Ōtsuchi (jap. , -chō) ist eine japanische Kleinstadt im Landkreis Kamihei in der Präfektur Iwate.
Geographie mini|links|Stadtzentrum Ōtsuchi (aus 2 Luftaufnahmen von 1977 zusammengesetztes Luftbild in Farbe), erstellt vom MLIT
Die Gemeinde liegt an der pazifischen Sanriku-Küste, 50 km nördlich von Rikuzentakata. Die Geometrie der Gegend von Ōtsuchi ist mit ihren steilen und schmalen Buchten typisch für die Ria-Küste.
Die Stadt Ōtsuchi liegt in dem alluvialen Schwemmkegel, der von den beiden Flüssen gebildet wird, zwischen denen er liegt – dem Ōtsuchi im Norden und dem Kozuchi im Süden. Der Oyashio-Meeresstrom, der vom Beringmeer südwärts in das Gebiet vor Ōtsuchi fließt, hat ganzjährig Einfluss auf dessen Klimat, indem die Sommer kühl und die Winter verhältnismäßig gemäßigt ausfallen.
Der Südteil mit dem Ortszentrum befindet sich am Nord- und Nordwestufer der Ōtsuchi-Bucht (, Ōtsuchi-wan), einer langgestreckten, bergumsäumten Bucht zwischen der Hakozaki-Halbinsel (, Hakozaki-hantō), des benachbarten Kamaishi im Süden, mit dem Mihako-Kap (, Mihako-zaki) als Ende, sowie der Kirikiri-Halbinsel (, Kirikiri-hantō) im Norden mit der vorgelagerten Insel Noshima (), deren Kap Samehana (, dt. „Hainase“) das Nordende markiert. Auf der gegenüberliegenden Seite der Kirikiri-Halbinsel befindet sich die Funakoshi-Bucht (, Funakoshi-wan), deren Südufer ebenfalls zur Gemeinde gehört. Direkt an die Küste schließt sich das Kitakami-Bergland an, so dass sich die Besiedlung auf die Küste konzentriert, sowie teilweise die Flusstäler. Die höchste Erhebung auf dem Gemeindegebiet ist der Kujira-san () mit 610,2 m auf der Grenze zu Yamada, das sich auch auf der gegenüberliegenden Seite der Funakoshi-Bucht befindet. Im Nordwesten grenzt die Gemeinde an Miyako, sowie auf einem kleinen Zipfel im Westen an Tōno.
Die Gemeinde besteht aus 17 Ortsteilen:
Das Dorf Kirikiri () als nördlichster Ortsteil grenzt – anders als andere Fischerdörfer im Ōtsuchi-Gebiet wie Akahama, Ando und das Ōtsuchi-Downtowngebiet selbst – nicht an die Ōtsuchi-Bucht, sondern liegt an der Funakoshi-Bucht. Das Dorf ist von einer Anzahl von Bergen umgeben. Nur das Küstengebiet Kirikis im Norden mit seinem weißen Sandstrand und kleinem Fischereihafen öffnet sich zum Meer hin.
Auf der gegenüberliegenden Seite der gleichnamigen Halbinsel, am Nordufer der Ōtsuchi-Bucht befindet sich Akahama (). Am Nordwestufer in unmittelbarer Nähe befindet sich das Ortszentrum in einer trichterförmigen Flussdoppelmündung mit den Ortsteilen, im entgegengesetzten Uhrzeigersinn, Minatomachi (, „Hafenbezirk“), Ando (), Shinminatomachi (, „neuer Hafenbezirk“), Shinchō (, „neuer Bezirk“), Suehirochō (), Ōmachi (, „großer Bezirk“), Honchō (, „Hauptbezirk“), Kamichō (, „unterer Bezirk“), Sakaechō () und Sukachō (). Entlang des nördlichen Flusses Ōtsuchi-gawa (, „großer Hammerfluss“) der Doppelmündung, folgen dann am Unterlauf die Ortsteile Ōtsuchi (), Ogakuchi () und dann nach mehreren Kilometern tief in den Bergen Kanezawa (), sowie entlang des Unterlaufs des südlichen Flusses Kozuchi-gawa (, „kleiner Hammerfluss“) die Ortsteile Kozuchi () und Sakuragichō ().
Da sich das Ortszentrum mit dem Gros der Bevölkerung am Ende einer langgestreckten Bucht in der trichterförmigen Flussmündung mit aufsteigenden Bergen befindet, wirken sich Tsunamis besonders verheerend aus.
Geschichte Das Gebiet der Stadt Ōtsuchi kann mit einer 7000-jährigen Siedlungsgeschichte aufwarten, die von der frühen Jōmon-Zeit bis in die heutige Zeit reicht.
