mini|Tanz mit zwei Zylindertrommeln gendang. Frühere Form des gamelan gendang beleq, 1934
Die Musik von Lombok umfasst die Musikstile der indonesischen Insel Lombok, die insbesondere durch alte malaiische Kultureinflüsse der westlichen Nachbarinseln Bali und Java und durch die Islamisierung ab etwa dem 16. Jahrhundert über Sumatra, Sulawesi und Sumbawa geprägt sind. Entsprechend der kulturreligiösen Grobeinteilung der Sasak-Bevölkerung in zwei Gruppen bevorzugen die Anhänger der synkretistischen Wetu Telu-Religion Gamelan-Instrumente mit Idiophonen aus Bronze. Dagegen lehnen die auf Lombok Waktu Lima genannten orthodoxen Muslime dieses Metall ab und verwenden Musikinstrumente, die von arabischen Einwanderern in die malaiische Inselwelt gebracht wurden. Eine Ausnahme, die sich der orthodox-muslimischen Einflussnahme widersetzen konnte, ist der klassische Stil gendang beleq in einer modernisierten Form.
Musik dient der Unterhaltung und wird von beiden Gruppen auch zeremoniell eingesetzt. Zur Begleitung von Tänzen, Theateraufführungen und Prozessionen gibt es besondere Musikformen, die von den Stilrichtungen der balinesischen Minderheit ergänzt werden.
Geschichte und Kultur Vom 9. bis zum 15. Jahrhundert stand Lombok unter dem Einfluss der hinduistischen und buddhistischen Kultur aus Java. Im 16. Jahrhundert war die Blütezeit des ostbalinesischen Reiches von Gelgel, dessen Herrschaft sich über die kleinen Fürstentümer auf Lombok erstreckte, während im folgenden Jahrhundert die Insel unter die Kontrolle der muslimischen Sultanate von Sumbawa geriet. Ende des 17. Jahrhunderts waren erneut die Balinesen dominant, ab 1740 dehnte der Raja von Karangasem in Ostbali seinen Einfluss bis in die zentrale Ebene aus und mehr Balinesen als bisher siedelten sich im Westen von Lombok an. Aufstände der Sasak im 19. Jahrhundert konnten daran nichts ändern. In den 1890er Jahren bat die Sasak-Aristokratie die niederländische Regierung um Unterstützung. Die balinesische Herrschaft wurde daraufhin nahtlos 1894 durch die gewaltsame Besetzung der niederländischen Regierung abgelöst, die mit dem endgültigen militärischen Sieg 1908 Lombok für die Kolonie Niederländisch-Indien vereinnahmte.
Der mit persischen und arabischen Händlern nach Südostasien gelangte Islam breitete sich ab dem 15. Jahrhundert von Sumatra weiter nach Osten aus und erreichte innerhalb der folgenden zwei Jahrhunderte über Sulawesi und Sumbawa auch Lombok. Für die Adelsschicht der Sasak zählten die Balinesen ebenso zur Fremdherrschaft wie die Niederländer; gegen beide formierten sie als eigene Kultur einen orthodoxen Islam. Im 20. Jahrhundert überstieg der Einfluss der religiösen Führer (tuan guru) sogar den der traditionellen Elite.
Die Sasak-Gesellschaft lässt sich entsprechend der äußeren Einflussnahme auf die Geschichte der Insel grob in zwei religiös-kulturelle Traditionen einordnen. Aus dem altmalaiischen Erbe stammt die Kultur der Waktu Telu (indonesisch, „drei Zeiten/Zeiträume“, Sasaksprache Wetu Telu), die eine Mischung des Islam mit Ahnenverehrung und Elementen aus dem Hinduismus und Buddhismus beinhaltet. Die Zahl Drei bezieht sich auf drei verpflichtende Zeremonien im Jahr oder die auf drei reduzierten täglichen Gebetszeiten. Strenggläubige Waktu Lima („fünf Zeiten“) beten der islamischen Vorschrift entsprechend fünfmal täglich. Ihre tuan guru bemühen sich darum, alles Unislamische aus der Sasak-Gesellschaft zu entfernen, dabei ging in der Vergangenheit vieles der alten Musik verloren.
