mini|hochkant=1.1|Das Rathaus von Kempten (2018)

Das Rathaus der Stadt Kempten (Allgäu) ist ein mittelalterliches, denkmalgeschütztes Bauwerk, das im Jahr 1474 errichtet wurde. Es ersetzte ein Fachwerkhaus aus dem Jahre 1368, das zunächst als Kornspeicher gedient hatte und ab 1382 zumindest teilweise als Rathaus für den Stadtrat sowie als Gerichtsgebäude und Finanzhaus genutzt worden war. Heute haben noch der Stadtrat, das Veranstaltungsamt sowie der Oberbürgermeister und die Bürgermeister Kemptens ihren Sitz in dem Gebäude. Vor dem Rathaus steht der Rathausbrunnen aus dem 17. Jahrhundert. Die heutige Fassade des Rathauses stammt aus den 1930er-Jahren.

Trotz des jahrhundertelangen Nebeneinanders der Freien Reichsstadt Kempten und der Fürstabtei Kempten, die vor den Toren der Reichsstadt ihre eigene, gleichnamige Siedlung mit Stadtrecht besaß, hatte lediglich die Reichsstadt ein Rathaus.

Lage mini|Der Plan aus dem Urkataster von 1823/26 zeigt die Position des Rathauses auf dem heutigen Rathausplatz

Das Rathaus erhebt sich als Hauptgebäude auf dem langgestreckten Rathausplatz, dem Kern der mittelalterlichen Reichsstadt und heutigen Altstadt. Der frühere Marktplatz um das Hauptgebäude war seit dem späten Mittelalter das wirtschaftliche und gesellschaftliche Zentrum der reichsstädtischen Zeit. So nannte sich das am Westende liegende, länglich gehaltene Areal Markt-Gasse. Direkt vor dem Rathaus steht der Rathausbrunnen. Am Platz befinden sich zahlreiche im Kern gotische Bauwerke. Neuere Bauwerke sind durch historisierende Fassaden erkennbar. So wurde während der Altstadtsanierung die nördliche Häuserreihe bis zum prunkvollen Ponikauhaus größtenteils abgerissen und durch Betonbauwerke, wie beispielsweise die neue Stern-Apotheke, ersetzt.Altstadtsanierung am Beispiel Kempten im Allgäu. In: Der Bauberater – Werkblatt des bayer. Landesvereins für Heimatpflege e. V. 36. Jahrgang, Heft 1/2, München 1971.Urkataster der Stadt Kempten 1826 (vermessen 1823)

Vom Ponikauhaus aus weiter östlich zum heutigen Hotel Fürstenhof und nach einem sachlich gehaltenen Haus liegt der Londoner Hof. Wenige Meter weiter öffnet sich der Kirchplatz der St.-Mang-Kirche, die bis in das 16. Jahrhundert vom Friedhof der Erasmuskapelle umgeben war. An der Westseite stehen mit dem Stadtarchiv, dem Citymanagement im alten Zollamt (Kempten) und dem Neubronner Haus weitere Bauwerke der Stadt. Nach einigen unauffälligen, schmaleren Häusern verengt sich der Rathausplatz wieder an der ehemaligen Brauereigaststätte Zum Grünen Baum. Von der Marktgasse aus kann die Rathausstraße, früher Holzmarkt, über der sich das Dorn-Schlößle mit der darunterliegenden Freitreppe erhebt, erreicht werden. Daneben grenzen weitere Häuser wie das Zorn-Haus an. Unweit vom Rathausplatz stehen die König’schen Häuser sowie Zunfthäuser wie das Müßiggengelzunfthaus und das Weberzunfthaus.

Baugeschichte Ein Rat wird in Urkunden erstmals im Jahr 1273 erwähnt. Die heutige Stadt Kempten war bis in das 19. Jahrhundert zweigeteilt. Die Stadtmauer trennte die Reichsstadt Kempten vom Fürststift Kempten mit eigenem Stadtrecht im Westen. Viele Gebäude des Stiftes lagen auch auf dem raren und dichtbebauten Grund der Reichsstadt – dieser war ebenso teils Eigentum des Stifts.S. 37–39. Zu ihnen zählte der ehemalige Salzstadel, der heutige Ort des Stadttheaters Kempten. Die Situation zweier nebeneinander liegender Städte namens Kempten endete 1802/1803 mit der Mediatisierung der Reichsstadt nach der Einnahme durch bayerische Truppen und 1818 mit dem Zusammenschluss der ehemaligen Reichs- und Stiftsstadt zu einer Stadt.

