Geschichtsphilosophie ist eine Teildisziplin der Philosophie, die sich mit Fragen um die menschliche Geschichte beschäftigt. Der Begriff wurde im Zeitalter der Aufklärung von Voltaire geprägt.La Philosophie de l’Histoire – Die Philosophie der Geschichte. EA Changuion, Amsterdam 1765, 8°; VIII,(II), 336 S.
Wie das Wort „Geschichte“, das sowohl das geschichtliche Geschehen als auch seine Darstellung in der Geschichtsschreibung bezeichnet, lassen sich auch für die Geschichtsphilosophie zwei Ausrichtungen unterscheiden: Zum einen bietet sie Anreiz zum Nachdenken über Verlauf und Ziel der Geschichte, über das Vorhandensein und die Nachweisbarkeit allgemeiner Gesetzmäßigkeiten ihrer Entwicklung und über einen eventuell ihr innewohnenden Sinn. Zum anderen reflektiert sie die wissenschaftlichen Methoden der forschenden und darstellenden Historiker. Soll sie mehr sein als bloße Spekulation, so muss sie auf den einzelnen empirischen Erkenntnissen der Geschichtswissenschaft basieren.Vgl. Lorenz B. Puntel: Struktur und Sein. Tübingen 2006, S. 432–476 und Alwin Diemer: Grundriss der Philosophie. Bd. II. Meisenheim am Glan 1964, S. 130–197. In der ersteren Bedeutung wird sie auch als spekulative, substantielle oder materiale Geschichtsphilosophie bezeichnet; in der letzteren als kritische, analytische oder formale Geschichtsphilosophie.Vgl. Oswald Schwemmer: Geschichtsphilosophie. In: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Band 1. 1980.
Entwicklung der Geschichtsphilosophie Wird die Geschichte als einheitliches Geschehen angesehen, so lassen sich verschiedene Ansätze zur Interpretation ihres Verlaufs unterscheiden. Es existieren lineare, biologistische, zyklische und offene Modellvorstellungen dazu. Lineare Modelle gehen von einem Anfang und einem Ende der Geschichte aus, während biologistische Ansätze die Entwicklung einzelner Gesellschaften in Analogie zu den verschiedenen Lebensaltern interpretieren. Zyklische Theorien legen der Geschichte ein Kreis- oder Spiralmodell zugrunde. Das offene Modell schließlich interpretiert Geschichte als einen wesentlich undeterminierten Vorgang, der aufgrund seiner Komplexität nicht oder nur in kurzfristigen und klar umrissenen Kontexten vorherbestimmt werden kann.Zu einer kritischen Übersicht über diese verschiedenen Strukturmodelle vgl. David Engels, Biologistische und zyklische Geschichtsphilosophie. Ein struktureller Annäherungsversuch, in: ders. (Hrsg.), Von Platon bis Fukuyama. Biologistische und zyklische Konzepte in der Geschichtsphilosophie der Antike und des Abendlandes, Brüssel 2015, 8–46. Weiterhin unterscheiden sich die Modellvorstellungen der geschichtsphilosophisch Denkenden in der Art und Weise, wie die Gesamtrichtung der Menschheitsgeschichte und ihre einzelnen Phasen im Sinne von Aufstieg bzw. Fortschritt oder Abstieg bzw. Verfall gedeutet werden.
Umstritten ist – schon aufgrund der genannten unterschiedlichen Perspektiven und wegen der verschiedenartigen und teils zeitverschobenen Entwicklung der einzelnen Kulturräume – auch das Problem der Periodisierung, der Gliederung des geschichtlichen Verlaufs.Sofern die Möglichkeit einer Periodisierung der Geschichte überhaupt anerkannt wird, dominieren mehr oder minder grobe Raster wie etwa Altertum-Mittelalter-Neuzeit. Auch eine Parallelisierung von Individual- und Universalgeschichte kommt vor, zum Beispiel wo von Kindes-, Mannes- und Greisenalter der menschlichen Geschichte gesprochen wird. Vgl. zum Beispiel G.W.F. Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. Hier wird im Weiteren aus pragmatischen Gründen für die Grobgliederung auf das gängige (eurozentrische) historische Epochenschema zurückgegriffen.
