Als Scots, auch Lowland Scots oder Lallans, wird eine westgermanische Sprache oder – je nach Terminologie – eine Reihe von englischen Dialekten in Schottland bezeichnet, die im bergigen Südschottland, im Großraum Glasgow-Edinburgh, in einem Landstreifen entlang der Ostküste bis über Aberdeen hinaus sowie auf den Orkney- und den Shetlandinseln beheimatet sind. Der Begriff Lowland Scots oder schottifiziert Lallans bringt den Gegensatz zu den Highlands zum Ausdruck: Diese gehörten bis ins 18. Jahrhundert zum schottisch-gälischen Sprachgebiet (seither wird dort infolge der Highland Clearances Englisch, nicht etwa Scots gesprochen), wogegen im zentralen Tiefland seit dem Früh- und Hochmittelalter eine angelsächsische Varietät gesprochen wird. Außerdem wird Scots in den Teilen Nordirlands und Donegals gesprochen, die im 17. Jahrhundert von Schotten besiedelt wurden; hier wird es sowohl von Protestanten als auch von Katholiken gesprochen, aber aus ethnopolitischen Gründen als eine Sprache der protestantischen Bevölkerung gefördert.
Eine Untersuchung des Scotland’s Census ergab 2011 eine Sprecherzahl von ca. 1,5 Millionen Menschen, also ca. 30 % der Einwohner Schottlands. Diese Zahlen sind allerdings stark zu relativieren, da sie auf Eigenaussagen beruhen. Untersuchungen aus dem späten 20. Jahrhundert weisen nach, dass Central Scots, die weitaus größte Dialektgruppe, vor dem Sprachtod steht.Caroline Macafee: Studying Scots Vocabulary. In John Corbett, Derrick McClure, Jane Stuart-Smith (Hrsg.): The Edinburgh Companion to Scots. Edinburgh, Edinburgh University Press, Edinburgh 2003, ISBN 0-7486-1596-2, S. 51.
Scots ist vom schottischen Englisch – der heutigen Amts- und Bildungssprache Schottlands – deutlich zu unterscheiden. Manche betrachten das Scots heute als eine Einzelsprache.
Klassifikation und Status als Dialekt oder Einzelsprache Scots gehört zum westgermanischen Zweig der germanischen Sprachfamilie und ist eng mit dem britischen Englisch verwandt, wie es in England gesprochen wird, und mit dem schottischen Standardenglisch, wie es in Schottland in Schulen, in den Medien und in vielen Alltagssituationen auch verwendet wird. Durch historische Entwicklungen ist Scots neben seinen germanischen Wurzeln auch durch das Anglonormannische beeinflusst.
Ob Scots eine eigene Sprache ist oder eine Reihe von Dialekten des Englischen, ist Gegenstand einer politischen, literarischen und sprachwissenschaftlichen Debatte. Die Sprachwissenschaft ist sich einig, dass Scots im 15. und 16. Jahrhundert eine eigene Sprache war,Robert McColl Millar: Modern Scots: An Analytical Survey. Edinburgh University Press, Edinburgh 2018, ISBN 978-1-4744-1687-0, S. 1. denn sie war die Sprache der herrschenden Oberschicht in Schottland, wurde in Regierung und Justiz verwendet und es gab eine standardisierte, schriftliche Form des Scots. Scots war zu dieser Zeit auch eine wichtige literarische Sprache.
Seit dem 17. Jahrhundert ist Scots jedoch zunehmend durch das britische Englisch und das schottische Standardenglisch verdrängt worden und durch diese beiden inzwischen in Schottland und in den Medien dominierenden Varianten des Englischen stark beeinflusst. Der Linguist Robert McColl Millar, selbst ein Scots-Sprecher, beschreibt den Wandel, den Scots durchläuft, als einen Prozess der Dialektalisation, d. h. eine einst klar abgegrenzte Einzelsprache gerät unter den Einfluss einer eng verwandten Sprache mit politischer, wirtschaftlicher und kultureller Macht. Als Beispiele nennt McColl Millar Niederdeutsch und Hochdeutsch, Okzitanisch und Französisch sowie Sardisch und Italienisch, die ebenfalls ähnliche Prozesse durchlaufen haben. Die Konzepte hinter diesem Prozess sind durch den Linguisten Heinz Kloss unter den Termini Abstand und Ausbau beschrieben worden.Heinz Kloss: Die Entwicklung neuer germanischer Kultursprachen seit 1800, 2. Auflage. Pädagogischer Verlag Schwann, Düsseldorf 1978. Als Resultat einer Dialektalisation verliert die Sprachvariante ihren Status als Einzelsprache; eine standardisierte schriftliche Form, die von Bildungs- und Verwaltungsinstitutionen unterstützt wird, geht verloren.Robert McColl Millar: Modern Scots: An Analytical Survey. Edinburgh University Press, Edinburgh 2018, ISBN 978-1-4744-1687-0, S. 2.
