Als Splatterfilm bezeichnet man eine Art des Horrorfilms, bei der die Darstellung von exzessiver Gewalt und Blut im Vordergrund steht. Das englische Verb to splatter bedeutet „spritzen“. Der Splatter, der auf die konkreten Akte der Gewalt wie Verletzung oder Zerstückelung fixiert ist, unterscheidet sich vom sogenannten Gore (englisch für „geronnenes Blut“ und „durchbohren“, „aufspießen“), der sein Augenmerk mehr auf das fertige Ergebnis dieser Akte sowie auf detailliert inszenierte Ausweidungen legt. Eine genaue Differenzierung fällt allerdings in den meisten Fällen schwer, da beide Formen oft ineinander übergehen. Splatter oder Gore sind zudem nicht auf den Horrorfilm beschränkt; vielmehr finden sich entsprechende Elemente in den verschiedensten Genres. „Splatterfilme“ bilden daher kein eigenes Genre, sondern bezeichnen eine allgemeine Strategie affektorientierter filmischer Körperdarstellung.
Geschichte
Anfänge
Explizite Gewaltdarstellungen wie im Splatterfilm, im Deutschen früher auch als „Blut und Beuschel“ bezeichnet, galten lange Zeit als Schund und waren verpönt. Der Film von Karl Valentin, Bert Brecht und Erich Engel Mysterien eines Frisiersalons (1923) wird als erster Splatterfilm der Filmgeschichte bezeichnet.https://www.valentin-karlstadt-musaeum.de/ausstellung/detail/hofausstellung-zum-film-mysterien-eines-frisiersalons-new66460e3fb5dc9945225038 Hier wird gefoltert, malträtiert, ein Kopf abgeschnitten, wieder repariert, der Frisiergeselle erschossen und am Ende der Kopf mittels einer Angel, während eines Duells, abgerissen. 2024 rekonstruierte Peter Syr im Rahmen einer Ausstellung das Filmmaterial und Konstantin Wecker schrieb eine neue Musik dazu. In der Filmgeschichte tauchen Spatterfilme später in den Avantgarde-Filmen des Surrealismus auf. Beim Surrealisten Luis Buñuel gibt es im Kurzfilm Un Chien Andalou (Ein andalusischer Hund), welchen er 1928 zusammen mit Salvador Dalí gedreht hat, eine berühmte Szene, in der ein Auge mit einer Rasierklinge zerschnitten wird.
In den ersten Gruselfilmen der britischen Hammer Studios wurde in den späten 1950er Jahren erstmals explizit rotes Blut auf der Leinwand vergossen. Filme wie Frankensteins Fluch (The Curse of Frankenstein, 1957) und Dracula (1958) (beide mit den Horror-Ikonen Peter Cushing und Christopher Lee) präsentierten abgetrennte Körperteile und schmelzende Körper. Wenngleich die Filme dieses Produktionszusammenhangs kaum als Splatterfilme im Sinne des Wortes bezeichnet werden können, sind sie als Wegbereiter und Ahnen des Splatterfilms von Belang.
Als weiterer Splatterfilm der Geschichte wird Blood Feast (1963) von Herschell Gordon Lewis angesehen. Die Handlung dreht sich um einen Mann, der unter dem Bann der babylonischen Gottheit Ishtar steht und für ein religiöses Festmahl (engl.: „feast“) allerlei menschliche Körperteile beschaffen muss – durch blutige Morde an attraktiven Frauen, die er mit seinem Fleischermesser in Stücke schneidet. Die Morde werden ausgesprochen explizit dargestellt (so z. B. das Herausreißen einer Zunge bei vollem Bewusstsein des Opfers oder das Abtrennen eines Beines), doch wirken die Szenen aufgrund der budgetbedingt schlechten Special- und Make-up-Effects eher amüsant und naiv. Das Genre fristete noch lange ein Schattendasein.
In Japan, wo in der Kunst Darstellungen von Gewalt und Blut historisch bedingt weit weniger problematisch sind, gab es jedoch schon zuvor Filme, die extreme Gewalteinwirkung explizit und quasi-naturalistisch zeigten. Im Westen sind diese Filme weitgehend unbekannt. Für die Tradition und Geschichte des westlichen Splatterfilms sind sie deshalb kaum von Bedeutung.