Mit dem Beginn der Meiji-Ära im Jahr 1868 löste die Nachbarstadt Kamaishi, die sich zum Geburtsort der modernen japanischen Eisenschmieden entwickelte, Ōtsuchi als Schwerpunkt des Gebietes ab. Vor allem dank seiner Fischerei- und Meeresprodukte-Industrie behielt Ōtsuchi ein stabiles Wohlstandsniveau bei. Von 1125 Haushalten im Jahr 1888 in dem Gebiet waren 548 – also nahezu die Hälfte – in den Fischhandel verwickelt, was die wesentliche Rolle der Fischerei für die Wirtschaft der Region belegt.
Die heutige Gemeinde entstand am 1. April 1889 während der Reorganisation des japanischen Gemeindewesens aus den Dörfern Ōtsuchi, Kozuchi und Kirikiri., town.otsuchi.iwate.jp. Am 1. April 1955 wurde Ōtsuchi mit dem im Hinterland liegenden Dorf Kanezawa zur neuen Gemeinde Ōtsuchi vereinigt.
Dem Dorf Kiriki wird im Gegensatz zu dem nah am Downtown-Gebiet gelegenen Ando ein ausgeprägter Sinn für die eigene Unabhängigkeit bescheinigt. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges gehörte Kiriki weder zum Verwaltungsdistrikt der Stadt Ōtsuchi noch zu dessen Fischereiverband. Bevor ein Tunnel gebaut wurde, der Kiriki mit dem Downtown-Gebiet verband, musste man einen Berg überqueren, um in das Dorf zu kommen, was als ein verstärkender Faktor für das Unabhängigkeitsbewusstsein in dem Dorf angesehen werden kann. Die Einwohner Kirikis nennen das Downtowngebiet noch heute „Ōtsuchi“, was deutlich macht, dass sie sich selbst nicht als Bevölkerung von Ōtsuchi betrachten. Anders als bei anderen Dörfern in dem Gebiet besteht der bedeutendste Industriezweig in Kiriki in der Fischerei. Bevor die vier Fischereiverbände im Ōtsuchi-Gebiet zusammengelegt wurden, warb Kiriki damit, dass sein Fischereiverband die meisten Mitglieder und größten Profiten verbuchen konnte.
Erdbeben- und Tsunamikatastrophen mini|Tsunami in Ōtsuchi:rot: vorausgesagte Überflutungsgebiete anhand der Vereinigungsmenge dreier Erdbebentypen: der historischen Meiji-Sanriku-oki und Shōwa-Sanriku-oki und des hypothetischen Miyagi-okischwarze Zahlen: Überflutungs- oder Auflaufhöhen [m] vom 11. März 2011blau: Überflutungsgebiete am 11. März 2011Säulendiagramme: Bevölkerung (links) und Tote (rechts) für die Altersgruppen 0–15 (unten), 16–64 (Mitte) und ≥65 (oben), Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported (CC BY 3.0); hier: 2179, Fig.2 b) ("Otsuchi"). +Vergleich der Bilanzen von völlig zerstörten Häusern und Opfern in Ōtsuchi für die Katastrophen von 1896, 1933, 1960 und 2011 (Online veröffentlicht am 15. August 2017). Mit Verweis auf: Tadashi Nakasu, Yuichi Ono, Wiraporn Pothisiri: Forensic investigation of the 2011 Great East Japan Earthquake and Tsunami disaster: a case study of Rikuzentakata, Disaster Prevention and Management, 26 (3) (2017), S. 298–313, doi:10.1108/DPM-10-2016-0213. Katastrophenereignis Völlig zerstörte Häuser Zahl der Todesopfer Quelle Meiji 1896 (Erdbeben und Tsunami) 684 600 Shōwa 1933 (Erdbeben und Tsunami) 483 61 Chile 1960 (Erdbeben und Tsunami) 30 0 Tōhoku 2011 (Erdbeben und Tsunami) 3677 1229 Anmerkung: Die Zahl der Todesopfer für die Tōhoku-Katastrophe 2011 errechnet sich aus den Gesamtzahlen der Toten und Vermissten des 153. FDMA-Schadensberichts vom 8. März 2016 abzüglich der Zahlenangaben katastrophenbedingter Todesfälle,Mit dem Ausdruck „disaster-related deaths“ hat die Wiederaufbaubehörde (Reconstruction Agency) offiziell eine Kategorie für solche Fälle definiert, in denen der Tod Folge indirekter Schäden war, die durch Erdbeben, Tsunami und Nuklearkatastrophe verursacht waren. (Quelle: (Online veröffentlicht am 22. Dezember 2017); Lizenz: Creative Commons Attribution Non Commercial (CC BY-NC 4.0).) die von der Wiederaufbaubehörde (Reconstruction Agency, RA) ermittelt wurden.
