mini|Ehemaliges Verwaltungsgebäude (2016) Das Kombinat Espenhain (ab 1971 offiziell VEB Kombinat Espenhain, ab 1982 VEB Braunkohlenveredlungswerk „Braunkohlenkombinat Espenhain“) war ein Großbetrieb der Kohlechemie und Energieerzeugung im Leipziger Südraum. Die Aktiengesellschaft Sächsische Werke (ASW) errichtete den Industriekomplex ab 1937 im Zuge der nationalsozialistischen Autarkiepolitik, um über Verschwelung synthetische Kraftstoffe zu gewinnen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich das Werk als Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG) und ab 1954 als Volkseigener Betrieb zu einem der wichtigsten Energielieferanten der DDR, dessen Kraftwerk einen großen Teil des ostdeutschen Strombedarfs deckte. Aufgrund unterlassener Modernisierungen verursachte die veraltete Technik extreme Umweltbelastungen in der Region. Nach 1990 folgten die Einstellung der Produktion und der Rückbau der Anlagen. Das sanierte Areal dient heute als Industriepark.

Lage Die Verarbeitungsanlagen samt Kraftwerk befanden sich südöstlich des Dorfes Espenhain und östlich der damaligen Fernverkehrsstraße 95. Sie nahmen eine Fläche von über 50 Hektar ein. Der zugehörige Tagebau Espenhain begann nördlich des Dorfes und westlich der F 95, längs derer er sich nach Norden entwickelte, bis er sie bei seinem Ostschwenk unterbrach.

Geschichte mini|Ansicht des Kraftwerks Espenhain (1952) mini|Umgebung des Werks Espenhain (1990) mini|Espenhainer Teersee nach Beginn der Sanierung (2002) mini|Teil des rekultivierten Areals (2011)

Die Aktiengesellschaft Sächsische Werke (ASW) begann 1937 bei Espenhain mit der Erschließung von Braunkohlentagebauen und dem Bau von Brikettfabriken, Schwelereien, Anlagen zur Teerverarbeitung und Schwefelgewinnung sowie eines Großkraftwerks. Unter der Firmierung ASW, Braunkohlen- und Großkraftwerk Espenhain nahm der Komplex zwischen 1940 und 1942 die Produktion schrittweise auf.ASW (Aktiengesellschaft Sächsische Werke), Braunkohlen- und Großkraftwerk Espenhain Sächsisches Staatsarchiv, abgerufen am 26. August 2026.

Die Errichtung des Werks ging aus den Autarkiebestrebungen des nationalsozialistischen Vierjahresplans hervor. Neben der eigenen Erzeugung von Diesel sowie Schwer- und Heizöl im Blasendestillationsverfahren diente die Schwelerei wesentlich dazu, das Hydrierwerk Zeitz mit Teer und Koks zu versorgen. Damit war Espenhain der erste vertikal integrierte Treibstoffhersteller der Braunkohlenindustrie, der von der Rohstoffförderung bis zum fertigen Endprodukt produzierte.

Verschwelt nach dem Lurgi-Spülgasverfahren, wurde die brikettierte Kohle in den nachgeschalteten Anlagen einschließlich dem Industriekraftwerk vollständig verarbeitet. Hauptziel war die Erzeugung von synthetischen Kraftstoffen. Während des Zweiten Weltkriegs erreichte die Treibstoffproduktion im Jahr 1944 mit 144.195 Tonnen ihren Höchststand.

Gleichzeitig fielen zahlreiche weitere Produkte an. Durch die Kombination von Kraftwerk, Brikettfabrik, Schwelerei und weiteren Anlagen zur Aufarbeitung der Schwelprodukte sowie der damit verbundenen Kraft-Wärme-Kopplung arbeitete der Industriekomplex Espenhain mit einer zu dieser Zeit in Europa einmaligen Spitzentechnologie. Der spätere Professor der Technischen Hochschule Dresden, Werner Boie, konstruierte hier den weltweit ersten Schottenüberhitzer und ließ die ersten hyperbolischen Kühltürme in Deutschland errichten.

Im Zuge der alliierten Luftoffensive auf die deutsche Treibstoffindustrie wurde das Werk ab Mai 1944 mehrfach bombardiert und bis Ende März 1945 zu fast 70 % zerstört.Tobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Vandenhoeck & Ruprecht, 2015, S. 404. Nach dem begonnenen Wiederaufbau der Anlagen ging das Werk am 1. August 1946 als Reparation Deutschlands in das Eigentum der UdSSR über. Die Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG) für Kraftwerke „Elektrostancii“ übernahm das Kraftwerk. Die SAG der Brennstoffindustrie in Deutschland übernahm den Tagebau, die Brikettfabriken, die Schwelanlagen und das Gaswerk (Kombinat Espenhain). Spätestens ab Februar 1950 firmierten alle Betriebsteile wieder zusammen unter der Organisation der SAG „Brikett“.

Im Jahr 1954 übereignete die Sowjetunion alle Betriebsanlagen der inzwischen gegründeten DDR. Der Betrieb hieß nun Volkseigener Betrieb (VEB) Kombinat Espenhain. 1955 wurde das Kraftwerk um eine Leistung von 100 MW auf 670 MW erweitert. Es war mit 8 % Anteil an der Gesamtenergieproduktion Ende der 1950er Jahre das größte Kraftwerk der DDR. Bei der Rohphenolproduktion, einem Ausgangsstoff der Kunststoffproduktion, war Espenhain mit einem Marktanteil von 60 % 1958 de facto Monopolist.