Den Prototyp des modernen Horror- und Splatterfilms schuf 1968 George A. Romero mit seinem einflussreichen und stilbildenden Werk Die Nacht der lebenden Toten (Night of the Living Dead, 1968). Aus unerklärlichen Gründen erheben sich die Toten aus ihren Gräbern und fallen als Zombies über die Menschen her. In einem abgelegenen Landhaus verschanzt sich eine Gruppe wild zusammengewürfelter Überlebender, um sich gegen die lebenden Toten zur Wehr zu setzen. Doch die Gruppe scheitert am Misstrauen untereinander: Jeder Versuch, dem Tod zu entkommen, bringt die Gruppe ihm nur näher. Der Film zeichnet sich durch eine düstere, apokalyptische Atmosphäre aus, die bis heute ihre Wirkung nicht verfehlt. Der gesellschaftskritische Subtext tritt vor allem zum Ende hin deutlich in den Vordergrund. Der seinerzeit verrissene Film gilt heute als einflussreicher Meilenstein des Genres und ist aus der Filmgeschichte nicht wegzudenken.
1970er Jahre
Die 1970er Jahre brachten unter anderem die Genese des „Terrorfilms“ mit sich. Filme wie Blutgericht in Texas (The Texas Chain Saw Massacre, 1974, Tobe Hooper) und Das letzte Haus links (The Last House on the Left, 1972, Wes Craven) brachen mit Wesen aus der Welt der Phantastik und verorteten den Horror direkt in der Nachbarschaft. An die Stelle von Dracula, Frankenstein und der Mumie traten blutrünstige Psychopathen und Kannibalen, die mit Motorsägen und Metzgerswerkzeug meist jugendlichen Opfern auf den Leib rückten. Ausnahme waren die Hammer Studios, die mit Filmen wie Dracula – Nächte des Entsetzens oder Frankensteins Höllenmonster durch die explizite Darstellung roher Gewalt und Grausamkeit Gewinne machten.
Wie die Welle der politischen Paranoiafilme im offiziellen Kinobetrieb passten diese kleinen Filme zum sozialen Klima der USA in den frühen 1970er Jahren: Unter den Eindrücken von Vietnam, der Niederschlagung der Studenten- und Bürgerrechtsbewegung auf den Straßen und zahlreichen politischen Attentaten und Korruptionsskandalen in den oberen Rängen der Regierung wuchs die Unzufriedenheit unter den Menschen. Eine junge Generation zorniger Filmemacher verlieh ihrem latent apokalyptischen Grundgefühl in ihren Filmen primären Ausdruck. Adam Simons Dokumentarfilm The American Nightmare (2000) arbeitet diesen Aspekt der Splatterfilme der 1970er Jahre anschaulich heraus.
In Italien ging der Splatterfilm eigene Wege. Nach dem international großen Erfolg von Romeros zweitem Zombiefilm Dawn of the Dead (dt.: Zombie, auch Zombies im Kaufhaus, 1978), dessen europäische Fassung von Dario Argento geschnitten wurde, drehte der italienische Regisseur Lucio Fulci kurzerhand eine inoffizielle Fortsetzung unter dem Titel Zombi 2 (dt.: Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies, 1979), die jedoch inhaltlich und narrativ nichts mit Romeros Film gemein hatte. Zuvor hatte bereits Argento mit seinem „gotischen“ Hexenfilm Suspiria (1977) das Körperinnere des Menschen in deutlicher Optik ins Bild gerückt. Das Genre des Zombiefilms erwies sich in Italien als gutes Geschäft: Unzählige Plagiate und Variationen, die sich gegenseitig im Härtegrad der Darstellung zu übertrumpfen suchten, folgten.
Als zweiter Arm des italienischen Splatterfilms entwickelte sich bald der Mondo- bzw. Kannibalenfilm: Mit oft geheucheltem ethnologischen Interesse begab man sich in die Dschungel der noch unerforschten Welt, um die Grausamkeiten der ‚unzivilisierten‘ Völker auf Zelluloid zu bannen, die für gewöhnlich jedoch vor allem in den Büros der Produzenten und Drehbuchschreiber ersonnen worden waren. Als wegen seiner Tiertötungs-Szenen bekanntestes Werk dieser Art gilt Ruggero Deodatos 1979 erschienener Cannibal Holocaust, der sich trotz seiner eigenen Blutrünstigkeit zur moralischen Kritik an der Sensationslust der Massenmedien aufschwingt. Allgemein herrschten im Kannibalenfilm vor allem inszenatorische und ästhetische Armut und stumpfe Brutalität vor; oft wurden ganze Sequenzen aus anderen Kannibalenfilmen eingefügt, um Geld zu sparen. Bis heute ist das Subgenre aufgrund seiner realen Tierschlachtungen vor laufender Kamera unter Splatterfans höchst umstritten. In den 1980er Jahren verkam der italienische Splatterfilm, analog zur sonstigen, einst vitalen italienischen Filmproduktion, zum Billigprodukt für Videotheken.
