Hundert Tage ist ein 2008 im Wallstein Verlag erschienener Roman von Lukas Bärfuss.
Einleitung Der Roman "Hundert Tage" von Lukas Bärfuss, erschienen 2008, erzählt die Geschichte des Schweizer Entwicklungshelfers David Hohl, der vor und während dem Bürgerkrieg und Völkermord in Ruanda in den Jahren 1990–94 in das Geschehen verwickelt wird. Der Roman ist in eine Rahmen- und eine Binnenhandlung gegliedert: Die Rahmenhandlung spielt im Schweizer Jura, wo David seine Erlebnisse in Form einer Analepse einem namenlosen Ich-Erzähler erzählt. Die Binnenhandlung schildert die Geschehnisse in Ruanda während dieser vier Jahre und der namenlose Ich-Erzähler lenkt die Aufmerksamkeit des Lesepublikums auf die Frage, ob David Hohl nicht innerlich gebrochen sein müsste. Die Erzählweise ist anachronisch: Der Protagonist beginnt seine Erzählung mit der Bemerkung, dass er sich hautnah in die Schreckensmomente, als er sich zu Beginn der hundert Tage versteckt, zurückversetzt fühlt. Während er den Bürgerkrieg und den Genozid überlebt, so deutet er in einer Prolepse an, dass Agathe sterben wird. Die zentralen Motive sind die Beschreibung von Gewalt und die moralische Verantwortung. Die Verbindung zwischen Rahmen- und Binnenhandlung wird auch durch eine wiederkehrende Formulierung hergestellt: Bereits am Anfang der Geschichte wird das Bild von „Eingeweiden an einer roten Sosse“ (Seite 14) eingeführt, das am Ende erneut aufgegriffen wird und so eine erzählerische Klammer bildet. Dieses Zitat widerspiegelt zugleich die Gewalt wie auch die moralische Verantwortung.
Geographisch führt der Roman an zentrale Orte Ruandas, die Davids Weg und die Eskalation des Konflikts widerspiegeln. Am Kiwu-See (S. 51) verbringt er Zeit mit Agathe, während er am Ihema-See (S. 51) über seine Arbeit und die politischen Spannungen reflektiert. Im Virunga-Nationalpark (S. 34) besucht er die Berggorillas, was seinen westlichen Blick auf Ruanda zeigt. In Bugarama (S. 53) arbeitet er für die Schweizer Entwicklungsorganisation. Der Fluss Kagera (S. 51) dient als natürliche Grenze und hat eine politische Bedeutung.
Bärfuss verwendet in seinem Roman spezifische Begriffe aus der Sprache der Ruanderinnen und Ruander, darunter Umuzungu (Weisser, S. 14 & 29), Initi (jemand, der in Europa studiert hat, S. 122), Inyenzi (Kakerlaken, S. 105) und Akazu (Clan, S. 55). Diese Begriffe verdeutlichen die gesellschaftlichen und politischen Strukturen der ruandischen Gesellschaft.
Handlung Der Schweizer Entwicklungshelfer David Hohl reist 1990 in die Hauptstadt von Ruanda, wo er sich im Büro mit Entwicklungsprojekten der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit beschäftigt und dadurch ein diktatorisches Regime stützt.
Damals galt Ruanda noch als Vorzeigeland des afrikanischen Kontinents. In der Hauptstadt Kigali bricht Chaos aus, als der Papst im Stadion eine Rede hält, wobei Hohl von der Menge beinahe erdrückt wird. Im Krankenhaus trifft er Agathe erneut, der er bereits am Brüsseler Flughafen begegnet ist. Eine heftige Liebesbeziehung zwischen den beiden beginnt. Tutsi-Rebellen marschieren kurz darauf in die Stadt ein, und der Völkermord steht kurz bevor. Als 1994 nach dem Abschuss des Flugzeugs mit dem Präsidenten die Massenmorde der Hutu an den Tutsi beginnen, verlassen die Entwicklungshelfer das Land. Hohl entscheidet sich spontan zu bleiben und versteckt sich in seinem Haus. Seine Geliebte Agathe, die Tochter eines Ministerialbeamten, verschwindet. Sein Gärtner hortet im Haus Beutegut seiner Opfer. Er versorgt Hohl in den 100 Tagen, weshalb David ihn zuerst toleriert, später jedoch verprügelt. Hohl ist halb verdurstet, als sich Hutu-Milizen in seinem Garten niederlassen und ihm Wasser und Nahrung geben. Als die Rebellen vor Kigali stehen, flieht Hohl mit den Hutu in den Kongo. David wird als Helfer im Flüchtlingslager sofort willkommen geheissen. Als er erfährt, dass Agathe in Goma ist, erwirbt Hohl durch Korruption Geld, um zu ihr reisen zu können. Kurz nachdem Hohl in Goma eingetroffen ist, erlebt er mit, wie Agathe an Cholera stirbt, und er kehrt in die Schweiz zurück.
Figuren und Beziehungen Figuren David Hohl: Tierfreund, Entwicklungshelfer, hilfsbereit, Perfektionist Paul: Stellvertretender Koordinator, Perfektionist Agathe: Tochter eines Ministerialbeamten Missland: Ex-Entwicklungshelfer, der in Ruanda geblieben ist und sein Leben mit Trinken, Rauchen und Frauen verbringt Marianne: Leiterin der Direktion, einsam, familienlos, streng, korrekt, bürokratisch Théoneste: Gärtner im Haus Amsar, in dem David lebt, wird später zum Mörder Erneste: Haushälterin im Haus Amsar, in dem David lebt Ines: Pauls Frau Beziehungen der Figuren David zu Paul: Paul ist sein Vorgesetzter. Sie merken später, dass sie beste Freunde sind, kennen sich aber kaum. David zu Agathe: Er liebt sie, sie hält ihn trotz einer intimen Liebesbeziehung auf Distanz. David zu Missland: Er hasst Missland, bewundert ihn aber auch, da er als einziger sich in das Land eingelebt hat, und verbringt viel Zeit mit ihm.
Formale Aspekte Hundert Tage ist ein Roman von rund 200 Seiten und ohne Kapitelgliederung. Es wird immer aus der Ich-Perspektive erzählt, meistens aus jener Davids. Hintergrundinformationen werden immer in den Erzählton eingebunden.
Schwerpunkt Das zentrale Thema im Buch sind die Entwicklungshelfer. Für die westlichen Entwicklungshelfer war Ruanda das ideale Land, mit gutem Klima, funktionierendem Staatswesen, mit disziplinierten und lernfähigen Bewohnern. So gab es auf jedem Hügel ein Projekt. Wald wird aufgeforstet, wo er schon unwiederbringlich zerstört ist, ein Schweizer Ingenieur kommt beim Rettungsversuch eines Baumes ums Leben. In Kigali spielen die Entwicklungshelfer und Diplomaten Schnitzeljagd, organisiert von Missland, einem gescheiterten Entwicklungshelfer, der als Gegenfigur zu Hohl angelegt ist.
Ein anderes zentrales Thema ist der Vorwurf, dass die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit in Ruanda von Anfang an dem Mordsystem diente, ohne sich dessen bewusst zu sein. Entwicklungshilfe ist auf Stabilität ausgerichtet und nützt deshalb immer dem, der an der Macht ist. Man hatte keinen Sinn für die Konsequenzen dessen, was man tat, und dachte nicht darüber nach, wem man nützte, weil man sich als unpolitisch verstand. Man half Telefonleitungen legen, durch die später Mordbefehle weitergegeben wurden, man bot eine hervorragende Ausbildung im Radiojournalismus an, so dass die Hetze in gut gemachten Programmen stattfand. Und ein Schweizer, der bis 1993 direkt auf der Schweizer Gehaltsliste stand, war Berater des Diktators.
Bezug zur Realität Personenübersicht Folgende Tabelle zeigt eine Übersicht der Figuren, welche sowohl in Bärfuss' Werk als auch in der Realität mit selbem oder ähnlichem Namen vorkommen. Historisch/in der RealitätBiographische AngabenIm RomanAusgestaltung der FigurAgathe HabyarimanaAgathe Habyarimana ist die ehemalige First Lady Ruandas. Ihr Familienklan, das Akazu, gilt als verborgene Macht hinter dem Genozid, die massgeblich Einfluss auf Präsident Habyarimana hatte. Sie ist deshalb auch als „Lady Genocide“ bekannt.Agathe († 1994)Agathe fungiert als David Hohls Liebhaberin und nicht als Frau des Präsidenten. Während des Krieges radikalisiert sie sich und wird schliesslich zu einer Hutu-Extremistin und später selbst zur Mörderin. Agathes Verbindung zum Akazu wird im Roman lediglich angedeutet, nicht aber wörtlich erwähnt. Wobei die Figur nicht die Frau von Präsident Hab verkörpert.Juvénal Habyarimana († 1994)Juvénal Habyarimana war Präsident Ruandas und führte das Land von 1973 bis 1994. Nach seinem Tod durch den Abschuss seiner Präsidentenmaschine am 6. April 1994 brach der Genozid in Ruanda aus. Seine Rolle und sein Einfluss auf den Völkermord und die Radikalisierung vieler Hutus sind wissenschaftlich umstritten.Hab († 1994)Hab ist der Präsident, welcher 1994 in seiner Präsidentenmaschine von einem Sprengkörper getroffen wird und danach durch den Absturz zu Tode kommt. Während seiner Regierungszeit werden viele Tutsi unterdrückt, vertrieben und ermordet.Théoneste Bagosora († 2021)Théoneste Bagosora war ein ruandischer Armeeangehöriger, welcher der Bevölkerungsgruppe der Hutu angehörte. Er war der führende militärische Planer des Völkermords in Ruanda, für den er auch 2011 verurteilt wurde. Deswegen wird er auch oft als „Drahtzieher“ des Genozids bezeichnet.Théoneste († 1994)Théoneste ist der Gärtner von David Hohl im Hause Amsar. Während des Genozids wird er als Hutu ebenfalls zum Mörder, wobei er sein Diebesgut aus Plünderungen bei Hohl im Haus verstaut. Schliesslich wird er von der Miliz von Vince, einem jungen Hutu-Kämpfer, ermordet, da er seine Identitätskarte verliert und somit zu einem Tutsi wird. Es ist David Hohl selbst, der ihn indirekt zum Tode verurteilt, indem er seine Identitätskarte zwar am Boden liegen sieht, ihm diese allerdings nicht aushändigt.Ferdinand NahimanaFerdinand Nahimana ist ein ruandischer Historiker, der als Mitgründer des Radio Télévision des Mille Collines (RTLM) eine wichtige Rolle im Propagandaapparat während des Genozids in Ruanda spielte.FerdinandFerdinand arbeitet zunächst als Leiter des Staatsradios. Später wird dieser entlassen und gründet sein eigenes Radio.Charles JeanneretDer Schweizer Charles Jeanneret wurde 1982 auf Wunsch des Präsidenten Habyarimana als persönlicher Berater eingestellt. Bezahlt wurde sein Gehalt vom Schweizer Bund, wobei er keine Auskunft über sein Engagement geben musste.JeannotJeannot gilt als der engste Berater des Präsidenten Hab. Jeannot wird von der Direktion bezahlt, muss aber, anders als alle anderen Angestellten der Direktion, keine Berichte abliefern. David Hohl trifft auch persönlich auf ihn.
Radio In der Realität war das Radio in Ruanda einer der wichtigsten Propaganda-Kanäle während des Genozids und auch schon vorher. Im Roman "Hundert Tage" wird die Instrumentalisierung des Radios durch Ferdinand thematisiert. Ferdinand arbeitet in Bärfuss' Werk zunächst als Informationsminister der Regierung Ruandas. Da sich seine Radiosendungen immer stärker radikalisieren und es zu einer Hinrichtung mehrerer Personen aufgrund des Staatsradios kommt, wird Ferdinand schliesslich freigestellt. „Ferdinand hatte etwas übertrieben, und Hab schickte ihn schweren Herzens zurück auf seinen Professorenposten in Butare.“ Daraufhin gründet er seine eigene Radiostation, in der er unter dem Deckmantel leichter Unterhaltung und Musik Namenslisten und Mordaufrufe ausstrahlt (in der Realität: Radio-Télévision Libre des Mille Collines; kurz RTLM).
In der Realität veröffentlichte Ferdinand Nahimana mit seinem Radio «Radio Télévision Libre des Mille Collines» vor dem Genozid und auch während dieser Zeit Propaganda gegen die Tutsi. Vor dem Völkermord arbeitete er bei dem ruandischen Regime als Minister für Kultur und wissenschaftliche Forschung. Die Gestaltung des Radioprogramms in der Realität deckt sich ebenfalls mit der Fiktion: Eine scheinbar harmlose Berichterstattung mit abwechslungsreicher Musik, während zwischendurch Namenslisten für die Morde vorgelesen wurden oder die „Kakerlaken“ („Rebellen“ und alle anderen Tutsi) als Bedrohung porträtiert wurden. Im Roman beschreibt Protagonist David Hohl die Übertragung wie folgt: „Die Sendungen waren unterhaltsam, sie spielten Musik, brachten kleine Sketche, in denen sich zwei scharfsinnige Bauern über die Dummheit der Inkotanyi ausliessen.“
Situation in den Flüchtlingslagern