Mitte der 1960er Jahre begannen sich die Gegensätze zu verschärfen, als Waktu-Lima-Anhänger Heiraten der Wetu Telu nicht mehr als gültig ansahen und sich weigerten, von ihnen geschlachtetes Fleisch zu essen. Mit der Machtübernahme von Präsident Suharto 1965 (in der Zeit der Orde Baru) wurden auf Lombok nicht nur Chinesen angeklagt, Kommunisten zu sein, sondern ebenso Waktu Telu dessen verdächtigt und ihre Moscheen abgebrannt.Karin G. Telle: Feeding the dead. Reformulating Sasak mortuary practices. In: Bijdragen tot de Taal-, Land- en Volkenkunde, Band 156, Nr. 4, Leiden 2000, S. 771–805; hier S. 775 f. 1965 ist bei den Waktu Telu als gefährliches Jahr in Erinnerung.
Als Wetu Telu (Waktu Telu) bezeichnet sich heute kaum noch jemand öffentlich. Die auf wenige Prozent zurückgegangenen Anhänger des traditionellen Glaubens leben in abgelegenen Dörfern, nehmen weniger am wirtschaftlichen Leben teil und gleichen sich äußerlich an, indem sie freitags in die Moschee gehen. Sie leben meist in den höheren Regionen um den Rinjani und in einigen Dörfern im trockenen Süden. Die Waktu Lima sind praktisch auf der gesamten Insel dominierend, nur im Westen lebt eine größere Minderheit hinduistischer Balinesen. Diese haben ihre öffentlichen Zeremonien begrenzt, um bei den Muslimen keinen Anstoß zu erregen. Die balinesische Musik auf Lombok ist daher einfacher und ärmer an Stilen als an ihrem Ursprungsort.David D. Harnish, in: Garland, 1998, S. 763–765.
Eine weitere Minderheit sind die im Westen Lomboks lebenden Boda, die sich 1967, als mit Amtsantritt Präsident Suhartos alle Indonesier bei der Registrierung eine der fünf Hauptreligionen angeben mussten, mehrheitlich als Buddhisten bezeichneten. Zuvor waren die Anfang der 1990er Jahre auf rund 12.000 geschätzten Boda einem traditionellen Sasak-Glauben mit buddhistischen und hinduistischen Elementen angehangen.
Die unter Suharto als Orde Baru („neue Ordnung“) eingeführten Gesetze hatten umfangreiche politische und gesellschaftliche Veränderungen zum Ziel. Musik sollte mit anderen Kulturäußerungen ein Zeichen für nationale und kulturelle Einheit setzen. Wie in den meisten anderen Provinzen wurde in den 1970er Jahren auf Lombok ein staatliches Programm zur Förderung und Lenkung des Musikschaffens durchgesetzt. Zunächst musste die Frage geklärt werden, was als nationale Musik- und Tanzstile der Sasak zu gelten habe. Nachdem sehr alte Formen ausgeschieden wurden, weil sie nicht adäquat „kultivierbar“ erschienen, einigte man sich auf die vorrangige Förderung des Musikensembles gendang beleq, des Tanzstils gandrung und des Theaterstils rudat. Diese und andere Formen mussten aus ihrem rituellen Kontext herausgenommen werden, weil sie häufig islamischen Vorstellungen nicht entsprachen. Mit einer Ästhetisierung sollten die Künste von Lombok auf einen nationalen Standard angehoben und ihre Vorführbarkeit verbessert werden, auch im Hinblick auf den zeitgleichen Ausbau des Tourismus seit den 1980er Jahren. Auch wenn sie teilweise verändert wurden, einige Kunstformen wären wohl ohne das Engagement einzelner Musiklehrer und Choreographen verschwunden.David Harnish: “Digging” and “Upgrading”: Government Efforts to “Develop” Music and Dance in Lombok, Indonesia. In: Asian Music, Band 38, Nr. 1, Winter – Frühjahr 2007, S. 61–87, hier S. 70, 78
Forschungsgeschichte Die Musik von Lombok wurde als gegenüber Bali verarmt angesehen und blieb daher von der musikethnologischen Forschung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahezu unbeachtet. Dennoch ist Lombok im Vergleich zur musikologisch unergiebigen, östlich angrenzenden Insel Sumbawa als Sammelbecken äußerer Kultureinflüsse und aufgrund seiner kleinteiligen politischen Strukturen recht vielfältig. Im Gegensatz zu Java und Bali besitzt Lombok kaum alte Manuskripte (indonesisch lontar) und nur in wenigen der dortigen Handschriften wird Lombok erwähnt.
