mini|Peter Burschel, 2020

Peter Burschel (* 27. Oktober 1963 in Rehren bei Hannover) ist ein deutscher Historiker. Er bekleidete Lehrstühle für Geschichte der Frühen Neuzeit an den Universitäten Rostock (2007–2011) und Berlin (2011–2016). Seit 2016 hat er einen Lehrstuhl für Kulturgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit an der Universität Göttingen und leitet die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel.

Leben und Wirken Akademische Laufbahn Peter Burschel studierte seit 1984 Mittlere und Neuere Geschichte, Politikwissenschaft, Philosophie und Mittellateinische Philologie. Im Jahr 1989 schloss er sein Studium mit dem Magister an der Universität Göttingen ab, wo er 1992 mit einer Arbeit zur Sozialgeschichte des frühneuzeitlichen Militärs bei Ernst Schubert auch promoviert wurde.Peter Burschel: Söldner im Nordwestdeutschland des 16. und 17. Jahrhunderts. Sozialgeschichtliche Studien. Göttingen 1994. Seit 1991 Assistent von Wolfgang Reinhard an der Universität Freiburg im Breisgau, edierte er Nuntiaturberichte, forschte zum nachtridentinischen Heiligenhimmel und nahm im Rahmen seiner Habilitationsschrift Martyrien in den Blick. 2000/2001 war Burschel Stipendiat des Historischen Kollegs in München, 2001/2002 Gastprofessor für Historische Anthropologie an der Universität Erfurt. Ein Jahr später erfolgte die Habilitation in Neuerer und Neuester Geschichte sowie in Historischer Anthropologie in Freiburg im Breisgau mit dem von Wolfgang Reinhard betreuten Thema Sterben und Unsterblichkeit. Zur Kultur des Martyriums in der Frühen Neuzeit.

Von 2005 bis 2007 war Burschel Mitglied der DFG-Forschergruppe „Selbstzeugnisse in transkultureller Perspektive“ an der Freien Universität Berlin. 2006 wurde er zum außerplanmäßigen Professor in Freiburg im Breisgau ernannt. Gleichzeitig nahm er Gast- und Vertretungsprofessuren (unter anderem in Bremen und Berlin) wahr. 2007 folgte Burschel einem Ruf auf den Lehrstuhl für Neuere Geschichte an der Universität Rostock, 2011 auf den für Europäische Geschichte der Frühen Neuzeit an der Humboldt-Universität zu Berlin, wo er die Nachfolge von Heinz Schilling antrat. Seine Antrittsvorlesung hielt er im November 2012 über die Erfindung der Reinheit.Peter Burschel: Die Erfindung der Reinheit. Eine andere Geschichte der frühen Neuzeit. Göttingen 2014. Vgl. dazu die Besprechungen von Robert Jütte in: Historische Zeitschrift 301 (2015), S. 215–216; Margareth Lanzinger in: Zeitschrift für Historische Forschung 42 (2015), S. 506–508 (online). Burschel übernahm im März 2016 die Leitung der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel als Nachfolger Helwig Schmidt-Glintzers, die mit einer Professur für Kulturgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit an der Universität Göttingen verbunden ist.Zur Berufung Prof. Dr. Peter Burschel erhält Ruf als neuer Direktor der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Pressemitteilung. In: MWK.Niedersachsen.de, 14. Juli 2015.

Von 2007 bis 2019 war Burschel Vorsitzender des Instituts für Historische Anthropologie in Freiburg im Breisgau, von 2017 bis 2019 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit im Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands. Burschel ist Mitglied zahlreicher in- und ausländischer Forschungseinrichtungen, Kommissionen, Kollegs und Akademien. Er ist Schriftführer des Jahrbuchs für Universalgeschichte Saeculum und Mitherausgeber der Zeitschriften Historische Anthropologie und Geschichte in Wissenschaft und Unterricht und der Zeitschrift für Ideengeschichte sowie mehrerer Reihen. Von 2015 bis 2024 war er Mitglied des DFG-Fachkollegiums „Geschichtswissenschaften“, seit 2019 ist er Vorsitzender der Kommission „Deutsche Inschriften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit“ der Göttinger Akademie der Wissenschaften und seit 2021 Vorsitzender der Klasse für Geisteswissenschaften der Braunschweigischen Wissenschaftlichen Gesellschaft. Am 5. Dezember 2025 wurde er auf der Plenarversammlung der BWG für eine Amtszeit von drei Jahren zum Präsidenten gewählt.

