mini|alternativtext=|Lagebild zur Gebietskontrolle (Dezember 2024, Quelle: Institute for the Study of War)
In den jeweiligen Farben: 20x20px Kontrolle zu gleichen Teilen 20x20px Öl- bzw. Gasfeld Der Syrische Bürgerkrieg war eine bewaffnete Auseinandersetzung in Syrien, bei der sich von 2011 bis 2024 den Streitkräften Syriens unter dem Kommando des diktatorisch regierenden Staatspräsidenten Baschar al-Assad bewaffnete Gruppierungen der Opposition gegenüberstanden. Der Bürgerkrieg endete mit dem Fall des Assad-Regimes im Dezember 2024 und der Einsetzung einer neuen Regierung unter Ahmed al-Scharaa, wenngleich es auch in den der Folgezeit noch zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kam.
Auslöser des Bürgerkriegs war die gewaltsame Niederschlagung anfangs friedlicher Proteste gegen das autoritäre Regime Assads im Zuge des Arabischen Frühlings Anfang 2011. Allerdings kam es bald zu einer wachsenden Einflussnahme der Muslimbrüder, anderer radikalsunnitischer Gruppierungen und ausländischer Interessenvertreter. Mit fortschreitender Dauer findet dieser zunehmend unter Beteiligung von Drittstaaten statt. Die direkte Beteiligung der Bündnispartner Assads (Islamische Republik Iran mit Revolutionsgarde, libanesische Hisbollah-Miliz und Russland mit seinem Militäreinsatz) sowie die Bildung eines internationalen Bündnisses unter Führung der Vereinigten Staaten gegen die sunnitische Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) machten aus dem Kampf innerhalb Syriens einen regionalen Stellvertreterkrieg: Hierbei kämpfen unter anderem die schiitische Islamische Republik Iran gegen das sunnitische Saudi-Arabien und Katar, sowie Russland und die USA um die Vormacht in der Region. Als sich im Zuge des syrischen Bürgerkriegs das kurdische Einflussgebiet vergrößerte bzw. im Nord- und Ostsyrien mit der Rojava (auch Westkurdistan genannt) ein Autonomiegebiet der Kurden in Syrien bildete, griff vor dem Hintergrund des Jahrzehnte andauernden türkisch-kurdischen Konflikts auch die Türkei mit ihren Militäroffensiven in Nordsyrien ab 2016 in den Krieg ein. Der Wunsch der Opposition, die Demokratisierung Syriens zu erreichen, rückte in diesem Konflikt nach und nach in den Hintergrund, stattdessen trat der Kampf verschiedener Organisationen aus religiösen und ethnischen Gründen in den Vordergrund. Das Land zerfiel in Gebiete, die entweder von der Regierung Assads, Oppositionsgruppen, den Volksverteidigungseinheiten der Kurden oder von Islamisten beherrscht wurden. Das Assad-Regime fiel schließlich Ende 2024 unter der Offensive der Rebellen der islamistischen Haiʾat Tahrir asch-Scham (HTS), die ursprünglich mit dem IS verbündet war, die aber unter ihrem Führer al-Scharaa ab 2017 eine relativ gemäßigte Zivilverwaltung in ihren kontrollierten Gebieten eingesetzt hatte.
Die Zahl der Todesopfer des Konflikts wurde auf bis zu eine halbe Million eingeschätzt. Die UNO bezeichnete die durch den Krieg ausgelöste Flüchtlingskrise als die schlimmste seit dem Völkermord in Ruanda 1994.
Hintergrund
In Syrien regiert seit einem Militärputsch 1963 die nationalistische „Arabisch-Sozialistische Baath-Partei“ in Form einer Einparteienherrschaft. Ab dem „Korrekturbewegung“ genannten Staatsstreich von 1970 regierte General Hafiz al-Assad als Ministerpräsident. Reale Oppositionsparteien sind nicht zugelassen.Bassam Tibi: Die Verschwörung: Das Trauma arabischer Politik. Hoffmann und Campe, Hamburg 1993, S. 186–188. 1970 kam es zur Machtergreifung des militärischen Flügels in der Baath-Partei und Hafiz al-Assad wurde im März 1971 zum neuen Staatspräsidenten, was er bis zu seinem Tod blieb.
Unter Hafiz al-Assad zog ein Regime der massenhaften politischen Repression ein. Diese umfasste einen Personenkult um al-Assad und oft willkürliche Repression gegenüber Abweichlern, Dissidenten oder Regimegegnern. Während seiner Amtszeit wurden rund 100.000 politische Gefangene inhaftiert. Die Repressionen des Regimes umfassten Folter, Verschwindenlassen, Hinrichtungen und sexuelle Gewalt. Die Haftbedingungen waren grausam, Unterernährung, Tuberkulose und Typhus waren in den Gefängnissen weit verbreitet. Der Aufstand der Muslimbrüder in Syrien wurde von Assads Sicherheitskräften unter anderem durch Massenhinrichtungen niedergeschlagen. Hierbei fungierte das Massaker von Hama als Fanal des Regimes Massengewalt als Herrschaftsmittel gegen die Zivilbevölkerung einzusetzen.Salwa Ismail: The Rule of Violence – Subjectivity, Memory and Government in Syria. Cambridge, 2018 S. 30–47, S. 131f
Nach dem Tod Hafis’ im Jahr 2000 übernahm sein Sohn Baschar die Macht; er ließ eine kurzzeitige Öffnungspolitik ab 2000/2001, den Damaszener Frühling, einleiten.
Sozioökonomische Situation Zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren hatte Syrien eine der höchsten Bevölkerungswachstumsraten unter den nahöstlichen und nordafrikanischen Staaten. Der Höhepunkt war in den 1970er-Jahren mit einer durchschnittlichen Geburtenrate von 7,6 Kindern pro Frau erreicht.Onn Winckler: Demographic Developments and Population Policies in Bath’ist Syria, S. 24. In Kombination mit einer im gleichen Zeitraum kontinuierlich sinkenden SterberateOnn Winckler: Demographic Developments and Population Policies in Bath’ist Syria, S. 26 und folgende führte das zu einem Bevölkerungszuwachs von 4,5 auf 13,8 Millionen Menschen zwischen 1960 und 1994.Joseph Ginat, Onn Winckler, Moshe Ma’oz: Modern Syria: A Pivotal Role in the Middle East, S. 112 Das Wachstum verlangsamte sich seitdem. 2010 lebten etwa 22,5 Millionen Menschen in Syrien.Background Note: Syria vom US Department of State, Stand März 2012, abgerufen am 25. August 2012
Der syrische Staat konnte in den 1970er- und 1980er-Jahren durch Investitionen, die sich aus Wirtschaftshilfen der Sowjetunion, Unterstützung anderer arabischer Staaten, Transfergebühren für irakisches Öl und den Profiten aus einer geringen eigenen Ölförderung zusammensetzten, die syrische Wirtschaft so weit stützen, dass ein hohes Wirtschaftswachstum und ausreichend Arbeitsplätze generiert wurden. Mit dem Wegbrechen der ausländischen Unterstützung und dem Verfall des Ölpreises in den 1980er-Jahren übertraf das Bevölkerungswachstum das der nun stagnierenden Wirtschaft deutlich.Joseph Ginat, Onn Winckler, Moshe Ma’oz: Modern Syria: A Pivotal Role in the Middle East, S. 113. Noch verschärft wurde die Krise durch das hohe Militärbudget der syrischen Regierung; hohe Arbeitslosenzahlen und massive Inflation waren die Folgen. Ein Versuch, diese Entwicklungen zu stoppen, war eine Halbierung des Militärhaushalts von 1985 bis 1995. 1987 wurde auch die zusätzliche Unterstützung für besonders kinderreiche Familien gestoppt.Joseph Ginat, Onn Winckler, Moshe Ma’oz: Modern Syria: A Pivotal Role in the Middle East, S. 114–115. Die hohe Auslandsverschuldung bei der Sowjetunion bzw. deren Nachfolger Russland und verschiedenen westlichen Industrienationen in Kombination mit einem erneuten Ölpreisverfall in der Mitte der 1990er-Jahre dämpfte das Wirtschaftswachstum. Notwendig erschien so die Liberalisierung der Wirtschaft, mit dem Ziel, das staatliche Engagement zurückzufahren und den Privatsektor zu fördern, um einen möglichst großen Teil der arbeitsfähigen Bevölkerung in bezahlte Beschäftigung zu bringen, die nicht von dauernder Bezuschussung durch die knappen Staatsfinanzen abhängig sein würde.Joseph Ginat, Onn Winckler, Moshe Ma’oz: Modern Syria: A Pivotal Role in the Middle East, S. 127. Solche Reformen waren zwar schon früh von der syrischen Führung erkannt und das Ziel eines stärkeren privaten Sektors 1985 von der alleinregierenden Baath-Partei formuliert worden, aber das schwerfällige, stark zentralisierte Verwaltungssystem der Regierung, in dem immerhin fast jeder dritte Syrer, der bezahlter Arbeit nachging, beschäftigt war, war nicht in der Lage, solche Initiativen umzusetzen.Volker Perthes: The Political Economy of Syria Under Asad, S. 229 und folgende
Nach dem Tod des Präsidenten Hafiz al-Assad im Jahr 2000 setzte sein Sohn und Nachfolger eine wirtschaftliche Öffnungspolitik durch. Im Jahr 2000 und im Folgejahr erfolgte die Privatisierung des Bankwesens, die Einrichtung einer Wertpapierbörse und die Zulassung von privaten Universitäten. Die Wirtschaft wurde sektorweise privatisiert, so dass 2007 rund 70 % der Wirtschaft in Privateigentum waren. Der Anteil der Privatwirtschaft an den Importen des Landes stieg von einem Fünftel 1981 auf vier Fünftel 2003. Das Regime begünstigte hierbei loyale Personen mit Beziehungen zur Clique um Assad um weiterhin die Kontrolle über das Land zu behalten. Die Personifikation dieser Entwicklung wurde Rami Machluf, Chef des Mobilfunkmonopolisten SyriaTel und Cousin von Baschar al-Assad. Durch gestiegene Nachfrage aus dem privaten Sektor, die in erster Linie von Flüchtlingen aus dem Irak und Investitionen aus der Golfregion von 2004 bis 2007 erzeugt wurde, konnte vorübergehend ein Wirtschaftswachstum von 4 % erzielt werden, aber diese Entwicklung war nicht von Dauer.Ibrahim Elbadawi und Samir Makdisi: Democracy in the Arab World: Explaining the Deficit, S. 145.
Während der Öffnungspolitik setzte sich die Verarmung der Mittel und -unterschichten weiter fort. Selbst Gehälter von Staatsbeamten, die besser bezahlt wurden als Arbeiter, deckten nur noch einen Bruchteil der tatsächlichen Lebenshaltungskosten ab. Die Mehrheit der arbeitenden Männer hatte eine Zweit- oder Dritttätigkeit im informellen Sektor. Währenddessen fuhr das Regime den Sozialstaat und die Verwaltung zurück. Große Teile der oft informell angelegten neu-urbanisierten Siedlungsgebiete blieben ohne staatliche Infrastruktur. An manchen Orten bildeten sich Bürgerwehren auf Nachbarschaftsebene, da der Staat keinerlei Ressourcen der Polizeikräfte erübrigte. Das Regime verlor aufgrund der offensichtlich zu einer Bereicherung der loyalen Eliten auf Kosten der Allgemeinbevölkerung führenden Wirtschaftspolitik an politischer Legitimation. Die Massenorganisationen der Baath-Partei verloren ihre soziale Aufstiegsfunktion und damit an Attraktivität.
Der Rückzug der syrischen Armee aus dem Libanon 2005 bedingte den Verlust der Einkommensquellen durch Schmuggel, Drogenhandel und Geldwäsche, von dem der Sicherheitsapparat maßgeblich profitiert hatte. 2006 wurde Syrien nach einem Jahrzehnt sinkender Fördermengen zum Erdölimportland. Missernten seit 2007 verschärften die Krisensituation. Durch das rapide Bevölkerungswachstum stieg die Nachfrage nach Wasser. Viele illegale Brunnen wurden angelegt, überdimensionierte und wasserintensive Landwirtschaftsprojekte taten ihr Übriges dazu, Land und Wasserreservoirs zu übernutzen. In den Jahren 2006–2010 kam eine ausgeprägte Trockenheit hinzu – ein Ereignis, das verschiedenen Forschern zufolge durch die globale Erwärmung deutlich wahrscheinlicher geworden ist. Die syrische Regierung linderte die Not der betroffenen Menschen nicht ausreichend. Die Folge waren zusätzliche Arbeitslosigkeit, Preisanstieg, Ernährungsunsicherheit und Massenflucht von bis zu 1,5 Mio. Menschen aus ländlichen Gegenden. Syrien nahm zusätzlich zwischen 2003 und 2007 etwa 1,2–1,5 Millionen Flüchtlinge aus dem Irak auf, so dass 2010 ca. 20 % der urbanen Bevölkerung Flüchtlinge waren.
Bevölkerungsgruppen Zu den Gründen, aus denen sich verschiedene Fraktionen im Bürgerkrieg bildeten, zählt unter anderem die Heterogenität des syrischen Staates und der syrischen Gesellschaft, die an mehreren Stellen Konfliktpotential liefert:
Die Bevölkerung von Syrien setzt sich ethnisch aus syrischen Arabern, Kurden, Assyrern-Aramäern, Turkmenen, Armeniern, Tscherkessen und Palästinensern zusammen. Diese verteilen sich auf verschiedene Religionsgemeinschaften, unter denen die Sunniten mit über 70 % Anteil an der Bevölkerung die zahlenmäßig stärkste sind. Zu den religiösen Minderheiten des Landes gehören die Schiiten (Alawiten, Drusen), Jesiden und Christen.