsenenbildung Rowohlt rororo Sachbuch 7444, ISBN 3-499-17444-8. (Hrsg.) Konzeptionsprobleme kirchlicher Jugendarbeit: Tagung vom 3. bis 5. Dezember 1976 Rehburg-Loccum: Evangelische Akademie Loccum 1976 Reihe Loccumer Protokolle