Forschung Seine Forschungsinteressen gelten der Genese konfessioneller Kulturen, der politischen Anthropologie interkultureller Begegnungen und der Geschichte der Reinheit. In seiner 1997 sozialgeschichtlich ausgerichteten Dissertation befasst er sich mit den nordwestdeutschen Söldnern des 16. und 17. Jahrhunderts.Vgl. dazu die Besprechungen von Matthias Rogg in: Militärgeschichtliche Zeitschrift 55 (1996), S. 266–267; Franklin Kopitzsch in: Das Historisch-Politische Buch 43 (1995), S. 253; Joachim Niemeyer in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 71 (1999), S. 397–399 (Digitalisat); Klaus Bocklitz in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 81 (1995), S. 244–245 (Digitalisat). Sein Untersuchungsraum Nordwestdeutschland erstreckt sich dabei von Schleswig-Holstein bis nach Hessen, von der niederländischen Grenze bis nach Mecklenburg. Er untersucht die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Söldner von der Werbung über die Musterung bis hin zu Seuchen, Verwundung und Tod. Burschel konnte zeigen, dass besonders klein- und unterbäuerliche Schichten, städtische Handwerksgesellen und Tagelöhner Solddienst leisteten. Dadurch konnte er ältere Vorstellungen über die Rekrutierung der Söldner aus ‚freien Bauern’ oder einzig aus städtischen Handwerkern überwinden. Burschels Kernthese lautet, dass aus dem „moralisch randständigen“Peter Burschel: Söldner im Nordwestdeutschland des 16. und 17. Jahrhunderts. Sozialgeschichtliche Studien. Göttingen 1994, S. 31. Landsknecht des 16. Jahrhunderts in Folge eines sehr komplexen Disziplinierungsprozesses durch die Obrigkeiten zu Beginn des Ancien Régime „ein gedrillter Empfänger von Befehlen …, der über den Gleichschritt das Denken verlernt hat: eine gleichermaßen bedauerns- wie verachtenswerte Kreatur in Uniform“ wurde.Peter Burschel: Söldner im Nordwestdeutschland des 16. und 17. Jahrhunderts. Sozialgeschichtliche Studien. Göttingen 1994, S. 319. Burschel hat mit dieser Arbeit wichtige sozialgeschichtliche Fragen zum Söldnerwesen beantwortet und den Grundstein für weitergehende Fragestellungen gelegt.Jan W. Huntebrinker: „Fromme Knechte“ und „Garteteufel“. Söldner als soziale Gruppe im 16. und 17. Jahrhundert. Konstanz 2010, S. 16. Ein zentrales Anliegen der Arbeiten Burschels zu diesem Themenfeld ist es, den Wandlungsprozess des Landsknechtes aus dem 16. Jahrhundert zum Soldaten zu erfassen.Peter Burschel: Krieg, Staat, Disziplin Die Entstehung eines neuen Söldnertypus im 17. Jahrhundert. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 48 (1997), S. 640–652. Kritisch mit Burschels Thesen hat sich die Rostocker Habilitationsschrift von Stefan Kroll und die Dresdner Dissertation von Jan Willem Huntebrinker befasst.Stefan Kroll: Soldaten im 18. Jahrhundert zwischen Friedensalltag und Kriegserfahrung. Lebenswelten und Kultur in der kursächsischen Armee 1728–1796. Paderborn u. a. 2006; Jan W. Huntebrinker: „Fromme Knechte“ und „Garteteufel“. Söldner als soziale Gruppe im 16. und 17. Jahrhundert. Konstanz 2010. Huntebrinker kritisiert Burschels methodisches Vorgehen. Mit seiner „Mosaikstein-Methode“, bei der die zufällig überlieferten Einzelnachrichten wie Mosaiksteine zusammengesetzt wurden, ließen sich nur relativ undifferenziert Aussagen über die soziale Identität einer Gruppe treffen.Zum methodischen Vorgehen vgl. Peter Burschel: Söldner im Nordwestdeutschland des 16. und 17. Jahrhunderts. Sozialgeschichtliche Studien. Göttingen 1994, S. 22. Kritisch dazu Jan W. Huntebrinker: „Fromme Knechte“ und „Garteteufel“. Söldner als soziale Gruppe im 16. und 17. Jahrhundert. Konstanz 2010, S. 17.

