Die Wirtschaft Albaniens () gehört zu den am wenigsten entwickelten in Europa. Albanien befindet sich seit dem Sturz des Kommunismus 1990/91 in einem Transformationsprozess von der ehemals sozialistischen Planwirtschaft in eine moderne offene Marktwirtschaft. Etwa zwei Fünftel der Erwerbstätigen sind heute im landwirtschaftlichen Sektor beschäftigt, der jedoch nur etwas mehr als ein Fünftel des Bruttoinlandsproduktes (kurz BIP) erwirtschaftet. Das BIP beträgt pro Kopf immer noch nur etwa 40 Prozent des EU-Durchschnitts. Dies verdeutlicht die recht schwierige Lage der Wirtschaft im Land, die sich jedoch seit dem Ende des bürgerkriegsähnlichen Lotterieaufstandes 1997 kontinuierlich verbessert. Von der weltweiten Finanzkrise ab 2007 wurde Albanien zunächst verschont, das BIP-Wachstum war konstant. Doch 2012 und 2013 fiel das Wirtschaftswachstum und die Staatsschulden überschritten die 60-Prozent-Marke.
Geschichte Bis zur kommunistischen Machtübernahme nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Albanien, das eine Provinz an den äußeren Grenzen des Osmanischen Reiches war, nur ganz vereinzelt industrielle Betriebe. Die Infrastruktur war sehr bescheiden; es gab kaum Verkehrswege oder Elektrizität. Handwerksbetriebe und Landwirtschaft dominierten das Wirtschaftsleben, wobei die meisten Bauern von Großgrundbesitzern abhängig waren. Während der etwas mehr als 45 Jahre der Sozialistischen Volksrepublik wurde das Land in der Folge stark industrialisiert. Nach wie vor war aber auch die Landwirtschaft sehr wichtig.
mini|links|Das Stahlwerk Stahl der Partei bei Elbasan, das in den 1970er Jahren eröffnet wurde, beschäftigte bis zu 12.000 Arbeiter. mini|links|Die Karte von 1963 bietet einen Überblick über die wichtigsten wirtschaftlichen Aktivitäten zur damaligen Zeit Die Partei der Arbeit Albaniens und ihr Generalsekretär Enver Hoxha kamen bei der Neugründung des Landes im November 1944 an die Macht. Die Wirtschaftsentwicklung wurde als Zentralverwaltungswirtschaft aus Tirana für das ganze Land mittels Fünfjahresplänen vorgegeben. In rund 45 Jahren entstanden in Albanien große Schwerindustriebetriebe, zahlreiche Kohle-, Chrom-, Kupfer- und Eisenerzbergwerke, Dutzende von Gewerbehäusern und viele Fabriken. Auch wurden viele Erdölgebiete erschlossen. Die Verkehrswege wurden erweitert; neue Straßen wurden gelegt und die Hekurudha Shqiptare verband nun mehr Städte und auch das Nachbarland Jugoslawien (über Shkodra und Podgorica). Die Eisenbahn wurde vor allem für den Güterverkehr genutzt. Während der Herrschaft Hoxhas entstanden auch die vielen Wasserkraftwerke an den größeren Flüssen im Landesinneren, vor allem mit sowjetischer und chinesischer Hilfe, die für eine bestimmte Zeit die wichtigsten wirtschaftlichen wie auch politischen Partner waren. Wie oben schon erwähnt, wurde die Landwirtschaft nicht vernachlässigt. Das Regime errichtete neue Weinanbaugebiete, großflächige Oliven-, Zitronen- und Orangenbaumplantagen sowie neue Landwirtschaftszonen durch die Trockenlegung von Sumpfgebieten vor allem in den Küstenregionen, wie beispielsweise in der Myzeqe-Ebene bei Lushnja, welche heute die fruchtbarste Ebene des Landes ist. Alles in allem kann man sagen, dass Albanien während des Sozialismus eine Zeit relativer wirtschaftlicher Dynamik erlebte und auf die Städte konzentriert eine Industrialisierungsphase durchmachte.
