mini|Die Veröffentlichung dieses Fotos durch PETA im Jahr 1981 löste die öffentliche Kontroverse um die Silver Spring Monkeys aus und wurde in der Tierversuchsdebatte der USA zu einer Ikone.What Animals Want: Expertise and Advocacy in Laboratory Animal Welfare Policy. Oxford University Press, 2004, p. 76, figure 4.2 Das Bild zeigt Domitian in einer für die Experimente typischen Haltevorrichtung. Die Silver-Spring-Affen waren eine Gruppe von 17 philippinischen Makaken, die am Institut für VerhaltensforschungZunächst Institute for Behavioral Research. Benannte sich zwischenzeitlich in Institute for Behavioral Ressources um. in Silver Spring (Maryland, USA) lebten. In den 1980er Jahren wurden sie durch eine Auseinandersetzung zwischen Forschern, Tierschützern, verschiedenen Gerichten und Politikern zu den Die Versuche fielen in das Gebiet der neuronalen Plastizität, wo erforscht wird, wie sich das Gehirn von Primaten etwa nach Unfällen durch Therapie reorganisieren kann.

Der Psychologe Edward Taub durchtrennte dafür in der betreffenden Versuchsreihe zunächst Teile des Spinalganglions derart, dass die Tiere Arme oder Beine nicht mehr wahrnehmen konnten. Aus Beobachtungen war bekannt, dass derart geschädigte Menschen nicht in der Lage waren, diese Körperteile zu benutzen, und es gab seinerzeit keine neurologische Erklärung dafür. Taub untersuchte die behavioristische Hypothese, dass diese Nichtbenutzung ein erlerntes Verhalten sei. Zur Überprüfung nutzte er selbst gebaute Haltevorrichtungen, Elektroschocks oder Nahrungsmittelentzug, um die Tiere zu zwingen, die Körperteile, die sie nicht mehr fühlen konnten, zu benutzen.

Alex Pacheco trat, nachdem er Europa bereist und seine Studien in den USA wieder aufgenommen hatte, als Aktivist der Gruppe People for the Ethical Treatment of Animals (PETA) bei, die damals etwa 20 Mitglieder hatte. Mit ihnen beschloss er, verdeckt an Taubs Institut zu arbeiten. Nach einer Weile wies er die Polizei auf die Lebensumstände der Affen hin und löste damit die weltweit erste Razzia in einem Tierversuchslabor aus. Taub wurde in der Folge wegen 17-facher Tierquälerei und wegen des Versäumens, tierärztliche Pflege bereitzustellen, angeklagt. In sechs Fällen wurde er zunächst verurteilt. Fünf davon wurden in einer Nachverhandlung zurückgewiesen. Die Verurteilung im sechsten Fall wurde in der Revision für nichtig erklärt, weil das Gericht feststellte, dass das Marylander Tierschutzgesetz auf staatlich finanzierte Labore nicht anzuwenden sei.

Nach dem zweijährigen Streit um Taubs Schuld bezüglich der Tierquälerei folgten weitere acht Jahre der juristischen Auseinandersetzung um den weiteren Verbleib der Tiere. Das führte zu einer landesweiten Debatte und zu einem 1985 bewilligten Zusatz zum Animal Welfare Act. Die Organisation PETA wuchs während dieser Zeit auf 400.000 Mitglieder mit einem jährlichen Spendenaufkommen von 5 Millionen Dollar an. Andere Vereine verzeichneten ebenfalls großen Zulauf, und die erste Zelle der nordamerikanischen Animal Liberation Front wurde gebildet. Ferner war es der erste Tierschutzfall, der von dem Obersten Gerichtshof verhandelt wurde. PETA versuchte dort zu erwirken, dass ihr die Obhut über die Affen übertragen werde. Die letzte Klage in dem Fall wurde 1991 zurückgewiesen und die verbliebenen Tiere wurden kurz darauf getötet.

In der darauffolgenden Obduktion wurde festgestellt, dass die Großhirnrinde der verstümmelten Affen im Gegensatz zur Kontrollgruppe signifikante Veränderungen aufwies. Die Resultate der Experimente standen damit im Widerspruch zu der allgemein geteilten Annahme, dass das Gehirn von Primaten sich nicht selbst reorganisieren könne. Die Ergebnisse der Versuche halfen dabei, diese Annahme zu überwinden.

