Radhaniten oder Radaniten (Hebräisch sing. רדהני Radhani, pl. רדהנים Radhanim; ) ist die zum ersten Mal von Ibn Chordadbeh um 847 in seinem Buch Kitāb al-Masālik w'al-Mamālik (= Buch der Wege und Länder) überlieferte Bezeichnung für eine bestimmte Art jüdischer Fernhandelskaufleute. Vom 8. bis ins 11. Jahrhundert ermöglichten sie Handelsbeziehungen zwischen den Ländern des christlichen Abendlandes und jenen der mit ihnen verfeindeten islamischen Welt, aber auch darüber hinaus mit Indien und China. Sie waren unter anderem Sklavenhändler, boten die unterworfenen gefangenen Sachsen und andere Nichtchristen auf andalusischen Sklavenmärkten an. Durch diesen Handel nahmen sie Einfluss auf das Karolingische Reich und versorgten Karl den Großen samt seiner Nachfolger mit arabischem Gold. Die Einnahmen führten mit zum Wiederaufschwung der seit dem Untergang des weströmischen Reiches wirtschaftlich stagnierenden Länder Mitteleuropas. Als Handelswege nutzten die jüdischen Händler von alters her bekannte Routen. miniatur|hochkant=1.5|Karte von Eurasien mit dem Handelsnetz der Radhaniten, wie es Ibn Chordadbeh beschreibt.
Etymologie Die Überlieferung des Begriffs „Radhaniten“ gibt keine zuverlässige Auskunft darüber, was er bedeutet. Der zur Annales-Schule zählende französische Historiker Maurice Lombard (1904–1965) neigt mit anderenGene W. Heck: Charlemagne, Muhammad, and the Arab Roots of Capitalism, Walter de Gruyter: Berlin 2006, S. 275. – Jane S. Gerber: „Im Osten weilt mein Herz …“, S. 174. In: Nicholas de Lange (Hrsg.): Illustrierte Geschichte des Judentums, Campus, Frankfurt/New York 2000, S. 161–221. zu der Annahme, ihn in dem Begriff „Rūdānū“ für Rhone aufgehoben zu sehen, weil die jüdischen Kaufleute in zahlreichen Orten ansässig gewesen seien, die sich von der Maas über die Saône das Rhônetal hinabgezogen hätten und über Arles ans Mittelmeer und Narbonne ins muslimische Spanien geführt hätten. Als Beleg dient Lombard der aus Narbonne abgeleitete Familienname Narboni, der noch heute unter den Juden des Mittelmeergebietes verbreitet sei. Damit weist er andere Annahmen, dass die Bedeutung für „Radhanit“ auf das persische Wort rāhdān (= Wegekundiger) hinweise,Maurice Lombard: Blütezeit des Islam. Eine Wirtschafts- und Kulturgeschichte 8.–11. Jahrhundert, Frankfurt a. M. 1992, S. 211. Ebenda in Anm. 10 eine Vielzahl von Arbeiten zur Wortbedeutung. zurück, wie auch eine andere Ableitung, dass es sich um einen Hinweis auf die persische Ruinenstadt Rhaga oder eine Landschaftsbezeichnung um BagdadRadhan herum handle.
Hintergrund Die islamische Eroberung Unter den Merowingern war es seit dem Ende des 5. Jahrhunderts zu einem Verfall der Städte gekommen, was zu einem allgemeinen kulturellen Niedergang führte, der in der karolingischen Renaissance seine Umkehr erfuhr. Henri Pirenne vertrat die für Jahrzehnte maßgebliche These, dass erst die im 7. Jahrhundert einsetzende islamische Expansion einen das Abendland beeinträchtigenden Einschnitt dargestellt habe, indem es von den wichtigen Handelsbeziehungen über das Mittelmeer getrennt worden sei und zwischen dem christlichen Abendland und den von der islamischen Expansion vereinnahmten Ländern kein Austausch mehr stattgefunden habe.Heute gilt Pirennes These als widerlegt. Sein Fehler habe vor allem darin bestanden, dass er davon ausging, dass muslimische Kaufleute nur miteinander handelten und kein Interesse an den jenseits der eroberten Gebiete gelegenen Ländern und ihren