mini|Vier Gesellen klopfen ein Fell vor dem Kürschnerladen (um 1700) Das Klopfen der Pelze, meist mit Haselnussstöcken, gehörte einmal zu den Hauptaufgaben der Kürschner. Der weithin vernehmbare, typische Dreiertakt war eines der Kennzeichen des Berufsstandes. Durch das Klopfen werden lockere Schmutzpartikel entfernt, das Haar wird entwirrt und die während der Verarbeitung entstandenen Druckstellen werden beseitigt. Mit Abnahme der Pelzsommeraufbewahrung (Pelzkonservierung) und der Erfindung der Pelzklopfmaschine hat diese Tätigkeit, vor allem was die dafür aufzuwendende Arbeitszeit betrifft, an Bedeutung verloren.

Allgemein Insekten waren vor der Erfindung der Insektenvernichtungsmittel die Hauptfeinde von Textilien und Pelzen. Bei dem hohen Wert, den ein Pelz darstellt, lohnte es sich damals ganz besonders, einige Zeit oder Geld in den Schutz vor solchen Schäden zu investieren. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts übernahmen dies für die Pelzwaren die Kürschner im Rahmen der wohl etwa seit der Einrichtung von Kühlräumen „Pelzkonservierung“ genannten Pelz-Sommeraufbewahrung,P. Larisch: Die Kürschner und ihre Zeichen. Selbstverlag, Berlin 1928, S. 156, 167, 175–176. zumindest in geringem Umfang geschah dies bereits in früheren Jahrhunderten. Ein altes Fachbuch meint dazu: „Werden sie in ihrer Thätigkeit nicht gestört, so ist dieselbe eine ganz furchtbare, daher ist der Kürschner bestrebt, sie ihres Lebens nicht froh werden zu lassen.“ Deshalb: „Bei der Aufbewahrung und Conservierung des Pelzwerkes spielt der Klopfstock die erste und wichtigste Rolle“.Paul Larisch, Josef Schmid: Das Kürschner-Handwerk. Selbstverlag, Paris ohne Jahreszahl (Erstauflage I. Teil 1903), S. 32. 1897 wurde gesagt, dass die Räume für die zur Sommeraufbewahrung gegebenen Pelze vom Kürschner mit Tannenreisig oder sonstigem Nadelholz ausgeräuchert wurden. Damit die absolut notwendige Trockenheit der Räume erreicht wurde, wurden kleine Mengen von Gas- oder Schießpulver angezündet.Jean Heinrich Heiderich: Das Leipziger Kürschnergewerbe. Inaugural-Dissertation, Ruprecht-Karls-Universität zu Heidelberg, 1897, S. 95.

Behält der Besitzer seine Teile zu Hause, ist es ratsam, dass er sie vor dem mottensicheren Weghängen an einen möglichst kühlen Raum ebenfalls gründlich durchklopft. Dabei wird der im Fell angesammelte Staub entfernt und eventuelle Raupen, Insektenlarven oder -eier werden bei entsprechend sorgfältiger Ausführung zerschlagen. Dieser Vorgang sollte zur Sicherheit nach einigen Wochen noch einmal wiederholt werden. mini|Der zerstörte Pelz. Die Karikatur zeigt die entsetzte Pelzbesitzerin, deren Pelze in der Truhe zerfressen wurden. Im Hintergrund der schadenfrohe Kürschner, der sich in Erwartung des Auftrags die Hände reibt (um 1900)

