Der transregionale Karawanenhandel in Ostafrika bezeichnet den Handelsboom in Ostafrika im 19. Jahrhundert, dessen Grundlage die rasant wachsende Nachfrage nach Elfenbein auf dem Weltmarkt war. Über einen Zeitraum von rund 70 Jahren prägten der Karawanenhandel mit Elfenbein und die Kämpfe um dessen enorme Profite das gesamte Gebiet, das heute Kenia, Uganda, Tansania, Ruanda und Burundi, Malawi, den östlichen Kongo und den nördlichen Teil Mosambiks umfasst.
Die stark gewachsene Nachfrage nach Elfenbein ging von Europa und Amerika aus; die Insel Sansibar wurde zur Drehscheibe des Warenaustausches. Händler der Swahili-Küste und aus dem Inland organisierten mit Karawanen von mehreren Tausend Menschen den Ankauf des Elfenbeins und seinen Transport zur Küste. Da keine anderen Transportmittel zur Verfügung standen, wurden die Waren ausschließlich von menschlichen Trägern befördert. Während zuvor verschiedene regionale Handelsnetze ineinandergriffen, etablierte sich nun ein Handelsnetzwerk, das von der Küste bis in den Kongo, ins Zwischenseengebiet und nach Buganda reichte.
Menschen aus allen Regionen hatten Anteil an dem Handel, sie profitierten von den Gewinnen oder hatten unter den Auswirkungen zu leiden. Der stetig steigende Import von Feuerwaffen als Tauschware gegen Elfenbein hatte in einigen Regionen grundlegende Änderungen der sozialen Verhältnisse zur Folge, und kriegerische Auseinandersetzungen um den Einfluss auf den Karawanenverkehr betrafen nun viele Gegenden Ostafrikas.
Gemeinsam mit dem Handel entwickelte sich eine spezielle Karawanenkultur, die auf den langen Handelstraditionen der Afrikaner im Inland gründete. Mit dem regen Karawanenverkehr fand zugleich ein umfangreicher Kulturtransfer und -austausch statt, der etwa im Inland die Ausbreitung des Islams, der Schriftkultur und anderer kultureller Elemente der Küstenregionen förderte.
Der transregionale Karawanenhandel wird als Eintritt Ostafrikas in den kapitalistischen Welthandel und als prägend für die Ende des 19. Jahrhunderts einsetzende Kolonialisierung Tanganyikas verstanden. Auch wenn der auf dem Elfenbeinhandel basierende Karawanenverkehr am Ende des Jahrhunderts abrupt abbrach, setzten sich wesentliche Strukturen des Handelssystems fort und bestimmten zukünftige Entwicklungen.John Iliffe: A Modern History of Tanganyika, Cambridge 1969, S. 40.
mini|hochkant|Karawanenträger mit Elfenbeinzähnen, vermutlich um 1890 mini|hochkant|Ostafrika mit den kolonialen Grenzziehungen, Karte von 1893
Gesellschaft, Karawanenkultur und Handel in Ostafrika bis 1800 mini|hochkant|Der ostafrikanische Küstenstreifen mit den vorgelagerten Inseln Sansibar, Pemba und Mafia auf einer Karte aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts
Während die Küste Ostafrikas seit Jahrhunderten als Azania bekannt und in das Handelsnetz des Indischen Ozeans eingebunden war, geben nur wenige schriftliche Quellen Auskunft über die Gesellschaften im Inneren Ostafrikas vor dem 19. Jahrhundert. Deutlich wird daraus, dass es sich größtenteils um kleine, flexible soziale Gebilde handelte, in denen die politische Macht dezentral organisiert war, verteilt auf Ältestenräte, rituelle Oberhäupter und Krieger. Sklaverei und persönliche Abhängigkeit waren verbreitet, allerdings handelte es sich dabei um eine Form der Sklaverei, die eine relative ökonomische Unabhängigkeit der Sklaven und deren Aufstieg in höhere soziale Ränge zuließ. Neben politischen und verwandtschaftlichen Beziehungen bildeten der Handel und Handelsreisen über größere Strecken hinweg ein Netzwerk, das den Kontakt zwischen den unterschiedlichen Gesellschaften förderte und ihr Wissen übereinander wesentlich bestimmte. Ethnische Identitäten spielten in den Handelsbeziehungen kaum eine Rolle, da sich die Gesellschaften nicht nach ethnischen Grenzen gliederten, sondern durch Sklaverei und eine hohe politische Flexibilität multiethnisch waren.G. H. Maddox: Networks and Frontiers in Colonial Tanzania. In: Environmental History 98 (1998) 3, S. 436–459, S. 440.
