Die Stadtbefestigung von Görlitz umfasst die Verteidigungsanlagen der Stadt Görlitz zwischen dem 13. und 19. Jahrhundert. Die mittelalterliche Befestigung bestand aus der Stadtmauer, die das heutige Gebiet der historischen Altstadt umschloss, Stadttoren, Basteien, Türmen und Gräben. Große Teile der Stadtmauer wurden im 19. Jahrhundert im Zuge der Stadterweiterung abgebrochen, jedoch zeugen noch zahlreiche Bauten von der einstigen Stadtbefestigung.
mini|600px|Kupferstich der Stadt Görlitz von Daniel Pezold aus dem Jahr 1714 Verlauf der Stadtbefestigung mini|Plan von Waege 1847 – Übersicht des Verlaufs der Stadtbefestigung Die Stadtmauer maß vor dem Abriss eine Gesamtlänge von 5583 Ellen, das entspricht etwa 3,7 Kilometern. Der folgend dargestellte Verlauf der Stadtbefestigung orientiert sich an dem Zustand der Befestigung im 17. Jahrhundert. Die nordwestliche Ecke der Mauer bildete der Pulverturm. Er befand sich ungefähr am heutigen Kreisverkehr an der Jägerkaserne. Die Mauer verlief weiter über die heutige Hugo-Keller-Straße bis zum Nikolaiturm. Zwischen Nikolaiturm im Nordwesten und Peterskirche im Südosten ist die Stadtbefestigung zu weiten Teilen erhalten und heute als Grünanlage Nikolaizwinger begehbar. Die nordöstliche Ecke der Stadtmauer stellt die Hotherbastei dar. Die Mauer verlief ab der Peterskirche in etwa entlang der Uferstraße und setzte sich im Ochsenzwinger weiter südlich fort. In Höhe der Bergstraße bog die Mauer in Richtung Westen ab. Die südöstliche Eckbastion war der Schwedische Fähnrich (im nebenstehenden Plan von Waege an der falschen Position eingezeichnet). Entlang der Bergstraße, Jakob-Böhme-Straße und letztendlich der Elisabethstraße setzte sich die Mauer in Richtung des Frauentores und Dicken Turmes fort. Der heutige Marienplatz war die Zufahrt bzw. der Graben am Frauentor. Vom Dicken Turm aus verlief die Mauer über die Straße Am Museum bis in etwa an die Straßenecke an der Hinterseite des Theaters zwischen Demianiplatz und Platz des 17. Juni und von da an entlang des Platzes des 17. Juni bis zum Kaisertrutz. Vom Kaisertrutz wiederum folgte die Mauer dem heutigen Verlauf des Grünen Grabens bis zum Pulverturm.
Die Stadtmauer mini|hochkant|Das Observatorium Sculteti, Teil der Stadtmauer östlich der Peterskirche mini|Die Grünanlagen im Nikolaizwinger Bis zur Stadterweiterung um 1250 war die Stadtanlage, die sich auf der Hochebene der heutigen Peterskirche und des Vogtshofs befand, wahrscheinlich nur von Holzpalisaden geschützt. Erst im Zuge der Stadterweiterung wurden die Palisaden nach und nach durch steinerne Befestigungsmauern ersetzt bzw. der Mauerring um die Stadt erweitert. Die Stadtmauer umschloss die Stadt, abgesehen von einem kurzen Stück auf der Ostseite der Stadt entlang der Neiße, in einem doppelten Ring. Die äußeren Mauern waren zwischen sechs und acht Ellen hoch, teilweise auch höher. Die inneren Mauern hingegen waren höher und stärker. Auch besaßen die inneren Mauern im Gegensatz zu den äußeren Treppen, Umgänge mit hölzernen Geländern und Schießlöcher. Die Mauern waren mit Ziegeldächern versehen. Das Areal zwischen den beiden Mauern nannte man Zwinger, bzw. bis in das 15. Jahrhundert der Parchen. Bis in das 15. Jahrhundert stellten die Tuchmacher in dem Bereich zwischen den Mauern ihre Rähmen auf. Die Stadt verbot nach einem Ratsbeschluss die Aufstellung. Später dienten die Zwinger auch als Grasflächen, teils baute man Obstbäume an, aber auch Zimmerarbeiten wurden hier durchgeführt und Glocken gegossen. Östlich des Frauenturmes (im Volksmund auch Dicker Turm genannt) befand sich im Zwinger das Schützenhaus, wo wöchentlich Übungen der städtischen Schützen stattfanden.S. 529ff
Eine Vorstellung von dem Areal zwischen der inneren und äußeren Mauer vermittelt bis heute der Nikolaizwinger. Entlang des heutigen Grünen Grabens erstreckte sich der sogenannte Bauzwinger. Er bog am Jüdenring nach Osten ab und zog hinunter bis fast zum Hundsloch in der Nähe des Restaurants Goldener Engel. Von dort an schloss sich der Holzzwinger bis zum Nikolaiturm und fortfolgend der Nikolaizwinger (zwischenzeitlich auch als Zwinger der Strafanstalt genutzt) unterhalb des Vogthofs an. Der Zwinger zwischen den südlichen Mauern nannte sich Rähm-Zwinger und Schießzwinger. Westlich des Frauentores in unmittelbarer Nähe zum damaligen Waisenhaus (heute: Annenschule) befand sich der Waisenhauszwinger. Ein kurzer Abschnitt nördlich des Reichenbacher Tores trug den Namen Röhrzwinger.