Bei der Pelz- oder Kleidermotte ist es nicht die Motte selbst, die den Schaden anrichtet. In der Zeit zwischen etwa Ende April und September legt sie ihre Eier in die von ihr als geeignete Nahrung angesehenen wolligen Gegenstände ab, in beheizten Räumen ist sie hingegen das ganze Jahr aktiv.Gaetan J. Lapick, Jack Geller: Scientific Fur Servicing. Fairchild Publications, New York 1952, S. 64 (engl.). Drei Wochen später kriechen daraus die Raupen, die bei Pelzen ihr Werk anfangs unbemerkt am Ledergrund verrichten. Insbesondere bei stark verfilzten Fellen, beispielsweise Biber, kann es sehr lange unerkannt bleiben. Unter optimalen Bedingungen sind vier Mottengenerationen mit je 100 bis 250 Eiern pro Jahr möglich. Wenn der Kürschner die befallenen Teile von den erschrockenen Kunden bekommt, findet er außer den teilweise erheblichen Fraßspuren meist nur noch leere Puppenhüllen der geschlüpften Larven. mini|ohne|hochkant=0.7|Läutertonne (um 1660) Beim Klopfen wird naturgemäß lediglich der lose Schmutz entfernt. Eine gründlichere Pelzreinigung ist das Läutern mit Holzmehl. Damit verbunden bieten Fachbetriebe eine zusätzliche Nachbehandlung an, die das Fell dauerhaft vor Mottenbefall schützen soll, das sogenannte Eulanisieren. Diese ersetzt die früher gebräuchlichen Methoden, den Schutz durch die Anwendung von Kampfer und Naphthalin und anderem mehr, die zudem einen unangenehmen Eigengeruch hatten und darüber hinaus nur von begrenzter Wirkung waren.Firmenschrift: Kleiner Leitfaden für die Rauchwarenveredlung. Farbenfabriken Bayer Leverkusen, ohne Erscheinungsjahr, S. 53.

Klopfen mit der Hand mini|hochkant=2|Vor der Tür klopfen Gesellen einen größeren Pelz, auf dem Boden sitzen Lehrlinge und nähen, daneben die Gesellen, im Laden bedient der Meister ein Kundenpaar (ca. 1550) mini|Klopfen der Pelze beim deutschen Militär (1916) Eine noch vorhandene Anweisung aus dem Jahr 1699 zum Aufheben und Putzen des Pelzwerks der in Düsseldorf residierenden Kurfürstin Anna Maria Luisa von der Pfalz an ihren dortigen Kürschner Johann Welen (Wolon) zeigt, dass bereits zu der Zeit die Pelzwerker bei genügend betuchter Kundschaft die Aufbewahrung und die Pflege der Kundenpelze übernommen hatten. Die Kurfürstin bezahlte am 2. Juli für diese Dienstleistung vier Reichstaler, die Anzahl und Art der dafür aufbewahrten und geklopften Pelze wurde offenbar nicht erwähnt.Jürgen Rainer Wolf (Hrsg.): Die Kabinettsrechnungen der Kurfürstin Anna Maria Luisa von der Pfalz (1667–1743), Band 1. Klartext Verlag, Essen, 2015, S. 353.

Als Mittel gegen Mottenbefall wurden 1698 neben Kampfer und stark riechendem Biesem und Zibeth (was einigen Weibs-Personen zuwider ist) auch stark duftende Pflanzen wie Veyhelwurz, Siebenzeit, Benedictenwurz, Reinblumen und dergleichen genannt. Das beste Mittel sei aber, dass man die Kleider an die Luft bringe und wohl ausschüttle und klopfe. Christoff Weigel: Abbildung der Gemein-Nützlichen Haupt-Stände Von denen Regenten Und ihren So in Friedens- als Kriegs-Zeiten zugeordneten Bedienten an / biß auf alle Künstler und Handwercker. Regensburg 1698, S. 618. Online-Ausgabe der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, zuletzt abgerufen am 7. April 2014. Das Klopfen und Kämmen muss jedoch auch in sachverständiger Weise geschehen; durch zu leichtes und zu wenig Klopfen wird der Zweck, die im Fell sitzenden Motten, Larven und Eier zu zerstören, nicht erreicht, durch zu vieles Klopfen das Haar leicht ermüdet und zum Filzen gebracht. Ein Weimarer Fachbuch aus dem Jahr 1844 erwähnt, dass die Kürschner in Russland gepulvertes Marienglas in die behaarte Seite des Pelzes einstreuen sollen, das damit geschützt würde, da die Motten die feinen Spitzen der Pulverteilchen nicht vertragen würden. Vor dem Wiedergebrauch des Pelzes musste das Pulver durch Ausklopfen entfernt werden. Gleichzeitig wurde aber auch hier darauf hingewiesen, dass „das fleißige Ausklopfen des Pelzwerkes, welches im Sommer viel öfter geschehen muß, als im Winter, und nachträgliches Auskämmen indessen immer ein treffsicheres Mittel“ bleibt.Christian Heinrich Schmidt: Die Kürschnerkunst. Verlag B. F. Voigt, Weimar 1844, S. 88.

