Die Familienpsychologie ist eine Teildisziplin der Psychologie, die sich mit der familiären Lebenspraxis, d. h. mit dem Verhalten, Erleben und der Entwicklung von Personen im Kontext des Beziehungssystems Familie beschäftigt, mit dem Ziel der Beschreibung, Erklärung, Vorhersage und Veränderung der dabei auftretenden Phänomene und ihrer Bedingungen.Klaus A. Schneewind: Familienpsychologie. In: M. Wirsching, P. Scheib (Hrsg.): Lehrbuch der Paar- und Familientherapie. Springer, Berlin 2002, S. 45.
Definition und Aufgaben der Familienpsychologie Die Familienpsychologie ist eine relativ junge Teildisziplin der Psychologie, die sich mit dem Erleben und Verhalten von Menschen im Kontext ihrer Familienbeziehungen befasst.Johannes Jungbauer: Familienpsychologie kompakt. Weinheim 2009, ISBN 978-3-621-27681-8, S. 6. Aus familienpsychologischer Sicht werden Familien als intime Beziehungssysteme definiert, die sich durch erlebte Zugehörigkeit und das Vorhandensein intergenerationaler Beziehungen auszeichnenJohannes Jungbauer: Familienpsychologie kompakt. Weinheim 2009, ISBN 978-3-621-27681-8, S. 3. Zentrale Aufgaben der Familienpsychologie sind neben der Theorie- und Methodenentwicklung die Grundlagen- und Anwendungsforschung sowie die Vermittlung von Wissens- und Handlungskompetenzen.Klaus A. Schneewind: Familienpsychologie und Familienpolitik. In: D. Frey, C. Hoyos (Hrsg.): Psychologie in Gesellschaft, Kultur und Umwelt. Weinheim 2005, S. 94. Folgende Fragestellungen werden bearbeitet: Wie wirkt sich der Übergang zur Elternschaft auf Paarbeziehungen aus? Wie gehen Familien mit Belastungen und Krisen um, z. B. Krankheit, Konflikte, Trennung/Scheidung? Welche besonderen Herausforderungen müssen von Familien bewältigt werden, die nicht dem normativen Familienleitbild entsprechen? Unter welchen Bedingungen kommt es in Familien zu Gewalt und Vernachlässigung?Johannes Jungbauer: Familienpsychologie kompakt. Weinheim 2009, ISBN 978-3-621-27681-8, S. 6. Die interventive Anwendungsforschung bedient sich der familienpsychologischen Grundlagenforschung und versucht die Forschungsergebnisse in Praxishandeln zu übersetzen. Es geht konkret um die Entwicklung und Evaluation von familienbezogenen Trainings-, Beratungs- und Therapieansätzen.Klaus A. Schneewind: Familienpsychologie. Stuttgart 2010, ISBN 978-3-17-018214-1, S. 40.
Als eines der wichtiges Anwendungsgebiet der Familienpsychologie wird die systemische Familientherapie angesehen. Die Vermittlung von Wissens- und Handlungskompetenzen, die sich aus der Grundlagen- und Anwendungsforschung ergeben, findet auf unterschiedlichen Ebenen statt z. B. durch die Lehre und Ausbildung von Studierenden, Workshops, Fortbildungen und Öffentlichkeitsarbeit.Klaus A. Schneewind: Familienpsychologie. Stuttgart 2010, ISBN 978-3-17-018214-1, S. 40 f.