Nachdem Taub einige Jahre lang Morddrohungen erhalten hatte und auch keine Anstellung an einer wissenschaftlichen Einrichtung gefunden hatte, bekam er einen Ruf an die University of Alabama at Birmingham. Ausgehend von dem Konzept der Neuroplastizität entwickelte er dort die Constraint-induced movement therapy, die einigen menschlichen Betroffenen von Schlaganfällen die erneute Benutzung gelähmter Körperteile ermöglicht.

Hintergründe und Vorgeschichten Edward Taub ist ein Verhaltensforscher, der gegenwärtig (2022) an der Universität von Birmingham forscht. Während seiner Studien der Philosophie an der Colombia University begann er sich für behavioristische Ansätze zu interessieren. Sein weiteres Studium absolvierte er bei Fred S. Keller und William N. Schoenfeld, beides experimentelle Psychologen. Er nahm eine Stelle in einem Labor an, um das Nervensystem besser verstehen zu können. Dort wurde er zuerst mit „Deafferentation“ vertraut gemacht. Ein Afferenter Nerv ist ein Nerv, der Impulse von Sinnesorganen über das Rückenmark ins Gehirn führt; Deafferentation ist ein chirurgisches Verfahren, das das Rückenmark frei legt und bestimmte afferente Nerven durchtrennt. Die Betroffenen können dann die entsprechenden Körperteile nicht mehr wahrnehmen und verlieren auch das Gefühl dafür, wo diese sich räumlich befinden. In dem Gerichtsverfahren von 1981 sagte Taub aus, dass deafferentierte Affen extrem betreuungsintensiv seien, weil sie deafferentierte Körperteile als Fremdobjekte identifizieren und diese verstümmeln, etwa indem sie sie abkauen. Taub setzte seine Arbeit an deafferentierten Affen an der New York University fort und erlangte dort 1970 seine Doktorwürde. In dem, was er als Grundlagenforschung bezeichnete, führte er eine Vielzahl von Versuchen an deafferentierten Affen durch: Er deafferentierte teilweise den ganzen Körper oder deafferentierte Embryonen vor der Geburt, um sie danach wieder in den Uterus einzusetzen.

Als Taub seine Forschungen begann, war es eine wissenschaftlich vorherrschende Auffassung, dass Primaten Körperteile, die sie nicht fühlen konnten, grundsätzlich auch nicht benutzen könnten. Nach Norman Doidge war es Taubs Vermutung, dass Patienten gelähmte Körperteile nicht benutzten, weil die Benutzung gesunder Körperteile viel einfacher sei. Taub nannte dieses Phänomen eine „erlernte Nichtbenutzung“. Er testete diese Vermutung, indem er beispielsweise einen Arm deafferentierte und dann den funktionierenden Arm in einer Vorrichtung fixierte. Die betroffenen Affen nutzen dann mehrfach die tauben Arme, um sich zu ernähren oder zu bewegen. Diese Vermutung bestätigten auch viele weitere Experimente, in denen beide Arme oder die ganzen Körper „taub gestellt“ wurden. Wenn die Tiere durch Nahrungsentzug oder Elektroschocks gezwungen wurden, taube Körperpartien zu benutzen, taten sie das auch. mini|Pressefoto von Pacheco (2010) Alex Pacheco wuchs in Mexiko und Ohio auf, war Kind eines Arztes und arbeitete zunächst auf ein Priesteramt hin. Er besuchte in den 1970er Jahren ein Schlachthaus und änderte daraufhin sein Leben. Er las Peter Singers Buch Animal Liberation (1975), ernährte sich zunächst vegetarisch und wurde ein Aktivist für Tierrechte. Er heuerte auf einem Anti-Walfang-Schiff der Sea Shepherd an und trat nach einigen Jahren auf See der Hunt Saboteurs Association (Gesellschaft für Jagdsabotage) in England bei. Als er in erster Linie wegen des auslaufenden Visums in die Vereinigten Staaten zurückkehrte, trat er ein Studium der Politikwissenschaften an der Washington University an. Er traf dort im März 1980 auf Ingrid Newkirk, die die Gruppe People for the Ethical Treatment of Animals leitete. Sie beschlossen, eine Dokumentation zu öffentlich finanzierten Tierversuchslaboren zu erstellen, und trafen bei der Recherche auf Taubs Institut. Taub bot Pacheco eine unbezahlte Stelle an, bei der er der Studentin Georgette Yakalis zuarbeiten sollte und die er im Mai 1981 antrat.

