mini|Paul Sinner: Selbstporträt Paul Sinner (* 17. Juli 1838 in Ludwigsburg; † 31. März 1925 in TübingenSterbedatum laut Sterbebuch der Stadt Tübingen für 1925 (Stadtarchiv Tübingen, Signatur A 606/3169, Nr. 153).) war ein deutscher Fotograf, der sich besondere Verdienste als Dokumentarist von schwäbischen Volkstrachten und Ansichten, hauptsächlich der Städte, erworben hat.

Leben Jugend Paul Sinner war der Sohn des in Ludwigsburg wohnhaften Johann Martin Sinner, eines Schulungsunteroffiziers im Rang eines Oberfeldwebels.Sinners Biografie folgt überwiegend der Darstellung von: Wolfgang Hesse: Ansichten aus Schwaben …, S. 34–49, der die Berichte Sinners Tochter: Mathilde Sinner: Photograph Paul Sinner 1838–1925 und Der Tübinger Photograph Paul Sinner als Bildberichter im Siebzigerkrieg, sowie Urkunden des Stadtarchiv Tübingen nutzte. Bereits im Jahr 1840 quittierte er den Militärdienst und kehrte mit seiner Familie in seine Heimatstadt Tübingen zurück. Da er als Kanzleidiener beim Gericht und als Hausverwalter beschäftigt wurde, wohnte er in dem Gebäude, in dem zu dieser Zeit das Gericht für den Schwarzwaldkreis seinen Sitz hatte – am Holzmarkt (Neue Straße 1; erbaut 1830 an der Stelle der ehemaligen Gastwirtschaft „Zum Adler“). Da das bescheidene Gehalt des Vaters für den Unterhalt einer kinderreichen Familie nicht ausreichte, verdiente auch die Mutter dazu, indem sie beispielsweise Blumen verkaufte.Wolfgang Hesse: Ansichten aus Schwaben …, S. 35.

Unmittelbar nach der Konfirmation (d. h. vermutlich 1852) fing Sinner auf nachdrückliches Verlangen des Vaters und gegen eigenen Wunsch eine Bäckerlehre an. Nachdem er sie 1854 abgeschlossen hatte, ließ er sich einen Pass und ein Heimatrechtzeugnis von der Gemeinde ausstellen und ging auf die übliche Wanderung ins deutschsprachige Ausland. Über Stuttgart und Frankfurt am Main kam er auf diese Weise bis nach Hamburg. Nachdem er in die Heimat zurückgekehrt war, suchte er Arbeit in der Industrie und spätestens seit 1859 arbeitete er als Schlosser in der Maschinenfabrik Esslingen. Wegen eines Arbeitsunfalls, bei dem er sich mehrere Finger schwer verletzte, war er gezwungen, den Beruf wieder zu wechseln, und auf Rat eines seiner Freunde fing er eine Lehre in dem gerade neu eingerichteten Atelier in der Marienstraße 36 des Stuttgarter Fotografen Friedrich Brandseph an. Nachdem er diese Lehre 1862 abgeschlossen hatte, begann er als Fotograf im Atelier Johann Bleibels zu arbeiten, wo er anfangs 700Joachim W. Siener: Die Photographie und Stuttgart …, S. 133., später sogar 780 fl im Jahr verdiente. Das Gehalt war sehr gut, aber Sinner hatte nicht vor, auf Dauer Angestellter zu bleiben. Er war überzeugt, dass sein Wunsch, selbstständiger Fotograf zu werden, aussichtslos wäre, weil es am Anfang der 1860er Jahre sowohl in Stuttgart als auch in Tübingen, wohin er zurückkehren wollte, unter den Fotografen eine starke Konkurrenz gab. Deswegen beantragte er 1863 eine Konzession für ein Restaurant in Tübingen und verwies dabei auf die abgeschlossene Bäckerlehre. Der Stadtrat legte jedoch seine häufigen Berufswechsel negativ aus und lehnte den Antrag ab.Wolfgang Hesse: Ansichten aus Schwaben …, S. 36.

