mini|Ludwig Feuerbach (Stich von August Weger) rahmenlos|zentriert|klasse=notpageimage skin-invert-image|hochkant=0.8|Unterschrift Ludwig Feuerbach

Ludwig Andreas Feuerbach (* 28. Juli 1804 in Landshut, Kurfürstentum Bayern; † 13. September 1872 in Rechenberg bei NürnbergDas aus drei Haupt- und zwei Nebengebäuden bestehende Gehöft auf dem Rechenberg war seit 1826 dem Landgericht Nürnberg und dem Stadtrentamt Nürnberg angegliedert. Siehe Alfred Kröner, Paul Johann Anselm und Ludwig Andreas Feuerbach als Exponenten des Bürgertums im 19. Jahrhundert. Leben und Wirkungen, „Aufklärung und Kritik“, Sonderheft 12/2007, S. 114.) war ein deutscher Philosoph, dessen Religions- und Idealismuskritik bedeutenden Einfluss auf die Bewegung des Vormärz hatte und einen Erkenntnisstandpunkt formulierte, der für die modernen Humanwissenschaften, wie zum Beispiel die Psychologie und Ethnologie, grundlegend geworden ist. Er sah Religion als Anthropologie an und vertrat eine Ethik des Diesseits.

Leben Herkunft, Familie Ludwig Feuerbachs Vater war der aus Frankfurt am Main stammende Rechtsgelehrte Paul Johann Anselm von Feuerbach (1775–1833, 1808 geadelt), der als einer der bedeutendsten Juristen der neueren Zeit in Deutschland und insbesondere als Begründer des modernen deutschen Strafrechts gilt. Wenige Wochen vor Ludwigs Geburt hatte er an der Bayerischen Landesuniversität in Landshut einen Lehrstuhl übernommen. Im Jahr 1806 wurde er in die Regierung nach München berufen, um das Strafrecht zu modernisieren. Noch im selben Jahr erreichte er für Bayern die Abschaffung der Folter, 1813 trat das von ihm ausgearbeitete Bayerische Strafgesetzbuch in Kraft. Nach einem Zwischenspiel in Bamberg war er von 1817 bis zu seinem Tod 1833 Präsident des Appellationsgerichts Ansbach, wo er sich auch mit dem Fall Kaspar Hauser befasste.

Ludwigs Mutter, geb. Eva Wilhelmine Tröster (* 1774 in Dornburg/Saale, † 1852 in Nürnberg), stammte aus bescheidenen Verhältnissen, hatte allerdings hochadelige Vorfahren: Ihr Großvater väterlicherseits war ein außerehelicher Sohn von Ernst August I., Herzog von Sachsen-Weimar, sie war also eine Cousine zweiten Grades von Großherzog Carl August, dem Freund und Förderer Goethes.Gustav Radbruch, in: Gustav Radbruch–Gesamtausgabe, hrsg. Arthur Kaufmann, C. F. Müller, Heidelberg 1997, Band 6, S. 59 f. Sie hatte nur eine Dorfschule besucht, war jedoch vielfältig interessiert, auch am Werk ihres Sohnes Ludwig, dessen Religionskritik sie teilte. Sie war nach dem Zeugnis einer jüngeren Verwandten „bis ins hohe Alter eine gewinnende Erscheinung, von seltener Herzensgüte und Sanftmut“.Wilhelm Bolin, in: Ausgewählte Briefe von und an Ludwig Feuerbach. Verlag von Otto Wigand, Leipzig 1904, sowie: Julie Stadler: Erinnerungen an die Familie Feuerbach., zit. in: Adolph Kohut: Ludwig Feuerbach. Leipzig 1909, S. 355.

Ludwig Feuerbach hatte vier Brüder und drei Schwestern, die vielfältige Begabungen zeigten:Gustav Radbruch: Die Feuerbachs. Eine geistige Dynastie. In: Gustav Radbruch–Gesamtausgabe. S. 333 ff., sowie Theodor Spoerri: Genie und Krankheit. Eine psychopathologische Untersuchung der Familie Feuerbach. Basel 1952. Anselm (1798–1851, Vater des Malers Anselm Feuerbach) war vielfach musisch begabt und wurde mit dem Werk Der vatikanische Apollo bekannt; Karl (1800–1834) promovierte als 22-Jähriger mit einer mathematischen Entdeckung (er beschrieb erstmals den nach ihm benannten Feuerbachkreis); Eduard (1803–1843) besaß Anlagen zum Naturforscher, wandte sich allerdings dem Vater zuliebe der Rechtswissenschaft zu, die er schon als 24-Jähriger erst in München, dann in Erlangen lehrte; Friedrich (1806–1880) studierte Indologie und Sanskrit bei Friedrich Rückert, Christian Lassen und August Wilhelm Schlegel; er trat auch als Übersetzer und Autor hervor. Von den drei Schwestern ist eine musikalische Begabung bekannt. Helene dichtete und komponierte; nach einem unsteten Leben, das sie nach England und Frankreich geführt hatte, lebte sie bis zu ihrem Tod in Italien. Die beiden jüngeren, Leonore und Elise, blieben unverheiratet bei der Mutter.

