Die Didaktik des Sachunterrichts als bildungswissenschaftliche Disziplin ist die Wissenschaft vom pädagogisch angeleiteten Lehren und Lernen im Fach Sachunterricht. Zu ihrem Aufgabenfeld gehören alle Fragen, die sich begründet mit Bezug auf diesen Lernbereich stellen lassen. Sie erforscht Ziele, Voraussetzungen und Bedingungen, Prinzipien, Inhalte, Methoden, Formen und Mittel dieses Lehrens und Lernens, ausgerichtet auf das Verstehen von Sachverhalten und den verantwortlichen Umgang mit Sachen, d. h. auf grundlegende Bildung.

Die Didaktik des Sachunterrichts hat sich erst zu Beginn der 1970er-Jahre mit Etablierung des Faches Sachunterricht an den Schulen herausgebildet. Der orientierende Hintergrund sind generelle Intentionen wie Mündigkeit, Emanzipation, Selbst- und Mitbestimmungsfähigkeit, demokratisches Lernen, Humanität und Qualifizierung für die Zukunft.

Didaktik des Sachunterrichts Überblick Die Didaktik des Sachunterrichts ist eine außerordentlich vielseitige Disziplin mit Schnittmengen nicht nur mit der Erziehungswissenschaft und deren Teildisziplinen, sondern auch mit Philosophie, Psychologie, Soziologie, vor allem aber mit den Sachwissenschaften und ihren Didaktiken, auf deren Forschungsmethoden und Erkenntnisse sie gemäß ihrem eigenen Erkenntnisinteresse zurückgreift. Zu ihren Grundlagen gehört notwendig ein unmittelbarer Bezug zur Lebenswelt als dem außerschulischen Erfahrungshorizont der Kinder.Joachim Kahlert: Der Sachunterricht und seine Didaktik. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 42016.

In konstruktiver Wahrnehmung ihrer Forschungs- und Entwicklungsaufgaben greift sie über den Schulbereich hinaus und umfasst auch vor- und außerschulisches Lehren und Lernen. Ihr zentrales Wirkungsfeld liegt aber im Aufbau von Theorien, Modellen und Konzeptionen des institutionalisierten Unterrichts. Verpflichtet ist die Didaktik vor allem den beteiligten Personen als den Subjekten der Lehr- und Lernprozesse, den allgemeinen, bildungstheoretisch begründeten Zielen des Unterrichts und der Logik der Sache, im Sachunterricht zentriert auf die Erschließung der Lebenswelt der Kinder und die Grundlegung allgemeiner Bildung.Margarete Götz, Joachim Kahlert, Maria Fölling-Albers, Andreas Hartinger, Dietmar von Reeken, Steffen Wittkowske: Didaktik des Sachunterrichts als bildungswissenschaftliche Disziplin. In: Joachim Kahlert, Maria Fölling-Albers, Margarete Götz, Andreas Hartinger, Susanne Miller, Steffen Wittkowske (Hrsg.): Handbuch Didaktik des Sachunterrichts. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 22015, S. 13–26.

Interdisziplinäre Vernetzungen Aus Pädagogik und Philosophie gewinnt die Didaktik ein normatives Verständnis von Erziehung und Bildung, Lehren und Lernen. Konstitutiv sind multivalente Bezüge zu Fachwissenschaften, weil für den Sachunterricht prinzipiell alle Sachwissenschaften als mögliche Bezugswissenschaften für die Auswahl und Gestaltung von Inhalten von Bedeutung sind.

rechts|rahmenlos|595x595px Ein anregendes Korrespondenzverhältnis zu den entsprechenden Fachdidaktiken sowie zu den Didaktiken aller Grundschulfächer ist Voraussetzung, um für ein transdisziplinäres Vorgehen im Sachunterricht, d. h. für nahtlose Übergänge zwischen den fachbezogenen Domänen sowie für integrative Unterrichtseinheiten, eine methodische Grundlage zu finden. Lebenswelt repräsentiert nicht nur die „anschauliche Welt“, sondern bezeichnet auch den logisch wie genetisch unhintergehbaren Anfang des schrittweisen Aufbaus wissenschaftsbezogener Kenntnisse und Kompetenzen. Die konzeptionelle Absicherung der Integration dieser verschiedenen Elemente stellt eine fundamentale Aufgabe der Didaktik des Sachunterrichts dar und gibt ihr ein eigenständiges Profil.Margarete Götz / Joachim Kahlert / Maria Fölling-Albers / Andreas Hartinger / Dietmar von Reeken / Steffen Wittkowske: Didaktik des Sachunterrichts als bildungswissenschaftliche Disziplin. In: Joachim Kahlert / Maria Fölling-Albers / Margarete Götz / Andreas Hartinger / Susanne Miller / Steffen Wittkowske (Hrsg.): Handbuch Didaktik des Sachunterrichts. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 22015, S. 13–26, // Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Bd. 2, Stichwort: Lebenswelt. Stuttgart und Weimar: Metzler 2004.