In Zeiten der Gefahr wie beispielsweise den Hussitenkriegen standen auf den Erkern und den Umgängen Wächter mit Braupfannen mit siedendem Pech oder kochendem Wasser.S. 534
Mitte des 15. Jahrhunderts wurden die Gewölbe entlang des Burgberges unterhalb der Peterskirche gebaut. Bei den Bauarbeiten geschah am 11. Juni 1453 ein Unglück: Die Gewölbebögen unterhalb der Peterskirche stürzten infolge von einem oben abgelagerten Schutthaufen und einsetzendem Regen ein und begrub sechs Menschen. Infolgedessen wurde das Gewölbe nun mit Pfeilern bis auf den Grund verstärkt. 1539 wurden der östliche Umgang und die Mauer hinter der Peterskirche auf das Gewölbe aufgesetzt. Die Mauer ist am südlichen Teil durch das markante Observatorium Sculteti – einem oberen Mauervorsprung im Befestigungswerk – unterbrochen. Erzählungen nach soll Bartholomäus Scultetus hier seine Himmelsbeobachtungen durchgeführt haben. Eine weitere Bezeichnung für diesen Mauervorsprung ist Jungfernsprung, weil in der Nähe am 6. Juli 1741 eine Jungfer hinunter in die Hothergasse stürzte.S. 531f
mini|Belagerung und Bombardierung von Görlitz, 1641 (zeitgenössischer Stich) 1639 wurde die Stadt von schwedischen Truppen unter Oberst Jacob Wancke besetzt. Unter dem Eindruck der anrückenden kursächsisch-kaiserlichen Truppen richtete er sich mit seinen 1.300 Soldaten innerhalb der Stadt zur Verteidigung ein. Die Vorstädte mit ihren über 800 Häusern wurden „niedergelegt“, die Stadtbefestigung durch weitere Gräben und Palisadenwälle verstärkt sowie zusätzliche Schießscharten in die Befestigungsmauern gebrochen. Am 25. Juli 1641 begann die Belagerung der Stadt durch über 10.000 kursächsisch-kaiserliche Soldaten mit zahlreicher Artillerie. Ein zeitgenössischer Stich zeigt letztere aufgestellt auf dem Friedhofshügel und dem Töpferberg östlich der Neiße. Ohne eigene Artillerie mussten die schwedischen Truppen bereits nach zehn Wochen die Verteidigung der Befestigungsanlagen aufgeben und kapitulieren. Ein Rondell am südöstlichen Stadtrand (heute obere Bergstraße), das während der Belagerung besonders hart umkämpft war, behielt von daher den Namen Schwedischer Fähnrich. Die sogenannte kaiserliche Bresche, die durch die Belagerung in die Stadtmauer an dieser Stelle geschlagen wurde, schloss man im August des gleichen Jahres mit Mist, Brettern und Wollsäcken notdürftig. Erst 23 Jahre später behob man die Schäden an der Stadtmauer.
mini|Die Jägerkaserne Die letzten Stunden der Stadtbefestigung schlugen am Anfang des 19. Jahrhunderts. Im Jahr 1838 deckte man die bis heute erhaltenen Stadtmauerteile entlang des Nikolaigrabens neu mit Granitplatten, anstatt der früher verwendeten Schindeln ein. Bereits 1837 begann man im Süden der Stadt, den beengenden Mauerkranz niedriger zu machen, da sich die Stadt innerhalb des engen Korsetts der Stadtmauer nicht weiterentwickeln konnte. Für den kompletten Abbruch des städtischen Verteidigungsringes benötigte man jedoch die Zustimmung des preußischen Staates, der den Verlust der Verteidigungskraft durch die Schleifung der Befestigungsanlagen seiner Städte nur ungern hinnahm. In Görlitz verband man die Erlaubnis durch den preußischen Staat zur Abtragung der Stadtmauer mit der Verpflichtung der Stadt zur Errichtung einer neuen Kaserne – der heutigen Jägerkaserne. Eine weitere Auflage des preußischen Staates war die Errichtung eines Blockhauses zum militärischen Schutz des Eisenbahnviaduktes über die Neiße. Das Gebäude sollte einer Besatzung von 80 Mann genügen und sollte in Friedenszeiten der Stadt zur freien Nutzung zur Verfügung stehen. 1848 begann man mit dem Abriss des Mauerringes im Süden entlang der heutigen Elisabethstraße. 1851 und 1854/55 folgten dann die Mauern im Westen sowie im Norden entlang der heutigen Hugo-Keller-Straße (früher Jüdenring) in Richtung Osten. Vom Abriss verschont wurden wie erwähnt die Mauern entlang des Nikolaigrabens mit dem gleichnamigen Nikolaizwinger, aber auch der Abschnitt östlich der Peterskirche mit dem Observatorium Sculteti sowie entlang des Ochsenzwingers südlich der Peterskirche an der Neiße.