Alle Brüder Ludwigs engagierten sich in ihrer Studienzeit in der Burschenschaftsbewegung, die in der ersten Zeit nach den Befreiungskriegen die einzige einigermaßen zielgerichtete Opposition gegen die Restauration darstellte. Anselm und Eduard gehörten vermutlich, Karl erwiesenermaßen, dem geheimen Jünglingsbund an, zu dessen Zielen eine republikanische Verfassung und Bürgerfreiheiten in einem geeinten Deutschland gehörten. Auch beim jungen Ludwig Feuerbach sind Sympathien für die studentische Bewegung belegt; eine aktive Beteiligung ist nicht nachweisbar.Josef Winiger, Ludwig Feuerbach. Denker der Menschlichkeit. Berlin 2004, S. 41–48; Neuausgabe Darmstadt 2011: S. 37–42.

Kindheit, Jugend, Studium mini|Sonder-Briefmarke zum 200. Geburtstag 2004

Als Zweijähriger kam Ludwig Feuerbach nach München, wo er später die Elementarschule besuchte. Freundschaften seines Vaters brachten es mit sich, dass in der Familie etliche der Geistesgrößen des damaligen München verkehrten, unter ihnen der Philosoph Friedrich Heinrich Jacobi sowie die beiden Erneuerer des bayerischen Schulwesens, Friedrich Immanuel Niethammer und Friedrich Thiersch. Nach der Versetzung des Strafrechtlers nach Bamberg besuchte Ludwig dort die Oberprimärschule. 1816 trennten sich die Eltern für mehrere Jahre. Die Brüder Friedrich, Ludwig und Eduard zogen mit dem Vater nach Ansbach, die drei Schwestern blieben einstweilen bei der Mutter in Bamberg.

Nachdem Ludwig Feuerbach sich schon in der Gymnasialzeit in Ansbach intensiv mit Theologischem beschäftigt und dafür beim örtlichen Rabbiner Hebräisch-Unterricht genommen hatte, begann er 1823 in Heidelberg ein protestantisches TheologiestudiumProf. Dr. Werner Schuffenhauer, www.ludwig-feuerbach.de Text der 200. Geburtstag Ludwig Feuerbach. Berlin, am 8. Juli 2004.. Von der rationalistischen Theologie, die in Heidelberg von Heinrich Eberhard Gottlob Paulus gelehrt wurde, fühlte er sich heftig abgestoßen, doch der mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel befreundete Carl Daub machte ihn auf die Philosophie aufmerksam. 1824 ging er nach Berlin, wo er gegen den Widerstand des Vaters das Studienfach wechselte: Zwei Jahre lang hörte er sämtliche Vorlesungen, die Hegel in dieser Zeit hielt, die Logik sogar zweimal. Da er als Stipendiat des bayerischen Königs das Studium an einer Landesuniversität abzuschließen hatte, kehrte er 1826 nach Bayern zurück. Nach einem Jahr privater Studien in Philologie, Literatur und Geschichte belegte er in Erlangen Botanik, Anatomie und Physiologie und schrieb gleichzeitig seine Dissertation mit dem Titel: Über die Unendlichkeit, Einheit und Allgemeinheit der Vernunft. Im Juni 1828 promovierte er in Philosophie; am Ende desselben Jahres folgte die Habilitation. Wenige Wochen danach begann er, als unbesoldeter Privatdozent in Erlangen zu lehren.

Erlangen, Bruckberg, die ersten Werke Die akademische Karriere verbaute sich Feuerbach durch die anonyme Erstlingsschrift Gedanken über Tod und Unsterblichkeit. Sie erschien 1830 kurz nach dem Ausbruch der Unruhen, die im Gefolge der Pariser Julirevolution zwei Jahre lang auch ganz Deutschland erschütterten und im Hambacher Fest gipfelten. Wegen ihres religionskritischen Inhalts wurde die Schrift sofort verboten und der Verfasser polizeilich ermittelt. Im Frühjahr 1832 brach Feuerbach seine Vorlesungstätigkeit unvermittelt ab.

