Die Spielwissenschaften erforschen und systematisieren mit einer Reihe unterschiedlicher Fachdisziplinen das umfassende Phänomenfeld des Spiels und des Spielens. Als solche mit dem Spiel befasste Disziplinen gelten die Spiel-Psychologie, die Spielpädagogik, die Spieldidaktik, die Spielmethodik, die Geschichte des Spiels oder die Spiel-Soziologie. Die sogenannte Ludologie fasst diese Teilbereiche zusammen und beinhaltet ebenso die Game Studies, die sich vornehmlich auf Computerspiele ausgerichteten. Die Spielwissenschaften umfassen damit sowohl rein theoretische als auch anwendungsbezogene Forschungsbereiche, die eng mit der Spielpraxis verbunden sind. Zusätzlich liefern kooperierende Fachgebiete wie etwa die Sportwissenschaft Erkenntnisse aus ihrem speziellen Forschungssektor (Sportspiele, Leistungssport, Extremsport etc.).
Das Forschungsinteresse der Spielwissenschaften richtet sich auf der einen Seite auf die Erschließung des Sachgebiets Spiel, seines (sich verändernden) Merkmalsspektrums, seiner Strukturen, seiner historischen Wurzeln, seiner Formenvielfalt, seiner gesellschaftlichen Bedeutung, seiner Bewertung. Auf der anderen Seite befasst sie sich mit der Persönlichkeit des Spielenden (dem sogenannten ‚homo ludens‘,Johan Huizinga: Homo ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel. 6. Auflage Hamburg 1963.) mit seinem Spielverhalten, seinen Sinngebungen, seiner Beeinflussbarkeit, der Bedeutung des Spiels für ihn in den verschiedenen Lebensabschnitten.
Der Begriff Spieltheorie beschreibt stark eingeschränkt ein Fachgebiet von Mathematik und Wirtschaftswissenschaften und ist kein zentraler Teil der Spielwissenschaften, die sich, im Gegensatz dazu, umfassend mit traditionellen, zumeist eindimensionalen und aktuellen, mehrdimensionalen Spieltheorien befassen.
Der Phänomenkomplex Spiel Das Spiel ist ein äußerst komplexes, vielschichtiges und daher schwer fassbares Phänomen. Es reicht vom Falten und Bekritzeln eines Blatts Papier mit dem Kugelschreiber im Wartezimmer des Arztes bis zum anspruchsvollen Kampfspiel, das auch als hoch bezahlter Beruf betrieben werden kann. Es kann als lustiges Klimpern mit Klanghölzern, aber auch als virtuoses Klavier- oder Violinenspiel Form annehmen. Spielen kann sich als eine unbedeutende Tändelei, als Zeitvertreib realisieren, aber auch eine kulturschöpferische Bedeutung bekommen. Im Spiel der Wellen, des Windes oder des Schicksals nimmt es auch eine metaphorische Bedeutung an. Die Auffassung von Spiel und Spielen hat sich zudem im Laufe der Jahrtausende immer wieder gewandelt. Hans Mogel: Psychologie des Kinderspiels: Von den frühesten Spielen bis zum Computerspiel. Berlin 3. Auflage 2008. Diese Veränderungen erfordern eine differenzierte wissenschaftliche Betrachtung, will man dem Phänomen auch nur annähernd gerecht werden und es verstehen lernen.
So erweist sich z. B. die gängige Kontrastierung von Spiel und Ernst als nur sehr bedingt und nur in Einzelbereichen haltbar: Anita Rudolf, Siegbert A. Warwitz: Spielen – neu entdeckt. Grundlagen-Anregungen-Hilfen. Freiburg 1982. Schon das Kind nimmt sein Spielen sehr ernst. Verlieren in Wettspielen oder Bloßgestelltwerden bei Hämespielen kann zu Tränen und Spielausstieg führen. Bei den indischen Moguln wurde das Schachspiel mit lebenden Figuren gespielt, die beim „Schlagen“ ihren Kopf verloren. Die Olympischen Spiele im antiken Griechenland galten als hoch bedeutsame religiöse, kulturelle und gesellschaftspolitische Einrichtung, die das gesamte Leben in der Region während der Spiele prägte und veränderte.