Griechisch-römische Antike In der klassischen griechischen Philosophie zeigt sich im Allgemeinen ein ahistorischer Ansatz. Die Geschichte wird nicht als echte Wissenschaft betrachtet, da sie es mit dem faktisch geschehenen Besonderen zu tun hat, aber nur das Allgemeine als möglicher Gegenstand wissenschaftlicher Aussagen betrachtet wird.
Vorstufen geschichtsphilosophischen Denkens gibt es jedoch bereits im Mythos. Hesiods episches Lehrgedicht Werke und Tage beinhaltet den Mythos von den fünf Weltaltern oder Geschlechtern als Verfallsgeschichte. Die Geschlechter stammen nicht voneinander ab, sondern leben in ihrer Zeit und verschwinden wieder von der Erde, um durch ein neugeschaffenes Geschlecht abgelöst zu werden. Im anfänglichen goldenen Zeitalter lebten die Menschen in einem quasi paradiesischen Zustand. Sie führten ein Leben wie die Götter, ohne Kummer, Mühe, Not und quälendes Alter. Geruhsame Arbeit genügte ihnen und der Tod überkam sie sanft wie der Schlaf. Im eisernen Zeitalter jedoch – der Gegenwart Hesiods – müssen sich die Menschen ohne Unterlass abplagen und sind voller Sorgen. Eines Tages werde es unter ihnen nur noch Misstrauen, Hauen und Stechen geben und auch dieses Menschengeschlecht werde Vergangenheit sein. Die Ursache dieser Entwicklung ist nach Hesiod, dass es an „Ehrfurcht“ (aidos) und „rechtem Vergelten“ (nemesis) fehlt. Hesiod hielt diese Entwicklung aber für umkehrbar. Die Menschen hätten einen „Handlungsspielraum“ und könnten sich wieder auf die Ordnung des Zeus und des Rechts besinnen.
Als „Vater der Geschichtsschreibung“ (pater historiae) gilt seit CiceroCicero: De legibus I 1,5 Herodot. Sein Grundanliegen war es, die Taten der Vergangenheit und der Gegenwart metaphysisch zu deuten, indem er zu zeigen versuchte, dass hinter dem zufällig erscheinenden Tun des Menschen die Götter als die eigentlichen Lenker der Geschichte stehen.
Eine grundlegende Weiterentwicklung in kritisch-formaler Hinsicht stellt die Geschichtsschreibung des Thukydides dar, den man als den Begründer einer wissenschaftlichen Geschichtsdarstellung bezeichnen kann. Sein Werk ist auf die Darstellung von Sachverhalten und Kausalzusammenhängen konzentriert und auf sorgfältig bewertete Quellen gestützt. Wegweisend im Sinne eines vertieften geschichtlichen Denkens und Deutens war seine Unterscheidung der unmittelbare Anlässe und der langfristigen Ursachen des Peloponnesischen Krieges.
Bei den Römern gewann die Geschichte in praktisch-politischer Hinsicht eine hohe Bedeutung. Das Festhalten an den von den Vorfahren überlieferten Sitten und Institutionen schuf Kontinuität. Die großen Männer der Vergangenheit waren Vorbilder, denen man nachzueifern hatte. Die Geschichtsschreibung wurde ausgerichtet an der Entwicklung des römischen Volkes und seines Gemeinwesens, wobei sich mit der Machterweiterung des Römischen Reiches auch ein universales Denken herausbildete. Die Götter beeinflussten Erfolg und Misserfolg des Menschen, aber nicht in völliger Willkür, sondern unter Berücksichtigung seines Verhaltens.
Die christliche Heilslehre – Bindeglied zum europäischen Mittelalter Das Auftreten des Christentums stellte einen entscheidenden Einschnitt in der Entwicklung des geschichtlichen Denkens dar. Der Christ ist zwar einerseits Teil der irdischen Welt und kann auch am Weltgeschehen teilnehmen; doch darf er diesem kein letztes Gewicht beimessen, da er auf eine von dieser verschiedenen, jenseitige Welt verwiesen ist. Für den Christen ist Geschichte identisch mit Heilsgeschichte. Sie ist als Welt- und persönliche Geschichte auf das Ziel hin ausgerichtet, die endgültige Aufhebung der Trennung von Gott zu erreichen. Geschichtliches Geschehen ist so ein sinnhafter Prozess, der einen letzten Zweck hat, auf den hin sich der Mensch auszurichten hat.