Für die didaktische Aufgabe müssen diese basalen Orientierungen kritisch geprüft, konstruktiv aufgenommen und verbunden werden: die fachliche Kompetenz für Gegenstände, Zugriffsweisen und logisch-systematische Ordnung sachlicher Zusammenhänge, der erziehungswissenschaftliche Sachverstand, der auf Bildung und Erziehung des Menschen und auf das Weitertragen der Kultur gerichtet ist, aber auch die Erfahrung der Kunst des Lehrens einschließt, sowie die kulturelle Alltagswelt vorwissenschaftlicher Welterfahrung und als Bewährungsfeld von Wissen, Können und Verstehen.

Fachdidaktik bezieht sich immer zugleich auf Fachwissenschaften, auf Pädagogik und auf Kultur in umfassender Bedeutung. Auf psychologische, soziologische oder philosophische Forschungsergebnisse muss jede Fachdidaktik nach Maßgabe ihrer Aufgaben und Forschungsinteressen unmittelbar zurückgreifen. Solche Verbindungen erweisen sich durchgängig als fruchtbar und führen zu ausgeprägten Positionen, z. B. konstruktivistischen, phänomenologischen oder der genetischen Erkenntnistheorie Piagets. Insbesondere erkenntnistheoretische, aber auch ethische und gesellschaftliche Prämissen haben erheblichen Einfluss auf die didaktische Theoriebildung. Das ist insofern naheliegend, als sich jede Didaktik mit dem Status des menschlichen Wissens und mit den Zwecken des Lernens auseinandersetzen muss.

Im Hinblick auf ihre Forschungs-, Entwicklungs- und Lehraufgaben ist die Didaktik des Sachunterrichts interdisziplinär angelegt. Sie steht aber in keinem Deduktionszusammenhang zur Pädagogik oder zu Fachwissenschaften; vielmehr hat sie diesen gegenüber ein eigenes, nicht nur spezielles, sondern ein spezifisches Erkenntnisinteresse, das ihren unverzichtbaren Kulturzwecken, d. h. der Grundlegung der Bildung folgt. Von ihrem primären Ansatz aus, dem Lehren und dem Lernen von Kindern in einem bestimmten Inhaltsbereich, stellt sie Fragen an andere Wissenschaften und löst bei diesen u. U. neue Forschungen aus. Für die Didaktik des Sachunterrichts, die Impulse aus vielen Wissenschaften und aus der kulturellen Alltagswelt aufnimmt und nach eigenen Konzepten weiterentwickelt, erschwert diese Offenheit die Ausprägung einer scharfumrissenen Disziplingestalt.Joachim Kahlert: Der Sachunterricht und seine Didaktik. Klinkhardt: Bad Heilbrunn 42016 // Margarete Götz / Joachim Kahlert / Maria Fölling-Albers / Andreas Hartinger / Dietmar von Reeken / Steffen Wittkowske: Didaktik des Sachunterrichts als bildungswissenschaftliche Disziplin. In: Joachim Kahlert / Maria Fölling-Albers / Margarete Götz / Andreas Hartinger / Susanne Miller / Steffen Wittkowske (Hrsg.): Handbuch Didaktik des Sachunterrichts. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 22015, S. 14

Zur Entwicklungsgeschichte der Didaktik des Sachunterrichts Die Didaktik des Sachunterrichts ist eine vergleichsweise junge universitäre Disziplin. Mit der Ablösung des zentralen Grundschulfaches Heimatkunde in der Bundesrepublik Deutschland in den späten 1960er Jahren durch den modernen Sachunterricht ergaben sich neue, wissenschaftlich zu klärende Begründungs- und Entscheidungsprobleme, z. B. bezüglich der Legitimation des neuen Grundschulfaches, seinen Zielsetzungen, Inhalten und seiner konzeptionellen Struktur. Neben solchen Forschungs- und Entwicklungsaufgaben steht die Notwendigkeit, Lehrerinnen und Lehrer umfassend im Studium und in der Fortbildung auf ihre lernbereichsspezifischen Aufgaben vorzubereiten und zu begleiten.

