mini|Schreibhand Martins von Laon, MS Laon 444, f. 299v Martin von Laon (lat. Martinus Laudunensis, Martinus Hibernensis, Martinus Scot(t)us; * 819 in Irland; † 875 in Laon) war ein aus Irland stammender Gelehrter und Leiter der Kathedralschule von Laon.
Er gehörte zu einer Reihe von Gelehrten aus Irland, die zur Zeit der Karolinger ins Westfrankenreich auswanderten, wo sie zur damaligen Kulturblüte beitrugen. Die Annales Laudunenses, die von ihm selbst und mehreren anderen Händen den Ostertafeln einer komputistischen Handschrift (Berlin, Staatsbibl. lat. 129) beigefügt wurden, in denen aber in den Eintragungen zu seiner Person der jeweils unleserlich gewordene Name durch Konjektur wiederhergestellt werden muss, bezeugen durch Eintrag von seiner eigenen Hand, dass er 819 in Irland geboren wurde, und geben dann 875 als sein Todesjahr an.Annales Laudunenses et S. Vincentii Mettensis breves. In: . Die vom Herausgeber als „prima manus“ bezeichnete ist diejenige Martins, dazu Contreni, The Cathedral School of Laon... (1978), S. 99–101; Muzerelle, Martin d'Irlande et ses acolytes... (2003), S. 327, Anm. 17.
Handschriften Seine Hinterlassenschaft als Autor, Glossator und Schreiber von Handschriften ist in der Zuschreibung in vielen Fällen unsicher. Besonders John J. Contreni hat in dieser Hinsicht Annahmen der früheren Forschung kritisch infragegestellt. Er konnte aber zugleich anhand paläographischer BefundeZu den Merkmalen von Martins Handschrift, die im Wesentlichen bereits kontinentalen Stil übernimmt, aber z. T. noch insulare Prägung zeigt und einige gängige irische Abkürzungen beibehält, siehe Contreni, The Cathedral School of Laon... (1978), S. 98f. und Tafel III. nachweisen, dass mindestens 21 Handschriften aus Laon durch Martins Hände gegangen sind, von ihm geschrieben, mehr oder minder ausführlich glossiert oder mit Inhaltsverzeichnissen oder anderen Zusätzen versehen wurden.Verzeichnis der Handschriften bei Contreni, The Cathedral School of Laon... (1978), S. 96f., dort auch S. 96, Anm. 3 zu mehreren von Contreni früher akzeptierten und seither von ihm ausgeschiedenen Zuschreibungen von Bernard Merlette.
In der Mehrzahl handelt es sich um patristische oder frühmittelalterliche Werke zur Bibelexegese (Origenes, Augustinus, Hieronymus, Beda, Wicbodus, Taio von Saragossa, Haimo von Auxerre), ferner um Geographie des Heiligen Landes (Adomnán, Beda), Komputistik (Dionysius Exiguus, Beda), die Acta Pilati in einer Zusammenstellung mit Texten dogmatischen Interesses, ein ausführlich annotiertes Exemplar der Aachener Konzilsbeschlüsse von 816 über Liturgie und Lebensführung des nicht-monastischen Klerikerstandes (De institutione canonicorum) und auch zwei ausführlich glossierte Werke zu Medizin und Diätetik (Marcellus Empiricus, Oreibasios). Unter den bibelexegetischen Werken ist Gregor der Große nicht mit einem eigenen Werk, aber durch die Auszüge in der Ecloga de Moralibus Iob des Iren Lathcen († 661) vertreten.
