mini|Bezirk Albula Surmeir ist die rätoromanische Bezeichnung für eine Region im Zentrum Graubündens. Zu ihr gehören das Oberhalbstein, das Albulatal und die Hochebene der Lenzerheide. Surmeir ist identisch mit der heutigen politischen Region Albula und (mit Ausnahme der Gemeinde Mutten) mit der bis 2015 existierenden Region Mittelbünden.

Der Name «Surmeir» In der Schinschlucht zwischen Thusis und Tiefencastel gibt es eine Felswand mit dem Namen Meir (deutsch ‚Mauer‘) (im Surmeirischen von Vaz/Obervaz und Lantsch/Lenz Moir). Auch die Schinschlucht wird auf Bündnerromanisch Tgavorgia digl meir genannt. Surmeir ist die Landschaft «oberhalb der Mauer».

Den Namen «Surmeir» gibt es nur in Bündnerromanisch, eine entsprechende deutsche Bezeichnung gibt es nicht. Heutzutage wird die Region auch «Mittelbünden / Grischun central» genannt. Während bei der deutschsprachigen Bevölkerung der Begriff «Mittelbünden» in Gebrauch ist, ziehen die Rätoromanen die Bezeichnung «Surmeir» dem «Grischun central» vor.

Surmeir wird unterteilt in Surses (Oberhalbstein) und Sotses (Unterhalbstein). Während bei den Rätoromanen die Bezeichnungen Surses und Sotses gebräuchlich sind, kennen die Deutschsprachigen gewöhnlich nur noch den Begriff Oberhalbstein; das Unterhalbstein wird von ihnen heute Albulatal und die Lenzerheide genannt. Auch hinsichtlich der Lenzerheide gibt es Unterschiede zwischen Deutsch und Bündnerromanisch: Während die Deutschsprachigen sowohl für das Dorf als auch für die Passlandschaft die Bezeichnung «Lenzerheide» gebrauchen, haben die Rätoromanen verschiedene Bezeichnungen: Das Dorf heisst Lai, die Hochebene/Passlandschaft «Planoiras».

Die Landschaft Davos, die auch im Gebiet «oberhalb des Schins» liegt, wird nicht zum Surmeir gerechnet. Überhaupt wird die Abgrenzung von Surmeir nicht überall gleich gesehen. Heute ist zwar allgemein anerkannt, dass Surmeir identisch mit dem Bezirk Albula ist, es gibt aber auch Kreise, die unter Surmeir nur das ehemalige Verbreitungsgebiet der surmeirischen Sprache verstehen. Zudem kommt eine religiöse Komponente hinzu, war das surmeirische Sprachgebiet früher doch fast zu 100 % katholisch, während die umliegenden Regionen reformiert waren (siehe Abschnitt Religion). 200px|mini|Die Felswand igl Meir

Geographie Surmeir erstreckt sich von Mutten im Westen bis Bergün/Bravuogn und zum Albulapass im Osten und von Valbella im Norden bis Bivio und zum Julierpass im Süden. Die Flüsse im Surmeir sind die Albula, die Julia und das Landwasser. Die höchsten Berge sind der Piz Kesch mit 3418 m ü. M., der Piz Calderas (3397 m ü. M.), der Piz Platta (3392 m ü. M.), der Piz d’Err (3378 m ü. M.) und der Piz Ela (3338 m ü. M.). Der tiefste Punkt liegt in der Schinschlucht auf 745 m ü. M. mini|Das Landwasserviadukt

Albulatal/Val d’Alvra Das Albulatal wird vom Fluss mit dem gleichen Namen durchflossen. Der Fluss hat seine Quelle in der Nähe des Albulapasses. Kurz nach der Quelle durchfliesst die Albula den Palpuognasee. Die Albula durchfliesst auf dem Weg talabwärts Bergün und Filisur. Diese beiden Gemeinden bilden das obere oder hintere Albulatal. Rund einen Kilometer nach Filisur vereinigt sich die Albula mit dem Landwasser, welches bedeutend mehr Wasser führt. Das Landwasser kommt von Davos und durchfliesst die Zügenschlucht, die Grenze zwischen Surmeir und der Region Davos. Unterhalb von Schmitten, kurz bevor das Landwasser in die Albula mündet, steht das Landwasserviadukt, das wohl bekannteste Bauwerk der Rhätischen Bahn.