Erzeugnissen gehabt hätten.Gene W. Heck: Charlemagne, Muhammad, and the Arab Roots of Capitalism, Walter de Gruyter: Berlin 2006, S. 177. – G. W. Heck hebt immer wieder hervor, von welcher Wichtigkeit die außer aus Europa auch aus Asien und Afrika importierten Sklaven als Energielieferanten für die islamische Herrschaft waren (vgl. zusammenfassend S. 315–318: Imperatives of Trade and the Transformation of Europe). Maurice Lombard gehört mit seinen Untersuchungen zu den mittelalterlichen Handelswegen zu den entschiedenen Gegnern Pirennes, indem er ununterbrochene Handelsbeziehungen zwischen Ost und West nachweist. Diese seien zunächst unter den Merowingern neben jüdischen Kaufleuten, deren Lage sich im 6. und 7. Jahrhundert im Byzantinischen Reich und im westgotischen Spanien allerdings verschlechtert habe,Vgl. Jane S. Gerber: Im Osten weilt mein Herz ..., S. 164, in: Nicholas de Lange (Hg.): Illustrierte Geschichte des Judentums, Campus Verlag, Frankfurt/New York 2000, S. 161–221. Zu Spanien: Friedrich Lotter: Zur sozialen Hierarchie der Judenheit in Spätantike und Frühmittelalter, in: Aschkenas – Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 13/2003, H. 2, (de Gruyter). (Online.) überwiegend von Kaufleuten unterhalten worden, die „Syri“ (= Syrer) genannt wurden und Christen gewesen seien. Nach Lombard importierten die „Syri“ vor allem orientalische Luxuswaren aus ihren Zentren im Orient ins barbarische Abendland.Maurice Lombard (1992), S. 212–215. Die Handelsbeziehungen hätten sich dann mit der islamischen Expansion auch ohne muslimische Fernhändler im christlichen Abendland ausgeweitet, denn die muslimischen Eroberer hatten einen großen Bedarf an Gütern, über die sie in den von ihnen eingenommenen Gebieten nicht verfügen konnten und die sie deshalb importieren mussten. Mit dem Siegeszug des Islams sei bis ins 11. Jahrhundert der Hauptanteil des Fernhandels von jüdischen Kaufleuten übernommen worden.Maurice Lombard (1992), S. 210 f.Die Juden befanden sich nämlich in der sich entfaltenden islamischen Welt in einer günstigen Ausgangsposition, zumal der Dschihad nicht gegen die Juden, sondern gegen die Heiden (= vom Glauben abgefallene Christen, die ihr eigenes Volk unterdrückt haben) geführt wurde. Allerdings wurde die arabische Halbinsel, wo die Juden in Himyar ein Zentrum hatten und ihnen in der Umgebung von Medina bis zum Auftauchen von Mohammed heidnische Stämme gefolgschafts- und tributpflichtig waren, von der Freizügigkeit der Religionsausübung und der Niederlassung ausgenommen. Im Unterschied zu den christlichen Ländern konnten sie sich in der islamischen Welt jedoch überall sonst niederlassen und ihre Religion ausüben. Da die Armeen der muslimischen Eroberer nur klein waren, habe es sich insgesamt als zweckmäßiger erwiesen, sich neben den Juden auch der anderen monotheistischen Minderheit, nämlich der Orientchristen zu versichern, da für den Wiederaufbau und zur Verwaltung der eroberten Länder geeignete Menschen gebraucht wurden. Für die Juden habe aber mehr noch als für die Christen gegolten, dass sie sich im 9. Jahrhundert innerhalb einer neuen Weltmacht vereint sahen, „die ihnen eine weit reichende Autonomie gewährte und sie ihr Leben so führen ließ, wie es ihnen gefiel.“Jane S. Gerber (2000), S. 164–169 (Zitat S. 169). Im 10. Jahrhundert erlebten zahlreiche jüdische Familien in Al-Andalus im Kalifat von Córdoba unter Abd ar-Rahman III. und seinem Sohn Al-Hakam II. eine Phase von Prosperität.