Der Fall der Diktatur kam in Albanien im osteuropäischen Vergleich relativ spät. Sein Verlauf war auch viel chaotischer, was vor allem die Massenflüchtlingswellen nach Italien und Griechenland in den Jahren 1991/92 zeigten. Die industrielle Produktion, der Bergbau und die genossenschaftlich organisierte Landwirtschaft lagen in kürzester Zeit darnieder. Die ersten Reformen – auch auf wirtschaftlichem Gebiet – kamen erst zu Beginn des Jahres 1992 zustande, als das Bruttoinlandsprodukt schon um mehr als 50 % seit 1989 gesunken war. Die neu gewählte, demokratische Regierung unter dem Studentenführer Sali Berisha (PD) fasste im April 1992 ein ehrgeiziges Reformprogramm ins Auge, um den wirtschaftlichen Niedergang zu verhindern und den Weg zur freien Marktwirtschaft zu ebnen. Die Kernpunkte dieses Programms waren die Liberalisierung des Preissystems, die Haushaltskonsolidierung, der Rückhalt der Währung und eine strenge Einkommenspolitik. Dazu gehörten weitere strukturelle Reformen, einschließlich der Unternehmensprivatisierung, der Reform des Finanzsektors und der Schaffung eines rechtlichen Rahmens für Marktwirtschaft und privatwirtschaftliche Aktivitäten. Zuerst wurden Landwirtschaft, staatliche Wohnungen und Kleinindustrie privatisiert. Dazu ergänzten sich Transportwesen, Dienstleistungen und kleine sowie mittelgroße Unternehmen. 1995 wurde mit der Privatisierung großer staatlicher Unternehmen begonnen. Die Wirtschaft Albaniens erholte sich so in den folgenden Jahren allmählich und erreichte die Stabilität, die sie noch 1989 hatte. Die verzögerte Erholung gründet vor allem auf die blutigen Unruhen im Land 1997, als riesige Pyramidensysteme zusammenbrachen, die Bevölkerung ihr ganzes Kapital verlor und anschließend die Inflation auf gefährliche 32,1 % stieg.
Lange war Albanien stark von Überweisungen von ausgewanderten Albanern abhängig. Die Zahlungen von Auslandsalbanern in die Heimat gingen aber deutlich zurück, von fast 25 % des BIP in Hochzeiten auf 6 % im Jahr 2015.
Zu den wichtigsten Privatisierungen zählten bis heute diejenige der Sparkassenbank (alb. Banka e Kursimeve) im Jahr 2004 (für 126 Mio. US-Dollar an die österreichische Raiffeisen Bank), der ALBtelecom im Jahr 2007, der Albanian Airlines im Jahr 1997 und der ARMO Ölraffinerie im Jahr 2008 (für 128,7 Mio. Euro an ein US-amerikanisch-schweizerisches Konsortium).
Aktuelle Entwicklungen mini|Absetzbecken des Chrombergbaus in Bulqiza Zwischen 2000 und 2010 wuchs die albanische Wirtschaft stark. Nach der Krise von 2009, in der Albanien immerhin noch ein Wachstum von 3 % erzielte, wurden radikale Schritte in Richtung einer weiteren Deregulierung der Wirtschaft betrieben. Eine neoliberale Wirtschafts- und Steuerpolitik sollte Investitionen und Unternehmensgründungen erleichtern, jedoch profitierten hiervon in erster Linie ausländische Investoren und junge, im Ausland ausgebildete Eliten. Die Weltbank hat das Land zum „Top-Reformer“ 2008 gekürt. Im internationalen Ranking 2009 von Transparency International ist Albanien von einem hinteren Platz auf Position 95 vorgerückt und konnte sich im Ranking 2010 um weitere Plätze auf Position 87 von 180 Staaten vorarbeiten.
Ein großer Teil der Investitionen floss in private Bauaktivitäten. Demgegenüber wurde in der Landwirtschaft kaum investiert. Der Weltwährungsfonds warnte die albanische Regierung wegen der seit 2010 stark angestiegenen Staatsschulden des Landes, die schon fast 60 % des BIP umfassen. 2012 betrugen sie etwa das Vierfache des Betrages von 2005, nämlich fast 6 Milliarden US-Dollar. Im Dezember 2011 hatte die Chefin der Weltbank in Albanien, Kseniya Lvovsky, die albanische Regierung auf die hohen Staatsschulden hingewiesen, die so schnell wie möglich gesenkt werden müssten. Sie schlug vor, die Investitionen in den Straßenbau zu mäßigen und das System der Steuereinnahmen zu verbessern. Für das Gesundheits- und Bildungssystem meinte sie, dass dort die Investitionen auf dem gleichen Niveau wie bisher bleiben sollten, da Albanien in diesen Bereichen nicht sparen dürfe.
Die 2008 eingeführte Steuer-Flatrate von einheitlich 10 Prozent für Einkommen und Firmengewinne hat die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt, auch wenn etliche Betriebe dadurch aus der Schattenwirtschaft geholt werden konnten, deren Umfang vom Internationalen Währungsfonds auf 60 Prozent der Gesamtwirtschaft geschätzt wird.Thomas Forster, Neue Kühlschränke und alte Probleme in Albanien, Neue Zürcher Zeitung, Internationale Ausgabe vom 19. Juni 2013
Während Investoren einerseits den Standort wegen der geringen Arbeitskosten und der neoliberalen Politik der Regierung grundsätzlich positiv betrachten, klagen sie zugleich über die geringe Effizienz der öffentlichen Verwaltung, der Steuerbehörden und der Infrastruktur, insbesondere der Elektrizitätsversorgung. Besonders aber in den Bereichen Bekämpfung von Korruption und Kriminalität sowie Rechtssicherheit wird von der albanischen Regierung Handeln gefordert. Alle von der Deutschen Industrie- und Handelsvereinigung in Albanien 2011/12 befragten Unternehmen geben an, dass sie unzufrieden mit der Rechtssicherheit im Land seien. 39 % der Unternehmer geben an, dass sie sehr unzufrieden mit der Qualität des Berufsbildungssystems und der Verfügbarkeit von Fachkräften seien. Was der Abwanderung ins Ausland geschuldet ist.