Griechischer Thesaurus Laon 444 Besondere Bedeutung für die Kenntnis der griechischen Bildung in karolingischer Zeit besitzt die Handschrift Thesaurus Laon, Bibliothèque municipale 444, die von zwei Mitarbeitern und Nachfolgern Martins der Kirche von Laon gestiftet wurde und wahrscheinlich unter Martins Aufsicht entstand.Unvollständig hrsg. von E. Miller: Glossaire grec-latin de la Bibliothèque de Laon, in: Notices et Extraits des manuscrits de la Bibliothèque nationale et autres bibliotheques 29/2 (1880), S. 1–230; kodikologische Analyse der Handschrift bei Muzerelle, Martin d'Irlande et ses acolytes... (2003), Auflistung der einzelnen Stücke (unter Auslassung der Exzerpte zum Lateinischen aus Priscian, f. 311vb ff.) und Angaben zu den Quellen bei Dionisotti, Greek grammars and dictionaries... (1988), S. 48–54. Sie enthält im Anschluss an einige Vorsatzstücke ein umfangreiches, auf dem Glossar des Pseudo-Cyrill beruhendes griechisch-lateinisches Glossar in alphabetischer Ordnung (Glossarium grecum per ordinem alphabeti, f. 5r-255v),Als Archetyp identifizierbar ist die Handschrift BL, Harley 5792. Vgl. Georg Goetz, Corpus Glossariorum Latinorum, Band II, Teubner, Leipzig 1888, Praefatio S. XXVI-XXX, Wiedergabe von Varianten aus Laon 444 (= MS a) im Apparat S. 215–483; Contreni, The Cathedral School of Laon... (1978), S. 57; Dionisotti, Greek grammars and dictionaries... (1988), S. 12f. gefolgt von einer in der Forschung unter dem Gattungsnamen idiomata generum bekannten Übersicht griechischer und lateinischer Nomina unter dem Gesichtspunkt der Verschiedenheit ihres Geschlechts (f. 255v-275v), sodann, im Anschluss an ein in tironischen Noten geschriebenes Kolophon, mehrere weitere Zusammenstellungen von Erklärungen griechischer Wörter, darunter auch zu Graeca bei Johannes Scotus Eriugena (Graeca qui sunt in versibus Johannis Scotti, f. 294vb ff.), und noch weitere Stücke zur griechischen Grammatik, Schrift und Zahlschrift, ferner auch Exzerpte aus Priscian zur lateinischen Lautlehre, Verbflexion und Orthographie und zum Abschluss dann ein in lateinischen Buchstaben geschriebenes Zitat aus dem Johannesevangelium (4,9-12).Identifiziert von Henry d'Arbois de Jubainville, Un fragment grec transcrit en lettres latines par un irlandais au VIIIe ou IXe siècle, in: Revue celtique 26 (1905), S. 384–387. Nach dem Befund Contrenis stammen die Vorsatzstücke und die auf das tironische Kolophon folgenden Stücke überwiegend von Martins Hand, während das Glossarium grecum und die Idiomata generum einschließlich des Kolophons überwiegend von drei anderen Schreibern stammen und Martin selbst sich dort nur auf einem Blatt (f. 187r-v) als Schreiber beteiligt hat.Contreni, The Cathedral School of Laon... (1978), S. 56f.; Muzerelle, Martin d'Irlande et ses acolytes... (2003), S. 333ff.
Zu den Vorsatzstücken von Martins Hand gehört auf Blatt 3r ein Brief, dessen Verfasser einem befreundeten Abt zu Problemen („quaestiunculae“), zu denen dieser ihn zuvor brieflich um Rat gefragt hatte, „Lösungen“ („solutiones“) übersendet, die aus griechischen Quellen geschöpft seien.Abdruck des Briefes bei Contreni, The Cathedral School of Laon... (1978), S. 104. Offenbar handelte es sich bei diesen „Lösungen“ nicht um die Handschrift selbst, sondern um eine Beantwortung konkreterer Fragen, zumal die Handschrift nach Ausweis der Stiftung von Martins Mitarbeitern seinerzeit in Laon verblieb.Contreni, The Cathedral School of Laon... (1978), S. 105. Die Salutatio des Briefes „Dilectissimo abbati S • M • fidissimus amicus veram in Christo salutem“ legt nach Contreni durch ihre kommaähnliche Interpunktion nahe, dass die mit Kontraktionszeichen überschriebenen Buchstaben „S“ und „M“ nicht, wie in der älteren Forschung gelegentlich angenommen,Zu den älteren Deutungen von DuCange und Traube siehe Contreni, The Cathedral School of Laon... (1978), S. 104f. alle beide den Namen des Abtes oder seines Klosters abkürzen, sondern nur „S“ auf den Empfänger und dann wahrscheinlich auf „Servatus“ Lupus von Ferrières zu beziehen, „M“ hingegen den Namen des Absenders und „fidissimus amicus“ abkürzt und als „Martinus“ aufzulösen ist.Contreni, The Cathedral School of Laon... (1978), S. 104ff. Carlotta Dionisotti hat demgegenüber vermutet, dass der Brief in Stil und Inhalt von Eriugena stammen könne und ursprünglich dazu gedient habe, einem nicht mehr bekannten Abt „S. M.“ speziell eine in der Handschrift als „alia greca“ (f. 293v-294r) betitelte Erklärung griechischer Mythologica zu übersenden.Dionisotti, Greek Grammars and Dictionaries... (1988), S. 52; dazu kritisch Muzerelle, Martin d'Irlande et ses acolytes... (2003), S. 328, Anm. 20.