Die Jägerkaserne wurde zwischen 1854 und 1858 an der einst nordwestlichen Ecke der Stadtmauer errichtet und bot zwischen 1859 und 1945 den verschiedensten in Görlitz stationierten Truppenverbänden Unterkunft. Heute beherbergt sie Teile der Stadtverwaltung. Im Jahr 1856 begannen die Bauarbeiten für das Blockhaus am Viadukt. Nach der Fertigstellung verpachtete die Stadt am 26. Februar 1857 das Blockhaus an einen Gasthofbesitzer, wie es in Friedenszeiten vorgesehen war. Der Gasthofbesitzer Marold richtete in den Räumlichkeiten ein Restaurant ein, das von unterschiedlichen Pächtern bis 1951 weitergeführt wurde. Seit 1954 wird das Gebäude als Kindertagesstätte genutzt.
Gräben entlang der Stadtmauer Hand in Hand ging mit den Abbrucharbeiten das Zuschütten der meist wasserarmen Gräben südlich, westlich und nördlich der Stadt. Östlich der Stadt waren keine Gräben notwendig, da hier die Neiße eine natürliche Barriere bildete. Im Norden wurde das Wasser aus den umliegenden Teichen durch die Gräben geleitet. Nach außen hin waren die Gräben meist durch starkes Mauerwerk geschützt, um ein Einschieben von Erdmassen zu verhindern.
Durch die Stadtmauer führten auch Wasserdurchlässe in die Gräben. Diese Wasserdurchlässe wurden 1390 mit Gittern geschützt. Das wohl bekannteste ist das sogenannte Hundsloch am Ausgang der heutigen Büttnerstraße. Die Bekanntheit rührt aus der Sage des dreibeinigen Hundes. Der Hund soll der Sage nach vor seinem Rückweg durch die Stadt kurzzeitig in diesem Hundsloch verschwunden sein.
An die zugeschütteten und heute überbauten Gräben erinnern heute noch Straßennamen wie Nikolaigraben und Grüner Graben. Sie verdeutlichen in etwa den Verlauf der Stadtmauer bzw. der vorgelagerten Gräben.
Bastionen mini|hochkant|Der Kaisertrutz Um 1700 befanden sich 20 Basteien auf dem äußeren, wobei die Stadttürme nicht mitgezählt sind und 12 auf dem inneren Mauerkranz. Die inneren Basteien waren zum großen Teil viereckig und die äußeren rund. Die äußeren Basteien wurden deswegen auch Rondell genannt.S. 535
Der Kaisertrutz
Die bedeutungsvollste Bastion war der sogenannte Kaisertrutz. Eine Bastion auf der westlichen Seite der Stadt am Reichenbacher Turm und Tor. Seinen Namen erhielt er erst 1641 während die Schweden der bereits erwähnten Belagerung durch kursächsisch-kaiserliche Truppen trotzten. Weitere Namen waren Reichenbacher Rondell oder großes Rondell. Die Bastion war der Stadtmauer, wie der obere Kupferstich zeigt, vorgelagert und mit der äußeren und inneren Stadtmauer über zwei senkrecht von ihr ausgehende Mauern verbunden. Vor der Errichtung der größten Bastei 1490 befand sich an seiner Stelle das Budissiner Tor (Bautzner Tor).
Im Innern der Bastei gab es freien Platz in dessen Mitte wiederum ein freistehendes Türmchen stand. Der Kaisertrutz war nach außen hin von einem Graben umgeben, der mit Wasser oder Morast gefüllt war. 1848 wurden die Gräben aufgefüllt und der Kaisertrutz zur Hauptwache der preußischen Garnison umgebaut. 1932 eröffnete ein Heimatmuseum im Innern ihre Pforten.S. 541f Von 2010 bis Anfang 2011 wurde der Bau grundlegend saniert und an die modernen Anforderungen eines Museums angepasst. Im Jahr 2011 fand in dem Bau die dritte sächsische Landesausstellung via regia – 800 Jahre Bewegung und Begegnung statt.
Der Pulverturm