Die Armenische Sozialistische Sowjetrepublik (Abkürzung ArSSR; armenisch, offizielle Schreibweise in der Zeit des Bestehens ab 1936 , , heutige Schreibweise , ; , ) war de facto vom 29. November 1920 und de jure vom 22. Dezember 1922 bis zur Unabhängigkeitserklärung am 30. August 1991 eine Unionsrepublik der Sowjetunion. Am 23. August 1991 wurde sie kurz vor ihrer Unabhängigkeit in Republik Armenien umbenannt.
Vorgeschichte und Entstehung mini|200px|Verwaltungskarte Transkaukasiens
Als Folge des Ersten Weltkrieges entstand eine Reihe unabhängiger Staaten in Gebieten, die vormals zum Deutschen Kaiserreich, zu Österreich-Ungarn, zum Osmanischen Reich und Russischen Reich gehört hatten. Allein an der Peripherie der am 17. November 1917 ausgerufenen Russischen Sozialistischen Sowjetrepublik entstanden als neue Staaten Finnland, Estland, Georgien, Armenien und Aserbaidschan; andere – wie Litauen, Polen, Belarus und die Ukraine – erklärten ihre Unabhängigkeit (da sie früher als souveräne Staaten existiert hatten).
Die am 28. Mai 1918 ausgerufene Demokratische Republik Armenien wurde von Daschnaken regiert (vergleichbar mit den Menschewiki in Russland). Sie sah sich mit einer Reihe von Problemen konfrontiert. Zum einen bedrohten Truppen der neuen türkischen Gegenregierung unter Mustafa Kemal, die von Westen auf die Hauptstadt Jerewan vorrückten, die junge Republik. Zum anderen bestanden Gebietsstreitigkeiten mit den Nachbarstaaten Georgien und Aserbaidschan. Hinzu kam ein Flüchtlingsproblem von hunderttausenden Menschen, die vor dem Völkermord an den Armeniern aus der Türkei flüchteten. Während der daraus folgenden Wirtschaftskrise und Hyperinflation putschten sich am 29. November 1920 armenische Bolschewiki in einem unblutigen Regierungsumsturz an die Macht und riefen die Armenische SSR aus.
Stalin, seit 1917 Volkskommissar für Nationalitätenfragen, schrieb nur einen Tag später, am 30. November 1920, in der Prawda unverblümt:
Am 6. Dezember 1920 marschierte zur Unterstützung der neuen Regierung die 11. Armee der Roten Armee ein. Die anschließend auch von russischer Seite ausgerufene Armenische Sozialistische Sowjetrepublik stellte den ersten Schritt zur Sicherung der Kontrolle der RSFSR über Armenien dar. Die Armenische SSR war zu diesem Zeitpunkt ein formal unabhängiger Staat, der bilaterale Beziehungen mit der Russischen SFSR unterhielt.
Die Russische SFSR ihrerseits war international isoliert und musste im Polnisch-Sowjetischen Krieg eine weitere schwere Niederlage hinnehmen. Die „internationale Solidarität“ war erneut ausgeblieben; ausgerechnet Arbeiterbataillone hatten die polnische Niederlage verhindert. Sowjetrussland war mittelfristig auf sich allein gestellt. So gewannen der Staatsaufbau und die Beschaffung der dafür nötigen Mittel oberste Priorität. Die RSFSR war bemüht, die Belarussische Sozialistische Sowjetrepublik, die Ukrainische SSR, die „widerspenstige“ Demokratische Republik Georgien, die Armenische SSR und Aserbaidschan möglichst eng an sich zu binden. Instrumente dieser Politik waren neben der schon bestehenden Präsenz der Roten Armee auch die örtlichen kommunistischen Gruppierungen, die von den Bolschewiki nach Kräften unterstützt wurden.
Die RSFSR schloss am 30. September 1921 mit der Armenischen SSR einen Bündnisvertrag ab, der die Souveränität der Armenischen SSR weiter einschränkte. Der zweite Schritt war vollendet. Am 12. März 1922 wurde die ArSSR ein Teil der neu gegründeten Transkaukasischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik, die außerdem die Georgische SSR und die Aserbaidschanische SSR umfasste. Die europäischen Staaten betrachteten die formale Unabhängigkeit jedoch nicht als real. Deshalb wurde zur ersten Generalversammlung des Völkerbundes in Genua am 1. November 1920 auch nur Sowjetrussland eingeladen.
