Sir Francis Bryan (* um 1490 in Cheddington, Buckinghamshire; † 2. Februar 1550 in Clonmel, Königreich Irland) war ein englischer Adliger, Diplomat, Günstling des Königs Heinrich VIII. und bis zu seinem Tod Lord Chief Justice of Ireland.

Bekannt unter dem Spitznamen Vicar of Hell (deutsch: Vikar der Hölle) gelang es Bryan auch unter den widrigsten Umständen, die Gunst des Königs zu behalten. Unter seinen Zeitgenossen war er bekannt für seine Redegewandtheit, seine unverblümte Ehrlichkeit gegenüber seinem Monarchen und seine Poesie. Über seine Mutter Margaret Bryan war er ein Cousin der Königinnen Anne Boleyn und Catherine Howard sowie ein Cousin zweiten Grades der Königin Jane Seymour.

Jugend und erste Ämter Francis Bryan war der älteste überlebende Sohn von Sir Thomas Bryan, Gutsherr von Ashbridge in Hertfordshire, aus dessen Ehe mit Margaret Bouchier, Tochter des Sir Humphrey Bourchier. Sein genaues Geburtsdatum ist unbekannt, doch gehen Historiker im Allgemeinen davon aus, dass er nicht viel jünger als Heinrich VIII. war und in Cheddington in Buckinghamshire das Licht der Welt erblickte. Um ungefähr 1500 wurde seine Schwester Elizabeth geboren, das Geburtsdatum seiner Schwester Margaret ist nicht bekannt. Sein Bruder Thomas starb vor 1508 und es ist ungewiss, ob er älter oder jünger als Bryan war. Über Bryans Kindheit besteht die Vermutung, dass er zumindest zeitweise im Haushalt von Sir Thomas Parr of Kendal lebte, einem Verwandten der Königin Catherine Parr, denn später bezeichnete Bryan ihn als seinen „besonderen Gönner“. Im Gegensatz zu anderen Höflingen der Renaissance besuchte er niemals eine Hochschule. Laut eigenen Angaben verstand er nur wenig Latein und hatte nur mangelnde „Kenntnis der Geschichte, was, wie ich bekenne, kaum zu verstehen ist für jemanden, der weniger Bildung besitzt, als ich es von mir behaupten kann.“ Dafür zeichnete er sich schnell als begnadeter, pointierter Redner aus.

miniatur|hochkant=1.0|Sir Nicholas Carew, Schwager und Freund von Francis Bryan Bereits früh standen die Bryans im Dienst der königlichen Familie. Bryans Vater diente zunächst Heinrich VII. und später auch dessen Sohn Heinrich VIII. als sogenannter Knight of the Body, eine Art zeremonieller Leibwächter und war zudem stellvertretender Kammerherr der Königin Katharina von Aragón. Obwohl nicht bekannt ist, wann genau Bryan zum ersten Mal selbst bei Hofe war, schreibt er, dass er noch „sehr jung“ war. Im April 1513 erhielt Francis Bryan sein erstes Kommando als Kapitän der Margaret Bonaventure unter der Admiralität seines Verwandten Sir Edward Howard. Nur ein Jahr später hatten Bryan und sein Schwager Nicholas Carew sich bereits fest bei Hofe integriert, denn der König lieh ihnen beiden Pferde und Rüstungen, möglicherweise für das beliebte Tjosten, in dem Bryan sich schnell einen Namen machte. Seine Mutter wurde 1516 zur Gouvernante der neugeborenen Prinzessin Maria ernannt und sollte später auch deren Geschwister Elisabeth und Eduard betreuen. Im selben Jahr erhielt Bryan vom König das Amt eines Mundschenks, eine ehrenvolle, aber auch verantwortungsvolle Position, da der Mundschenk für das leibliche Wohl des Königs verantwortlich war. Gleichzeitig sicherte sich Bryan durch dieses Amt regelmäßigen Zugang zum König.

Beim Tod seines Vaters erbte er 1518 dessen Besitzungen.