Burschel gab mit Götz Distelrath und Sven Lembke den 2000 veröffentlichten Sammelband zum Thema Das Quälen des Körpers heraus. Die Beiträge gehen auf eine Tagung an der Universität Freiburg im Jahre 1999 zurück. Das Erkenntnisinteresse richtet sich dabei auf die physische Gewaltanwendung von Menschen an Menschen.Vgl. dazu die Besprechungen von Sabine Panzram in: H-Soz-Kult, 4. Mai 2001, (online); Sven Kramer in: Mittelweg 36 10. Jg., 2001, Heft 6, S. 62–64.

Burschel war Mitherausgeber einer 2002 erschienenen Festschrift für Wolfgang Reinhard.Vgl. dazu die Besprechungen von Anja Victorine Hartmann in: H-Soz-Kult, 2. Dezember 2002, online; Andreas Klinger in: Das Historisch-Politische Buch 52 (2004), S. 16–17; Andreas Pečar in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 5 [15. Mai 2003], online; Armin Kohnle in: Archiv für Reformationsgeschichte. Literaturbericht 33 (2004), S. 8 f. Dabei sollte nicht das „Herrscherlob“ im Zentrum stehen, sondern vielmehr die „kritische Perspektive und die Einordnung der Beiträge des Empfängers in die aktuelle fachwissenschaftliche Debatte“ verstärkte Beachtung finden. Der „Versuch einer ‚kritischen‘ Festschrift“ will zugleich eine „explorativ(e) Fortentwicklung der Festschriftentradition“ sein.Mark Häberlein, Volker Reinhardt, Wolfgang Weber und Reinhard Wendt: Zum Geleit. In: Dies. (Hrsg.): Historische Anstöße. Festschrift für Wolfgang Reinhard zum 65. Geburtstag am 10. April 2002. Berlin 2002, S. 9–12, hier: S. 10. Die Beiträge verteilen sich auf die fünf Abschnitte städtische Eliten im Alten Reich (I), das Paradigma der Konfessionalisierung (II), Nepotismus an der Kurie, die Papstfinanz und die Verflechtung römischer Eliten (III), der Aspekt der Staatsgewalt und deren Widerschein in der politischen Theorie (IV) und schließlich die Europäische Expansion (V).

Burschel veröffentlichte 2004 eine systematische Untersuchung zur Bedeutung des Martyriums für die frühneuzeitlichen christlichen Glaubensgemeinschaften.Vgl. dazu die Besprechungen von Walter Hartinger sehepunkte 4 (2004), Nr. 12 [15. Dezember 2004], online; Robert Jütte in: Historische Zeitschrift 281 (2005), S. 172–174; Arne Karsten in: H-Soz-Kult, 14. Januar 2005, online; Peter Hersche in: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 2006, S. 194–195; Gregor Rohmann in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 53 (2005), S. 650–652; Rebekka von Mallinckrodt in: Historische Anthropologie 13 (2005), S. 432–434; Wolfgang Behringer in: Süddeutsche Zeitung, 61. Jahrgang, Nr. 29 (5./6. Februar 2005), S. 16; Friedrich Wilhelm Graf: Da blickt keiner richtig durch. Peter Burschel fragt, warum Märtyrer die Hölle auf Erden wählen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Oktober 2004, Nr. 245, S. 34. Ihm geht es darum, „[…] das Martyrium als Medium kollektiver Leidenserfahrungen zu verstehen und damit als Medium kollektiver Erinnerung und kollektiver Selbstvergewisserung, das dazu beitrug, aus Glaubensgemeinschaften Bekenntnisgemeinschaften und aus Bekenntnisgemeinschaften Bekenntniskulturen werden zu lassen“.Peter Burschel: Sterben und Unsterblichkeit. Zur Kultur des Martyriums in der frühen Neuzeit. München 2004, S. 5. Dabei liegt der Schwerpunkt auf dem deutschsprachigen Raum. Zeitmäßig konzentriert er sich auf das 16. und 17. Jahrhundert. Anders als bisherige Arbeiten kulturwissenschaftlichen Zuschnitts versteht Burschel die Quellen als „Medium der Selbst- und Fremdauslegung“ bzw. als Formen symbolischer Kommunikation.Peter Burschel: Sterben und Unsterblichkeit. Zur Kultur des Martyriums in der frühen Neuzeit. München 2004, S. 10. Sein Ergebnis lautet: „Martyrium – das ist der Ort, der es erlaubt […], jene Grenzziehungen, Grenzüberschreitungen und nicht zuletzt auch Grenzöffnungen zu beobachten, die den Prozeß der Entstehung und Entwicklung konfessioneller Kulturen ausmachten“.Peter Burschel: Sterben und Unsterblichkeit. Zur Kultur des Martyriums in der frühen Neuzeit. München 2004, S. 288.