1980er Jahre Eine zentrale Rolle im US-Splatterfilm nimmt Sam Raimis Tanz der Teufel (The Evil Dead, 1982) ein. Nach den ernsten, apokalyptischen Splatterfilmen der 1970er Jahre lässt dieser Film bereits den Weg zum zukünftigen „Funsplatter“ erkennen, bleibt dabei aber düster genug, um noch nicht als Komödie durchzugehen. Wirkungsvoll inszeniert, erweist sich Tanz der Teufel vor allem durch seine experimentelle Kameraführung als Meisterwerk des Genres. In Deutschland erlangte der Film als Gegenstand einer langjährigen Zensurdebatte Prominenz und entwickelte sich aufgrund zahlreicher Verbote für lange Zeit zum gesuchtesten Splatterfilm. Vor allem in der provinziellen Videoszene galten verrauschte Kopien x-ter Generation lange Zeit als begehrte Statussymbole, unzensierte Importe aus dem Ausland erzielten Höchstpreise. Seit einem Gerichtsurteil in den frühen 1990er Jahren ist der Film in Deutschland in einer um etwa 40 Sekunden geschnittenen Fassung wieder zugänglich. Seit Februar 2017 ist die Beschlagnahmung des Filmes aufgehoben, und er ist in der ungeschnittenen Version mit FSK-16-Siegel wieder frei erhältlich.
Die 1980er Jahre, geprägt von der Entwicklung des Heimvideo-Marktes, waren von einer unübersehbaren Schwemme brutaler und blutrünstiger Splatter- und Gore-Filme geprägt, die insbesondere in Italien Hochkonjunktur hatten, wobei viele als filmisch eher anspruchslos gelten und relativ billig produziert wurden. Regisseur Lucio Fulci hat sich dabei einen Namen gemacht, die Grenzen des Darstellbaren auszureizen. Insbesondere in Deutschland führten derartige Werke nicht selten zu Indizierungen und Beschlagnahmungen aufgrund von Gewaltdarstellung nach StGB.
In den späten 1980er Jahren schlug die Blutrünstigkeit und Brutalität der Gore-Filme schließlich ins Parodistische um und führte zu einer Abkehr von der düsteren Schwere der Zombiefilme. Filme wie Re-Animator (1985), The Texas Chainsaw Massacre Part 2 (1986) oder die Nightmare on Elm Street-Saga um Freddy Krueger (1984) machten den Splatterfilm für das „Popcornkino“ wieder erträglicher.
Im Jahr 1987 kamen in Neuseeland schließlich die Dreharbeiten von Bad Taste zum Abschluss: Peter Jackson etablierte hier unter Rückgriff auf das Alien-Invasionskino vollends den Begriff des „Funsplatters“, der den Splatter in die Nähe des Slapsticks brachte und den Begriff des „Splatsticks“ prägte. Der Splatstick schafft die Vereinigung von Slapstickeinlagen mit dem exzessiven Einsatz von Bluteffekten. Bad Taste (1987) und vor allem der spätere Braindead (1992) sind hierfür Beispiele. Der mit ein paar Freunden privat an Wochenenden gedrehte Bad Taste fand auf internationalen Festivals Anklang.
Mit Day of the Dead (dt. Zombie 2) drehte George A. Romero 1985 den dritten und düstersten Teil seiner Zombiefilm-Reihe, der jedoch nicht an den Erfolg der ersten beiden Teile heranreichen konnte. Ebenfalls 1985 erschien mit Guinea Pig – Devil's Experiment von Hideshi Hino einer der brutalsten Splatterfilme überhaupt. Der Film, der im Stil eines Amateurfilms die Folterung einer wehrlosen Frau durch einige Jugendliche zeigt, sowie sein noch brutalerer Nachfolger Guinea Pig 2 – Flowers of Flesh and Blood (1985) gilt in vielen Foren noch heute als brutalster, heftigster und „krankester“ Horrorfilm. In beiden Filmen wird dem Zuschauer suggeriert, es handle sich um einen Snuff-Film (also eine reale und nicht nur fiktive Tötung im Film), was jedoch nicht den Tatsachen entspricht.
1990er Jahre