14. Jahrhundert: Ursprünge und Vorentwicklungen mini|Urkunde über den Bau eines Kornhauses an der Stelle des Rathauses vom 10. November 1368

Das Rathaus hat seine Ursprünge im Jahr 1368.Wolfgang Haberl: Allgäu, Außerfern, Kleinwalsertal, Bregenzerwald. Lexikon der Euregio via salina. Verlag Tobias Dannheimer, Kempten, 2002, ISBN 3-88881-038-8, S. 184f. Zu diesem Zeitpunkt befand sich an der heutigen Stelle des Rathauses ein Fachwerkbau, der als Kornspeicher gedient hat. Im November desselben Jahres entstand ein Lehensvertrag zwischen der Reichsstadt und dem Fürstabt Heinrich von Mittelberg.

Der erste Rat wurde nach der Anerkennung der Reichsstadt Kempten durch Karl IV. im Mai 1361 gebildet. Im Dezember wurden daraufhin zwölf Räte ernannt. Der erste Bürgermeister der Reichsstadt hieß Heinrich Schultheiß, auch Heinrich der Spickel genannt.

Die Ratssitzungen fanden lange Zeit in Geschäften oder Lagerräumen statt. Erstmals erwähnt wird die Nutzung eines Kornspeichers als Rathaus im Jahr 1382. Seitdem werden in historischen Dokumenten die Begriffe Kornhaus, nicht zu verwechseln mit dem stiftsstädtischen Kornhaus, und Rathaus als Synonym benutzt. Wann genau das Kornhaus in die Hände der Reichsstadt überging, ist unklar.S. 40.

Aufgrund des Lehensvertrags gab es immer wieder Konflikte mit dem Abt. Nach dem Tod eines Lehensnehmers soll die Reichsstadt keinen Nachfolger ernannt haben. Der Fürstabt war der Ansicht, dass das Kornhaus dadurch an ihn zurückfalle. Ein Schiedsgericht, bestehend aus Bürgern von Regensburg und Ulm sowie einem Bürgermeister Memmingens, kam zu dem für die Reichsstadt hilfreichen Entschluss, das Kornhaus dürfe weiterhin von der Reichsstadt verwendet werden. Festgestellt wurde, dass es zu keinem Vertragsbruch vonseiten der Reichsstadt gekommen ist.

15. Jahrhundert: Steinhausbau mini|Kontrahenten, die sich geeinigt haben: Gordian Seuter, Bürgermeister der Reichsstadt, und Fürstabt Sebastian von Breitenstein

Der Rat, die Gerichtsbarkeit und der Handel mit dem Korn benötigten zunehmend mehr Platz. Nach ältesten Dokumenten wurde der Holzbau im Jahr 1474 durch einen größeren, massiven, schlichten Steinbau ersetzt, für den die Reichsstadt einen Kredit von 3000 Pfd. Heller bei der Kirche St. Mang aufnahm. Dieser Steinbau entsprach in den Abmessungen dem heutigen Bauwerk. Auf eine besondere Ausschmückung wurde beim Neubau verzichtet; der Boden gehörte immer noch dem Stift. Historiker nehmen allerdings an, dass bereits vor 1525 der Grund der Reichsstadt gehörte, denn bei dem Großen Kauf von 1525 zwischen der Reichsstadt und dem Stift wurde im Kaufregister kein Rat- oder Kornhaus erwähnt.S. 46.

Das zweite Stockwerk teilten sich zwei verschieden große Säle mit einem Zwischenraum. Die erste Etage hatte nur einen durchgehenden Raum. Im Erdgeschoss gab es zwei Räume mit einer Grundfläche von etwa 400 m².S. 61–66.

16. Jahrhundert: Gestaltungsmaßnahmen mini|Die erste Abbildung des Rathauses aus dem Jahr 1569

Das Selbstbewusstsein und der Stolz der Reichsstädter stieg durch das 1488 von Kaiser Friedrich III. verliehene Recht, sich durch Ämter selbst verwalten zu können, und verstärkte sich durch die Münzprägeerlaubnis aus dem Jahr 1510 sowie durch die Einführung eines Gerichtswappens mit Gerichtssiegel. Durch das Verhandlungsgeschick des Bürgermeisters Gordian Seuter kaufte sich die Stadt 1525 vom Fürstabt los. Dieses geschichtliche Ereignis wird als „Großer Kauf“ bezeichnet.

Das gestiegene Selbstbewusstsein im 16. Jahrhundert lässt sich an größeren Baumaßnahmen erkennen. In den 60er-Jahren des 16. Jahrhunderts wurde das Rathaus umfassend verschönert und verbessert. Nach einem Ratsprotokoll vom Juni 1564 wurde eine Trompeterfigur (in alten Urkunden als Trompetenmännlein bezeichnet) mit einer Rüstung auf das Dach gesetzt. In Dokumenten vom August 1567 wird beschrieben, dass der kleine Turm auf dem Westgiebel gebaut wurde. In diesen Turm kam die kleine Glocke der St. Michaelskapelle, heute hauptsächlich als Erasmuskapelle bekannt, zum Einsatz. Aus dem Jahr 1569 stammt die erste Abbildung der Stadt, in der das Rathaus in seiner heutigen Form zum ersten Mal dargestellt wird. Der Holzschnitt wurde von Hanß Abelin und Hanß Rogel angefertigt.S. 68–71.