Auch die Kontrastierung von Spiel und Arbeit („Erst die Arbeit, dann das Spiel“), die Unterscheidung von „homo ludens“ und „homo faber“, hält der Lebenswirklichkeit des Spiels nur in wenigen Bereichen stand:Siegbert A. Warwitz, Anita Rudolf: Vom Sinn des Spielens. Reflexionen und Spielideen. 5. Auflage, Baltmannsweiler 2021, Seiten 18–22. Bestimmte Spielarten wie Fußball, Basketball oder Tennis werden heute auch professionell betrieben. Die daraus folgende Ausbildung, Einstellung, Trainingsleistung, Bezahlung der Spieler charakterisieren das Spielen als anspruchsvollen Beruf, der sich durch eine regelmäßige harte körperliche und geistige Arbeit ausweist. Bereits bei Kindern ist die Unterscheidung von Spiel und Arbeit oft nicht wirklichkeitsgerecht: Was für den Bäcker Berufsarbeit, für die Mutter unliebsame Hausarbeit darstellt (Backen, Kochen, Kleinkinder betreuen), kann für Kinder Spiel sein. Verordnetes Spielen (Sport- oder Flötenunterricht) kann dagegen als Arbeit empfunden werden.
Systematisierung des Spielens Der Wille, das komplexe Phänomen systematisch zu erfassen sowie die Notwendigkeit, eine Übersicht und damit Möglichkeiten einer sachgerechten Einschätzung und eines fachgerechten Umgangs zu schaffen, ließ die Spielwissenschaften verschiedene Ordnungsschemata erarbeiten:
Zweckfreies und zweckgerichtetes Spiel Die Spielwissenschaft unterscheidet z. B. grundsätzlich zwischen Spielen, die einem spontanen Impuls nach spielerischer Betätigung folgen, die aus sich selbst heraus Sinn ergeben und Spielen, die einer bestimmten Zwecksetzung von außerhalb des Spiels dienen:Wolfgang Einsiedler: Das Spiel der Kinder. Zur Pädagogik und Psychologie des Kinderspiels. Bad Heilbrunn 3. Auflage 1999.Andres Flitner: Spielen – Lernen. Praxis und Deutung des Kinderspiels. 12. Auflage. München 2002.
Das sogenannte zweckfreie Spiel erwächst unmittelbar aus dem Spieltrieb.F. J. J. Buytendijk: Wesen und Sinn des Spiels. Berlin 1933 Das Kind verfolgt dabei nicht die Absicht zu lernen oder gesund zu werden. Der zweckfrei Spielende lebt die reine Funktionslust der Bewegung, der Phantasie, der Kreativität oder der Sprache aus. Er bedarf dazu keiner weiteren Begründung oder Rechtfertigung. Die Wissenschaft spricht von primärmotiviertem Spielen. Auch das Spiel der Tiere folgt weitestgehend der Funktionslust, nicht bestimmten Lernabsichten.
Diese originäre Art des Spiels hat Friedrich v. Schiller mit seinem viel zitierten Satz im Blick: „. . . der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“.Friedrich Schiller: Über die Ästhetische Erziehung des Menschen. 15. Brief. Sämtliche Werke Band 4. Stuttgart 1874. S. 591–595. In ihrer ausschließenden Formulierung ist diese Sentenz allerdings angreifbar.
Das zweckfreie Spiel verwirklicht sich vor allem im ungelenkten Spiel, etwa beim selbstvergessenen Spielen des Kindes im Sandkasten, mit Geräten und Materialien, im Jonglieren und Kommunizieren mit einem Ball, beim selbstbestimmten außerschulischen Spielen oder im Kartenspiel ohne Einsätze und monetäre Gewinnabsicht. Das Erreichen von Toren, Punkten oder das Anstreben eines Sieges gehört zum spielimmanenten Geschehen. Es ist im Spielgedanken verankert und darf nicht als Zweck- oder Nutzenausrichtung missverstanden werden.
Zweckgerichtete Spiele instrumentalisieren das Spiel zu außerhalb des Spiels liegenden Interessen. Sie nutzen die Attraktivität des Spiels etwa für pädagogische, didaktische oder therapeutische Absichten und finden sich entsprechend vornehmlich in Bildungseinrichtungen, in Rehabilitationszentren oder in der Alten- und Behindertenbetreuung. So werden etwa didaktische Spiele Bernd Badegruber: Spiele zum Problemlösen. Linz 1994. zu Lernzwecken, therapeutische SpieleHans Zulliger: Heilende Kräfte im kindlichen Spiel. Stuttgart 1979. unter Heilungsabsichten, Glücksspiele und Wettspiele unter kommerziellen Gesichtspunkten, meditative und kooperative Spiele B. Fuchs: Spiele fürs Gruppenklima. München 1998.Terry Orlick: Neue kooperative Spiele. Mehr als 200 konkurrenzfreie Spiele für Kinder und Erwachsene. Weinheim und Basel. 4. Auflage 1996. zum Abbau von Aggressionen und zur psychischen Regenerierung eingesetzt. Die Wissenschaft spricht von einer Sekundärmotivation des Spielens.