Jüdische Kaufleute als Vermittler zwischen dem Westen und der islamischen Welt Die US-amerikanische Historikerin Jane S. Gerber (City University of New York) geht davon aus, dass die Radhaniten eine internationale Handelsfirma mit Sitz wahrscheinlich in Südfrankreich oder in Spanien bildeten. Ihr Handel habe sich über mehrere Kontinente erstreckt und sei durch Filialen unterstützt worden. Sie hätten vier verschiedene Land- und Seerouten benutzt, von denen eine nordwärts durch Europa über Prag, Bulgarien in das Land der Chasaren geführt habe, das ein wichtiger Vorposten für den Handel mit Zentralasien war; zwei seien entlang der Küsten des Mittelmeeres verlaufen und hätten im Irak und im Iran geendet; die vierte sei nach China gegangen (vgl. auch Seidenstraße). „Im Allgemeinen legten die Handelsbeauftragten der Radhaniten nur einen Teil der Strecke zurück, an dessen Ende sie Waren von Kollegen übernahmen, welche die nächste Etappe bereisten.“ Ihre Verständigung untereinander erfolgte über das Hebräische als Lingua franca, denn es sei von allen gebildeten Juden gesprochen worden. Um sich vor den Risiken der langen Reisen zu schützen, über die vor allem die Aufzeichnungen aus der Geniza Auskunft geben, und nicht zu viel Geld zu transportieren, hätten sie als frühkapitalistisches Instrument Kreditbriefe (suftadscha) mitgeführt.Jane S. Gerber (2000), S. 174. Die erste Erwähnung der Radhaniten bei Ibn Chordadbeh lautet unter der Überschrift „Weg der jüdischen Kaufleute, der so genannten Radhaniten“ folgendermaßen:
Handelsbeziehungen zwischen dem Abendland und der islamischen Welt Bernard Lewis schreibt, dass von den Waren Zentral- und Westeuropas allerdings nur drei die Aufmerksamkeit muslimischer Schriftsteller geweckt hätten, nämlich slawische Sklaven, fränkische Waffen und englische Wolle.Bernard Lewis: Die Welt der Ungläubigen. Wie der Islam Europa entdeckte. Frankfurt/M. / Berlin 1987, S. 193. Maurice Lombard führt zusätzlich Pelze und Holz vor allem für den Schiffsbau auf. Die slawischen Sklaven waren, wie aus arabischen Aufzeichnungen hervorgeht, der begehrteste Artikel für die muslimische Sklavenhaltergesellschaft.Jacques Heers: Les négriers en terres d’islam VIIe-XVIe siècle. Perrin, Paris 2007, S. 12. Bernard Lewis hält fest, dass neben den Juden viele Europäer mit dem Export von Sklaven zu tun gehabt hätten. Darunter seien Christen gewesen, „Bürger der großen Handelsstädte Italiens und Frankreichs ebenso wie griechische Sklavenhändler, die im östlichen Mittelmeer tätig waren. Eine bedeutende Stellung nahmen die Venezianer ein, die schon im 8. Jahrhundert begannen, den Griechen Konkurrenz zu machen.“Bernard Lewis (1987), S. 195. – Bemerkenswert für die Konkurrenz unter den Händlern ist ein Brief des Dogen von Venedig an König Heinrich I. (Ostfrankenreich) im Jahr 932 mit der – folgenlosen – Aufforderung, die Juden aus seinem Herrschaftsbereich zu vertreiben (Gerd Mentgen: Die Judenvertreibungen im mittelalterlichen Reich. Ein Forschungsbericht. In: Aschkenas – Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 16/2006, H. 2. Online.) Besonders hinzuweisen ist auf die Rolle der Waräger und des Volkes der Rus, die eifrige Sklavenjäger waren und ihre slawischen Gefangenen entweder direkt verkauften oder über italienische Kaufleute oder die Radhaniten nach Spanien, Byzanz, in die muslimischen Länder oder nach Zentralasien weitervermitteln ließen.Alexandre Skirda: La traite des Slaves. L’esclavage des Blancs du VIIIe au XVIIIe siècle, Les Éditions de Paris: Paris 2010, S. 11 f. – Vgl. dazu auch das Kapitel „Les Russes et les Bulgares de la Volga“ in: Jacques Heers (2007), S. 18–21. Maurice Lombard betont, dass durch die Nachfrage aus den großen Verbrauchszentren der islamischen Welt über die jeweiligen Zwischenhändler „die wirtschaftliche Aktivität des barbarischen Abendlandes“ wiederaufgelebt sei und „dessen Handel, Geldzirkulation und städtische Bewegung unter diesem Nachfrageschub wieder zu pulsieren begannen“.Maurice Lombard (1992), S. 234. Insgesamt handle es sich um eine Tatsache von immenser Bedeutung: „die Austauschrichtung kehrt sich um; der Okzident wird vom Importeur zum Exporteur. An die Stelle des Abflusses von Zahlungsmitteln kommt es gegen Ende des 8. Jahrhunderts langsam wieder zu einem Zufluss, der sich vom 9. zum 11. Jahrhundert vergrößert.“Maurice Lombard: Monnaie et histoire d’Alexandre à Mahomet. Paris-La Haye 1971. Wiederauflage 2001: Mouton u. École des Hautes Études en Sciences Sociales, S. 198. hochkant=1.5|miniatur|Das muslimische Spanien war mit Córdoba ein häufiger Bestimmungsort für die slawischen Sklaven, mit denen die Radhaniten handelten. Für den Umfang des Sklavenhandels mit Al-Andalus stellt Lombard für einen Abschnitt des 10. Jahrhunderts folgende Bilanz auf: