mini|hochkant=0.8|Katherine Willoughby, Porträtminiatur Hans Holbein des Jüngeren, entstanden vor 1543
Katherine Willoughby, 12. Baroness Willoughby de Eresby (auch Katheryn, Katharine) (* 22. März 1519 oder 1520, Parham Old Hall bei Framlingham; † 19. September 1580 auf Grimsthorpe Castle, Lincolnshire) war eine englische Adelige und gehörte zu den ersten energischen Befürwortern und Patronen der reformierten protestantischen Religion in England. Während der katholischen Gegenreformation unter Maria I. wurde sie deshalb verfolgt und musste aus England fliehen. Sie verbrachte mehrere Jahre unter abenteuerlichen Umständen im Exil in Wesel und in Polen und kehrte erst unter der protestantischen Königin Elisabeth I. wieder nach England zurück.
Von Zeitgenossen wurde sie für ihren scharfen Verstand und ihre Wissbegierde als eine Frau gelobt, die es mit den größten Köpfen ihrer Zeit aufnehmen konnte, war aber dennoch gefürchtet für ihre Temperamentsausbrüche und verbalen Spitzen.
Zu Lebzeiten war sie besser bekannt unter dem Höflichkeitstitel Duchess of Suffolk (Herzogin von Suffolk), den sie aufgrund ihrer ersten Ehe mit Charles Brandon, 1. Duke of Suffolk, führte.
Leben Kindheit und Jugend Katherine Willoughby war nach zwei früh verstorbenen Söhnen das einzige überlebende Kind und die Erbin des William Willoughby, 11. Baron Willoughby de Eresby und der María de Salinas, einer spanischen Hofdame und engen Vertrauten Königin Katharinas von Aragon. Der genaue Tag und Monat ihrer Geburt sind bekannt, ihr Geburtsjahr ist jedoch nicht eindeutig feststellbar. Im England des 16. Jahrhunderts begann das Jahr offiziell mit dem 25. März (nach dem julianischen Kalender), parallel wurde aber auch schon der moderne Gregorianische Kalender verwendet, bei dem das Jahr am 1. Januar beginnt. Das verzeichnete Geburtsdatum Katherines, der 22. März 1519, könnte demnach auch den 22. März 1520 meinen.
Ihre Eltern standen hoch in der Gunst des englischen Königspaares Heinrich VIII. und Katharina von Aragon. Zu Ehren der Königin, die auch ihre Patin war, wurde sie in der Kirche in Ufford, nahe Parham, auf den Namen Katherine getauft. Ihr männlicher Taufpate war bemerkenswerterweise Stephan Gardiner, der zukünftige Bischof von Winchester, mit dem sie als Erwachsene schwerwiegend verfeindet sein sollte.Evelyn Read: My Lady Suffolk, A Portrait of Catherine Willoughby, Duchess of Suffolk. Alfred A. Knopf, New York 1963, S. 22 f. Zunächst wuchs sie wie damals üblich auf dem Landsitz ihrer Eltern auf, bis im Oktober 1526 ihr Vater starb. Die erst siebenjährige Katherine war nun Alleinerbin seines beträchtlichen Vermögens und der Baronie Willoughby de Eresby, deren Titel als einer der wenigen in England auch über die weibliche Linie vererbt werden konnte.
Zwar lebte ihre Mutter noch, Frauen erhielten aber selten die Vormundschaft für ihre Kinder und so fiel auch Katherines Vormundschaft, wie in Fällen minderjähriger reicher Erben üblich, an die Krone. Der König verkaufte diese dann im November 1527 für die hohe Summe von mehr als 2666 Pfund an seinen Schwager Charles Brandon, 1. Duke of Suffolk, der Katherine mit seinem dreijährigen Sohn und Erben Henry Brandon, 1. Earl of Lincoln, verlobte.Evelyn Read: My Lady Suffolk, A Portrait of Catherine Willoughby, Duchess of Suffolk Alfred A. Knopf, New York 1963, S. 25. Dies fand wahrscheinlich die Zustimmung von Katherines Mutter, da sie in einem Disput mit dem jüngeren Bruder ihres verstorbenen Mannes, Sir Christopher Willoughby, stand. Dieser sah sich um das Erbe seines Bruders betrogen und forderte anstelle seiner Nichte Titel, Land und Geld für sich selbst ein.Steven J. Gunn: Charles Brandon, Duke of Suffolk, C. 1484-1545. Blackwell Publishing, Williston 1988, S. 95 f. Sie und Brandon taten sich in den nächsten Jahren im Streit um Katherines Erbe immer wieder gegen Sir Christopher Willoughby zusammen und gewannen schließlich. Katherine wurde die Baronie zugesprochen und anders als der Höflichkeitstitel Duchess of Suffolk, den sie später durch Heirat erhielt, führte sie fortan den Titel Baroness aus eigenem Recht, auch wenn sie als Frau nie den damit verbundenen Sitz im House of Lords einnehmen durfte.
Katherine wuchs daraufhin im Haushalt ihres Vormundes und dessen Frau Mary Tudor, der Schwester des Königs auf, zusammen mit deren Töchtern Frances und Eleanor und ihrem vier Jahre jüngeren Verlobten Henry.
Duchess of Suffolk 1533–1545 mini|hochkant=0.7|Charles Brandon, 1. Duke of Suffolk in seinen Fünfzigern Die ruhige Kindheit auf dem Land unter der Obhut Mary Tudors nahm schon im Juni 1533 ein Ende, als diese noch recht jung starb. Ihr Tod wurde der Auslöser für Katherines erste Ehe. Katherines Verlobter Henry war mit zehn Jahren noch zu jung zum Heiraten und wahrscheinlich auch bereits krank. Sein Vater, der nun verwitwete Herzog, hatte als Katherines Vormund das Recht, über ihre Ehe zu entscheiden, und, um das Erbe der mittlerweile 14-jährigen Katherine nicht zu verlieren, beschloss er, fast fünfzigjährig, sie selbst zu heiraten.british-history.ac.uk „On Sunday next the duke of Suffolk will be married to the daughter of a Spanish lady named lady Willoughby. She was promised to his son, but he is only ten years old…“ Brief des kaiserlichen Botschafters Chapuys an Kaiser Karl V. In: 'Henry VIII: September 1533, 1–10', Letters and Papers, Foreign and Domestic, Henry VIII. Band 6: 1533 (1882) Was Katherine selbst von dieser Eheschließung hielt, ist nicht bekannt. Einerseits sprach sie sich später entschieden gegen arrangierte Ehen aus, andererseits soll sie ans Sterbebett ihres Mannes geeilt sein. Die Heirat fand im September 1533 statt, Henry Brandon starb im darauffolgenden Jahrbritish-history.ac.uk „Yesterday morning died the earl of Lincoln…“ Brief vom 2. März 1534, William Lord Dacre an Lady Dacre In: 'Henry VIII: March 1534, 1–5', Letters and Papers, Foreign and Domestic, Henry VIII. Band 7: 1534 (1883) und aus der Ehe zwischen Katherine und Charles Brandon gingen zwei Söhne hervor, ein weiterer Henry, geboren 1535, und der ein oder zwei Jahre jüngere Charles.
Die neue Würde als eine der höchstrangigen Damen im Königreich brachte das junge Mädchen nun ins Zentrum vieler wichtiger politischer Geschehnisse bei Hofe. Im Laufe der folgenden Jahre führte sie u. a. als zweite adelige Dame den Trauerzug bei der Beerdigung Katharinas von Aragon an, empfing offiziell zusammen mit ihrem Mann die neue Königin Anna von Kleve bei deren Ankunft in Dover und war eine der sechs hochrangigen Edeldamen (great ladies) der neuen Königin, die ihr bei hohen Anlässen und an Feiertagen Edeldienste leisteten.„for the Queen’s burial … the duchess of Suffolk will be the second [mourner]“ Brief des kaiserlichen Botschafters Chapuys vom 21. Januar 1536 an Kaiser Karl V. In: Letters and Papers, Foreign and Domestic, Henry VIII. Band 10: January-July 1536 (1882) “he and the duchess led the party which met Anne [of Cleves] at Dover. When her household was established, the duchess was one of her six ‘great ladies’” In: Steven J. Gunn: Charles Brandon, Duke of Suffolk, C. 1484-1545. Blackwell Publishing, Williston 1988, S. 180. Wenn sie sich mit ihrem Mann bei Hofe aufhielt, wurde die attraktive junge Frau vom König großzügig unterhalten.“when at court, the duke and his attractive duchess were fêted by Henry” In: Steven J. Gunn: Charles Brandon, Duke of Suffolk, C. 1484-1545. Blackwell Publishing, Williston 1988, S. 177.
Religiöse Überzeugungen Fast noch ein Kind bei ihrer Eheschließung, füllte Katherine ihre neue Rolle scheinbar mit Bravour aus und wurde als „tugendhaft, weise und besonnen“ bezeichnet.“virtuous, wise and discreet” In: Steven J. Gunn: Charles Brandon, Duke of Suffolk, C. 1484-1545. Blackwell Publishing, Williston 1988, S. 175. Es sollte sich aber bald auch ihre energische Persönlichkeit und scharfe Zunge bemerkbar machen. In ihrer Kindheit war sie zweifelsohne katholisch erzogen worden und ihr Taufpate Gardiner bezeichnete sie als „so ernst im Glauben wie jeder andere“, aber im Laufe der späten 1530er und frühen 1540er bewegte sie sich unverkennbar zu protestantischem Gedankengut hin. Es ist heute nicht mehr genau nachvollziehbar, wie genau ihr Glaubenswandel sich entwickelte. Es handelte sich mit Sicherheit um einen längeren Prozess, während dessen sie verschiedene neue Ideen aufnahm und auch wieder einige verwarf, bis sie zu den gefestigten Überzeugungen kam, die sie später so energisch vertrat. Es ist belegt, dass sie um 1539 bereits ungewöhnliches Interesse an religiösen Themen zeigte und begann, Geschenke mit führenden protestantischen Persönlichkeiten bei Hofe auszutauschen. links|mini|hochkant=0.7|Stephen Gardiner
Sie beleidigte in dieser Zeit auch mehrfach ihren Taufpaten Stephen Gardiner, der als Bischof von Winchester und Mitglied im Privy Council nach dem Sturz von Thomas Cromwell 1540 einer der führenden Konservativen bei Hofe war. Einmal während eines Partyspiels auf dem herzoglichen Anwesen forderte ihr Mann die Damen auf, sich unter den anwesenden Herren den auszuwählen, der ihnen am liebsten sei, um sie zu Tisch zu führen. Katherine wählte Gardiner mit den Worten „da ich meinen Mann, der mir am liebsten ist, nicht wählen darf, wähle ich Euch, den Mann, der mir am unliebsten ist“. Als Frau eines der mächtigsten Adeligen bei Hofe konnte sie sich derlei Spitzfindigkeiten ungeschoren leisten, doch Gardiner sollte ihr diese Beleidigungen zeitlebens nachtragen und rächte sich an ihr, sobald er Gelegenheit dazu hatte. Später warf er ihr auch noch vor, sie hätte ihren Schoßhund in eine Soutane gekleidet und nach ihm benannt, was für viel Gelächter sorgte, wenn sie ihm Bei Fuß! zurief.
Möglicherweise beeinflusste Katherine zu dieser Zeit auch ihren Mann in seiner Wahl eines Protestanten als dessen Kaplan. Sie bezog allerdings erst nach seinem Tod klar Position innerhalb der sich rapide herauskristallisierenden religiösen Interessengruppen bei Hofe. Im Juli 1546, als sie die Vormundschaft für ihren älteren Sohn von der Krone zurückkaufte, waren es schließlich allesamt führende evangelische Höflinge, die für sie als Bürgen einstanden.„In February 1546 those who bound themselves for the payment for her son’s wardship included most of the leading evangelical courtiers: John Gates, Sir Philip Hoby, Sir William Herbert, Sir Anthony Denny, Sir Ralph Sadler, Sir William Paget, and Dr George Owen, lately the queen’s doctor.“ In: Steven J. Gunn: Charles Brandon, Duke of Suffolk, C. 1484-1545 Blackwell Publishing, Williston 1988, S. 198.
Witwe 1545–1553 Als Charles Brandon im August 1545 starb, wurde Katherine Willoughby mit Mitte 20 eine unabhängige, wohlhabende junge Witwe. Zwar fiel, wie in ihrer eigenen Kindheit, die Vormundschaft für ihren älteren Sohn Henry, den neunjährigen Erben des Titels, an die Krone, Katherine kaufte die Vormundschaft jedoch prompt zurück. Außerdem erhielt sie im März von den Vermögensverwaltern des Erbes ihres Mannes aufgrund des „besonderen Vertrauens und Zutrauens, das sie in die besagte Lady Katheryn haben“ als Verwalterin die Kontrolle über weite Teile des Vermögens.“[…]in March 1546 his executors gave his widow control over these, professing the ‘specyall truste and confydense that they beare towardys the seyd Ladye Katheryn’” In: Steven J. Gunn: Charles Brandon, Duke of Suffolk, C. 1484-1545. Blackwell Publishing, Williston 1988, S. 208. Die gesellschaftliche und finanzielle Position, die ihr Mann ihr und ihren Söhnen hinterlassen hatte, war stark und Katherine konnte sich nun neben der Ausbildung ihrer Söhne und der Verwaltung der Ländereien zunehmend ihren religiösen Interessen widmen.“the position he left to his wife and sons was very strong.” In: Steven J. Gunn: Charles Brandon, Duke of Suffolk, C. 1484–1545. Blackwell Publishing, Williston 1988, S. 219.
Der Reformistenzirkel der Königin hochkant=0.8|mini|Catherine Parr, Königin von England, Katherine Willoughbys Freundin, ca. 1545