Unklar ist, wie weit die Handelsnetze im Inland jeweils reichten und wie sie ineinandergriffen. Die Küstenstädte pflegten seit langem enge Handelsbeziehungen mit den Gebieten im direkten Hinterland des Küstenstreifens. Diese Beziehungen wurden von innerafrikanischen Händlern und Elefantenjägern dominiert, die mit unterschiedlichen Strategien versuchten, Küstenhändler von Reisen ins Inland abzuhalten. Durch Überfälle auf Reisende von der Küste oder Gerüchte von Menschenfressern und Monstern gelang es ihnen bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, ihre Position als Zwischenhändler für den Warenaustausch zwischen dem Landesinneren und der Küste zu behaupten und die Preise zu bestimmen.Godfrey Muriuki: A History of the Kikuyu, 1500–1900, Nairobi 1974; Michael Pesek: Koloniale Herrschaft in Deutsch-Ostafrika. Expeditionen, Militär und Verwaltung seit 1880, Frankfurt/M. 2005, S. 56. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts gelangten Waren aus dem Inland ausschließlich über diese Zwischenhändler zur Küste. Küstenhändler reisten selbst nicht dorthin.Edward A. Alpers: Ivory and Slaves. Changing Patterns of International Trade in East Central Africa to the Late Nineteenth Century, Berkeley & Los Angeles 1975.
Im weiter entfernten Inland, in Zentraltanganyika, entstanden ebenfalls Handelsnetzwerke, die Verbindungen zu den Händlern im Küstenhinterland hielten und Beziehungen bis in den Kongo, nach Bunyoro und Buganda hinein aufbauten. Für eine Handelsreise taten sich mehrere Händler zu einem Karawanenunternehmen zusammen. Die Waren wurden ausschließlich von Menschen transportiert. Gehandelt wurde mit Soda, Eisen, Kupfer, Vieh, Häuten, Getreide und Töpferwaren.Andrew Roberts: Nyamwezi Trade. In: R. Gray, R. Birmingham (Hrsg.): Precolonial African Trade. London 1970, S. 45–46.
Elfenbein stellte eine untergeordnete Handelsware dar, die über Zwischenhändler zur Küste gelangte. Hauptabnehmer waren indische Händler. In Indien wurde das Elfenbein vornehmlich zu Brautschmuck verarbeitet, den Frauen als Zeichen ihres ehelichen Status bei ihrer Heirat erhielten. Da der Schmuck beim Tod der Frau ebenfalls „bestattet“ wurde, bestand ein stetiger, nahezu unveränderter Bedarf an ostafrikanischem Elfenbein.Abdul H.M. Sheriff: Slaves, Spices and Ivory in Zanzibar. Integration of an East African Commercial Empire into the World Economy. London 1987, S. 417.
Ein weiteres Exportprodukt Ostafrikas waren Sklaven, die von der ostafrikanischen Küste in viele Anrainerstaaten des Indischen Ozeans verschifft wurden. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts stieg die Nachfrage durch den Bedarf an Arbeitskräften auf den französischen Zuckerrohrplantagen von Mauritius und Réunion: Der Handel intensivierte sich entsprechend. Um diese Zeit exportierte die südliche Swahiliküste einige Hundert bis einige Tausend Sklaven jährlich.Juhani Koponen: People and Production in Late Precolonial Tanzania. History and Structures, Helsinki 1988, S. 57.
Die Steigerung des Handels führte dazu, dass sich die verschiedenen Handelsnetzwerke gegen Ende des 18. Jahrhunderts deutlich ausweiteten, die Händler suchten nach neuen Absatz- und Gewinnmöglichkeiten. Um 1800 erreichten zwei Elefantenjäger aus Zentraltansania auf der Suche nach neuen Handelspartnern die ostafrikanische Küste vor Sansibar. Damit hatten die Handelsnetzwerke der Küste und des Inlandes Anschluss aneinander gefunden.Oscar Baumann: Durch Massailand zur Nilquelle. Reisen und Forschungen der Massai-Expedition des Deutschen Antisklaverei-Komite in den Jahren 1891–1893, Berlin 1894, S. 234; Iliffe: Modern History, 1979, S. 41.