mini|Paul Sinner und Wilhelmine Kienle, Hochzeitsfoto, angefertigt im Atelier Johann Bleibels Sinner blieb also in Stuttgart und arbeitete weiter bei Bleibel. Bald fing er an, sich um seine Heirat mit Wilhelmine Kienle (* 23. Juli 1839; † 27. Dezember 1933) zu kümmern, einer Tübinger Metzgertochter. Diese Heirat musste vom Tübinger Stadtrat genehmigt werden. Spätestens zu diesem Zeitpunkt lernte er den kaum älteren Maler Wilhelm Hornung kennen, der auch im Stadtrat saß. In Anbetracht u. a. des guten Einkommens von Sinner befürwortete Hornung in seiner Stellungnahme dessen Antrag und auf der Sitzung vom 18. Juni 1864 genehmigte der Stadtrat die Heirat. Die Heirat fand im Juli des gleichen Jahres in Stuttgart statt, und im November zog das junge Paar nach Tübingen um. Dank der Aussteuer der EhefrauDas „Zubringens-Inventarium“ vom 16. August 1864 stellt das Vermögen der Ehefrau auf 1146 fl und 13 kr. fest, während das Vermögen des Ehegatten nur 304 fl und 2 kr. betrug. – Wolfgang Hesse: Ansichten aus Schwaben..., S. 36. konnte er sich in Tübingen einrichten. Es ist anzunehmen, dass zu diesem Zeitpunkt Hornung und Sinner eine gemeinsame Tätigkeit vereinbarten.

Sinner hatte acht Kinder, von welchen das erste, im Mai 1865 geborene, sehr früh starb.Wolfgang Hesse: Ansichten aus Schwaben …, S. 46/47.

Fotografische Tätigkeit mini|links|Feierlicher Einzug des Königs von Württemberg, Karl, am 1. Juni 1865 – Pavillon mit dem Atelier von Hornung und Sinner in der Wöhrdstraße (heute Uhlandstraße) ist direkt am linken Rand der Abbildung zu sehen (kolorierter Holzschnitt von Wilhelm von Breitschwert). Anfänge Im Dezember 1864 beantragte Hornungs Schwiegervater, der Glasermeister Wilhelm Kieß, die Genehmigung für den Bau eines Ateliers auf dem Grundstück seines Wohnhauses in der oberen Wöhrdstraße (heute Uhlandstraße). Es war in Tübingen neu, dass das Atelier sich in einem extra gebauten, freistehenden Pavillon befinden sollte. Sowohl ein Teil der Wände, als auch des Daches sollten verglast werden. Der Stadtrat befasste sich mehrmals mit dieser Angelegenheit – es gab Vorbehalte in Bezug auf das „unförmige“ Dach, um so mehr, weil das Pavillon in der Neckarvorstadt, einer neuen repräsentativen Siedlung gebaut werden sollte.Diese Siedlung befand sich zwischen der Altstadt und dem 1861 eröffneten Bahnhof. Die Baugenehmigung wurde im März 1865 endlich erteilt. Nach schnell durchgeführten Bauarbeiten wurde das Atelier „Hornung & Sinner, Maler und Photographen, Neckarvorstadt“ am 5. Mai 1865 eröffnet. Obwohl die Fotografenwerkstatt nach außen hin den Eindruck einer Gesellschaft machte, gehörte sie in Wirklichkeit nur Hornung.Wolfgang Hesse: Ansichten aus Schwaben …, s. 37.

mini|Grundriss des Ateliers in der Gartenstraße 7 mini|Sinners Rechnung von 1868 auf einem von ihm entworfenen Formular mit der Abbildung des Hauses in der Gartenstraße 7 (Lithographie nach Fotografie) mini|Früheres Haus von Paul Sinner in der Gartenstraße 7 (Zustand von 2012) Volkstrachten – ein Thema, das für Sinner sehr wichtig war – wurden von Hornung und Sinner beinahe von Anfang an fotografiert. 1865 gab es dazu eine gute Gelegenheit. Der aus dem Anlass der Thronübernahme durch Württemberg reisende König Karl, kam im Sommer nach Tübingen, wo man ihm u. a. „34 Bauernpaare in ihrer schönen Steinlacher Tracht“ präsentierte.Wolfgang Hesse: Ansichten aus Schwaben …, S. 51 – Zitat aus der „Tübinger Chronik“ vom 4. Juni 1865. Die Huldigung des Königs diente dazu, an die Tradition anzuknüpfen, weil Volkstrachten zu dieser Zeit fast nicht mehr getragen wurden.

Von Anfang an wollte Sinner sich nicht auf die Fotografentätigkeit beschränken und im November des gleichen Jahres eröffnete er im „Rupfschen Hause“ in der Neckargasse auf eigene Rechnung einen Laden mit Kunstgewerbe und den Fotografien aus dem gemeinsamen Atelier.