Die Erforschung von Lombok begann in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die ersten Europäer auf der Insel Handelsposten einrichteten. 1910/11 unternahm Johannes Elbert eine Expedition nach Lombok und weiteren Kleinen Sundainseln, die neben geographischen auch Beobachtungen zur Kultur beinhaltete.Johannes Elbert: Die Sunda-Expedition des Vereins für Geographie und Statistik zu Frankfurt am Main. 2 Bde., Hermann Minjon, Frankfurt 1912. Auch die „biologische Reise“ von Bernhard Rensch 1927 leistete einen Beitrag zur Musik.Bernhard Rensch (mit Beiträgen von G. Heberer, W. Lehmann): Eine biologische Reise nach dem kleinen Sunda-Inseln. Berlin 1930. 1936 folgte ein Artikel von Roelof Goris zu Ostlombok. 1941 veröffentlichten die beiden Niederländer J. Van Baal und A.C.J. Riel zwei knappe Beiträge zur Kultur. Mehr erbrachte die Studie über eine Exorzismus-Zeremonie (pakon), die R. Soedjono und C. Hooykaas 1941 beobachteten. Jaap Kunst begann 1921 die Musik auf Bali zu studieren, seine zwei Bände De Toonkunst van Bali (1924/25) können nur zum Vergleich herangezogen werden. Bis 1976 gab es keine Arbeit über die Musik von Lombok. In diesem Jahr erschien der etwas hastig abgefasste Bericht von Tilman Seebass und drei indonesischen Kollegen (The Music of Lombok. A First Survey), der auf einer einwöchigen Rundreise im Oktober 1972 beruht.Tilman Seebass, 1976, S. 9–11. In der Musik in Geschichte und Gegenwart (1996) fehlt ein Abschnitt über Lombok. Seit 1983 widmet sich der amerikanische Musikethnologe David D. Harnish als erster intensiv der Musik der Insel. Er verfolgte 20 Jahre lang die Aufführungspraxis beim jährlichen Lingsar-Tempelfestival und verfasste mehrere Artikel zu musikalischen Einzelthemen und 2005 ein umfassendes Buch zu diesem bedeutendsten Festival auf Lombok.
Spielweise Die zahlreichen Orchesterbesetzungen (seka oder sekaha) lassen sich unabhängig von ihrer musikalischen Aufgabe in die religiösen Kategorien prä-islamisch oder islamisch einteilen. Die meisten Musikgruppen sind Gamelans. Bei vielen orthodoxen Muslimen gelten die in den Gamelans melodieführenden Idiophone aus Bronze als unislamisch, da mit Bronzeinstrumenten im Waktu Telu-Glauben die Stimmen der Ahnen herbeigerufen werden. Andere Materialien sind dagegen ideologisch neutral. Einzelne Musikinstrumente werden ebenfalls einer der beiden Kategorien zugeordnet, nur wenige kommen in beiden vor. Instrumentalisten sind nach der gesellschaftlichen Konvention männlich. In islamischen Liedern und in der Popmusik sind zwar auch Sängerinnen zu hören, aber nur in wenigen Theaterformen und Tänzen wirken Frauen mit.
Die Musik von Lombok kennt keine Musiktheorie. Die Takte sind geradzahlig mit 2, 4, 8 oder selten 16 Zählzeiten wie beim lederang. Der 2er-Takt heißt janggel („gehen“), der 8er-Takt rangsangan („schnell“). Die Tonleitern sind mit der javanischen siebenstufigen pélog (selisir, saih lima oder saih gong entsprechend den balinesischen Gamelans) und seltener der fünfstufigen Skala slendro verwandt.
Malaiische zeremonielle Musik mini|Gamelan im Hof des Lingsar-Tempels, 1949
Musik hat eine rituelle Funktion bei Tempelfesten, deren bedeutendstes jährlich am Lingsar-Tempel an der Westküste nördlich von Mataram gefeiert wird. In den zahlreichen Tempeln spielt vorwiegend die Orchesterbesetzung gamelan oncer. Fruchtbarkeitsriten stehen im Zusammenhang mit der Aussaat und dem Umpflanzen von Reis; in den Trockengebieten im Süden wurden früher Regenmacherriten veranstaltet. Hierbei war besonders das heiligste Ensemble, das gamelan pusaka hilfreich. Kriegstänze wurden früher nicht nur anlässlich von Konflikten, sondern auch zum Empfang von Ehrengästen aufgeführt. Zu den von Orchestern begleiteten Familienfeiern gehören Hochzeiten, Beschneidungen und Zahnfeilungen.Tilman Seebass, 1976, S. 12.
Gamelan gong kuna