mini|Richard Meinertzhagen, 1922

Richard Meinertzhagen, D.S.O., C.B.E. (* 3. März 1878 in Kensington, London; † 17. Juni 1967 ebendort) war ein britischer Offizier, Naturforscher und Hochstapler. Er war insbesondere in der militärischen Aufklärung tätig und bekleidete zuletzt den Dienstrang eines Colonel. Außerdem besaß er zu seiner Zeit die größte private Sammlung von Vogelpräparaten und verfasste einige Standardwerke zur Ornithologie. Sein Biograf Brian Garfield warf ihm später vor, dass seine Vogelsammlung teilweise zusammengestohlen bzw. hinsichtlich der Herkunft manipuliert sei. Auch bezüglich der militärischen und geheimdienstlichen Abenteuer in seinen Tagebüchern warf er ihm zahlreich Übertreibungen und Falschbehauptungen vor. Diese hatten zuvor auch in der Geschichtswissenschaft breite Rezeption gefunden und galten dort lange als vertrauenswürdige Quelle.Zum Beispiel zitiert Hew Strachan: Der Erste Weltkrieg. Eine neue illustrierte Geschichte. Pantheon, München 2006, S. 114 und 116, aus Meinertzhagens Tagebüchern. Fast die Regel ist es, dass sie in Büchern zur ostafrikanischen Geschichte als Quelle genutzt werden, so etwa Geoffrey Hodges: Kariakor The Carrier Corps: The Story of the Military Labour Forces in the Conquest of German East Africa, 1914 to 1918. Roy Griffin (Hrsg.). Nairobi University Press, Nairobi 1999, ISBN 9966-846-44-1; oder Carl G. Rosberg, Jr. und John Nottingham: The Myth of 'Mau Mau' Nationalism in Kenya. East African Publishing House, Nairobi 1966. Meinertzhagen war eines der Vorbilder für Ian Flemings Romanfigur James Bond.

Herkunft und Jugend Meinertzhagen wurde in eine Bankiersfamilie geboren, die zur britischen Finanzaristokratie gehörte. Dieser englische Zweig der Familie ging auf den Bremer Bankier Daniel Meinertzhagen V. (1801–1869) zurück, der 1826 nach England gekommen und 1837 eingebürgert worden war. Er heiratete die Tochter des Bankiers Frederick Huth und wurde ab 1850 Partner in der Bank Frederick Huth & Co.,Georgina Meinertzhagen: A Bremen Family. Reprint: General Books, Memphis, Tennessee, 2010, S. 2 und 105f. die zur zweitwichtigsten anglo-deutschen Handelsbank nach den Rothschilds aufstieg. Richards Vater Daniel VI. (1842–1910) war Seniorpartner der Bank, seine Mutter Georgina (–1914) eine geborene Potter. Richard war das dritte von insgesamt zehn Kindern und der zweite Sohn. Die Ehe seiner Eltern scheint unglücklich gewesen zu sein, meistens lebten sie getrennt. Die Kinder wurden von einer Kinderfrau aufgezogen.

mini|Mottisfont Abbey, der Familiensitz der Meinertzhagens Als Meinertzhagen sieben Jahre alt war, zog die Familie in das ehemalige Kloster von Mottisfont, Romsey, im Test-Tal von Hampshire, das sie erworben hatte. Dazu gehörte ein Besitz von 800 Hektar, der von einer großen Dienerschaft gepflegt wurde. Hier lernte Meinertzhagen die Jagd und wurde begeisterter Vogelbeobachter. Nach seinen eigenen Angaben will er lange Wanderungen mit Herbert Spencer unternommen haben, und Charles Darwin habe ihn noch auf den Knien gehaltenDie Anekdote wird etwa in seinem Nachruf Colonel Richard Meinertzhagen C.B.E., D.S.O. 1878–1967. In: The Ibis. Bd. 109, Nr. 4 (1967), S. 617–620, hier S. 617 wiederholt. Schon angesichts Darwins damaligen gesundheitlichen Zustands ist es äußerst unwahrscheinlich, dass beide je einander begegnet sind. (eine angeblich Darwin gehörende Pfeife, die Meinertzhagen 1958 der Linnean Society spendete, stellte sich als 1928 in Birmingham produziert heraus). Tatsächlich bekannt war er mit der Suffragette Beatrice Webb, weil es sich um seine Tante handelte.