Als Folge einer drastischen allgemeinen Teuerung im Jahr 1571 endeten die gestalterischen Maßnahmen, da die vorhandenen Gelder anderweitig eingesetzt werden mussten. Um eine Hungersnot zu vermeiden, wurden die Kornkammern des Rathauses geöffnet und Korn zugekauft.

17. und 18. Jahrhundert: Krisenjahre im Renaissance-Rathaus Im 17. Jahrhundert erfolgte eine bauliche Stiländerung des Rathauses. Die spitzen Türme und treppenähnlichen Giebel der Gotik wurden durch Renaissanceelemente, wie den gewölbten Turmhauben, abgelöst. 1628 kam es in Kempten zu einem von vielen Pestausbrüchen. Die Reichsstadt Kempten verlor 2735 Einwohner.

Kurz darauf wurde die Reichsstadt im Dreißigjährigen Krieg abwechselnd von kaiserlichen und schwedischen Truppen besetzt: Zunächst griffen Schweden mit Beihilfe der Reichsstädter das Kloster des Fürstabts an. Als Rache hierfür stürmten im Januar 1633 kaiserliche Truppen die Reichsstadt und töteten ein Drittel der Bevölkerung. Als Folge des kaiserlichen Angriffs versammelten sich die noch lebenden Männer im Rathaus, um sich für zwei Tage zu beraten. Ofen und Fenster waren im kalten Winter zuvor bei den Angriffen beschädigt worden. Durch die Brände während der Eroberungen ging ein Teil der im Rathaus gelagerten Archivalien verloren.

1642 wurde der durch den Angriff beschädigte Brunnen vor dem Rathaus wieder repariert.S. 74–78.

Infolge des Spanischen Erbfolgekriegs wurde 1703 auf Befehl eines französischen Generals ein Wachhaus an der Ostseite angebaut, das 1823 durch einen Neubau ersetzt wurde. Auf die im 18. Jahrhundert in der Region übliche Barockisierung wurde beim Rathaus verzichtet. So wurden zahlreiche Patrizierhäuser wie das Ponikauhaus, oder die St.-Mang-Kirche, barockisiert.S. 83–90.

19. Jahrhundert: Kempten wird bayerisch mini|Der ausgeführte Entwurf von Ludwig von Kramer mini|Zwischen 1878 und 1897 erstellte Fotografie vom Rathaus mit der Umsetzung von Kramer

Napoleon Bonaparte versprach dem bayerischen Kurfürsten die schwäbischen Reichsstädte. Um sich dies zu sichern, besetzten Max I. Josephs Truppen am 27. August 1802 die Reichs- und Stiftsstadt Kempten. Durch ihn wurden die beiden Städte quasi zwangsvereint. Als Folge der Vereinigung wurde der reichsstädtische Rat aufgelöst. Der Bürgermeister Jakob von Jenisch legte sein Amt freiwillig nieder. 1804 bekam die Stadt einen Verwaltungsrat, der das bisherige Magistrat ersetzte. Der neue Rat bestand aus fünf Verwaltungsräten und einem Bürgermeister.S. 81f

Die gestiegenen Verwaltungsverhältnisse in der Stadt benötigten mehr Platz im Rathaus. Das Stadtgericht besaß damals nur einen kleinen Gerichtssaal, das Rechen- und Knechtstüble. Wegen der beengten Platzverhältnisse wurden im Februar 1808 die notwendigen Baumaßnahmen zur Umstrukturierung beschlossen. Die Stadt war so verschuldet, dass sie kein Geld für die benötigten Veränderungen aufbringen konnte. So nahm sie einen Kredit von 17.000 Gulden beim bayerischen Innenministerium auf. Bei dem Umbau wurden mehrere Wände abgebrochen. Die Steinböden wurden durch Dielen ersetzt. Die Treppe zum Dachboden und Tür- und Fensterstöcke wurden erneuert. Die neuen Öfen benötigten zusätzliche Kamine, die mit einem Zug über das Dach geführt wurden. Die ganzen Arbeiten wurden im Sommer 1810 vollendet.

Im Jahr 1818 konnten die Bürger gemäß der ersten Bayerischen Verfassung wieder einen Magistrat wählen. Der Magistrat bestand aus Bürgermeister, Rechtsrat, Stadtschreiber, acht bürgerlichen Magistratsräten und 24 Gemeindebevollmächtigten und hatte seinen Sitz im Rathaus. Ein Jahr zuvor wurde das Gericht aus dem Rathaus in die Residenz verlegt. Im Rathaus blieb somit nur noch die Stadtverwaltung.