Die Kletten (Arctium) bilden eine Pflanzengattung in der Unterfamilie der Carduoideae innerhalb der Familie der Korbblütler (Asteraceae). Die 10 bis 14 Arten der Gattung Arctium s. str. sind in Eurasien und Nordafrika weitverbreitet. Einige Arten sind weltweit Neophyten.
Beschreibung mini|Illustration aus Flora Batava, Volume 20 der Hain-Klette (Arctium nemorosum) mini|Illustration der Kleinen Klette (Arctium minus) mini|Blütenkorb mit Blüten im Detail der Filz-Klette (Arctium tomentosum) Bei der Gattung Arctium s. str. gibt es folgende Merkmale: Vegetative Merkmale Arctium-Arten sind immer hapaxanthe Pflanzen: zwei- oder mehrjährige, krautige Pflanzen, die Wuchshöhen von 50 bis 300 Zentimetern erreichen. Die aufrechten Stängel sind meist verzweigt. Die gestielten Laubblätter sind wechselständig angeordnet, haben einen glatten oder gezähnten Blattrand und sind meist behaart. Sie sind ungeteilt, die grundständigen Blätter bis 50 cm lang. Die Hüllblätter des Köpfchens haben eine meist hakig eingerollte Stachelspitze.
Generative Merkmale In den fast kugeligen, körbchenförmigen Blütenständen sind meist 20 bis 40 (selten weniger oder manchmal mehr) zwittrige Röhrenblüten vorhanden. In den Röhrenblüten sind fünf rosafarbene bis violette Kronblätter zu einer Blütenkrone verwachsen.
Die Achänen besitzen einen weißen Pappus.
mini|Große Klette (Arctium lappa) mini|Kleine Klette (Arctium minus) mini|Arctium palladinii mini|Filz-Klette (Arctium tomentosum)
Systematik Taxonomie Die Gattung Arctium wurde 1753 durch Carl von Linné in Species Plantarum, Band 2, Seite 816 aufgestellt. Der vermutlich vom griechischen árcteion (der Bär) abgeleitete Gattungsname Arctium findet sich bereits bei Dioskurides. Ein Homonym ist Arctium (in Lamarck: Flore Françoise Band 2, 1778/9, Seite 70 veröffentlicht). Synonyme für Arctium sind Bardana und Lappa Der Artname lappa wird bei Plinius und späterVgl. Wouter S. van den Berg (Hrsg.): Eene Middelnederlandsche vertaling van het Antidotarium Nicolaï (Ms. 15624–15641, Kon. Bibl. te Brussel) met den latijnschen tekst der eerste gedrukte uitgave van het Antidotarium Nicolaï. Hrsg. von Sophie J. van den Berg, N. V. Boekhandel en Drukkerij E. J. Brill, Leiden 1917, S. 233 (Lappa: „[…] lappa inversa et bardana […]“). als weiterer Gattungsname genannt; abgeleitet aus dem griechischen labein (ergreifen), festhalten, weist er auf die Eigenschaft der Früchte hin, an Kleidern (oder am Fell von Tieren u. Ä.) festzuhaften. Typusart ist Arctium lappa
Botanische Geschichte Die Gattung Arctium gehört zur Subtribus Carduinae aus der Tribus Cardueae in der Unterfamilie der Carduoideae innerhalb der Familie der Asteraceae. Der monophyletische Arctium-Cousinia-Komplex enthält nach S. López-Vinyallonga et al. 2009 die Arten der Gattungen Arctium , Cousinia (über 600 Arten), Hypacanthium (zwei Arten) und die monotypische Schmalhausenia Bei S. López-Vinyallonga et al. 2011 wurde alle Arten des Arctium-Cousinia-Komplexes in der dann monophyletischen Gattung Arctium s. l. vereinigt und die bisherigen Gattungen zu Sektionen. Die seit 2011 über 600 Arten der Gattung Arctium s. l. werden in die Sektionen Arctium sect. Amberbopsis, Arctium sect. Anura, Arctium sect. Arctium, Arctium sect. Chrysis, Arctium sect. Hypacanthium, Arctium sect. Hypacanthodes, Arctium sect. Lappaceum, Arctium sect. Pectinatae, Arctium sect. Pseudarctium, Arctium sect. Schmalhausenia, Arctium sect. Serratulopsis gegliedert.
Arten und ihre Verbreitung Die Gattung Arctium s. str. hat nur 10 bis 14 Arten enthalten: Arctium atlanticum : Die Heimat ist Algerien und Marokko. Große Klette (Arctium lappa , Syn.: Arctium edule , Arctium majus , Lappa edulis nom. inval., Lappa major , Lappa officinalis ) Arctium leiospermum : Sie kommt in Zentralasien vor. Kleine Klette oder Flaum-Klette (Arctium minus , Syn.: Arctium pubens , Lappa minor ) Hain-Klette oder Auen-Klette (Arctium nemorosum ): Sie wird bei einigen Autoren als Synonym von Arctium lappa gewertet. Sie ist in Europa verbreitet. Arctium palladinii : Sie kommt in Vorderasien vor. Arctium platylepis : Sie wird von manchen Autoren auch als Unterart Arctium lappa subsp. platylepis zu Arctium lappa gestellt. Arctium pseudarctium : Sie kommt nur in Turkestan vor. Arctium sardaimionense : Sie kommt nur in Tadschikistan vor. Filz-Klette oder Filzige Klette, Spinnweb-Klette (Arctium tomentosum )
Es wurden einige Naturhybriden beschrieben: Arctium ×ambiguum Arctium ×batavum Arctium ×bretonii Arctium ×debrayi Arctium ×leiobardanum Arctium ×mixtum Arctium ×neumannii Arctium ×nothum Arctium ×scanicum
Die Arten der Gattung Spitzkletten (Xanthium ) gehören jedoch nicht in die Gattung Arctium, sie gehören nicht einmal in die gleiche Unterfamilie.
Heilwirkung
Die traditionelle Volksheilkunde schreibt der Klette eine harntreibende und blutreinigende Wirkung zu. Auch gegen Gelenkrheuma, Geschwüre, Magenbeschwerden, Haarausfall, Kopfschuppen, unreine Haut, Gebärmuttersenkung und zur Wundheilung wurde sie früher empfohlen.
Verwendet werden die im Herbst des ersten oder im Frühjahr des zweiten Jahres gesammelten und getrockneten Wurzeln der Großen Klette (Arctium lappa, auch Arctium majus) wie auch Kleinen Klette (Arctium minus) und der Filz-Klette (Arctium tomentosum). Klettenwurzeln werden, eher selten, im Handel als Bardanae radix (syn. Radix Bardanae, Radix Arctii, Radix Lappae) angeboten.
Inhaltsstoffe sind Lignane, unter anderem Arctiin, Inulin (Arctium lappa 45–70 %, Arctium minus 20–27 %, Arctium tomentosum bis 19 %), Schleimstoffe, geringe Mengen an ätherischem Öl, Polyine, Kaffeesäurederivate und Sesquiterpenlactone, es ist das Arctiopicrin, welches zu der Untergruppe der Germacranoliden gehört und zu einer Kontaktdermatitis führt.
Zur innerlichen Anwendung dient ein Aufguss aus gehackter Klettenwurzel, gelegentlich auch aus frischen oder getrockneten oberirdischen Pflanzenteilen. Äußerlich wird Klettenwurzelöl gegen Seborrhoe und als Haarwuchsmittel angewendet. Von der Anwendung während der Schwangerschaft wird abgeraten.
Zu den bekannten Nebenwirkungen gehört Kontaktdermatitis bei äußerlicher Anwendung des Öls der Wurzel. Des Weiteren kann Anaphylaxie, Atemnot und Nesselsucht bei Einnahme auftreten. +Wirkstoffe ÜbersichtWirkstoffAuftretenWirkungArctigeninBlätter, Früchte, Samen, Wurzelhemmt Hitzeschockproteine (nur in-vitro) tumorhemmende Wirkung (nur in-vitro)
Wirkung gegen Influenza-Viren (nur in-vitro)ArctiinBlätter, Früchte, Wurzelhemmt Tumor-Verbreitung (nur in-vitro) chemopräventiv (nur in-vitro)
anti-proliferativ gegen B-Zellen-Hybridomzellen, MH60 (nur in-vitro)TrachelogeninFrüchteCa2+-Hemmstoff (nur in-vitro) hemmt HIV-Replikation (nur in-vitro)Lappaol FFrüchte, Samenhemmt NO-Produktion (nur in-vitro)DiarctigeninFrüchte, Samen, Wurzelhemmt NO-Produktion (nur in-vitro)Beta-eudesmolFrüchteantibakteriell (nur in-vitro) antiangiogenetisch (nur in-vitro)KaffeesäureBlätter, Stängel, Wurzelschaleantioxidativ (nur in-vitro) neutralisiert freie Radikale (nur in-vitro)ChlorogensäureBlätter, Wurzelschaleneuroprotektiv (nur in-vitro) antioxidativ (nur in-vitro)
anti-Anaphylaxie-Wirkung (nur in-vitro)
hemmende Wirkung auf HIV (nur in-vitro)TanninWurzeltumorhemmende Wirkung (nur in-vitro) immunmodulatorisch (nur in-vitro)
hemmt Hyaluronidase (nur in-vitro)InulinWurzelpräbiotischer Ballaststoff blutdrucksenkend (im Menschen)
blutzuckersenkend (im Menschen)
senkt LDL-Cholesterin (im Menschen)
senkt Entzündungsspiegel (im Menschen)Sitosterol-beta-D-glucopyranosideWurzelbeeinflusst Säuger-DNS-Polymerase (nur in-vitro) vermutete Wirkung gegen Diabetes und Adipositas (nur in-vitro)
Darstellung in der Kunst mini|Joseph Wright of Derby: Sir Brooke Boothby (1781). Die Füße von Boothby liegen zwischen Klettenblättern mini|George Stubbs: Horse Attacked by a Lion. 1769 Kletten tauchen ab der Mitte des 17. Jahrhunderts in der europäischen Landschaftsmalerei auf – die Pflanzen befinden sich selten in einer zentralen Stelle des Bildes oder sind besonders hervorgehoben, sind aber insbesondere aufgrund ihrer Blattform eindeutig zu identifizieren. Anders als Akelei oder Erdbeeren hatten Kletten keine religiöse Bedeutung, bei Shakespeare war die Pflanze außerdem eindeutig negativ besetzt. Nach Ansicht von Richard Mabel sind Kletten vielmehr das erste Unkraut, dem in der westlichen Kunstgeschichte eine künstlerische oder architektonische Schönheit zugeschrieben wurde und das deshalb ab diesem Zeitpunkt vermehrt dargestellt wird.Mabey: Weeds – In Defense of Nature’s Most Unloved Plants. S. 155.