Auf Grund des Erdbebens im November 2019 und der COVID-19-Pandemie schrumpfte die albanische Wirtschaft 2020 um 4 %. Im ersten Halbjahr 2021 war ein Wachstum von 6,9 % zu verzeichnen, bedingt vor allem durch wachsende Exporte und stärkeren Konsum. Der Tourismus hat aktuell das Vorkrisenniveau sogar deutlich überstiegen. Und anhand von Analysen und den Entwicklungen der letzten Jahre ist dieser Wachstum fortsetzend.
Gewerkschaften haben keinen großen Einfluss auf Politik oder als Arbeitnehmervertreter. Sie vertreten rund 20 % der Angestellten, insbesondere im öffentlichen Bereich.
Kennzahlen mini|Mine von Kalimash bei Kukës Verschiedene makroökonomische Indikatoren der albanischen Wirtschaft von 1990 bis 2018. Alle BIP-Werte sind in US-Dollar angegeben. JahrBIP(in Mrd. US-$)BIP pro Kopf(in US-$)BIP Wachstum(real)Inflationsrate(in Prozent)Arbeitslosenquote(in Prozent)Staatsverschuldung(in % des BIP)1990 2,22 672 −10,0 % −0,2 % 8,5 %k. A.19911,33410-28,0 % 35,7 %8,9 %k. A.19920,84262-7,2 % 226,0 %26,5 %k. A.19931,464569,6 % 85,0 %22,3 %k. A.19942,367539,4 % 22,6 %18,4 %k. A.19952,889178,9 % 7,8 %12,9 %k. A.19963,210109,1 % 12,7 %12,3 %k. A.19972,2717-10,9 % 33,2 %14,9 %72,2 %19982,68188,8 % 20,7 %17,7 %71,2 %19993,2103212,9 % 0,4 %18,4 %68,2 %20003,511287,0 % 0,04 %16,8 %63,8 %20013,912848,3 % 3,1 %16,4 %60,6 %20024,414254,5 % 5,2 %15,8 %64,1 %20035,618465,5 % 2,4 %15,0 %60,0 %20047,223745,5 % 2,9 %14,4 %57,5 %20058,126745,5 % 2,4 %14,1 %58,2 %20068,929765,9 % 2,4 %13,8 %56,7 %200710,735946,0 % 3,0 %13,4 %53,6 %200812,943777,5 % 3,3 %13,1 %55,1 %200912,141313,4 % 2,2 %13,8 %59,7 %201011,940983,7 % 3,6 %14,0 %57,7 %201112,944392,6 % 3,4 %14,0 %59,4 %201212,342491,4 % 2,0 %13,4 %62,1 %201312,844161,0 % 1,9 %16,0 %70,4 %201413,345851,8 % 1,6 %17,5 %72,0 %201511,439362,2 % 1,9 %17,1 %74,0 %201611,841253,4 % 1,2 %15,2 %73,3 %201713,245833,9 % 2,0 %13,9 %71,3 %201815,353193,7 % 2,4 %13,7 %71,4 %
Angestellte nach Sektoren 2014 Sektor Angestellte in Prozent Bergbau 11.169 3 Industrie 73.386 20 Elektrizität, Gas, Wasser, Entsorgung 18.708 5 Bau 34.745 9 Handel 91.943 25 Gastgewerbe 36.098 10 Transport, Information, Kommunikation 30.653 8 Andere Dienstleistungen 74.148 20
Struktur Landwirtschaft und Fischerei mini|Nicht nur wie hier in Vermosh in den Albanischen Alpen, sondern überall im Land ist die Landwirtschaft meist noch wenig mechanisiert. Knapp die Hälfte der Erwerbstätigen in Albanien ist im Agrarsektor beschäftigt. Dieser erwirtschaftet etwa 19 % des BIP. Allerdings wird mehrheitlich nur Subsistenzwirtschaft auf sehr kleinen Familienbetrieben betrieben. Gerade in den ländlichen Gebieten, wo rund die Hälfte der Bevölkerung lebt, ist die Landwirtschaft noch immer mit Abstand der bedeutendste Wirtschaftszweig.