Dort, wo sich die Albula mit dem Landwasser vereinigt, beginnt das untere oder vordere Albulatal. Die Albula fliesst nun Richtung Tiefencastel, wo sie sich mit der Julia vereinigt. Tiefencastel ist das politische Zentrum von Surmeir.

mini|Savognin mit Punt Crap und der Kirche Nossadonna

Oberhalbstein/Surses Die Julia (rom. Gelgia) durchfliesst das zweite Haupttal von Surmeir, das Oberhalbstein. Die Julia hat ihre Quelle im Val d’Agnel in der Nähe des Julierpasses. Das erste Dorf unter dem Pass ist Bivio. Bivio ist die Weggabelung für den Julierpass, welcher ins Engadin führt, und den Septimerpass, welcher ins Bergell führt. Der Name Bivio bedeutet «Weggabelung». In Marmorera liegt mit dem Lai da Marmorera einer der grössten Stauseen Graubündens. Seit 1954 wird hier Strom für das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich produziert.

Zwischen Rona und Tinizong überwindet die Julia einen ziemlichen Höhenunterschied. Der Wald zwischen diesen beiden Dörfern bildet einen Riegel im Tal. Daher wird der obere Teil «Surgôt» (Ob dem Wald) und der untere Teil «Sotgôt» (Unter dem Wald) genannt. Im Sotgôt liegt Savognin, der Hauptort des Tales. Savognin ist die grösste Ortschaft im Tal. Die Julia verlässt das Oberhalbstein durch die Schlucht des «Crap Ses» und mündet bei Tiefencastel in die Albula.

mini|Valbella mit dem Parpaner Rothorn im Hintergrund

Lenzerheide/Planoiras Albula und Julia setzen nach dem Zusammenfluss ihren Weg fort zur Schinschlucht, wo sie den Lai da Niselas speisen, ebenfalls ein künstlicher See für die Stromproduktion. In der Schinschlucht liegt die Grenze zwischen Surmeir und dem Domleschg. Hoch über der Schlucht liegt das Plateau der Lenzerheide. Obwohl Lenzerheide/Lai das grösste Dorf von Surmeir ist, bildet es keine eigenständige Gemeinde, sondern gehört zu Vaz/Obervaz.

Politische Einteilung Surmeir war bis Ende 2015 in die vier Kreise Alvaschein, Belfort, Bergün und Surses mit total 16 Gemeinden eingeteilt. Zu Details über Kreise und Gemeinden siehe Bezirk Albula.

Geschichte Die Geschichte von Surmeir wurde jahrhundertelang von der wichtigen Alpentransitroute von Chur über die Hochebene der Lenzerheide nach Lantsch/Lenz, Tiefencastel, durch das Oberhalbstein und über den Septimer- bzw. Julierpass geprägt. Diese im Mittelalter «Obere Strasse» genannte Route gehörte einst zu den wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen über die Alpen. Die Strecke war die kürzeste Verbindung zwischen dem Bodenseeraum und der Poebene. Zudem weist sie keine nennenswerten topografischen Schwierigkeiten auf; die Schlucht des «Crap Ses» konnte gut via Mon und Salouf umgangen werden.

Bronze- und Eisenzeit Zahlreiche prähistorische Fundorte (Lantsch/Lenz, Savognin, Tiefencastel) belegen, dass das untere Albulatal und das untere Oberhalbstein schon zur Bronze- und Eisenzeit besiedelt waren. Einige Einzelfunde lassen auch auf einen bescheidenen Transitverkehr schliessen.

Die Römer Im Jahr 16 v. Chr. wurde unter der Führung zweier Stiefsöhne des Kaisers Augustus – Drusus und Tiberius – in nur einem Sommer (Strabon, Geographika IV,6,9) ein großes Gebiet im Alpenraum erobert, das später zur Provinz Raetia wurde. Bei Tiefencastel und auf dem Septimerpass wurden auch römische Schleuderbeile gefunden, welche vermutlich von diesem Feldzug stammen. Archäologische Funde aus der Römerzeit sind sehr zahlreich vorhanden. Erwähnenswert sind u. a. der Goldschatz von Burvagn, die Überreste einer römischen Villa in Riom oder das römische Heiligtum auf dem Julierpass mit den beiden noch heute sichtbaren Säulen.

Hoch oberhalb des Dorfes Cunter wurden im Herbst 2023 auf der Flur Colm la Runga Spuren eines Römerlagers entdeckt.

Die Bevölkerung betrieb ausgedehnten Ackerbau und intensive Schafwirtschaft. Auch sind Erzlagerstätten bekannt. Bedeutend war der Transitverkehr über die Pässe Julier und Septimer. An mehreren Stellen nachgewiesene Radspuren am Julierpass zeigen, dass der Pass eine der wenigen Alpenübergänge war, die bereits in römischer Zeit intensiv befahren wurde. Der Saumverkehr zog wohl mehrheitlich den kürzeren, aber steileren und lawinengefährdeten Septimer vor. Das «Itinerarium Antonini», ein im späten 3. Jh. n. Chr. unter Beizug älterer Unterlagen erstelltes Strassenverzeichnis, gibt zwischen den Stationen Tinnetione (Tinizong im Oberhalbstein) und Muro (wohl Müraia bei Promontogno) einen Strassenzug wieder, der nur der Septimer- bzw. der Julierroute entsprechen kann.

