Grindcore ist ein Musikstil, der seine Wurzeln im Hardcore Punk und im Crustcore der frühen 1980er Jahre hat. Er entstand nahezu gleichzeitig in Großbritannien und in den USA. Die Grindcore-Szene ist eine Underground-Kultur, das D.I.Y.-Prinzip ist weit verbreitet und nur wenige Veröffentlichungen erfolgen bei Major-Labels. Grindcore wird heute zumeist als Subgenre des Metal angesehen.
Im Grindcore kommt die für die Rockmusik klassische Besetzung Schlagzeug, E-Gitarre und E-Bass zum Einsatz, der Gesang ist oft bis zur Unverständlichkeit verfremdet. Seit den 1990er Jahren werden auch elektronische Instrumente wie Drumcomputer eingesetzt. Typisch für die Musik ist der Einsatz von Blastbeats, die Geschwindigkeiten von 180 bpm und mehr erreichen können. Als Begründer der Genrebezeichnung, nicht aber für das Genre selbst, gilt der englische Schlagzeuger Mick Harris. Die Liedtexte waren anfangs meist sozialkritisch und politisch links ausgerichtet. Im Laufe der Zeit entwickelten sich Subgenres, die das thematische Spektrum um pornographische und an Gore- und Splatterfilme angelehnte Texte erweiterten.
Geschichte Entstehung mini|Siege beim Battle of the Bands (1984) Die Wurzeln des Grindcore liegen im Hardcore Punk der frühen 1980er Jahre. Grundlage war das Bestreben junger Musikgruppen, die Musik weiter zu extremisieren. Zumeist als Punk-Bands gegründet, führten sie die Taktgeschwindigkeit der Musik zu bisher so noch nicht gespielten Extremen. Damit einher ging die Verwendung des gutturalen Gesangs. In den USA wurden Gruppen wie Siege oder Repulsion gegründet, in Großbritannien entstanden Pionier-Bands wie Heresy, Ripcord und Concrete Sox. Alle diese Gruppen waren stilistisch noch dem Hardcore Punk bzw. dem Crustcore zuzuordnen. Die Musiker standen untereinander in ständigem Briefkontakt, Demoaufnahmen wurden durch Tape-Trading, den Versand von Musikkassetten, ausgetauscht.
Ein wesentlicher Impuls ging von Birmingham aus, wo Napalm Death und deren Schlagzeuger Mick Harris aktiv waren. Ende 1985 konzentrierte sich die dortige Szene auf den Punk-Club Mermaid Pub, wo regelmäßig Konzerte der neuen Generation von Hardcore-Punk-Bands stattfanden. Einer der Organisatoren dieser Auftritte war Digby Pearson, der spätere Gründer von Earache Records. Mittlerweile hatte sich für das Schlagzeugspiel, mit dem die hohen Taktgeschwindigkeiten von 180 bpm und mehr erreicht wurden, der Begriff Blastbeat etabliert. Ende 1985 verwendete Mick Harris erstmals Grindcore als Bezeichnung für den neu entstandenen Musikstil. Mit grind (deutsch: ‚zermalmen‘) hatte er den Bass-Sound des 1984er Albums Cop von Swans charakterisiert, der Bestandteil core kennzeichnet die Wurzeln dieses Stils im Hardcore Punk.
Kommerzieller Erfolg
mini|John Peel im BBC-Studio Ab Mitte der 1980er Jahre begann die Blütezeit des Grindcore. Weitere neue Gruppen entstanden, die einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung des Genres nahmen. Zu ihnen gehörten in Großbritannien Extreme Noise Terror, Unseen Terror und Carcass, in den USA Cryptic Slaughter, Terrorizer, Disrupt und Nausea sowie in Japan S.O.B. Auch auf dem europäischen Festland gründeten sich Grindcore-Bands. Dazu gehörten in Belgien Agathocles, in den Niederlanden Lärm, in Italien Cripple Bastards, in der Schweiz Fear of God und in Schweden Filthy Christians. Allerdings konnten sich die Szenen außerhalb von Großbritannien wegen ihrer regionalen Zersplitterung nicht konzentriert entwickeln.Mudrian: Choosing Death, S. 36. Zwar nahm die US-amerikanische Band Repulsion (damals noch unter dem Namen Genocide) im Januar 1986 in Flint ihr erstes professionelles Demo The Stench of Burning Death auf, das ihr den Ruf der „schnellsten Band der Welt“ einbrachte, jedoch konnte die Gruppe trotz sehr guter Rezeption innerhalb der Grindcore-Szene keinen Plattenvertrag erlangen.Mudrian: Choosing Death, S. 47. In Großbritannien dagegen entstanden Independent-Label wie Earache Records, Peaceville Records und Manic Ears Records, welche die Alben der Grindcore-Bands veröffentlichten und so einem breiten Publikum zugänglich machten. Für die Label-Gründer wie Digby Pearson von Earache war die Existenzgründung ein Ausweg aus der Sozialhilfe, da neben der Gründungsförderung auch während der Startphase Geld vom Staat gezahlt wurde.Mudrian: Choosing Death, S. 140.
Das im Juni 1987 von Earache Records veröffentlichte Napalm-Death-Debütalbum Scum wird als Beginn der Grindcore-Welle angesehen. Es verkaufte sich allein in der ersten Woche über 10.000-malIan Glasper: Trapped in a Scene, S. 509. und stieg bis auf Platz sieben der UK Indie Charts. Als einer der Väter des Erfolges gilt der britische Radiomoderator und DJ John Peel, der in seiner Sendung bei BBC Radio 1 den Veröffentlichungen der Grindcore-Bands Airplay einräumte, die Gruppen zu den Peel Sessions einlud und diese Live-Aufnahmen ebenfalls in seiner Sendung spielte. Für ihn war Grindcore „die Rückkehr zum extremen Punk“ und ein „Schritt in unerschlossenes Gebiet jenseits aller extremer Musik, die man bisher gehört hat“.
Ende der 1980er Jahre begann die Vermischung der Grindcore- und Death-Metal-Szene. Die Einflüsse aus dem Metal begründeten sich zunächst darin, dass Musiker aus Metal-Bands Mitglieder von Grindcore-Bands wurden bzw. selber Grindcore-Bands gründeten und so ihre musikalischen Einflüsse aus dieser Musikrichtung einbrachten. So wird das Debütalbum der englischen Death-Metal-Band Bolt Thrower In Battle There Is No Law noch dem Grindcore zugeordnet. Ein weiterer Grund für die Vermischung der Stile war das Bestreben bestehender Grindcore-Bands wie Napalm Death oder Carcass, Elemente aus anderen Stilen in ihre Musik einfließen zu lassen. Dies mündete Anfang der 1990er Jahre in die Veröffentlichung reiner Death-Metal-Alben wie Harmony Corruption (1990, Napalm Death) oder Necroticism – Descanting the Insalubrious (1991, Carcass). Diese Alben bedeuteten für die betroffenen Musikgruppen den Durchbruch in kommerzieller Hinsicht, so verkauften Napalm Death zwischen 1991 und 2003 insgesamt rund 367.000 Alben und Carcass rund 220.000 Alben.
Zersplitterung der Szene Besonders in England war die Szene der späten 1980er und der frühen 1990er Jahre zerstritten. Nach Ian Glasper wurden die erfolgreichen Bands überheblich und die weniger erfolgreichen Bands gönnten ihnen den Erfolg nicht.Ian Glasper: Trapped in a Scene, S. 9. Durch diese Konflikte innerhalb der Szene kam es zu einer Zersplitterung, die durch die Rivalität der Gruppen untereinander begünstigt wurde. Für John Peel verdrängten die Einflüsse aus dem Metal das „Unzähmbare“ und den „wilden Übermut“ aus der Musik, das Genre habe sich in eine Vielzahl von Subgenres aufgespaltet und wurde so im Ergebnis „völlig undurchsichtig“.Mudrian: Choosing Death, S. 10. Albert Mudrian sieht den Niedergang der Grindcore-Szene Anfang der 1990er Jahre in direktem Zusammenhang mit den kommerziellen Erfolgen der Death-Metal-Szene, die damit dem Grindcore den Rang ablief.
Auch Fans aus dem extremen Metal kritisierten die Entwicklung. So wurde Harmony Corruption trotz seines für den Death Metal typischen Sounds von einigen Metal-Fans nicht als Death Metal akzeptiert, weil die Texte des Albums nach wie vor sozialkritisch waren und damit nicht die für diese Musikrichtung typischen Klischees bediente. Andererseits waren die Grindcore-Bands durch Verträge mit Major-Labels wie Columbia Records im Mainstream angekommen, ohne jedoch von diesem akzeptiert zu werden. Im Ergebnis taugte diese Art von Musik nicht für ein breites Publikum, und auch der Untergrund wandte sich von den betroffenen Gruppen ab.Mudrian: Choosing Death, S. 178.