Ostafrika und der Oman als politische und wirtschaftliche Macht mini|hochkant|Der Indische Ozean auf einer Karte aus dem 17. Jahrhundert. An der ostafrikanischen Küste sind die Städte Mombasa und Kilwa sowie die Inseln Sansibar, Pemba und Mafia eingezeichnet.
Die Städte an der ostafrikanischen Küste pflegten seit Jahrhunderten nicht nur Kontakte zu den Gesellschaften in Innerafrika, sondern auch zu den Anrainergebieten des Indischen Ozeans, zu Indien, dem Iran, Mosambik und Äthiopien. Besonders enge Beziehungen bestanden zu den arabischen Reichen des Nahen Ostens. Einflussreiche omanische Dynastien hatten seit dem 17. Jahrhundert eine wichtige Rolle an der ostafrikanischen Küste gespielt. Zentrum ihrer Macht hier war die Stadt Mombasa gewesen.
Seit Beginn des 19. Jahrhunderts bauten omanische Plantagenbesitzer erfolgreich Gewürznelken und Zucker auf Sansibar an, und der daraus entstandene Bedarf an Arbeitskräften kurbelte den Sklavenhandel zusätzlich kräftig an. Nachdem der Export von Elfenbein, der hauptsächlich nach Indien ging, über die mosambikanischen Häfen besteuert wurde, wurde der Elfenbeinhandel zunehmend über die nördlicheren Teile der ostafrikanischen Küste abgewickelt, die Regionen also, denen die Inseln Mafia, Sansibar und Pemba vorgelagert waren. Die Konzentration des Handels auf die Küstenregion zwischen Mombasa und Kilwa traf so mit der Verknüpfung der Handelsnetze bis weit ins Innere Ostafrikas zusammen.
Schließlich trafen diese Ereignisse mit einer wachsenden Nachfrage nach Elfenbein zusammen. Zudem stiegen die Weltmarkt-Preise für Öle, die in Ostafrika in Form von Kokosnüssen und Sesam produziert wurden, sowie für Kopal, das für die Produktion von Anstrichen genutzt wurde.Jonathan Glassman: Feasts and riot. Revelry, Rebellion, and Popular Consciousness on the Swahili Coast, 1865–1888, Portsmouth 1995, S. 29. Nelken und Zucker, Öle, Kopal und Elfenbein versprachen hohe Profite, doch bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts hinein wurden diese Produkte weiterhin von innerafrikanischen Händlern zur Küste gebracht und der Handel wurde von ihnen kontrolliert.Pesek: Koloniale Herrschaft. 2005, S. 44, 49.
Sansibar als Sitz des omanischen Sultans mini|hochkant|links|Hafenfront von Sansibar-Stadt 2007, links der Sultanspalast, erbaut nach dem Umzug des Sultans nach Sansibar, rechts das 1883 erbaute Elektrizitätswerk: Beit al-Ajaib, im Volksmund House of Wonder genannt
Ein einschneidender politischer und in der Folge auch wirtschaftlicher Wandel vollzog sich zwischen 1830 und 1850. Sansibar als Zentrum eines sich anbahnenden Wirtschaftsbooms weckte zunehmend das Interesse asiatischer und europäischer Mächte. Großbritannien und Frankreich sahen darüber hinaus in der Insel einen strategisch wichtigen Stützpunkt, um ihren Einfluss im westlichen Indik zu behaupten. Kapitalstarke Handelshäuser aus Bombay, die seit langem Beziehungen zum omanischen Königshaus pflegten und in den ostafrikanischen Elfenbeinhandel involviert waren, eröffneten Dependancen, zahlreiche risikobereite indische Händler zogen in die Stadt. In den 1830er und 1840er Jahren etablierten auch Handelshäuser aus Europa und Amerika Niederlassungen, darunter etwa die Hamburger Firmen Hansing & Co sowie O’swald & Co.Pesek: Koloniale Herrschaft, 2005, S. 44f.
1832 trug das omanische Herrscherhaus dieser Entwicklung Rechnung: Die führende omanische Busaid-Dynastie verlegte ihren Sitz von Maskat nach Sansibar und löste damit die in Mombasa ansässigen Dynastien ab, die bisher den omanischen Einfluss an der ostafrikanischen Küste vertreten hatten. Sansibar wurde unter der Autorität des Imams von Maskat, Sultan Sayyid Said, zum politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum Ostafrikas.Roger van Zwanenberg, A. King: An Economic History of Kenya and Uganda, 1800–1970. Atlantic Highlands 1975, S. 165–67.