Viele Linguisten betrachten heute die Situation in Schottland als Kontinuum, mit schottischem Standardenglisch, wie es in Bildung und Medien gebraucht wird, an dem einen Ende, und Scots, wie es in Alltagssituationen und innerhalb der Familie verwendet wird, am anderen Ende.John Corbett, J. Derrick McClure, Jane Stuart-Smith: A Brief History of Scots. In: John Corbett, J. Derrick McClure, Jane Stuart-Smith: The Edinburgh Companion to Scots. Edinburgh University Press, Edinburgh 2003, ISBN 978-0-7486-1596-4, S. 2. Inzwischen gibt es verschiedene Bemühungen in Schottland und Nordirland, Scots zu fördern. Dazu zählen Förderungen des Scots in Regierung und Bildungssystem und die Aktivitäten von Sprachgesellschaften wie die Scots Language Society und die der Cross-Party Group on the Scots Language sowie Parteien wie die Scottish National Party.John Corbett: Language Planning and Modern Scots. In: John Corbett, J. Derrick McClure, Jane Stuart-Smith: The Edinburgh Companion to Scots. Edinburgh University Press, Edinburgh 2003, ISBN 978-0-7486-1596-4, S. 256–257. Ob diese Maßnahmen der Sprachplanung ausreichen, um das Verschwinden des Broad Scots, des traditionellen ländlichen Scots mit breiter Aussprache und eigenem Wortschatz, aufzuhalten, ist unklar. Denkbar ist, dass Scots in der traditionellen Form verschwindet, aber vor allem urbane Varianten des Scots, die näher am Englischen sind, erhalten bleiben.Robert McColl Millar: Modern Scots: An Analytical Survey. Edinburgh University Press, Edinburgh 2018, ISBN 978-1-4744-1687-0, S. 218–219.
Geschichte mini|Ausbreitung von Scots in Schottland, Nordirland und Donegal. Rot: Nördliches Angelsächsisch im 9. Jahrhundert; rot und orange: Early Scots, auch Inglis oder Yinglis genannt, im 15. Jahrhundert; rot, orange und gelb: heutiges Scots.
Scots geht auf die nördliche Variante der angelsächsischen Sprache des Königreiches Northumbria (Nordhumbrisch) zurück. 638 fielen die Angeln in Schottland ein und brachten den nördlichen Dialekt des Angelsächsischen mit. Bis heute bestehen Gemeinsamkeiten zu den von der Sprache der Angeln geprägten nordostenglischen Dialekten wie Geordie. Seit dem 3. Jahrhundert siedelten die Gälisch sprechenden Skoten – von Irland kommend – im westlichen Schottland und prägten mit ihrer Sprache das Angelsächsische mit. Neben diesem war Gälisch bis zum 10. Jahrhundert als Adels- und Verwaltungssprache dominant. In der Wikingerzeit im 8.–10. Jahrhundert wurde vor allem die Phonologie des Scots durch den altnordischen Spracheinfluss geprägt. Während es den skandinavischen Siedlern des Danelag nicht dauerhaft gelang, das nördliche Northumbria unter ihre Kontrolle zu bringen, konnte der schottische König Konstantin II. mit den Schlachten von Corbridge 912 und 918 die Region endgültig Schottland eingliedern.Marc Bloch: Die Feudalgesellschaft. Berlin 1982, S. 64. Durch diese Entwicklungen und Ansiedlungen ist im Scots wie auch in den nordenglischen Dialekten, der altnordische Spracheinfluss größer als in südenglischen Dialekten, die vom Französischen mitgeprägt wurden.Scots in: Trevor Royle (Hg.): Mainstream Companion to Scottish Literature. 2. Aufl. Mainstream, Edinburgh 1993, S. 268.
Die angelsächsische Sprache des südlichen Schottland, die seit dem 12. Jahrhundert unter den Einfluss des Mittelenglischen geriet, wurde von ihren Sprechern Inglis genannt. Im Südosten der Lowlands verdrängte diese Sprache allmählich das schottische Gälisch und die britannische Sprache des ehemaligen, im 10. Jahrhundert ebenfalls von Schottland eroberten Königreichs Strathclyde, Kumbrisch, die im 11. Jahrhundert endgültig ausstarb.