Am 22. Dezember gründeten die Transkaukasische SFSR, die Russische SFSR, die Ukrainische SSR und die Belarussische Sozialistische Sowjetrepublik die UdSSR. Mit diesem dritten Schritt hatten die Bolschewiki ihre Macht formal legitimiert. In Moskau gefasste Beschlüsse konnten nunmehr direkt auf dem Verwaltungswege ausgeführt werden. Am 24. Juli 1923 wurde Armenien im Vertrag von Lausanne endgültig zwischen der Türkei und der UdSSR aufgeteilt.
Die Entwicklung als Teil der UdSSR
Seit 1923 ist die weitere Entwicklung der Armenischen SSR in erster Linie im Zusammenhang mit der Entwicklung der gesamten Sowjetunion zu sehen. Lokale Aufstände der Armenier gegen die seit 1928 durchgeführte Zwangskollektivierung sowie die Schließung fast aller Kirchen wurden von der Roten Armee und der sich im Aufbau befindlichen Polizei blutig niedergeschlagen. Auch die Armenier profitierten von einer gewissen gesellschaftlichen Liberalisierung in der Sowjetunion. Frauen wurden rechtlich gleichgestellt, das verbesserte Gesundheitssystem und das neue Bildungssystem standen fast allen Bürgern offen. Andererseits kosteten die Stalinschen Säuberungen von 1934 bis 1938 auch viele zehntausend Armenier das Leben.
Politisches System Die Regierung war in der Armenischen SSR genauso strukturiert wie in den anderen Sowjetrepubliken. Das höchste Regierungsorgan der Republik war der Armenische Oberste Sowjet. Dazu gehörte auch der Oberste Gerichtshof. Mitglieder des Obersten Sowjet blieben für fünf Jahre im Amt, Regionalabgeordnete dagegen nur zweieinhalb Jahre.Viktor Hambardzumyan et al. Soviet Armenia: Division and Inner Politics of the Government. Soviet Armenian Encyclopedia vol. XII. Yerevan, Armenian SSR 1987, pp. 11–12. Im Amt war es obligatorisch, Mitglied in der Kommunistischen Partei der Sowjetunion zu sein. Versammlungen wurden im Gebäude des Obersten Sowjet in der Hauptstadt Jerewan abgehalten.
Andere Parteien als die Armenische Kommunistische Partei waren verboten. Anhänger alter armenischer Parteien (wie die sozialdemokratisch-nationalistische Armenische Revolutionäre Föderation und die Demokratisch-Liberale Partei) waren politischer Verfolgung ausgesetzt. Alte wie neue armenische Parteien mussten im Untergrund wirken.
Der föderative Aufbau der Sowjetunion bestand größtenteils nur in der Theorie. Faktisch wurde die Armenische SSR von der Kommunistischen Partei der Sowjetunion regiert, beziehungsweise wurde sie von der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik dominiert. Dabei war die Regierung sowohl für Legislative, Verwaltung und Gerichtsbarkeit zuständig, als auch für wirtschaftliche Entwicklung (Planwirtschaft).
Außenpolitik Die Außenpolitik der Sowjetunion oblag laut Verfassung Moskau. Im Rahmen der sowjetischen Außenpolitik verfolgte Jerewan aber auch eine „innere Außenpolitik“ gegenüber der armenischen Diaspora, der Schwerpunkt lag dabei auf den Ländern Libanon, Frankreich und den Vereinigten Staaten. In Jerewan wurde für Diaspora-Armenier die Zeitschrift „Heimat“ (armenisch Հայրենիք) verlegt, in der auch dezente Kritik an den sowjetischen Realitäten geübt werden durfte. Als Verbündete der Armenischen Kommunistischen Partei im Ausland trat dabei die 1887 gegründete Sozialdemokratische Hntschak-Partei auf (zur Zeit der Gründung bestand noch kein Bedeutungsunterschied zwischen den Wörtern „sozialistisch“ und „sozialdemokratisch“, siehe auch Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands). Spannungen führten im Libanon und in New York zu teilweise gewaltsamen Auseinandersetzungen unter armenischen Aktivisten in den 1950er und 1960er Jahren. In den 1970er Jahren nahm der Einfluss von Jerewan immer weiter ab.
