mini|Knöchel-Fuß-Orthese

Eine Orthese (, romanisiert: ortho, genannt auch Schiene) ist ein medizinisches Hilfsmittel. Eine Orthese (Plural: Orthesen) ist „ein äußerlich angelegtes Gerät zur Beeinflussung der strukturellen und funktionellen Eigenschaften des neuromuskulären und skelettalen Systems“.

Klassifikation Orthesen werden nach dem internationalen Klassifikationssystem (ICS) in Klassen von vier Körperbereichen zusammengefasst. Es gibt die Orthesen der unteren Extremitäten (englisch: Classes of lower limb orthoses), Orthesen der oberen Extremitäten (englisch: Classes of upper limb orthoses), Orthesen für den Rumpf (englisch: Classes of spinal orthoses) und Orthesen für den Kopf (englisch: Classes of head orthoses).

Im Bereich der jeweiligen Klassen werden Orthesen nach ihrer Funktion gruppiert. Es gibt Lähmungsorthesen, Entlastungsorthesen und Bandagen.

Die Bezeichnung einer Orthese enthält die anatomischen Gelenke und Körperteile, die die Orthese umspannt. Beispielsweise umspannt eine Knie-Knöchel-Fuß-Orthese (englische Abkürzung: KAFO für Knee-ankle-foot orthosis) das Kniegelenk, den Knöchel und den Fuß. Eine Rumpforthese (englische Abkürzung: TLSO für Thorako-lumbo-sakral orthosis) betrifft die Brustwirbelsäule, die Lendenwirbelsäule und das Kreuzbein.

Der Übergang von einer Orthese zu einer Prothese kann fließend sein. Ein Beispiel hierfür ist das Ausgleichen einer Beinlängendifferenz, die dem Ersatz eines fehlenden Teiles einer Gliedmaße gleichkommt. Ein weiteres Beispiel ist der Ersatz des Vorfußes nach einer Vorfußamputation. Dieses Hilfsmittel wird häufig aus der Kombination einer Prothese für den Ersatz des Vorfußes und einer Orthese zum Ersatz der verlorengegangenen muskulären Funktion hergestellt (Orthoprothese).

Verordnung und Herstellung Orthesen werden als maßgefertigte Produkte, Halbfertigprodukte oder Fertigprodukte hergestellt und angeboten.

Maßgefertigte Produkte stehen im Vordergrund einer optimalen Versorgung. Bei genauer Befundung eines Patienten ergibt sich aus dem Krankheitsbild häufig eine Kombination mehrerer funktioneller Abweichungen vom physiologischen neuromuskulären und skelettalen System. Jede einzelne funktionelle Abweichung kann gering oder stark ausgeprägt sein. Die Kombination der funktionellen Abweichung und deren Ausprägungen führen zu einer detaillierten Indikationsstellung. Ein großer Vorteil der maßgefertigten Produkte besteht darin, dass die diversen notwendigen Orthesenfunktionen bei der Konfiguration einer Orthese optimal auf die ermittelten funktionellen Abweichungen abgestimmt werden können. Ein weiterer Vorteil einer Maßanfertigung besteht darin, dass die Passform der Orthese optimal für die individuellen Körperformen des Patienten hergestellt wird.

Halbfertigprodukte werden für eine schnelle Versorgung bei häufig auftretenden Krankheitsbildern eingesetzt. Sie werden industriell hergestellt und können in einigen Fällen an die anatomischen Körperformen angepasst werden.

Maßgefertigte Produkte und Halbfertigprodukte werden in der Langzeitversorgung eingesetzt und werden nach Verordnung durch einen Arzt in der orthopädischen Werkstatt eines Sanitätshauses durch ausgebildete Orthopädietechnik-Mechaniker hergestellt oder angepasst. Der Arzt definiert bei seiner Verordnung die funktionellen Abweichungen, z. B. Lähmung (Parese) der Wadenmuskulatur (Musculus gastrocnemius) und leitet daraus die Indikationsstellung ab, z. B. Orthese zur Wiederherstellung der Sicherheit beim Stehen und Gehen nach Schlaganfall. Der Orthopädietechnik-Mechaniker erstellt eine erneute detaillierte Befundung und gleicht diese mit der Verordnung des Arztes ab. Er beschreibt die Konfiguration der Orthese, aus der hervorgeht, welche Orthesenfunktionen zum Ausgleich der funktionellen Abweichung des neuromuskulären oder skelettalen Systems erforderlich sind und welche Funktionselemente dafür in die Orthese integriert werden müssen. Im Idealfall werden die notwendigen Orthesenfunktionen und die zu integrierenden Funktionselemente im interdisziplinären Team zwischen Arzt, Physiotherapeut, Orthopädietechnik-Mechaniker und Patient besprochen. Der Patient hat die freie Wahl bei der Suche nach dem Orthopädietechnik-Mechaniker seines Vertrauens.