Auf der Suche nach Alternativen schrieb er die Aphorismensammlung Abälard und Héloïse oder Der Schriftsteller und der Mensch sowie die Geschichte der neuern Philosophie von Bacon von Verulam bis Benedict Spinoza. Letztere trug ihm die Einladung der hegelianischen „Societät für wissenschaftliche Kritik“ zur Mitarbeit an ihren „Jahrbüchern“ ein. Zwei der gelieferten Beiträge erregten Aufsehen: Der eine griff mit dem konservativen Staatsrechtler Friedrich Julius Stahl einen herausragenden Theoretiker der Restauration an. Der andere, veranlasst durch eine Polemik des Kantianers C. Fr. Bachmann gegen die Hegelschule, geriet zur Rechtfertigungsschrift der idealistischen Philosophie überhaupt. Weil der Aufsatz wegen seiner Länge von den „Jahrbüchern“ nur auszugsweise akzeptiert wurde, veröffentlichte Feuerbach ihn als eigenständige Schrift unter dem Titel Kritik des „Anti-Hegels“. Eine Einleitung in das Studium der Philosophie.

Im Wintersemester 1835/36 hielt Feuerbach noch einmal Vorlesungen in Erlangen, dann nahm er endgültig Abschied vom universitären Lehrbetrieb. Im ländlichen Bruckberg nahe Ansbach hatte er den ihm zuträglichen Ort gefunden. Seine Geliebte Bertha Löw, die 1837 seine Ehefrau wurde, war dort Mitinhaberin einer Porzellanmanufaktur, die im ehemals markgräflichen Jagdschloss untergebracht war. Die kleine Fabrik warf zwar nur bescheidene Gewinne ab, bot aber freies Wohnrecht und umfangreiche Naturaliennutzung. 1839 wurde die erste Tochter „Lorchen“ geboren, 1842 die zweite, die jedoch sehr früh starb. Das einfache, aber insgesamt sorglose Leben auf dem Land entsprach Feuerbachs persönlichem Geschmack, und die völlige Freiheit von allen akademischen Rücksichten wurde, wie er selbst bekannte, zum „archimedischen Punkt“Brief an Konrad Deubler vom 19. Dezember 1863. in seinem philosophischen Entwicklungsgang.

In Bruckberg trieb Feuerbach zunächst ausgiebig naturkundliche Studien und schrieb einen zweiten, ausschließlich Leibniz und dessen Monadentheorie gewidmeten Band seiner Geschichte der neueren Philosophie.

Die epochemachende Religionskritik Eine Verlagerung der Aufmerksamkeit brachte im Herbst 1837 Arnold Ruges Einladung zur Mitarbeit an den Hallischen Jahrbüchern, dem ab 1. Januar 1838 erscheinenden publizistischen Sammelbecken der Junghegelianer: Die Zeitung bot Feuerbach ein willkommenes Forum, um in die geistig-ideologischen Auseinandersetzungen der Restaurationszeit einzugreifen. Er tat es mit einer Reihe von Rezensionen und Aufsätzen, von denen einige zu seinen wichtigsten Schriften zählen, so Zur Kritik der ‚positiven Philosophie‘ (1838) und Zur Kritik der Hegelschen Philosophie (1839). An der Debatte um den Kölner Bischofsstreit wollte er sich mit einer umfangreichen Stellungnahme beteiligen. Als der Abdruck in den Hallischen Jahrbüchern nach zwei Folgen von der Zensur verboten wurde, veröffentlichte er sie insgesamt als eigenständige Schrift unter dem Titel Über Philosophie und Christentum in Beziehung auf den der Hegelschen Philosophie gemachten Vorwurf der Unchristlichkeit. Gleichzeitig schrieb er eine Monographie über den Begründer der französischen Aufklärung, Pierre Bayle, die zum persönlichen Bekenntnisbuch wurde (1839).Pierre Bayle. Ein Beitrag zur Geschichte der Philosophie und Menschheit, GW 4.

Die heftige Polemik gegen die als rückwärtsgewandt und unredlich kritisierte „Christentümelei“ der Restauration veranlasste ihn, dem Phänomen Religion auf den Grund zu gehen. Zwei Jahre lang, von 1839 bis 1841, arbeitete er am Hauptwerk Das Wesen des Christentums. Das Buch erschien im Frühjahr 1841 im Verlag Otto Wigand in Leipzig und machte Feuerbach schlagartig berühmt. Im selben Jahr entstanden sechs weitere Polemiken und Artikel; sie erschienen zunächst in den Hallischen Jahrbüchern und, als diese zensurhalber umbenannt und nach Dresden verlegt wurden, im Nachfolgeorgan Deutsche Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst. Zum größeren Teil sind sie Erläuterungen seiner Religionskritik und Erwiderungen auf inzwischen erschienene Kritiken des Wesens des Christentums. In Zur Beurteilung der Schrift: Das Wesen des Christentums wird bereits deutlich, dass sich Feuerbach während der Arbeit an seinem Hauptwerk auch von Hegel gelöst hat.