Intra- und interdisziplinäre Bezüge Die Familienpsychologie weist vielfältige Bezüge zu anderen Gebieten der Psychologie sowie zu diversen anderen Disziplinen auf. Wichtige intradisziplinäre Querbezüge sind vor allem die folgenden Teildisziplinen der Psychologie: Entwicklungspsychologie: Die Familie stellt vor allem in Kindheit und Jugend, aber auch in späteren Lebensphasen einen wichtigen Entwicklungskontext dar. Daher sind Entwicklungsprozesse einer Person umfassend nur in ihrem sozialen und familiären Kontext verstehbar.Johannes Jungbauer: Familienpsychologie kompakt. Weinheim 2009, ISBN 978-3-621-27681-8, S. 6. Persönlichkeitspsychologie: Mit Blick auf die einzelne Person bringt jedes Familienmitglied individuelle Motiv-, Temperaments- und Fähigkeitsmerkmale in das Beziehungssystem Familie ein, wobei es zu wechselseitigen Beeinflussungen der einzelnen Familienmitglieder kommt. Sozialpsychologie: Aus sozialpsychologischer Sicht können Familien als ein Spezialfall sozialer Gruppen aufgefasst werden;Klaus A. Schneewind: Familienpsychologie. 2. Auflage. Stuttgart 2005. insofern finden sich viele sozialpsychologische Konzepte in der Familienpsychologie wieder. Klinische Psychologie: Innerhalb der modernen Klinischen Psychologie wird der familiäre Kontext als wichtige Bedingung für die Genese und Aufrechterhaltung psychischer Störungen angesehen, aber auch als Ressource für deren psychotherapeutische Behandlung. Pädagogische Psychologie: Die Familie ist ein wesentlicher Ort von Erziehungs- und Sozialisationsprozessen. Familienpsychologische Erkenntnisse und Wissensbestände sind deswegen eine wichtige Grundlage der Pädagogischen Psychologie. Außerhalb der Psychologie sind insbesondere folgende interdisziplinären Querbezüge von Relevanz: Familien-Medizin: In der modernen Medizin setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass die Familie für die Bewältigung körperlicher und psychischer Erkrankungen von enormer Bedeutung ist und Familienangehörige in die Behandlung und Rehabilitation der Patienten mit einbezogen werden sollten. Familienrecht: Bei familienrechtlichen Verfahren benötigen Juristen und Gutachter familienpsychologischen Sachverstand. So müssen z. B. bei gerichtlichen Entscheidungen über das elterliche Sorge- und Umgangsrecht Fragen der Erziehungskompetenz und des psychischen Kindeswohls berücksichtigt werden. Familiensoziologie: In der Soziologie wird die Familie aus einer makrosoziologischen Perspektive betrachtet und es geht primär um soziokulturell bedingte Veränderungen der Familie. Inhaltliche Überschneidungen gibt es vor allem bei den Themen, die den Alltag von Familien betreffen.Johannes Jungbauer: Familienpsychologie kompakt. Weinheim 2009, ISBN 978-3-621-27681-8, S. 7.
Theoretische Ansätze der Familienpsychologie Die Familiensystemtheorie
Die Familiensystemtheorie fußt auf der allgemeinen Systemtheorie (Bertalanffy 1968Karl Ludwig von Bertalanffy: General System Theory: Foundations, Development, Appli-cations. George Braziller, New York 1968.). Die Grundannahme einer systemischen Sichtweise von Familienbeziehungen und -entwicklungen ist, dass Veränderungen im Erleben und Verhalten eines Familienmitglieds Veränderungen im gesamten Familiensystem bewirken und umgekehrt. Familien werden als offene, sich entwickelnde, zielorientierte und sich selbst regulierende Systeme betrachtet, deren Entwicklung im Kontext materieller und sozialer Gelegenheitsstrukturen stattfindet.Klaus A. Schneewind: Familienpsychologie. 3., überarb. und erw. Auflage. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-17-018214-1, S. 101. Die Familie besteht aus Subsystemen (z. B. Eltern, Geschwister, Mutter-Kind-Beziehung usw.) und ist zugleich in übergeordnete Suprasysteme (z. B. Verwandtschaft, Freundeskreis, Wohngemeinde, Schulsystem) eingebunden.Johannes Jungbauer: Familienpsychologie kompakt. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU), Weinheim 2009, ISBN 978-3-621-27681-8, S. 10. Zu den Kernaspekten einer allgemeinen Familiensystemtheorie gehören u. a. Ganzheitlichkeit, Multi- und Äquifinalität, Grenzen, zirkuläre Kausalität, Rückkoppelungsprozesse, Selbstorganisation (Autopoiese) und familienspezifische interne Erfahrungsmodelle.Klaus A. Schneewind: Familienpsychologie. 3., überarb. und erw. Auflage. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-17-018214-1, S. 102 ff.