Fertigprodukte sind Kurzzeitorthesen oder Bandagen für eine begrenzte Therapiedauer. Sie werden industriell meist in diversen Konfektionsgrößen hergestellt und auch nach Rezeptierung durch einen Arzt über das Sanitätshaus abgegeben oder verkauft. Häufig können Fertigprodukte auch über einen Versandhandel gekauft werden.

Für die Herstellung von modernen Orthesen ist es erforderlich, dass Orthopädietechnik-Mechaniker sowohl handwerkliche Fähigkeiten in der Verarbeitung traditioneller und innovativer Materialien sowie künstlerische Fähigkeiten für die Modellierung von Körperformen erwerben oder besitzen. Außerdem werden bei der Herstellung von Orthesen Kenntnisse in Anatomie und Physiologie, Pathophysiologie, Biomechanik und Ingenieurwesen kombiniert.

Orthesen für die unteren Extremitäten mini|Patient nach Rückenmarksverletzung mit inkompletter Querschnittlähmung (Läsionshöhe L3) mit einer Knie-Knöchel-Fuß-Orthese mit integriertem Standphasensicherungs-Kniegelenk. (Bezeichnung der Orthese nach den in der Orthesenversorgung einbezogenen Körperteilen: Knie, Knöchel und Fuß, englische Abkürzung: KAFO für Knee-ankle-foot orthoses)

Alle Orthesen, die den Fuß, das Knöchelgelenk, den Unterschenkel, das Kniegelenk, den Oberschenkel oder das Hüftgelenk betreffen, gehören zur Kategorie der Orthesen für die unteren Extremitäten.

Lähmungsorthesen Orthesen können das Leben eines gelähmten Menschen verändern. Lähmungsorthesen werden sowohl bei Lähmungen mit vollständigem Funktionsausfall von Muskeln oder Muskelgruppen, als auch bei unvollständigen Lähmungen (Paresen) eingesetzt. Sie sollen funktionelle Einschränkungen korrigieren oder beeinflussen oder Funktionen ersetzen, die in Folge der Lähmung verlorengegangen sind. Auch lähmungsbedingte funktionelle Beinlängendifferenzen können über die Orthese ausgeglichen werden.

Für die Qualität und Funktion einer Lähmungsorthese ist es von großer Bedeutung, dass die Orthesenschalen durch optimale Passform vollflächig im Kontakt mit dem Bein des Patienten stehen. Deshalb sollte eine Lähmungsorthese als maßgefertigte Orthese verordnet werden.

Niedriges Gewicht einer Orthese trägt maßgeblich dazu bei, den Energieeinsatz für den Betroffenen beim Stehen und Gehen zu reduzieren, weshalb beim Bau einer maßgefertigten Orthese der Einsatz hochbelastbarer und gleichzeitig leichter Materialien, wie kohlenstofffaserverstärkter Kunststoff, Titan und Aluminium unumgänglich ist.

Die Herstellung einer maßgefertigten Orthese bietet zudem den Vorteil, dass Orthesengelenke eingesetzt werden können. Durch den Einsatz von Orthesengelenken kann die Dynamik der Orthese exakt mit den Drehpunkten der Bewegungsachsen der anatomischen Gelenke der unteren Extremität in Übereinstimmung gebracht werden. Da die Dynamik der Orthese über die Orthesengelenke realisiert wird, ist es möglich die Orthesenschalen stabil und verwindungssteif herzustellen. Dadurch findet die Dynamik der Orthese genau dort statt, wo auch die Bewegungen durch die Anatomie im skelettalen System vorgegeben wird. Das ist für die Qualität und Funktion der Orthese notwendig. So bietet die Orthese die notwendige Stabilität, um die durch die Lähmung verloren gegangene Sicherheit beim Stehen und Gehen zurückzuerlangen.

Außerdem lässt sich eine Orthese durch den Einsatz von Orthesengelenken individuell konfigurieren. So kann die Orthesenfunktion über die Kombination der Orthesengelenke und die Einstellbarkeit der Funktionselemente optimal an die funktionellen Abweichungen angeglichen werden, die sich durch das Krankheitsbild ergeben haben. Das Ziel einer qualitativ hochwertigen Orthesenversorgung ist es, die Funktionselemente so exakt an die funktionelle Abweichung anzupassen, dass die notwendige Unterstützung durch die Orthese gegeben wird. Gleichzeitig soll die Orthese durch die einstellbare Dynamik der Orthesengelenke die Dynamik der unteren Extremität möglichst wenig einschränken, um die Restfunktionalität der Muskulatur zu fördern.

Ermittlung der Kraftgrade zur Befundung mini|220x220px|Beschreibung der Funktionen der großen Muskelgruppen zur Festlegung der Funktionselemente einer Lähmungsorthese, die eingeschränkte Muskelfunktionen ausgleichen sollen.

Bei Lähmungen durch Erkrankungen oder Verletzungen des spinalen/peripheren Nervensystems werden zur Festlegung der notwendigen Funktionen einer Orthese, im Rahmen der Patientenbefundung, vorerst die Kraftgrade der sechs großen Muskelgruppen des betroffenen Beines bestimmt.

Die Dorsalextensoren bewegen durch konzentrische Muskelarbeit den Fuß um das Sprunggelenk (Knöchel) in Richtung Dorsalextension und kontrollieren durch exzentrische Muskelarbeit die Plantarflexion. Die Plantarflexoren tragen im Wesentlichen dazu bei aufrecht Stehen zu können, indem sie den Vorfußhebel aktivieren und dadurch die Grundfläche beim Stehen vergrößern. Sie bewegen den Fuß in Richtung Plantarflexion. Die Knieextensoren strecken das Knie in Richtung Knieextension Die Knieflexoren beugen das Knie in Richtung Knieflexion Die Hüftflexoren beugen das Hüftgelenk in Richtung Hüftflexion Die Hüftextensoren strecken das Hüftgelenk in Richtung Hüftextension und gleichzeitig das Knie in Richtung Knieextension.

Zur Bestimmung der Kraftgrade wird ein Muskelfunktionstest nach Vladimir Janda durchgeführt. Der Grad der Lähmung wird für jede Muskelgruppe auf einer Skala von 0 bis 5 angegeben, wobei der Wert 0 eine komplette Lähmung (0 %) und der Wert 5 eine normale Kraftentfaltung (100 %) angibt. Die Werte zwischen 0 und 5 geben eine prozentuale Reduzierung der Muskelfunktion an. Alle Kraftgrade kleiner 5 werden als Muskelschwäche bezeichnet.

Die Kombination der Kraftgrade der Muskelgruppen bestimmt den Orthesentyp (AFO oder KAFO).

Außerdem ergeben sich aus den Kraftgraden der Muskelgruppen die notwendigen Funktionselemente der Orthese, die den Ausgleich der Einschränkungen durch den verminderten Kraftgrad der jeweiligen muskulären Funktionen übernehmen.

Befundung bei Lähmung durch Erkrankungen oder Verletzungen des spinalen/peripheren Nervensystems Lähmungen durch Erkrankungen oder Verletzungen des spinalen oder peripheren Nervensystems sind z. B. Querschnittlähmungen und treten auch bei Spina bifida, Poliomyelitis und der Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung auf. Bei dieser Gruppe der Lähmungen ist die Einbeziehung der Kraftgrade der großen Muskelgruppen von elementarer Bedeutung, um bei der Konfiguration der Orthese die notwendigen Orthesenfunktionen festzulegen.

Befundung bei Lähmung durch Erkrankungen oder Verletzungen des zentralen Nervensystems Lähmungen durch Erkrankungen oder Verletzungen des zentralen Nervensystems (z. B. Cerebralparese, Schädel-Hirn-Trauma, Schlaganfall und Multiple Sklerose).

Bei der Festlegung der notwendigen Funktionen einer Orthese ist es sinnvoll, die Gruppe der Lähmungen durch Erkrankungen oder Verletzungen des zentralen Nervensystems von der Gruppe der Lähmungen durch Erkrankungen oder Verletzungen des spinalen oder peripheren Nervensystems getrennt zu betrachten. Falsche motorische Impulse vom zentralen Nervensystem resultieren häufig in deutlich sichtbaren Abweichungen des Gangbildes. Die notwendigen Funktionen einer Orthese lassen sich in dieser Gruppe der Lähmungen deshalb nur bedingt über die Ermittlung der Kraftgrade der sechs großen Muskelgruppen festlegen. Selbst bei Ergebnissen mit hohen Kraftgraden können bei diesen Lähmungen aufgrund der Fehlsteuerungen des zentralen Nervensystems Störungen des Gangbildes erkennbar sein.

Cerebralparese und Schädel-Hirn-Trauma mini|Die Amsterdam Gait Classification erleichtert die Beurteilung des Gangbildes bei CP-Patienten und bei Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma und hilft bei der Bestimmung des Gangtyps