Die Sprachgrenze zum schottischen Gälisch verlief bis zum 13. Jahrhundert entlang des Firth of Forth. Ab Ende des 13. Jahrhunderts verbreitete sie sich weiter ins Landesinnere Schottlands und zwar vor allem durch die burghs, proto-urbane Institutionen, die erstmals unter König David I. (1124–1153) errichtet worden waren. Deren Bewohner waren größtenteils eingewanderte Engländer (besonders aus Northumbria und Huntingdonshire), Flamen und Franzosen. Während die militärische Aristokratie des Landes Gälisch und normannisches Französisch sprach, scheinen diese kleine städtischen Gemeinschaften am Ende des 13. Jahrhunderts Inglis als lingua franca verwendet zu haben.
Als Ergebnis der schottischen Unabhängigkeitskriege unter William Wallace und Robert the Bruce musste die Inglis sprechende Bevölkerung von Lothian jedoch die schottische Herrschaft und die schottische Identität akzeptieren. Gleichzeitig gewann die englische Sprache im 14. Jahrhundert gegenüber dem Französischen, dessen Gebrauch am schottischen Königshof immer mehr verschwand, an Prestige und wurde zur vorherrschenden Sprache im größten Teil von Süd- und Ostschottland sowie im Gebiet um Aberdeen.
Neben dem Alt- und Mittelenglischen, dem Altnordischen und dem Gälischen nahmen auch das Niederländische und Mittelniederdeutsche durch Handel und Einwanderung aus diesen Gebieten Einfluss auf das Scots. Romanischer Einfluss kam auch durch das Latein der Kirche und des Rechtswesens, normannisches und Pariser Französisch infolge der Auld Alliance mit dem Königreich Frankreich. Insgesamt ist der normannisch-französische Einfluss im Scots, der mit der normannischen Eroberung im 11. Jahrhundert auf die Inseln kam und mit der normannisch-englischen Oberhoheit im Tiefland Ende des 11. und Anfang des 12. Jahrhunderts nur kurzzeitig den Süden Schottlands erreichte, deutlich geringer als in der Sprache Englands.Hugh Seton-Watson: Nations and States. An Enquiry into the Origin of Nations and the Politics of Nationalism. Boulder, Colorado 1977, S. 30.
Der schottische Königshof und der Adel waren – abgesehen vom begrenzten Einfluss des normannischen Französisch im 13. und 14. Jahrhundert – lange Zeit zweisprachig mit Gälisch und Inglis und gingen dann komplett zum letzteren über. Am Ende des Mittelalters war Gälisch fast komplett in die Highlands und auf die Inseln zurückgedrängt worden, auch wenn einige Orte in Galloway und Carrick bis ins 17. oder 18. Jahrhundert gälischsprachig waren. Im späten 14. Jahrhundert ersetzte Inglis auch Latein als Sprache von Verwaltung und Literatur. Erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurde die Sprache als Scots bezeichnet, während das bisher so benannte Gälisch nun zunehmend als Erse („Irisch“) bezeichnet wurde. In der schottischen Reformation spielte die Verwendung von Scots als Schriftsprache und Liturgiesprache der Church of Scotland eine bedeutende Rolle.
Der Prozess der Ausbreitung von Scots setzte sich auch nach der Union mit England 1603 ins nordirische Ulster und im Osten Schottlands fort, wobei nicht nur Gälisch weiter in die Highlands zurückgedrängt wurde, sondern auch die ehemalige nordische Sprache der Orkneys und Shetlands Norn im 18. Jahrhundert verschwand.Hugh Seton-Watson: Nations and States. An Enquiry into the Origin of Nations and the Politics of Nationalism. Boulder, Colorado 1977, S. 30–31.
mini|Regionaler Anteil der Bevölkerung in Schottland, die nach dem Zensus 2011 noch Scots sprechen kann (für Ulster Scots in Nordirland und Gälisch siehe Karten in den Artikeln). Mit der Ausbreitung des Buchdrucks von England her im 16. Jahrhundert, aber besonders mit der Personalunion Schottlands und Englands 1603 breitete sich das eher an der Schriftsprache Englands orientierte, aber mit Einflüssen des Scots durchsetzte schottische Englisch aus, das als Hoch- und Schriftsprache Verbreitung fand.