Der Philanthrop J.C.F. Guts Muths favorisiert bereits diese Auffassung von der Instrumentalisierung des Spiels in seiner Spielesammlung, wenn er betont: „Spiele sind Blumenbänder, durch welche man die Jugend an sich fesselt; daher übergebe ich sie lieber ihren Erziehern als ihnen selbst“.J. C. F. Guts Muths: Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und des Geistes. Schnepfental 1796 (Berlin 1959).
Zwischen zweckfreiem und zweckgerichtetem Spielen ergeben sich in der Spielrealität auch Überschneidungen. So kann das Kind seinerseits durchaus zweckfrei spielen, ohne die Instrumentalisierung durch den Erwachsenen zum Lernen wahrzunehmen. Eine aufdringliche Verschulung des Spiels kann allerdings zum Spielverdruss führen. Letztendlich kommt daher der inneren Einstellung, der Intention der Spielenden die entscheidende Bedeutung zu, ob das Spiel vornehmlich aus einer Primär- oder aus einer Sekundärmotivation heraus betrieben wird. Die beiden Spielmotivationen stehen außerhalb einer wissenschaftlichen Wertung.
Spielkategorien Ein anderes Gliederungssystem basiert auf einer Analyse der historischen Erscheinungen des Spiels. Die Spieltheorie unterscheidet verschiedene mit den Fachbegriffen Ludus, Agon, Alea, Mimikri, Ilinx und Circenses von den frühen Anfängen bis heute durchgängig unterscheidbare Spielkategorien: Siegbert A. Warwitz (Hrsg.): Spiele anderer Zeiten und Völker. Karlsruhe 1998.Siegbert A. Warwitz, Anita Rudolf: Vom Sinn des Spielens. Reflexionen und Spielideen. 5. Auflage, Baltmannsweiler 2021.
Die Bezeichnung ludus (von lateinisch Zeitvertreib, Kurzweil, Spaß, Neckerei, Kinderspiel) hat ihren Ursprung im römischen Alltagsleben. Es handelt sich um einfache Spielformen, die Kinder auf der Straße spielten oder um Brettspielarten, mit denen sich die Legionäre ihre langweilenden Wachtzeiten vertrieben. Entsprechende Einritzungen sind noch heute auf Steinen in den römischen Ruinenstädten zu erkennen.
Der Agon (= griechisch Kampfspiel, Wettkampf) hat seine historischen Wurzeln in der griechischen Antike. Er war bereits Bestandteil der vorhistorischen Olympischen Spiele. Sein wichtigstes Merkmal ist der Kampf. Agone wurden in der ältesten Zeit als Wagenrennen der höheren und reicheren Klassen ausgetragen. Die niederen Schichten betätigten sich etwa im Pankration (= Allkampf) und anderen Formen der unmittelbaren körperlichen Auseinandersetzung. Im historischen Verlauf sammelten sich immer mehr Spielformen unter dem Dach der Olympischen Spiele, bis in der Neuzeit Spiel und Sport eine nahezu synonyme Bedeutung annahmen. Die heutigen großen Sportspiele erwuchsen in ihrer Sinngebung und Struktur aus der Tradition des Agon.
Alea (= lateinisch Würfel > Würfelspiel, Glücksspiel, Hasardspiel) bezieht sich auf alle Spielformen, deren Erfolg oder Misserfolg weniger der eigenen Leistung als dem Zufall zuzuschreiben sind. Ihre Tradition setzt sich bis heute etwa im Lotto, Toto, Roulettespiel fort.
Mimikri (von griechisch mimos, englisch mimic = Nachahmung, Maskierung, Imitation) Jean Piaget: Nachahmung, Spiel und Traum. Stuttgart 1975 Roger Caillois: Die Spiele und die Menschen. Maske und Rausch. Frankfurt 1982 bezeichnet vor allem das Spiel auf einer Bühne und vor Publikum und realisiert sich von alters her in den Spielkulturen als Theaterspiel, Clownspiel oder Marionettenspiel.
Ilinx (= Rausch, Ekstase)Roger Caillois: Die Spiele und die Menschen. Maske und Rausch. Frankfurt 1982. ist die Bezeichnung für rituelle Spiele mit religiösem Bezug, die meist in Trance, auch unter Drogeneinfluss, vollzogen werden und denen die Menschen magische und prophetische Bedeutung zuschreiben. Sie haben noch heute in buddhistischen, hinduistischen und naturreligiösen Kulturkreisen wie in Tibet, Bhutan, Nepal, Indien oder Afrika eine lebendige Tradition.