Auf einem Großteil alter Kürschnerdarstellungen ist zu sehen, wie Gesellen und Lehrlinge Pelzwaren oder Felle ausklopfen, häufig auf der Straße vor dem Betrieb. Diese anstrengende Arbeit, die Gesellen und Lehrjungen vor allem im Frühjahr und Sommer in manchen Kürschnerwerkstätten viele Wochen beschäftigte, erforderte durchaus einige Sorgfalt und viel Übung (1891): „… noch wie viel öfter sind die Klagen, daß die zu klopfenden Waaren entweder nicht sauber geklopft sind, oder aber zerschlagen wurden, beides Uebelstände, die so unangenehm, wie möglich sind.“ Das Klopfen mussten wohl allgemein vor allem die jüngsten Mitarbeiter übernehmen. Für das Ausklopfen der Reinigungsspäne in den Pelzzurichtereien von Leipzig hieß es 1896, dass die Felle meist von jungen Burschen und Mädchen geklopft wurden.Jean Heinrich Heiderich: Das Leipziger Kürschnergewerbe. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der hohen philosophischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität zu Heidelberg, Heidelberg 1897, S. 74.

In der Inventur des Breslauer Kürschnermeisters Paul Lehnhardt, verstorben 1582, sind in der Inventur des Handwerkszeugs auch „9 Gebund Klopfstecken“ aufgeführt.Fritz Wiggert: Entstehung und Entwicklung des Altschlesischen Kürschnerhandwerks mit besonderer Berücksichtigung der Kürschnerzünfte zu Breslau und Neumarkt. Breslauer Kürschnerinnung (Hrsg.), 1926, S. 169. Primärquelle Breslauer Stadtarchiv Z. P. 1. 10 Buchdeckel und Inhaltsverzeichnis. Aus dem Umstand, dass der Meister die Klopfstöcke für Wert befand in der Bestandsaufnahme aufzuführen, lässt sich vielleicht folgern, dass sie bereits damals nicht immer selbst geschnitten wurden, sondern in diesem Fall eingekauft waren.

1762 erinnerte sich der preußische Historiker Johann Samuel Halle daran, wie der russische Gesandte in Berlin seinen kostbaren Zobelpelz, der einige tausend Taler wert war, durch die Motten völlig vernichtet vorfand, ob seine Bediendten gleich eine Menge kleingestoßener Pfeffer überall darauf ausgeschüttet hatten. Als ihn der Kürschner ausklopfen sollte, blieben kaum vor ein paar hundert Thaler ohnbeschädigte Stellen übrig; die ganze Wolle war nebst den meresten Wurzeln der Oberhaare völlig zernagt. Der Gesandte musste sich endlich, da der Pelz nur eine Winterreise durch eingepakkt gelegen hatte, zufrieden geben, ohngeachtet er in der ersten Hizze seinen Bedienten erstechen wollte.Der Kirschner. In: Johann Samuel Halle: Werkstätten der heutigen Künste, Berlin 1762, siehe S. 324.

Am besten eignen sich Haselnussstöcke zum Klopfen, sie sind besonders gerade, haben eine glatte Rinde ohne Nebenäste und sind ungefähr in der richtigen Stärke gewachsen, insbesondere die nach der Pflanzenveredlung sich bildenden Wildtriebe. Rohrstöcke eignen sich weniger für den gewerblichen Gebrauch, sie biegen sich und bringen den richtigen Effekt nicht hervor.Paul Cubaeus, „praktischer Kürschner in Frankfurt am Main“: Das Ganze der Kürschnerei. Gründliches Lehrbuch alles Wissenswerthen über Waarenkunde, Zurichterei, Färberei und Verarbeitung der Pelzfelle. A. Hartleben’s Verlag, Wien, Pest, Leipzig 1891. S. 169–172, 406.

Geklopft wurde meist beidhändig im Kürschner-Dreiertakt. Die beiden Stöcke wurden locker in der geschlossenen Hand gehalten, auf zwei leichte Schläge folgte jeweils ein kräftiger Schlag: . . - . . - . . - . . - usw. Besonders schwere, dichtfellige Pelze wurden im Sechsertakt geklopft, nur jeder sechste Schlag war ein, aber jetzt ganz besonders kräftiger, Schlag: . . . . . - . . . . . - . . . . . - usw. mini|Kürschnersfrau mit Klopfstock und Erzeugnissen ihres Handwerks (18. Jh.)