Im Alten Testament ist Gott der Herr der Geschichte und der Geschicke der Völker. Sein auserwähltes Volk Israel ist das Werkzeug zur Verwirklichung seines Heilsplanes, der die gesamte Menschheit umfasst. In der prophetischen Literatur wird zwar an die Großtaten Gottes in der Vergangenheit erinnert, doch geschieht dies im Hinblick auf eine noch bevorstehende Zukunft am Ende aller Zeiten. So heißt es etwa bei Jesaja (43, 18 f.): „Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten. Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?“
Im Neuen Testament ist mit der Menschwerdung und Auferstehung Christi das Ende der Zeiten gekommen. Es hat sich das Handeln Gottes erfüllt, das von den Propheten für die letzten Zeiten verkündigt wurde. Nach der Wiederauferstehung Jesu bricht nun die letzte Periode der Heilsgeschichte, die Zeit der Kirche, an. Sie vollendet sich mit der Wiederkehr (Parusie) Christi und dem letzten Gericht.
Bei den Kirchenvätern spielte die Geschichte, vor allem in der Kontroverse mit Juden, Heiden und Gnostikern, eine große Rolle. Sie wurde zu einem Mittel, die Neuheit des Christentums und die Kontinuität des Wollens Gottes miteinander zu versöhnen.
Die erste zusammenhängende Deutung der Geschichte, die als solche Vorläuferin aller späteren geschichtsphilosophischen Systeme war, gab Augustinus in seinem Hauptwerk Der Gottesstaat. Da es ihm darum ging, sich der Wahrheit des christlichen Glaubens durch eine Reflexion auf den Sinn der Geschichte zu versichern,Angehrn, S. 46. standen jedoch weder die Geschichte noch ihre philosophische Durchdringung im Mittelpunkt des Werkes; vielmehr wurde es vor allem zum Fundament der mittelalterlichen Geschichtstheologie.
Augustinus beschrieb darin das geschichtliche Geschehen von Kain und Abel bis zum Ende der Welt als geprägt durch den prinzipiellen Gegensatz von „civitas dei“ (Gottesstaat) und „civitas terrena“ (irdischer Staat). Die Beurteilung der „civitas terrena“ ist dabei zweideutig: einerseits wird sie als sündhaft und gottfern betrachtet, andererseits ist sie doch Träger der äußeren Ordnung. Letzten Endes ist Gott Herr beider „civitates“ und damit des geschichtlichen Geschehens überhaupt. Der Mensch braucht sich um die Gestaltung der Geschichte nicht zu sorgen, weil diese dem unerforschlichen Ratschluss Gottes unterliegt.
Neuzeit Als Auftakt zur Herausbildung der klassischen Geschichtsphilosophie wird Giambattista Vicos Werk Scienza Nuova angesehen, das mit dem universalgeschichtlichen Ansatz die methodologische Reflexion über die Bedingungen der Erkennbarkeit von Geschichte verbindet. Die Fähigkeit zu historischen Erkenntnissen beruht nach Vico darauf, dass gesellschaftspolitische Ordnungsformen menschengemacht und als Eigenerzeugnisse dem Verständnis noch besser erschließbar seien als mathematische und geometrische Größen bzw. Formen.Angehrn, S. 64. Die Erforschung der Geschichte „aller Völker in ihrem Entstehen, Fortschritt, Höhepunkt, Niedergang und Ende“ bleibt bei Vico jedoch geschichtstheologisch zurückgebunden, indem die wissenschaftliche Geschichtsbetrachtung einen Sinn im Geschehen als „Beweis der Vorsehung“ und der „ewigen Güte Gottes“ sichtbar machen soll. Vicos Geschichtsbild ist ein an der Naturordnung orientiertes zyklisches mit einer periodisch wiederkehrenden Folge von Zeitaltern.