Historische Tsunamierfahrungen und Gegenmaßnahmen Ōtsuchi wird als Teil der Küstenregion von Sanriku häufig von Tsunamis getroffen. In einem Zeitraum von lediglich rund einhundert Jahren erlebte Ōtsuchi mehrere große Tsunamis wie infolge des Meiji-Sanriku-Erdbebens 1896, des Shōwa-Sanriku-Erdbebens 1933 und des Großen Chile-Erdbebens 1960. Von den insgesamt an der Sanriku-Küste 21.959 Toten und Vermissten durch das Meiji-Sanriku-Erdbeben waren 612 Einwohner von Ōtsuchi. Beim Sanriku-Erdbeben von 1933 stammten von insgesamt 3.064 Toten entlang der Sanriku-Küste erneut 62 aus Ōtsuchi.
Die Küstenbewohner, denen die von der Küste drohenden Gefahren sehr bewusst waren, investierten mit enormem Aufwand an Zeit und Geld in den Bau von Seawalls, siedelten mit ihren Häusern auf höheres Terrain um und versuchten allgemein sicherzustellen, vor Tsunamis geschützt zu sein.
Im 20. Jahrhundert erlebte Ōtsuchi jedoch ein rapides Bevölkerungswachstum. Von rund 9.500 Menschen im Jahr 1925 wuchs die Einwohnerzahl bis 1950 auf 15.000 und erreichte 1980 mit 21.300 einen Höhepunkt. Während die räumliche Beschränkung des Ortes zwischen den sehr nahe an die Küste reichenden Bergen in der Jōmon- oder in der Edo-Zeit, als die Bevölkerung des Ortes noch begrenzt war, vermutlich nicht problematisch war, begannen die Menschen in Ōtsuchi in der Zeit des Bevölkerungszuwachses und der wirtschaftlichen Entwicklung Japans nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Landgewinnung, um Platz zum Leben für neue Einwohner und einen mit Beton ausgebauten Hafen zu schaffen. Der größte Teil dieses neu gewonnenen Landes lag auf Höhe des Meeresspiegels. Selbst die leicht erhabenen Gebiete, auf denen beispielsweise das Rathaus errichtet wurde, lagen lediglich 2 oder 3 Meter über dem Meeresspiegel. Dies sollte später dazu beitragen, dass der Verlust an Menschenleben in Ōtsuchi während des Tōhoku-Tsunamis 2011 so hoch ausfiel.
Als besondere Form des Gedenkens der Opfer einer Tsunamikatastrophe wurde in Ōtsuchi ein Windtelefon etabliert.
Tōhoku-Erdbeben 2011
Ausmaß von Tsunami und Schäden Der von dem Tōhoku-Erdbeben am 11. März 2011 ausgelöste Tsunami beschädigte das Gebiet von Ōtsuchi schwer. Das Küstenareal wurde vollständig zerstört. Der Tsunami zerstörte den Wellenbrecherdamm und drang entlang der Flüsse Ōtsuchi und Kotsuchi in das Landesinnere vor. Die wasserbaulichen Verbauungen und Dämme wurden während der Überflutung vollständig überspült. Außerhalb der Bucht betrug die Überflutungs-/Auflaufhöhe des Tsunamis anfänglich 17 m, und der Tsunami trat direkt und ohne bedeutenden Verlust an Energie in die Ōtsuchi-Bucht ein. In der Nähe des Hafens von Ōtsuchi überschritt die Überflutungshöhe 10 m, während die maximale Auflaufhöhe in Ōtsuchi 18,1 m erreichte. Anderen Angaben zufolge hatte der Tsunami in Ōtsuchi eine Überflutungshöhe von 12,6 m und überflutete 4 Quadratkilometer und 52 Prozent der Fläche in den Wohngebieten. (Online veröffentlicht am 21. Mai 2011). Im Überflutungsgebiet lebten 78,2 % der 15.293 Einwohner von Ōtsuchi. (Erstmals online verfügbar am 12. Juni 2018). Lizenz: Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0).
Die Zahl der völlig zerstörten Wohngebäude wird auf 3579, die der teilweise zerstörten auf 588 beziffert. (), 総務省消防庁 (Fire and Disaster Management Agency), 157. Bericht, 7. März 2018. Das entspricht über der Hälfte der 6.100 Häuser. In der Nähe des Küstengebietes blieben keine Häuser oder Gebäude erhalten. Zwei mehrstöckige Stahlbetonbauten wurden in Ōtsuchi vom Tsunami umgeworfen. (Online veröffentlicht am 7. Juli 2012). Rund 60 % der Einwohner Ōtsuchis verloren ihre Häuser. Das einzige Krankenhaus und alle sieben Kliniken der Stadt wurden vom Tsunami beschädigt. Ōtsuchi gehörte wie Yamada, Noda und Rikuzentakata zu den Städten der Präfektur Iwate, in der die meisten medizinischen Einrichtungen ihre Funktionalität einbüßten.