Frühmittelalter Das erste urkundliche Auftreten erfolgte im Frühmittelalter. So erwähnt das sog. Reichsurbar von ca. 840 die Existenz von vier Königshöfen (grossen Wirtschaftseinheiten mit einer Vielzahl von Bauernhöfen), nämlich zu Vaz, Lantsch/Lenz, Tiefencastel und Riom. Das ganze um 840 besiedelte Gebiet von Surmeir bildete einen von insgesamt zwölf in sich abgeschlossenen Verwaltungsbezirken des fränkischen Königsguts in Churrätien. Der Minister mit Sitz in Tiefencastel verwaltete die Königsgüter, sicherte und kontrollierte den Nord-Süd-Verkehr und hielt Gericht über die königlichen Hofleute und die Freien in diesem Raum. Es ist im Reichsurbar ausdrücklich die Rede von hundert freien Männern. Für tausend Jahre war es das letzte Mal, dass Surmeir eine politische Einheit bildete.

Hochmittelalter Im Hochmittelalter entstanden mehrere feudale Herrschaften, aus denen die zwei wichtigsten übrig blieben: das Bistum Chur, die Freiherren von Vaz und deren Nachfolger (Toggenburger, Montforter sowie die Herzöge von Oesterreich). Die Besiedlung und Erschliessung des grössten Teils des oberen Albulatals erfolgte vom 11. bis zum 13. Jahrhundert. Neben freien rätoromanischen Kolonisten trugen auch Walser zur Erschliessung bei. Die Untertanen des Bischofs schlossen sich dem Gotteshausbund an, die der Österreicher dem Zehngerichtebund.

Freistaat der drei Bünde Im ausgehenden 15. und vor allem im 16. Jahrhundert gingen die Rechte der Feudalherren durch Kauf an die Bevölkerung der Nachbarschaften über. Aus den Gerichten der Feudalzeit entstanden die Gerichtsgemeinden. Eine Gerichtsgemeinde im alten Dreibündenstaat umschloss ein Gebiet mit mehreren Nachbarschaften (Dörfern). Der Rat der Gerichtsgemeinde, präsidiert vom Landammann, hatte zu allen politischen Fragen Stellung zu nehmen. Wichtige Vorlagen unterbreitete der Rat der Landsgemeinde, die mindestens einmal im Jahr zusammentrat. Die Gerichtsgemeinden hatten auch die niedere Gerichtsbarkeit, während für die hohe Gerichtsbarkeit die Hochgerichte zuständig waren.

Die Situation in Surmeir sah folgendermassen aus:

Zehngerichtebund Hochgericht Belfort Gerichtsgemeinde Innerbelfort mit Nachbarschaften Alvaneu, Schmitten und Wiesen. Gerichtsgemeinde Ausserbelfort mit Nachbarschaften Brienz/Brinzauls, Surava und Lantsch/Lenz. Zum Hochgericht Belfort gehörte auch noch die Gerichtsgemeinde Churwalden. Gotteshausbund Hochgericht Oberhalbstein Gerichtsgemeinde Oberhalbstein mit Nachbarschaften Cunter, Savognin, Salouf, Riom, Parsonz, Tinizong, Rona, Mulegn, Sur. Gerichtsgemeinde Tiefencastel mit den Nachbarschaften Tiefencastel, Mon und Alvaschein. Hochgericht Greifenstein mit Gerichtsgemeinde Obervaz mit Nachbarschaften Vaz/Obervaz, Stierva und Mutten sowie Gerichtsgemeinde Bergün mit Nachbarschaften Bergün, Stuls, Latsch und Filisur. Die Gerichtsgemeinde Stalla mit den Nachbarschaften Bivio und Marmorera gehörte zum Hochgericht Ramosch

1387 wurde der Septimerpass zu einer befahrbaren Strasse ausgebaut. Den Warenverkehr beherrschten die Porten, Transportgenossenschaften der einheimischen Bauern. Am Septimer waren dies die Porten Lenz, Tinizong, Stalla (Bivio und Marmorera) und Bergell. Als 1473 die Strasse durch die Viamalaschlucht gebaut wurde, verlor die «Obere Strasse» immer mehr an Bedeutung gegenüber der «Unteren Strasse», die über den Splügen- und San Bernardinopass führte.

Neben der wichtigen Nord-Süd-Transversale wurden auch andere Routen erschlossen, so durch die Schinschlucht und über den Albulapass. Ausser der Landwirtschaft und dem Transitwesen spielte auch der Bergbau eine grosse Rolle (Schmitten, Bellaluna bei Filisur, Val d’Err). Das Schwefelbad von Alvaneu Bad wurde schon in einem 1553 von Conrad Gessner herausgegebenen Werk über die rätischen Bäder als eines der meistfrequentierten Graubündens dargestellt.