Meinertzhagen besuchte zunächst ein Internat in Aysgarth im Norden Englands, dann in Fonthill. Später folgte er seinem großen Bruder nach Harrow auf dieselbe Schule, die Winston Churchill einige Klassen über ihm absolvierte. Er muss ein hervorragender Schüler gewesen sein, denn er bewältigte innerhalb von vier Jahren den Stoff von sechs Schuljahren und war zugleich ein guter Athlet. 1895 trat er in die Bank seines Vaters ein und wurde im folgenden Jahr – er war 18 Jahre alt – nach Köln und Bremen geschickt. Hier lernte er fließend Deutsch, das Bankgeschäft langweilte ihn jedoch. Nach einem dreiviertel Jahr kehrte er nach England zurück.Nach Angaben in seinem Nachruf: Colonel Richard Meinertzhagen, C.B.E., D.S.O. 1878–1967. In: The Geographical Journal. Bd. 133, Nr. 3, 1967, S. 429f., soll er an der Universität Göttingen studiert haben.

Er konnte seinen Vater zu der Erlaubnis überreden, in die Landwehrkavallerie von Hampshire (Hampshire Yeomanry) einzutreten. Sein älterer Bruder Dan war vorgesehen, die Familienbank fortzuführen, doch starb der 1898 an einer Blinddarmentzündung bei einem Aufenthalt in Deutschland. Meinertzhagen fand sich im Alter von 19 Jahren plötzlich in der Rolle des ältesten Sohns wieder. Sein Vater versuchte das Interesse am Bankgeschäft zu wecken, indem er ihn zur Ausbildung an einen befreundeten Börsenhändler gab, doch war Meinertzhagen hierfür allzu offensichtlich untauglich. Er begann einen Offizierslehrgang in Aldershot und trat 1899 als Second Lieutenant bei den Royal Fusiliers (City of London Regiment) ein.

Karriere beim Militär Anfänge in Indien mini|Britisch-Indien 1909 Im Februar 1899 verließ Meinertzhagen England, um sich einem Bataillon seines Regiments, das in Indien stationiert war, anzuschließen – Auftakt zu einer 25 Jahre währenden militärischen Karriere. Nach Auskunft seiner Tagebücher erlebte er bereits zu Beginn der Reise eine Reihe von Abenteuern. So will er bei einem Aufenthalt in Kairo ein kleines englisches Mädchen aus einem Bordell gerettet oder mit einem durchgehenden Elefanten die tägliche Truppenparade auseinandergetrieben haben. Für solche und ähnliche Geschichten lassen sich außerhalb der Bücher von Meinertzhagen keine Belege finden, aber sie waren gut erzählt und brachten ihm später eine treue Lesergemeinde ein. Tatsächlich erkrankte er an Typhus und wurde zur Genesung nach England und verschiedene Orte in Britisch-Indien geschickt. In Wellington in den Nilgiri-Bergen von Südindien freundete er sich mit dem jungen F. M. Bailey an, der später als Spion bekannt wurde. Im Februar 1900 wurde er zum Lieutenant befördert. Zuletzt diente er 1901/02 in einer Einheit berittener Infanterie in Mandalay, hatte jedoch, gemäß seinen Behauptungen, nie ein Kommando inne.

Das Nandi-Massaker hochkant=1.8|mini|Das Riesenwaldschwein wurde 1904 von Meinertzhagen als erstem Europäer entdeckt. 1902 wurde Meinertzhagen nach Britisch-Ostafrika zu den King’s African Rifles versetzt. Nach einem kurzen Aufenthalt in Nairobi nahm er den Dienst im Außenposten Fort Hall im Siedlungsgebiet der Kikuyu auf. Meinertzhagen behauptete später, auch in Fort Hall das Kommando geführt zu haben, tatsächlich stand er an dritter oder vierter Stelle der Rangfolge. Folgt man seinem Tagebuch, das als Kenya Diary veröffentlicht worden ist, so hat er sich nach Einschätzung seines Biografen Brian Garfield des Völkermords schuldig gemacht. Immer wieder beschreibt Meinertzhagen Szenen, in denen er mit seinen Soldaten die Bewohnerschaft ganzer Dörfer auslöschte und auch die Kinder nicht schonte. Zusammengezählt will er so rund 1500 Menschen getötet haben. Diese blutrünstigen Fantasien werden bis heute gerne als Paradebeispiel für britischen Imperialismus angeführt. Tatsächlich findet sich jedoch – mit einer Ausnahme – in den sorgfältig geführten Akten des britischen Heers, in denen viel kleinere Vorfälle penibel vermerkt wurden, kein Hinweis darauf, dass Meinertzhagens Selbstbezichtigungen stimmen könnten. Vielmehr wurde er zum Kartieren eingesetzt und widmete sich der Jagd. Bei dieser Gelegenheit entdeckte er 1904 das Riesenwaldschwein Hylochoerus meinertzhageni, das nach ihm benannt ist.Grzimeks Tierleben. Bd. 13: Säugetiere 4. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1979, S. 97f. Er schickte nicht nur Tierhäute, sondern auch eine große Zahl Insekten und gepresster Pflanzen nach England. mini|Nandi-Krieger Das einzige Massaker, für das Meinertzhagen tatsächlich verantwortlich war, verursachte einen internationalen Skandal (vgl. Nandi-Expedition). 1905 war er als Adjutant im Nandi Fort im Hochland von Kenia eingesetzt (er selbst bezeichnet sich wieder als Kommandant). Angehörige der Nandi fühlten sich vom Bau der Eisenbahn nach Uganda gestört und versuchten diesen zu sabotieren. Nach Auskunft der Akten schlugen der Kommandeur der britischen Einheiten in dem Gebiet, Lieutenant-Colonel Edgar G. Harrison, sowie sein Adjutant, Major Ladislaus Herbert Richard Pope-Hennessy, deshalb vor, den Nandi-Kriegern eine Falle am Ket Parak Hill zu legen. Als sich die Ereignisse nicht wie geplant entwickelten, waren sie froh, als Meinertzhagen freiwillig die gesamte Verantwortung übernahm. Soviel sich aus den widersprüchlichen Berichten ausmachen lässt, wurde der Führer der Nandi, der so genannte Laibon, zu Friedensgesprächen eingeladen. Als er dazu mit rund 25 Kriegern erschien, massakrierte Meinertzhagen zusammen mit weiteren fünf Soldaten die Friedensdelegation. Mit einem Schlag war die Opposition gegen die britische Herrschaft beendet worden. Nach Angaben von Meinertzhagen kämpfte er mit einer Pistole und die Gegenseite mit Speeren. Meinertzhagens Biograf Brian Garfield hat einen Ablauf rekonstruiert, bei dem die Nandi-Krieger mit einem Maxim-Maschinengewehr erschossen wurden.Brian Garfield: The Meinertzhagen Mystery. The Life and Legend of a Colossal Fraud. Potomac Books, Washington, D. C. 2007, S. 68. Im September 1915 wurde er zum Captain befördert.