Rechtliche und staatliche Symbole Nach der sowjetischen Verfassung von 1936www.hist.msu.ru – Verfassung der Union Sozialistischer Sowjetrepubliken (russisch) war die Armenische Sozialistische Sowjetrepublik ein Staat in einer Föderation. Dementsprechend hatte sie eine eigene Flagge, ein eigenes Wappen und eine eigene Nationalhymne. Im Staatswappen der Armenischen SSR war der Berg Ararat zu sehen, der ein nationales Symbol der Armenier ist (und auch heute im Staatswappen der Republik Armenien abgebildet ist). Die kemalistische Türkei protestierte mit dem Hinweis, dass der Berg auf türkischem Territorium liege und deshalb nicht von Armenien oder der Sowjetunion vereinnahmt werden dürfe. Der sowjetische Außenminister Gromyko konterte später mit dem Hinweis, dass im Gegensatz dazu die Türkei den Mond bzw. eine Mondsichel (Halbmond) in der Flagge führe, obwohl weder der Mond noch ein Teil davon zur Türkei gehörten. (Das sowjetische Unionswappen zeigte eine Weltkugel unter Hammer und Sichel.) Die Hymne der Armenischen SSR wurde von Aram Chatschaturjan komponiert.
Im Vergleich zu den deutschen Bundesländern etwa hatte die Armenische SSR aber kaum reale Befugnisse. Kulturpolitik war zum Beispiel laut Verfassung Sache der Unionsrepubliken. Die Doktrin vom Sozialistischen Realismus beispielsweise, welche die künstlerische Freiheit in der gesamten Sowjetunion gleichermaßen erheblich einschränkte, wurde in Moskau beschlossen. Faktisch wurde die Sowjetunion von Anfang an wie ein Einheitsstaat regiert.
Sowjetische Nationalitätenpolitik in Transkaukasien Wie vor allem der Aufstand in der Georgischen SSR am 28. August 1924 zeigte, stand Transkaukasien noch nicht vollständig unter Kontrolle der RSFSR. Dies hing auch damit zusammen, dass selbst führende Bolschewiki aus der Ukraine und dem Kaukasus durchaus national gesinnt waren. Zur Stärkung der Vormacht der RSFSR innerhalb der UdSSR nutzte insbesondere Stalin die Gegensätze zwischen den Völkern des Kaukasus gegeneinander aus, die sich an die Zentralmacht wandten, um dort ihre Probleme vorzutragen. Innerhalb der Transkaukasischen SFSR wurden die Grenzen zwischen der Armenischen SSR und der Aserbaidschanischen SSR mehrmals geändert. Dies betraf die Gebiete Nachitschewan, Sangesur und Bergkarabach, die sowohl von Armeniern als auch von Aserbaidschanern bewohnt wurden. Nach mehreren Änderungen beschloss Moskau, Sangesur an die Armenische SSR, Nachitschewan als so genannte Autonome Sozialistische Sowjetrepublik und Bergkarabach mit dem Status eines Autonomen Gebiets der Aserbaidschanischen SSR anzugliedern. Die neuen Grenzen waren so gezogen, dass zwischen dem Autonomen Gebiet Bergkarabach und der Armenischen SSR keine Verbindung mehr bestand. Außerdem gehörten weitere mehrheitlich armenisch besiedelte Gebiete, wie der Bezirk Schahumjan (benannt nach dem armenisch-sowjetischen Politiker Stepan Schahumjan), gar nicht zum Autonomen Gebiet. by Andrew Anderson, 2005. Während die Armenier in der Folge Nachitschewan und die Aserbaidschaner Sangesur nach und nach mehr oder minder freiwillig verließen, schwelte der Konflikt um Bergkarabach weiter.
Mit den etablierten Grenzen waren weder die Georgier, Aserbaidschaner, noch die Armenier zufrieden. Insbesondere die Georgier, genauer gesagt die georgischen Kommunisten, erstrebten von ihrer Gründung an die Auflösung der Transkaukasischen SFSR. Am 5. Dezember 1936 wurde sie aufgelöst und die Armenische SSR wurde eine formal selbstständige Unionsrepublik im Verband der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Die Grenzen blieben bestehen. 1940 lebten in der Armenischen SSR knapp 1,5 Millionen Menschen, davon rund 85 Prozent Armenier, zehn Prozent Aserbaidschaner, gut zwei Prozent Russen, außerdem Kurden, Georgier und Griechen.
Der Kampf gegen die Kirche