Namentlich angeführt wird Martin jedenfalls aber an zwei weitere Stellen, indem er sich einmal als Μαρτίνος und Schreiber des Abschnitts zu Eriugena ausweistLaon 444, f. 296v: „ΕΛΛΗΝΙC ΓΡΑΨΕΝ ΜΑΡΤΙΝΟC ΓΑΜΜΑΤΑ ΑΥΤΑ“, überschrieben mit „graecus scripsit litteras istas“; vgl. auch Carmina Scottorum Latina et Graecanica, XII, ii, und ein weiteres Mal als Διδάσκαλος Μαρτίνος („Magister Martin“) und, wie es scheint (siehe aber unten Griechische Verse, XII.v), Autor eines griechischen Gedichts genannt wird.Laon 444, f. 297r: „CΤΥΧΟC ΠΡΕΠΟC ΔΙΔΑCΚΑΛΟΥ ΜΑΡΤΙΝΟΥ“, mit Glossen „versus“ zu CΤΥΧΟC und „pulcher“ zu ΠΡΕΠΟC, zur Deutung des ΠΡΕΠΟC siehe Carmina Scottorum Latina et Graecanica, XII, v, , zum richtigen Bezug des Titulus siehe Michael Herren: Iohannis Scotti Eriugenae carmina...(1993), S. 29f., ebenda Reproduktion der betreffenden Seite der Handschrift auf Tafel II.
Untersuchungen der Handschrift im Kontext ihrer Quellen und von Martins übriger Hinterlassenschaft haben gezeigt, dass seine Kenntnis der griechischen Sprache kritischer zu beurteilen ist, als es auch in der älteren Forschung schon geschah. Ob er über die sorgfältige Abschrift und wahrscheinlich Zusammenstellung griechisch-lateinischer Materialien hinaus in der Lage gewesen wäre, solche Hilfsmittel selbst zu erstellen, damit Griechisch zu unterrichten und eventuell auch einen griechischen Text selbständig zu lesen, ist nach den Ergebnissen von Contreni und Dionisi als fraglich anzusehen. Contreni will ihm dabei aufgrund seiner Deutung des Briefes immerhin noch zugestehen, dass zumindest die Zeitgenossen seine Expertise auf diesem Gebiet schätzten und sich ratsuchend an ihn wandten, während für Dionisi die betreffende Aussage des Briefes mit ein Grund ist, eher Eriugena als Martin für den Verfasser des Briefes zu halten.
Scholica graecarum glossarum Mit dem Glossarium grecum der Handschrift Laon 444 zuweilen verwechseltJane Chance, Medieval Mythography from Roman North Africa to the School of Chartres, A.D. 433-1177, University Press of Florida, Gainesville (Florida) 1994, S. 566, Anm. 17. werden die Sc(h)olica gr(a)ecarum glossarum, ein ebenfalls umfangreiches, nach dem Anfangsbuchstaben alphabetisch geordnetes griechisch-lateinisches Glossar, dem sich noch ein dreisprachiges (hebräisch-griechisch-lateinisches) Onomastikon biblischer Namen und (in Vat. reg. 215) eine Sammlung vermischter Notizen anschließt. Die Scholica wurden von Laistner aus zwei Handschriften des 9. Jahrhunderts (Vat. reg. 215, BL Royal 15 A XVI) herausgegeben,Max Ludwig Wolfram Laistner: Notes on Greek from the Lectures of a Ninth-Century Monastery Teacher, in: Bulletin of the John Rylands Library, Manchester 7 (1923), S. 421–456; Auszüge nach der vatikanischen Handschrift auch schon bei Georg Goetz, Corpus glossariorum latinorum, Band V, Teubner, Leipzig 1894, S. 583–586. finden sich aber ähnlich auch in mehreren jüngeren Handschriften,Laistner, Notes on Greek... (1923), S. 456 (Addendum); Contreni, Three Carolingian Texts... (1976), S. 802 (Glossar Nr. III). von denen besonders die in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts in Ripoll geschriebenen Sammlung Barcelona, Archivio de la Corona de Aragón, Ripoll 74 (dort Glossar Nr. III, f. 32va-37rb) textgeschichtlich beachtenswert ist.Abgedruckt bei Juan Llauro, Los glosarios de Ripoll, in: Analecta Sacra Tarraconensia 3 (1927), S. 331–390, hier S. 346ff. (Glossar Nr. III), für die sprachliche Lokalisierung beachtenswerte, aber noch nicht ausgewertete Einzelglossen auch bei José Martínez Gázques, La cultura de los monjes de Ripoll: los comentarios lingüísticos de las glosas, in: Estudios románicos 5 (1987–1989), S. 898–905, hier S. 901–902; vgl. S. Nicolau d'Olwer, Les glossaires de Ripoll, in: Bulletin du Cange 4 (1928), S. 137–152; M. L. W. Laistner, Rivipullensis 74 and and the Scholica of Martin of Laon, in: Mélanges Mandonnet. Etudes d'histoire littéraire et doctrinale du moyen âge, Band II, Vrin, Paris 1930, S. 31–37; Contreni, Three Carolingian Texts... (1976), S. 805f.