Aufstieg bei Hofe Als 1518 das Amt des Gentleman of the Privy Chamber, Gentleman der königlichen Privatgemächer, geschaffen wurde, verlieh Heinrich Bryan diesen Titel. Der junge König umgab sich gern mit Freunden und Favoriten, weshalb ein Posten in seinen Privatgemächern eine Garantie für politische Karriere und den Erhalt von Ämtern und Ländereien darstellte. Gleichzeitig erhielt Bryan das Amt des Master of the Toils, das er bis zu Heinrichs Tod behalten sollte. Fortan war es Bryans Aufgabe, dem König in dessen Privatgemächern zu dienen, ihm beim Ankleiden zu helfen und ihn zu unterhalten. Im Gegensatz zu anderen Höflingen gab sich Bryan keine Mühe, seinem Monarchen zu schmeicheln. Stattdessen erarbeitete er sich den Ruf, dem König stets die ungeschminkte Wahrheit zu sagen. Obwohl er nie in Rhetorik unterrichtet worden war, besaß er großes Talent darin, sich in Worten auszudrücken und sagte selbst, dass es ihn eine Woche kosten würde, das aufzuschreiben, was er in einer Stunde sagen konnte.

miniatur|hochkant=1.0|König Heinrich VIII. Seine Vertraulichkeit mit dem König alarmierte die konservativen Kräfte des Hofes. Sie beobachteten die stetig wachsende Anzahl der königlichen Favoriten und deren Einfluss auf den jungen Heinrich mit Argwohn. Hinzu kam, dass Bryan sich zusammen mit seinem Schwager Nicholas Carew und seinem Freund Edward Neville bei seiner ersten Mission in Frankreich verkleidet in den Straßen von Paris herumgetrieben und mit Franzosen Streit angefangen hatte. Als sie zurückkehrten, bezeichnete man sie als „völlig französisch in ihrer Art zu essen, zu trinken und sich zu kleiden“ und bewandert „in den französischen Lastern und Prahlereien“ sowie „völlig verliebt in den französischen Hof“. Im Mai 1519 wurden Carew und Bryan daher vom Hof verbannt. Heinrich jedoch schien ihnen rasch verziehen zu haben, denn im Oktober wurden die beiden wieder im königlichen Haushalt verköstigt.

Es blieb keineswegs Bryans einzige Reise nach Frankreich. 1520 begleitete er den König zum Treffen des Camp du Drap d’Or und im Juli 1522 gehörte er zu den englischen Streitkräften in der Bretagne unter dem Kommando seines Onkels Thomas Howards, wo er am 22. Juli zum Knight Bachelor geschlagen wurde.William Arthur Shaw: The Knights of England. Band 2, Sherratt and Hughes, London 1906, S. 41. In diesem Jahr fand auch Bryans erste Heirat statt. Seine Braut war die verwitwete Philippa Fortescue, Tochter und Erbin von Humphrey Spice von Black Notley in Essex. Philippa hatte bereits einen Sohn aus ihrer ersten Ehe mit John Fortescue: Henry Fortescue von Faulkbourne. Zunächst kaufte Bryan die Vormundschaft des Jungen, verkaufte sie letztendlich aber an Sir Andrew Windsor.

Um 1529 herum hatte Francis Bryan eine stattliche Anzahl von Ämtern und Vergütungen gesammelt. Durch seine Heirat hatte er sich einen lebenslangen Anspruch auf die Zinsen der Faulkbourne-Ländereien gesichert, der erst nach seinem Tod auf Henry Fortescue überging. 1524 hatte er in Essex staatliche Gelder eingesammelt und in den Jahren darauf gehörte er in Buckinghamshire und Bedfordshire zu den sogenannten Commissions of the Peace, was einem Schiedsamt zur Schlichtung von lokalen Streitigkeiten entsprach. Seit 1526 war er Heinrichs oberster Mundschenk und hatte zudem die Oberaufsicht über Heinrichs Pagen inne. Zu seinem Amt gehörte auch die Ausbildung der königlichen Mündel. Im selben Jahr wurde er allerdings durch Kardinal Wolseys Umstrukturierung des königlichen Haushaltes erneut aus der Privy Chamber entfernt, was möglicherweise Bryans Motiv war, sich später gegen den Kardinal zu stellen. Wenig später erlitt Bryan einen Unfall in einem Tjostturnier, was ihn ein Auge kostete.

Unterstützung Anne Boleyns Als Francis Bryans Cousine Anne Boleyn das Herz des Königs gewann, unterstützte Bryan sie in ihrem Vorhaben, Königin von England zu werden. Ihre Mütter Margaret Bryan und Elizabeth Boleyn waren Halbschwestern und sowohl Anne als auch Heinrich vertrauten ihm. Es wird angenommen, dass Bryan seine erneute Ernennung zum Gentleman der Privy Chamber 1528 dem Einfluss seiner Cousine zu verdanken hatte.John Guy, Julia Fox: Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII. Die Ehe, die die Welt erschütterte. C.H. Beck, München 2024, S. 194 f. Fest steht, dass nach dem Massensterben durch den Englischen Schweiß einige Positionen neu besetzt werden mussten und Bryan war als Freund des Königs eine naheliegende Wahl. Er übernahm den Posten des verstorbenen William Carey, dem Ehemann von Annes Schwester Mary Boleyn.