In den 1950er und 1960er Jahren beschäftigte der Betrieb rund 8300 Menschen. 1959 starben bei einem Unglück im Kesselhaus II 13 Menschen und 26 weitere wurden teilweise schwer verletzt.

Neben der Treibstoffgewinnung aus Braunkohle kamen Ende der 1960er Jahre auch Anlagen zur Verarbeitung von Erdöl hinzu, deren Stilllegung jedoch im Zuge der Ölkrise 1975 erfolgte. 1969 wurde das Kombinat mit dem VEB Kombinat „Otto Grotewohl“ Böhlen und dem VEB Teerverarbeitungswerk Rositz zum VEB Erdölverarbeitungskombinat Otto Grotewohl zusammengelegt, aber zum 1. Januar 1971 infolge einer Grundsatzentscheidung des Ministerrats der DDR über die Trennung der Verarbeitungszweige Erdöl und Kohle die Espenhainer Kohleveredlung wieder abgetrennt und firmierte nun als VEB Braunkohlenkombinat Espenhain (BKK).

Aufgabe des neuen Braunkohlenkombinates (BKK) war die Erzeugung von Primär- und veredelten Energieträgern sowie Produkten der thermischen Kohleveredlung. Am 1. Oktober 1980 wurde der VEB Braunkohlenveredlung Espenhain (BVE) als Betrieb des VEB Gaskombinats Schwarze Pumpe geführt.

Spätestens ab den 1960er Jahren war die Modernisierung des Werks vernachlässigt worden; es wurde „auf Verschleiß gefahren“. Als nach der ersten Ölpreiskrise die Kohlechemie erneut an Bedeutung gewann, wurde die Produktion in den verschlissenen Anlagen auf maximale Leistung gesteigert. Dadurch und durch nicht getätigte Investitionen stiegen unter anderem die Schadstoffemissionen in Luft und Wasser sehr stark an. Die extreme Umweltverschmutzung durch den Betrieb führte in den 1980er Jahren zu Protesten der Bevölkerung. Das Christliche Umweltseminar Rötha initiierte beispielsweise die Aktion „Eine Mark für Espenhain“, bei der Spenden für Baumpflanzungen gesammelt wurden, um den Ort zumindest symbolisch zu sanieren.

Am 8. Februar 1990 beschloss der Ministerrat der DDR, alle carbochemischen Anlagen bis 1991 stillzulegen. Am 27. August 1990 wurde der letzte Schwelofen in Espenhain heruntergefahren. Das Kraftwerk II lief noch bis 1996. Im Jahr 2000 begann der schrittweise Abriss. Die Betriebsgebäude wurden gesprengt und abgetragen. Auf Teilen des Geländes befindet sich heute der Industrie- und Gewerbepark Espenhain.

Begleitende Einrichtungen

Gleichzeitig mit dem Werk wurden in Magdeborn und Kitzscher Neubausiedlungen mit Werkswohnungen errichtet. Bereits zu Betriebsbeginn wurde innerhalb des Werksgeländes eine Einrichtung zur medizinischen Betreuung geschaffen, die während der DDR-Zeit als Poliklinik auch für Nicht-Betriebsangehörige arbeitete. Sie hatte auch eine Abteilung zur stationären Behandlung.

1952 wurde im Dorf Espenhain ein Veranstaltungsgebäude mit großem Saal, das Kulturhaus Klara Zetkin erbaut. Es wurde vom Braunkohlen-Kombinat finanziert und diente unter anderem als kultureller Mittelpunkt für deren Beschäftigte. Nach 1990 kam der Veranstaltungsbetrieb zum Erliegen. Das Gebäude brannte 1995 ab und wurde 1997 abgerissen.

Historische Betrachtung In einer Sonderausstellung wurden ab dem 4. März 2020 im Museum Borna 60 ausgewählte Fotos aus dem Alltag und dem Leben im Werk gezeigt. Der Fotobestand umfasst insgesamt etwa 70.000 Bilder aus der Zeit von 1946 bis 1989.

Literatur Brigitte Steinbach: Land in Sicht. Der Industriestandort Espenhain, Espenhain Leipzig 2002, ISBN 978-3-932900-76-1. Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbauverwaltungsgesellschaft: Espenhain, Heft 2 der Reihe Wandlungen und Perspektiven, 2010. Lilo Morocutti: Als Werksfotografin bei den sächs. Werken Espenhain, Rottenmann 1996. Michael Hofmann: Die Kohlearbeiter von Espenhain. Zur Enttraditionalisierung eines ostdeutschen Arbeitermilieus, in: Michael Hofmann, Michael Vester, Irene Zierke (Hrsg.): Soziale Milieus in Ostdeutschland. Gesellschaftliche Strukturen zwischen Zerfall und Neubildung, Köln 1995, ISBN 978-3-7663-2573-0, S. 91–135. Werner Boie: Bau und Betriebsmerkmale des Kraftwerks Espenhain, in: Energietechnik 2, 1955, S. 50–59.

Weblinks

Abschnitt 9.3. Energie- und Brennstoffindustrie im Staatsarchiv Leipzig

Einzelnachweise

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