An dem Institut führte Taub Deafferentationsexperimente an 16 Javaneraffen und an einer Rhesusmakakin durch. Die Tiere waren etwa 40 cm groß und jeweils in einem Einzelkäfig mit den Abmessungen 45 × 45 cm untergebracht. Die Käfige enthielten keine Schlafgelegenheit, Einstreu oder Beschäftigungsmöglichkeiten. Die Käfige standen in einem fensterlosen und ständig beleuchteten Raum von 5 m². Pacheco schreibt, dass 12 der 17 Affen wenigstens einen deafferentierten Arm hatten. Dem Journal Laboratory Primate Newsletter zufolge betraf dies 10 Affen. Die verbleibenden Tiere waren eine Kontrollgruppe.

Die Forscher nannten die Affen Chester, Paul, Billy, Hard Times, Domitian, Nero, Titus, Big Boy, Augustus, Allen, Montaigne, Sisyphus, Charlie, Brooks, Hayden, Adidas und Sarah. Sarah wurde als ein Tier der Kontrollgruppe von einem Händler der Litton Laboratories gekauft, als sie einen Tag alt war. Sie lebte von diesem Tag an acht Jahre lang am Institut. Paul war der älteste der Affen. Ihm wurden beide Arme deafferentiert. Er hatte alle seine Finger an der einen Hand abgekaut und Haut sowie Fleisch vom Handballen gekaut, sodass die Knochen frei lagen.

Durchsuchungen und Anklageerhebungen Pacheco schrieb später, dass er die Affen in dreckigen Umständen wiederfand. Er fand gefrorene Körper in einer Kühltruhe und andere eingelegt in Formaldehyd. Er berichtete, dass überall im Operationssaal Dinge verstreut lagen wie Schuhe, schmutzige Klamotten sowie Kot und Urin. Die Käfige waren mit einer Dreckschicht überzogen. Die Exkremente häuften sich am Boden oder unter den Käfigen. Urin und Rost sammelten sich an jeder Oberfläche. Die Affen langten nach Nahrung, die durch die Gitterstäbe auf den Boden in die Exkremente gefallen war. Er meinte, die Käfige seien monatelang nicht gereinigt worden, es gab kein Geschirr, das den Affen ermöglicht hätte, ihr Essen von den Exkrementen zu trennen. Die Affen hatten keine Möglichkeit der Beschäftigung, als auf den drahtigen Böden der Käfige zu sitzen. Francione erwähnt zusätzlich, dass Taub eine amputierte Affenhand als Briefbeschwerer benutzte.

Pacheco beschloss, die Zustände zu dokumentieren, und bat darum, nachts arbeiten zu können. Taub war fasziniert von Pachecos Engagement und überließ ihm sogar Schlüssel für das Labor. Pacheco fertigte Fotos an und teilte diese mit einigen Tieraktivisten, darunter auch Cleveland Amory, die ihm bessere Ausrüstung spendierte und in den folgenden Nächten den Außenbereich des Instituts beobachtete, während Pacheco innen fotografierte. Im August lud Pacheco Tierärzte und Wissenschaftler in das Labor ein, um die Zustände bezeugen zu können. Darunter war Geza Teleki, der in der Folge für die Washington Post schrieb, er habe noch nie ein so schlecht gepflegtes Labor gesehen. Der Psychologe Donald Barnes schrieb in demselben Artikel, es handle sich um ein und eine gesundheitliche Gefahr für Menschen. Ein ansässiger Tierarzt, Richard Weizman, stimmte zu, dass das Labor sehr verwahrlost war, meinte aber, die Affen seien gut ernährt und erfreuten sich „ganz passabler Gesundheit“.

Pacheco zeigte die Zustände dann bei der Polizei von Montgomery an und erwirkte damit eine Razzia auf der Grundlage des Marylander Tierschutzgesetzes, die am 11. September 1981 stattfand. PETA gab im Vorfeld entsprechende Hinweise an die Presse heraus, sodass die Razzia von Journalisten und Kamerateams begleitet wurde, sehr zur Irritation der Beamten. Die Polizisten sagten später aus, dass die Affen unter dreckigen Umständen lebten. Richard Sawin, der die Razzia leitete, erzählte 1991 der Washington Post: Taub wurde in der Folge wegen 17-facher Tierquälerei angeklagt.