Völlige Selbstständigkeit Das gemeinsame Atelier mit Hornung, in dem er nur ein untergeordneter Teilhaber war, war für Sinner nur eine Übergangslösung: bereits nicht einmal zwei Jahre später, Anfang 1867, kaufte er ein Haus (eine ehemalige Remise) in der Gartenstraße 7, direkt am Fuße des Österbergs, an dessen Hang ein Weinberg lag. Das Haus wurde gründlich umgebaut: Im Dachgeschoss entstand das Atelier (der Salon mit dem verglasten Dach befand sich in dem zum Berg gewandten Teil), und den unteren Stock nutzte Sinners Familie als Wohnung. Das neue Atelier wurde offiziell am 27. Oktober 1867 eröffnet.Wolfgang Hesse: Ansichten aus Schwaben …, S. 38. Um Kunden in sein Atelier zu locken, installierte Sinner auf dem Dach seines Hauses große Lettern, die den Schriftzug „P. Sinner Photograph“ ergaben. Auf einem damals noch existierenden Pfeiler des Neckartores brachte er einen Schaukasten an, in dem man seine Fotos bewundern konnte.

Sinner war sowohl vielseitig und tatkräftig, als auch erfinderisch: Weil zu dieser Zeit in der Fotografie nur nasse Platten verwendet wurden, die sofort nach dem Belichten entwickelt werden mussten, kaufte er bereits im ersten Jahr der Selbständigkeit eine Ein-Pferd-Kutsche, die ihm zum Transport des extra angefertigten aufklappbaren Dunkelkammerzeltes diente. Das war eine große, flache Holzkiste mit klappbaren Beinen. Nach dem Aufklappen des Deckels wurde das daran festgemachte Zelt aufgestellt, das den Fotografen von oben zudeckte. Dank dieser Vorrichtung war Sinner unabhängig vom Atelier und konnte sowohl bei den Kunden fotografieren, als auch im Freien, was er im eigenen Auftrag tat.Wolfgang Hesse: Ansichten aus Schwaben …, S. 39.

Für die Fotos des Klosters Bebenhausen, die dank der transportablen Dunkelkammer entstanden, erhielt er vom König Karl von Württemberg bereits 1868 eine „Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft“. Die Medaille erleichterte es ihm, eine Fotografiergenehmigung während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 zu erhalten. Für dieses Projekt der fotografischen Dokumentation der Kampfhandlungen, wofür Sinner bis ins Elsass fuhr, war die transportable Dunkelkammer wieder unentbehrlich.

mini|354px|links|Weinlese 1875 in Sinners Weinberg hinter seinem Haus in der Gartenstraße 7. Zu sehen sind: Wilhelmine Sinner mit den Söhnen Theodor, Hermann und Carl, sowie das Kindermädchen Babette, der Weingärtner mit seinem Sohn und – mit Schreckschutzpistole – ein Angestellter des Fotoateliers. 1868 eröffnete Sinner ein zweites Atelier: in Gmünd.Johannes Schüle: Gmünder Photographen, S. 41. Dort beschäftigte Sinner vermutlich einen Fotografen. Es existierte aber nur einige Monate, weil Sinner vermutlich feststellte, dass er sich nicht zwischen zwei Städten zerreißen konnte, in einer Zeit, als die Reise mit dem Zug noch einen halben Tag dauerte. Mit Gmünd blieb er jedoch weiter im Kontakt: Der Gmünder Fotograf Wilhelm Boppel, den Sinner vermutlich noch aus der Zeit kannte, als er bei Bleibel arbeitete, hatte das Exklusivrecht, seine Porträts in Gmünd zu verkaufen; besonders muss man hier das seltene Porträt des neuen katholischen Bischofs von Rottenburg Karl Joseph von Hefele von 1870 erwähnen.Johannes Schüle: Gmünder Photographen, S. 42.

mini|Sennhütte mit dem Dunkelkammerwagen, um 1870 Sinner besaß auch ein Grundstück, deutlich höher gelegen, auf einem relativ ebenen Teil des Österberges, der als Wielandhöhe bezeichnet wird. Auf diesem Grundstück trocknete er anfangs seine Nassplatten. Obwohl er sich als Fotograf bewährte, – gezwungen wohl durch die finanzielle Notwendigkeit wegen der sich vergrößernden Familie – nahm er seine frühere Idee auf und eröffnete 1876 in dem großen, auf diesem Grundstück stehenden Gartenhäuschen, das er ursprünglich als Alterssitz für seinen Vater bauen ließ,Jürgen Jonas: Tübingen zu Fuß. 13 Stadtteilrundgänge, VSA Verlag : Hamburg 1994, ISBN 3-87975-537-X, S. 134. das Restaurant Sennhütte. Das Restaurant, das einen herrlichen Blick auf die Stadt bot, wurde zur beliebten Ausflugsgaststätte. Zunächst wurde es von Sinners Frau geführt, später wurde es verpachtet und existierte bis 1898, als Sinner diesen Besitz an die benachbarte Studentenverbindung „Corps Rhenania“ verkaufte, die 1886 in der Nähe des Restaurants das bis heute existierende Corpshaus erbaute.Während des Ausbaus des Hauses war die Sennhütte die Interimskneipe der Verbindung.