Schließlich teilte sich die Szene auf in einen Teil, der sich in der Tradition des Hardcore Punk der 1980er Jahre sah, und einen Teil, der sich den Einflüssen aus dem extremen Metal weiter öffnete. Der traditionelle Zweig der Grindcore-Bands lehnte es ab, diesem Genre zugeordnet zu werden. So äußerte Phil Vane, Sänger von Extreme Noise Terror, seine Abneigung gegenüber dem extremen Metal und bezeichnete den traditionellen Teil der Szene nicht als Grindcore, sondern als Hardcore Punk bzw. Crustcore.Ian Glasper: Trapped in a Scene, S. 279. Diese Zersplitterung führte dazu, dass der vom Metal beeinflusste Teil in den Fokus geriet, weshalb Grindcore seit dieser Zeit ausschließlich als Subgenre des Metal angesehen wird.
Ab etwa Mitte der 1990er Jahre war die erste Welle des Death Metal vorüber, was Auswirkungen auf die weitere Entwicklung des Grindcore hatte. Bands wie Carcass verloren ihren Plattenvertrag und lösten sich auf, Napalm Death veröffentlichte 1996 mit Diatribes das letzte Album, das aufgrund der Chartplatzierungen als kommerziell erfolgreich angesehen werden kann. Erst 2006 gelang es ihnen, mit einer Veröffentlichung die Album-Charts zu erreichen. Darüber hinaus verließen Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre bekannte Musiker die Grindcore-Szene: Justin Broadrick konzentrierte sich ab 1989 auf die Industrial-Metal-Band Godflesh, Lee Dorrian gründete 1990 die Doom-Metal-Band Cathedral, Mick Harris konzentrierte sich ab 1992 mit seinem Projekt Scorn ausschließlich auf Industrial und elektronische Musik und Nicholas Bullen kehrte der Musik Mitte der 1990er gänzlich den Rücken.
Neuordnung und Wiedergeburt mini|Japanische Kampfhörspiele (Live, 2004) mini|Rotten Sound (Live, 2008) Während in England die Grindcore-Szene zerfiel, ordnete sie sich in anderen Regionen neu. Albert Mudrian nennt als Zeitpunkt der „Wiedergeburt des Grindcore“ das Jahr 1998, als die Debütalben der Schweden Nasum und der US-Amerikaner Agoraphobic Nosebleed und Pig Destroyer erschienen. Insbesondere die Gruppen aus den USA, zu denen auch Soilent Green zählten, waren zwar im Metal verwurzelt, öffneten sich aber auch Einflüssen aus anderen Genres wie Jazz und Stoner Rock. Die ebenfalls aus den USA stammende Gruppe The Locust verwendet Keyboards und tritt mit grünen Hot Pants sowie Netzmasken auf. Diese genrefremden Elemente und das außergewöhnliche Auftreten werden von anderen Musikern zwar nicht mehr als reiner Grindcore, aber als eine wichtige Weiterentwicklung des Genres angesehen.Mudrian: Choosing Death, S. 237.
Auch in Europa entwickelte sich die Grindcore-Szene weiter. In Deutschland begründeten Mitte der 1990er Jahre GUT und Dead mit ihrer Kombination aus Grindcore und Texten mit pornografischem Inhalt das Subgenre Porngrind und es gründeten sich Deathgrind-Gruppen wie Japanische Kampfhörspiele oder Nyctophobic. Eine recht aktive Szene bildete sich in Skandinavien heraus, zu deren wichtigen Vertretern in Schweden die Deathgrind-Band Nasum, die Goregrind-Bands General Surgery und Regurgitate sowie in Finnland Rotten Sound zählten.
In den 2000er Jahren reformierten sich zahlreiche wichtige Genrebands wie die Schweizer Fear of God (2003) und die Deutschen GUT (2006), Grindcore-Veröffentlichungen erreichten erstmals wieder die offiziellen Albumcharts. Besonders in Finnland konnten Grindcore-Bands kommerzielle Erfolge verzeichnen, die 2006er und 2008er Alben von Rotten Sound erreichten jeweils Platz 22 sowie Platz 12 der finnischen Albumcharts. Im Jahr 2009 berichtete das Magazin der Washington Post in einer Titelstory über Pig Destroyer.