Heinrich entsandte ihn zudem oft gen Rom oder Frankreich, um seine Scheidung von Katharina von Aragon voranzutreiben. Nach der Plünderung Roms durch Katharinas Neffen Karl V. begleitete Bryan Kardinal Wolsey nach Frankreich, um dort mit dem französischen König zu beraten. Im August wurde er entsandt, um den Kardinal Lorenzo Campeggi nach England zu geleiten, wo dieser über die Gültigkeit von Heinrichs Ehe mit Katharina entscheiden sollte. Campeggi allerdings kam zu keinem für den König befriedigenden Ergebnis, sondern reichte die Entscheidung zurück nach Rom, was viele Kardinal Wolsey anlasteten.

miniatur|hochkant=1.0|Anne Boleyn, Cousine und Verbündete Francis Bryans Im November 1528 wurde Bryan als Sonderbotschafter nach Rom geschickt, um Papst Clemens VII. zu überzeugen, Heinrichs erste Ehe zu annullieren. Auf dem Weg nach Rom war Bryan auch bei Franz I. zu Gast, der ihn warnte, dass „einige Berater“ des Königs – vermutlich Kardinal WolseyTracy Borman: Henry VIII and the Men who made him. Atlantic Monthly Press 2018, S. 165 – sich der Scheidung widersetzten, was Bryan an Heinrich weiterreichte, bevor er sich weiter nach Rom begab. In Rom angekommen wurde Bryans Geduld auf eine harte Probe gestellt, da der Papst krank war und ihn nicht empfangen konnte. Hinzu kamen die politischen Umstände, die Intrigen schürten. Im Januar 1529 schrieb Bryan missmutig an den König:

Wie er dem König später berichtete, versuchte er zunächst mit ehrlichen, dann auch mit unehrlichen Mitteln den Papst zu überzeugen. Es kursierte sogar das Gerücht, der als Schürzenjäger bekannte Bryan hätte, um an Informationen zu gelangen, mit einer päpstlichen Kurtisane geschlafen. Neben den Schreiben an den König hielt Bryan auch Briefkontakt zu Anne Boleyn aufrecht. Spätestens 1529 war jedoch klar, dass der Papst nicht gewillt war, Karl V. zu verärgern, indem er der Annullierung zustimmte. Bislang hatte er eine endgültige Entscheidung hinausgezögert, um sich sowohl Heinrich als auch Karl gewogen zu halten, doch letztendlich stellte Bryan ernüchtert fest: „Es mag in seinem Vaterunser vorkommen, aber nicht in seiner Überzeugung.“ Er fügte hinzu, dass der Papst nichts für Heinrich tun würde und dass jeder, der dem König etwas anderes erzählt hatte, ihn in die Irre geführt hatte, was Wolsey indirekt belastete.

Nach seiner Rückkehr nach England wurde er als Botschafter nach Frankreich entsandt, wo er sich weiterhin für die Sache Heinrichs einsetzte und versuchte, eventuelle Übereinkünfte zwischen Karl V. und Franz I. zu sabotieren. Obwohl er kein Latein beherrschte, was damals häufig als Verkehrssprache an den Höfen benutzt wurde, gelang es ihm rasch, sich als Botschafter zu etablieren, da er schnell Franz’ Vertrauen gewann. Bryan erhielt regelmäßig Zugang zum französischen König und war ihm gegenüber genauso offen wie Heinrich. 1532 war Bryan schließlich wieder am englischen Hof und ging seinen Pflichten als Gentleman der Privy Chamber nach. Im Gegensatz zu seinem Schwager Nicholas Carew begleitete Bryan den König und Anne Boleyn jedoch nicht auf ihrer Reise nach Calais im Oktober. Weitere kurze Reisen nach Frankreich 1533 beinhalteten einen Versuch, Franz von einem Treffen mit dem Papst abzubringen und die Übermittlung der Nachricht, dass Heinrich vom Papst exkommuniziert worden war.

Als im selben Jahr Thomas Cranmer Heinrichs Ehe mit Katharina von Aragón zu Anne Boleyns Gunsten auflöste, sagte Francis Bryan gegen Heinrichs verstoßene Königin aus, woraufhin sie für „ungehorsam“ erklärt wurde, während man über Bryan sagte, dass „seine Gegenwart schon in verschiedenen Fällen Gutes hätte bewirken können“. Bryan war zwischen 1529 und 1545 als Knight of the Shire für Buckinghamshire Abgeordneter im House of Commons, dem Unterhaus des englischen Parlaments. Laut einer Liste war er maßgeblich an den Gesetzesentwürfen über die neue Definition von Hochverrat beteiligt.

Unter Verdacht Der Fall Anne Boleyns