Vorbereitende Ereignisse Die Hinwendung zu einem wissenschaftsorientierten Sachunterricht (wie auch die Mathematisierung des Rechenunterrichts) vollzog sich unter den Einfluss eines tiefgreifenden gesellschaftspolitischen Wandels, neuer Erkenntnisse über Begabung und Lernen (Heinrich Roth 1968)Heinrich Roth (Hrsg.): Begabung und Lernen. (= Deutscher Bildungsrat: Gutachten und Studien der Bildungskommission, Bd. 4). Stuttgart: Klett 81972 und im Zeichen einer umfassenden Bildungsreformbewegung. Bemühungen um eine Curriculumrevision (Saul B. Robinsohn 1967) wurden zum Markenzeichen des pädagogischen Fortschritts. Die Inhalte des Unterrichts sollten nicht länger vorzugsweise dem Umkreis der Heimat- und Volkskunde entnommen werden, sondern weitgehend – wenn auch in Vereinfachung und nach Maßgabe ihrer Relevanz für eine Grundlegung der Bildung – den Wissenschaften, die auch in den Fächern der weiterführenden Schulen vertreten sind.Saul B. Robinsohn: Bildungsreform als Revision des Curriculum. Neuwied und Berlin: Luchterhand 1967.

Die Reform war generell gekennzeichnet durch die Öffnung der Grundschule für die Natur- und Sozialwissenschaften und durch die Aufnahme curricularer Einflüsse aus dem anglo-amerikanischen Raum, insbesondere durch die optimistischen lern- und entwicklungstheoretischen Hypothesen Robert Gagnés (1969)Robert M. Gagné: Die Bedingungen des menschlichen Lernens. Hannover: Schroedel 1969 und Jerome S. Bruners (1970), nämlich „daß die geistige Tätigkeit überall dieselbe ist, an den Fronten des Wissens ebenso wie in einer Dritten Klasse“, und: „Jedem Kind kann auf jeder Entwicklungsstufe jeder Lehrgegenstand in einer intellektuell ehrlichen Form erfolgreich gelehrt werden.“ Verstanden wurde dies als kontinuierlich aufzubauende Lernhierarchie oder „Curriculumspirale“, die eine Wiederholung, Vertiefung und Repräsentation der grundlegenden Ideen und Einsichten auf verschiedenen kognitiven und sprachlichen Niveaus ermöglicht.Jerome S. Bruner: Der Prozeß der Erziehung. Berlin: Berlin Verlag 1970, S. 27 und 44.

Konkret vorbereitet wurde die Neuorientierung durch die Pionierarbeit einzelner Grund- und Hochschullehrerinnen und -lehrern, die an Beispielen zeigten, dass Unterricht bei Berücksichtigung der sachlichen Eigenstrukturen fachliches Denken ermöglicht und zur Vorbereitung entsprechender Grundbegriffe führen kann. Neben die Leitidee der Kindgemäßheit tritt die Forderung nach Sachgemäßheit.

Im Jahre 1969 begann ein durch neue Inhalte und didaktische Orientierungen bestimmter Grundschulunterricht. Entscheidende, öffentlichkeitswirksame Anstöße gaben

die Göttinger Arbeitstagung „Naturwissenschaftlich-technischer Lernbereich in der Grundschule“ im Mai 1969, bei der gelungene Unterrichtsversuche und Curricula, insbesondere aus dem anglo-amerikanischen Raum, vorgestellt wurden,Arbeitskreis Grundschule: Bericht über die Arbeitstagung „Naturwissenschaftliche-technischer Lernbereich in der Grundschule“. Frankfurt a. M. 1969 vor allem aber der Frankfurter Grundschulkongress „Funktion und Reform der Grundschule“ im Oktober des gleichen Jahres, der (anlässlich des fünfzigjährigen Bestehens der Grundschule) den neuen dynamischen Begabungsbegriffs aufnahm, ausgleichende (differenzierende und kompensatorische) Erziehungsmaßnahmen erörterte und den Anstoß gab, die „Inhalte grundlegender Bildung“ in Lernfeldern zu organisieren, die sich jeweils auf eine Gruppe benachbarter Wissenschaften beziehen lassen.Der Kongress stand unter dem Titel „Funktion und Reform der Grundschule“. Der Bericht wurde herausgegeben von Erwin Schwartz: Bd. 1: Begabung und Lernen im Kindesalter, Bd. 2: Ausgleichende Erziehung in der Grundschule, Bd. 3: Inhalte Grundlegender Bildung. Frankfurt a. M.: Arbeitskreis Grundschule e. V. 1970.

Grundlegende Orientierungen 1970 veröffentlichte der Deutsche Bildungsrat seinen Strukturplan für das Bildungswesen. Er weist auf die Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft hin und verlangt eine Neufassung der Richtlinien für die Grundschule: