mini|Der Doge Alvise Mocenigo IV. auf dem Bucintoro nah der Riva di Sant’Elena, Francesco Guardi, um 1775 Die Festa della Sensa oder Festa dell’Ascensione war eine staatliche Feier der Republik Venedig, in deren Zentrum die jährliche Zeremonie der Vermählung des Dogen mit dem Meer (Sposalizio del Mare) stand. Ihren Namen erhielt sie von Christi Himmelfahrt, das im Italienischen verkürzt als Ascensione bezeichnet wird. Im Venezianischen bevorzugt man Sensa, weil zu dieser Zeit auch eine Warenmesse stattfand.

mini|Prozession des Dogen zum Bucintoro am Himmelfahrtstag. Holzschnitt Jost Ammans, um 1565, Druck in Frankfurt/M., 1697 (MET, New York)Holzschnitt nach einer Zeichnung vermutlich von Giovanni Andrea Vavassore (1518–72), gedruckt in 14 Blättern (zzgl. Text) von Johann Valentin Schallern, Frankfurt am Main, aus dem Jahr 1697. Onlinekatalog des Metropolitan Museum of Art, New York, Objekt-Nr. 49.95.5 (mit Gesamt- und Detailansichten). mini|Aufbruch der Schiffsprozession vom Ufer am Dogenpalast, der Molo di Palazzo Ducale, in den Bacino di San Marco, Canaletto, um 1732 (Holkham Estate, Norfolk) mini|Die Prozession bei der Rückkehr vom Lido in einem Gemälde des 18. Jahrhunderts (Museo Correr, Venedig)

Ursprung Das Fest soll an zwei Ereignisse erinnern, zum einen an den Sieg des Dogen Pietro II. Orseolo über die dalmatinischen Piraten vom 9. Mai 1000, womit Venedig seine Herrschaft in der oberen Adria erstmals durchsetzen konnte. Zum anderen erinnert man damit an den Frieden von Venedig, der im Jahr 1177 geschlossen wurde, genauer gesagt an die angebliche Seeschlacht von Salvore, von der die Chronik des Andrea Dandolo berichtet. Papst Alexander III. und Friedrich Barbarossa trafen sich dazu mit dem Dogen Sebastiano Ziani in Venedig.Die historische Literatur bietet bereits im 17. Jahrhundert das Treffen von 1177 als Ursprung an, wie etwa Relationis historicae semestralis autumnalis continuatio. Jacobi Franci historische Beschreibung der denckwürdigsten Geschichten, so sich in Hoch- und Nieder-Teutschland auch Italien, Hispanien, Frankreich, Ungarn ... glaubhafft zugetragen, Sigismundi Latomi 1690, S. 46. Dies geht möglicherweise auf die venezianische Staatsgeschichtsschreibung zurück, wie sie etwa Paolo Sarpi abfasste: Dominio del mar Adriatico, Bd. 6, Venedig 1685, S. 13.

Verlauf Bei der Feier fuhren zahlreiche Boote und Schiffe zum Lido, um dort die Hochzeit mit dem Meer zu feiern (Sposalizio del Mare). Ab 1253 führte der Bucintoro, eine doppelstöckige Galeere, das den Dogen trug, die Schiffsprozession an, die am Bacino di San Marco vor dem Dogenpalast begann. Die gesamte Staatsführung nahm daran teil, also Signoria, Senat, die meisten Mitglieder des Großen Rates, aber auch die Botschafter und Gesandten, die sich in der Stadt aufhielten. Bei San Nicolò, einer der Durchfahrten in die Adria, folgten Gebete für die Sicherheit der Seefahrer. Unter Gesängen warf der Doge daraufhin vom Bucintoro einen goldenen, gesegneten Ring in das Meer, um die Verehelichung Venedigs mit dem Meer und die Oberherrschaft Venedigs über die Adria symbolisch zu überhöhen. Spätestens ab 1177 sprach der Doge den Satz: „Desponsamus te, mare, in signum veri perpetuique dominii“ (Wir heiraten dich, Meer, zum Zeichen unserer wahren und beständigen Herrschaft). In der Kirche San Nicolò auf dem Lido wurde eine Messe zelebriert.

Neben Schiffsprozession, Vermählung mit dem Meer, Messen und Gesängen wurden Gastmähler gegeben, insbesondere für die Arsenalotti, die Arbeiter im Arsenal (der Schiffswerft), die anlässlich dieses Tages mit gewaltigen Mengen Fleisch versorgt wurden.Robert C. Davis: Shipbuilders of the Venetian Arsenal: Workers and Workplace in the Preindustrial City, The Johns Hopkins University Press 1991, Aufl. 2007, S. 247. Sie waren es, die während der Prozession das Schiff des Dogen ruderten. Am Ende der Republik waren es 168 Ruderer an 42 Rudern. Eine Gondel-Regatta schloss die Festlichkeiten ab.

Die Vertreter der wichtigsten Scuole, der venezianischen Zünfte, begleiteten das Schiff des Dogen in eigenen Schiffen. Nach der Rückkehr des Bucintoro zum Markusplatz gingen die Männer, die sich auf dem oberen Deck des Schiffs aufgehalten hatten, und damit die einflussreichsten Staatsbediensteten (Magistrati), in den Dogenpalast, wo ihnen ein Festmahl aufgetan wurde.

miniatur|La Fiera della Sensa in Piazza San Marco, Francesco Guardi, 2. Hälfte 18. Jahrhundert

Gleichzeitig mit der symbolträchtigen und unter hohem Aufwand dargebotenen Staatsfeier fand eine der wichtigsten Messen Venedigs, eine Fiera auf dem Markusplatz statt. Daher bot die Sensa der Serenissima auch Gelegenheit, die Überlegenheit in Qualität und Reichtum ihrer Handelswaren zur Schau zu stellen. Die Piazza konnte jedoch mit Verkaufsständen und -buden so überfüllt sein, wie es etwa 1727 geschah.John Jeffries Martin, Dennis Romano: Venice Reconsidered. The History and Civilization of an Italian City-state, The Johns Hopkins University Press, Baltimore 2000, S. 485., dass kein Platz mehr für die übliche Prozession um den Markusplatz blieb. Dies wurde durch vorgefertigte Buden in einem feststehenden Oval gelöst (s. Illustrationen).

Heute wird das Fest vom jeweiligen Bürgermeister geleitet.

Frühe Berichte Der deutsche Ritter Arnold von Harff beschrieb die Festa della Sensa im Jahr 1497. Er wiederholte in seinem Bericht bereits all das, was die venezianische Staatspropaganda seit langem ihren Bewohnern und Besuchern vor Augen hielt, nämlich, dass Venedig jungfräulich (also nie gewaltsam unterworfen) in die ewige Verbindung mit dem Meer einwilligte, dass sie zugleich mit dem blanken Schwert für Gerechtigkeit und Freiheit stand.David Rosand: Myths of Venice: The Figuration of a State, University of North Carolina Press 2001, S. 37. Diesen Wahrnehmungsvorgang, der sich aus einer Reihe weiterer Elemente auf der mentalen Landkarte der Zuschauer und Teilnehmer zusammensetzte, bezeichnete Johannes Fried als „Implantierung von Erinnerung“, ein Prozess, den Venedig über Jahrhunderte mit großer Systematik betrieb. Ein weiteres Zeugnis ist etwa der Pilgerbericht des Glockengiessers Peter Füssli aus dem 16. Jahrhundert, wodurch das Fest im deutschsprachigen Raum in weiteren Kreisen bekannt wurde.Nun hand die Venediger ein bruch das der herrzog alle jar vff die vffahrt jm das meer vermächlet (Leza M. Uffer: Peter Füesslis Jerusalemfahrt 1523 und ein Brief über den Fall von Rhodos 1522, Zürich 1982, S. 97). Vgl. auch Ekkehard Eickhoff: Venedig, spätes Feuerwerk: Glanz und Untergang der Republik, 1700–1797, Stuttgart 2006, S. 65.

Gemälde Gabriele Bellas Der venezianische Maler Gabriele Bella lebte im 18. Jahrhundert zeitgleich mit den berühmten Vedutenmalern Venedigs (dem älteren) Canaletto und Francesco Guardi. In den Jahren 1779 bis 1792 schuf er viele Gemälde von Festlichkeiten, Jahrmärkten und anderen Geschehnissen (wie der Konspiration Baiamonte Tiepolos) in der Lagunenstadt. So malte Bella auch mehrere Stationen der Sposalizio del Mare und die Fiera della Sensa. Heute sind diese Werke in der Pinacoteca Querini Stampalia zu finden sind.

Literatur Lina Urban Padoan: La festa della Sensa nelle arti e nell’iconografia, in: Studi Veneziani 10 (1968) 291–353. Johannes Fried: Der Schleier der Erinnerung. Grundzüge einer historischen Memorik, München 2004, hier: S. 157–166. Giustina Renier Michiel: Origine delle feste veneziane, Mailand 1829, S. 131–141.

Weblinks

Marina Crivellari Bizio: "Storia della Festa della Sensa", auf Seven online zur 1000-Jahrfeier (Festa della Sensa – Guardando al Millennio 1000 - 2000), 1997, im Internet Archive, 18. Mai 2011.

Anmerkungen

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