In der niederländischen Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts tauchen Kletten erstmals auf. Sie finden sich unauffällig am Bildrand einiger Gemälde von Jan Wijnants und Jacob van Ruisdael. Häufiger sind Kletten im Werk von Claude Lorrain zu finden, einem französischen Maler des Barock, der einen eigenen lyrisch-romantischen Stil klassizistisch barocker Landschaftsmalerei entwickelte. Kletten sind bei ihm die einzigen Pflanzen, die realistisch dargestellt sind. Als unauffällige Pflanzen finden sie sich beispielsweise im rechten unteren Bildwinkel von Lorrains Gemälde Landschaft mit tanzenden Figuren aus dem Jahre 1648. Es bildet den Vordergrund zu einer Gruppe junger Leute, die picknicken und begleitet von Tamburinen tanzen.Mabey: Weeds – In Defense of Nature’s Most Unloved Plants. S. 156. In seinem Gemälde Landschaft mit Narziss und Echo aus dem Jahre 1645 sind Kletten etwas zentraler, wenn auch immer noch am unteren Rand des Gemäldes. Hier greift der Bogen der Blätter die Haltung der Beine und Arme von Narziss auf, während er sein Spiegelbild im Wasser betrachtet. In Landschaft mit David und den drei Helden (1658) sind nicht nur die Blätter, sondern auch die Blütenstände zu sehen, die jetzt die Form der Speere aufgreifen.
Claude Lorrain inspirierte Maler wie Thomas Gainsborough, in dessen Gemälde The Cottage Door sich beispielsweise Klettenblätter im rechten Bildwinkel am Fuße der Eiche finden. Sein Landsmann Joseph Wright of Derby ließ 1781 die Füße des von ihm porträtierten Sir Brooke Boothby zwischen Klettenblättern ruhen.Mabey: Weeds – In Defense of Nature’s Most Unloved Plants. S. 157. In ähnlicher Weise tauchen Kletten in Gemälden von Richard Wilson, William Turner, John Linnell, James Ward, John Constable und Edwin Landseer auf. Am auffälligsten ist die Darstellung bei George Stubbs, einem der bedeutendsten europäischen Tiermaler. In seinem Gemälde Horse Attacked by a Lion (1769) wendet ein Schimmel seinen Kopf dem Löwen zu, dessen Pranken seinen Rücken zerfleischen. Das rechte Bein des Pferdes ist angewinkelt, unter seinem Huf finden sich Klettenblätter, die in ihrer Form den Pferdekopf aufgreifen. Sie sind mit gleicher Sorgfalt dargestellt wie das Pferd in seinem Todeskampf.Mabey: Weeds – In Defense of Nature’s Most Unloved Plants. S. 158.
Im 19. Jahrhundert verschwand die Klette weitgehend aus der Malerei. Richard Mabey führt dies darauf zurück, dass Kletten keine spezifische Symbolik hatten und beispielsweise für präraffaelitische Maler damit als Darstellungsobjekt uninteressant wurden.
Kletten als Inspiration für den Klettverschluss mini|Hund mit einigen Kletten über dem rechten Auge/beim rechten Ohr Dem Schweizer Ingenieur Georges de Mestral fiel auf, dass seine Hunde oft Früchte der Großen Klette (Arctium lappa) im Fell hatten. Unter dem Mikroskop entdeckte er, dass die Klettensamen winzige elastische Häkchen tragen, die auch bei gewaltsamem Entfernen nicht abbrechen. Mestral untersuchte deren Beschaffenheit und erkannte eine Möglichkeit, zwei Materialien auf einfache Art reversibel zu verbinden. Er entwickelte den textilen Klettverschluss und meldete seine Idee 1951 zum Patent an. Vermarktet wurde das Produkt erstmals unter dem Namen Velcro, zusammengesetzt aus den französischen Begriffen velours („Samt“) und crochet („Haken“).
Quellen Literatur