Das Nandi-Massaker wurde von Ende 1905 bis Anfang 1906 insgesamt dreimal von Kommissionen untersucht, die Meinertzhagens Verhalten jedes Mal für ehrenhaft erklärten. Die Kolonialabteilung des britischen Auswärtigen Amts bestand jedoch darauf, dass Meinertzhagen aus Afrika abgezogen und nach England zurückbeordert wurde. Er setzte dort die Verbindungen seiner einflussreichen Familie ein und erreichte schließlich, dass er im Februar 1907 zum 3. Bataillon seines Regiments, den Royal Fusiliers, in Kapstadt geschickt wurde.

Nach Angaben von Meinertzhagen – die außerhalb seiner Tagebücher nirgendwo eine Stütze finden – wurde er 1910 als Spion eingesetzt, um auf der Krim ein russisches Fort auszuspähen. Er besteht zahlreiche Abenteuer, das wildeste auf einer Zugfahrt durch die griechischen Berge, bei der der Zug entgleist. Ein Waggon hängt über dem Abgrund und Meinertzhagen hört eine junge Frau schreien. Er rettet sie, kurz bevor der Waggon in den Abgrund fällt. Solche Fantasien sind später von Meinertzhagen-Biografen als Tatsachen aufgefasst worden, jedoch lässt sich für 1910 kein entsprechender Eisenbahnunfall in Griechenland nachweisen. Im wirklichen Leben war Meinertzhagen ab Juli 1910 auf Mauritius stationiert (wieder behauptet er fälschlich, ein Kommando innegehabt zu haben), wo er seinen ersten ornithologischen Fachartikel schrieb. Er bewarb sich für den Stabsoffizierslehrgang in Sandhurst, wurde abgelehnt, jedoch am Staff College in Quetta angenommen, weshalb er 1911 wieder nach Indien reiste. 1913 wurde sein rechtes Auge bei einem Schusswaffenunfall von einem Schrotkorn getroffen. Er musste mehrere Monate im Krankenhaus verbringen, hätte beinahe das Auge verloren und trug seitdem eine Brille.

Im Mai 1913 soll ein Vorfall passiert sein, für den es ebenfalls nur seine Tagebücher als Quelle gibt. Meinertzhagen besuchte demnach seine Polo-Ponys in ihrem Stall und stellte fest, dass sie vom Diener misshandelt worden waren. In seiner Wut erschlug er den Diener mit einem Poloschläger. Auch diese Geschichte ist später häufiger als Beleg für den Charakter des britischen Imperialismus zitiert worden. Jedenfalls fand Meinertzhagen nichts dabei, sich selbst in aller Öffentlichkeit als Massenmörder und Totschläger darzustellen.

Chef der militärischen Aufklärung im Feldzug gegen Lettow-Vorbeck in Ostafrika 240px|mini|Tote indische Soldaten am Strand bei Tanga