Die Familienentwicklungstheorie
Die Familienentwicklungstheorie ist im anglo-amerikanischen Sprachraum von Familiensoziologen (Aldous 1996,Joan Aldous: Family careers. Developmental change in families. Wiley, New York 1996. Mattessich & Hill 1987,Paul Mattessich, Reuben Hill: Life cycle and family development. In: M. B. Sussmann, S. K. Steinmetz (Hrsg.): Handbook of marriage and the family. Plenum Press, New York 1987, S. 437–470. Rodgers & White 1993R. H. Rodgers, J. M. White: Family development theory. In: P. G. Boss, W. J. Doherty, R. Larossa, W. Schumm, S. Steinmetz (Hrsg.): Sourcebook of family theories and methods: a contextual approach. Plenum, New York 1993.) entwickelt worden und dient der Analyse von Familienverlaufsprozessen.Klaus A. Schneewind: Familienpsychologie. 3., überarb. und erw. Auflage. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-17-018214-1, S. 106. Der Familienzyklus wird dabei in Phasen verschiedener Entwicklungsstadien eingeteilt, in denen die Familienmitglieder mit typischen Anforderungen konfrontiert werden, die man als Familienentwicklungsaufgaben bezeichnet.Johannes Jungbauer: Familienpsychologie kompakt. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU), Weinheim 2009, ISBN 978-3-621-27681-8, S. 20. Grundannahmen dieser Theorie sind nach Aldous (1996):Joan Aldous: Family careers. Developmental change in families. Wiley, New York 1996. dass familiales Verhalten im Hier und Jetzt von den vergangenen Erfahrungen der einzelnen Familienmitglieder abhängt und auch deren Zukunftserwartungen mitbestimmt, dass trotz unterschiedlicher Familienformen (z. B. Normalfamilie, Alleinerziehende, Regenbogenfamilie) Familien in derselben Lebensphase vergleichbare Verhaltensmuster zeigen und dass Familien mit selbst gestellten oder von außen gestellten gesellschaftlichen Aufgaben konfrontiert werden. In dem bekanntesten Familienentwicklungsmodell unterscheiden Carter und McGoldrick (2006)Betty Carter, Monica McGoldrick: The expanded family life cycle. 3. Auflage. Allyn & Bacon, New York 2006. sechs Phasen, in denen die Familie mit charakteristischen Familienentwicklungsaufgaben konfrontiert wird. Das Modell beschreibt den gesamten Familienzyklus von der Familienbildung bis zu seiner Auflösung. In der vierten Stufe „Familien mit Jugendlichen“ besteht eine Entwicklungsaufgabe beispielsweise in der Veränderung der Eltern-Kind-Beziehung um Jugendlichen zu ermöglichen, sich innerhalb und außerhalb des Familiensystems zu bewegen. Ebenso geht es in dieser Phase um die Hinwendung auf die gemeinsame Pflege und Sorge für die ältere Generation.Betty Carter, Monica McGoldrick: The expanded family life cycle. 3. Auflage. Allyn & Bacon, New York 2006. Das Modell orientiert sich am Leitbild der traditionellen Normalfamilie und es werden ausschließlich normative Veränderungen im Familienzyklus beschrieben. Aufgrund der Vielfalt moderner Familienformen haben die Autoren ihr Basismodell um nicht-normative Familienentwicklungsaufgaben für den Fall der Scheidung bzw. der Wiederverheiratung ergänzt. Als nicht-normative Entwicklungsaufgaben werden Anforderungen bezeichnet, die durch irreguläre Umstände im Familienzusammenleben entstehen.Johannes Jungbauer: Familienpsychologie kompakt. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU), Weinheim 2009, ISBN 978-3-621-27681-8, S. 22. Dazu zählen auch besondere Anforderungen, die beispielsweise Familien mit einem behinderten Kind oder Familien mit psychisch krankem Elternteil zu meistern haben.Johannes Jungbauer: Familienpsychologie kompakt. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU), Weinheim 2009, ISBN 978-3-621-27681-8, S. 22. Aus systemischer Sicht müssen die Familienentwicklungsaufgaben zwar gemeinsam bewältigt werden, sie stellen aber unterschiedliche Anforderungen an Partner, Geschwister, Eltern, Kinder und Großeltern.Johannes Jungbauer: Familienpsychologie kompakt. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU), Weinheim 2009, ISBN 978-3-621-27681-8, S. 23. In Anlehnung an Schneewind (2005)Klaus A. Schneewind: Familienpsychologie. 2. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2005. schlägt Jungbauer (2009)Johannes Jungbauer: Familienpsychologie kompakt. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU), Weinheim 2009, ISBN 978-3-621-27681-8, S. 23. vor, die Familienphasen sowohl aus der Perspektive der Elterngeneration als auch aus Sicht der Kindergeneration zu beschreiben, wobei auch die Berücksichtigung weiterer Generationen und Familienbeziehungen möglich sei.
Familienstresstheorien