Der Goldfüllfederkönig, bürgerlich Ernst Heinrich WinklerTaufbuch Sankt Johann am Steinfeld, Bd 4, fol. 176. (* 15. Jänner 1886 in Ternitz, Niederösterreich; † 21. Juni 1974 in Wien), war ein weithin bekannter Wiener Geschäftsmann, Hochstapler und geltungssüchtiges Original.
Winkler erregte durch öffentlichkeitswirksame Aktionen wie vorgetäuschte Selbstmorde und falsche Bekennerschreiben in sensationellen Kriminalfällen Aufsehen und nützte die durch seine „Mystifikationen“ gewonnene Popularität für Werbezwecke. In den Auslagen seines Schreibwaren- und Füllfedergeschäftes an der Adresse Kohlmarkt 3, das er später um eine Filiale am Hohen Markt erweiterte, hängte er Zeitungsartikel, die über seine Streiche berichteten, aus. Seine Mystifikationen beging Winkler meist unter einem adeligen Pseudonym. 1928 wurde Winkler kurzzeitig zu Professor Julius Wagner-Jauregg in die Nervenheilanstalt am Steinhof gebracht.
Einige „Mystifikationen“ 1911 fuhr Winkler in Dresden in eleganter Kleidung vor einem Hofjuwelier vor, wies sich mit einer Visitenkarte als Adeliger aus und gab an, für seine Tochter Schmuck kaufen zu wollen. Er bestellte den Juwelier auf sein vermeintliches Schloss. Ohne dass Schaden entstanden wäre, wurde Winkler allerdings wenig später im Bahnhofsgebäude verhaftet und 1912 wegen schwerer Urkundenfälschung zu sechs Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust verurteilt. Im Jahr 1914 wurde er vom König von Sachsen begnadigt und kehrte nach Wien zurück.Friederike Kraus: Wiener Originale der Zwischenkriegszeit. Diplomarbeit, Universität Wien, 2008. Kap. „7.2. Erste Mystifikationen und die Dresdner Köpenickiade“, S. 89–90. Fußnote 290, S. 90: Wiener Stadt- und Landesarchiv, LG f. Strfs. I, Akt 2aEVr5620/46, Vorstrafenregister LG Dresden 15. Februar 1912, 5A 38/12.
Im Oktober 1928 wurde in der Nähe des so genannten Husarentempels im Wienerwald ein kleiner Koffer mit der Visitenkarte eines „Graf Henckel von Donnersmarck“ gefunden. Darauf die Mitteilung, dieser habe sich im Walde umgebracht, und der Finder der Leiche erhalte 100.000 Goldmark. Dies mobilisierte zahlreiche Personen zur – vergeblichen – Suche.
Im Fall des Sensationsprozesses wegen Versicherungsbetrugs gegen das Ehepaar Emil und Martha Marek (1927) bezichtigte sich Winkler anonym als Mittäter bei der Abtrennung von Emil Mareks Bein. Das Ehepaar wurde allerdings freigesprochen.
Taten Politisch bekannt wurde Winkler nach dem Justizpalastbrand vom 15. Juli 1927. Die Unruhen forderten zahlreiche Todesopfer, das Verhalten der Exekutive wurde zum Teil scharf kritisiert.
Karl Kraus ließ im September 1927 Plakate auf hellgrünem Papier mit folgendem Text anschlagen:Zitiert nach den Plakaten von Karl Kraus und dem Goldfüllerkönig Ernst Heinrich Winkler. Faksimiles abgedruckt in: Werner Sabitzer: Wiens „Goldfüllfederkönig“. In: Öffentliche Sicherheit. Ausgabe 5–6/15, Mai 2015, S. 55.
Daraufhin ließ Winkler sehr ähnlich gestaltete Plakate auf rosa Papier mit leicht geändertem Text anbringen:
Im September 1929 fingierte Winkler den Selbstmord eines rechtsradikalen „Idealisten“ im Königssee.
Im September 1930 musste sich Winkler vor dem Strafbezirksgericht I in Wien in einem Strafverfahren verteidigen. Der Installateur Joachim Meiltroiger strengte eine Ehrenbeleidigungsklage an, da Winkler ihn auf einer Korrespondenzkarte als „polnischer Saujud“ bezeichnet und ihn des Betrugs beschuldigt hatte. Zur Verhandlung erschien nur sein Rechtsanwalt, Winkler selbst schickte aus Venedig einem „Privatdienstmann“ einen Brief, der in einem versiegelten Kuvert neben einem Brief an den Richter Winklers Verteidigungsschrift zur Übergabe an das Gericht enthielt. Darin erklärte er, Das Wort „Saujud“ sei Winkler zufolge So habe, wie Winkler im Weiteren schrieb, In: Neue Freie Presse vom 14. September 1930. In: Friederike Kraus: Wiener Originale der Zwischenkriegszeit. Diplomarbeit, Universität Wien, 2008. Kap. „7.4.4. Antisemitische Äußerungen“, S. 102–103.
1931 kündigte Winkler an, bei der kommenden Volkswahl für das Amt des Bundespräsidenten kandidieren zu wollen. Die Monarchisten würden einen König bekommen – den Goldfüllfederkönig; den Sozialisten versprach er die volle Durchführung ihres Linzer Programms. Zu der Volkswahl kam es nicht, da nach einem Putschversuch durch den steirischen Heimatschutzführer Walter Pfrimer die Bundespräsidentenwahl durch die Bundesversammlung am 9. Oktober 1931 abgehalten wurde.Entschließung des Bundespräsidenten [ Wilhelm Miklas ] vom 8. Oktober 1931, womit die Bundesversammlung zur Neuwahl des Bundespräsidenten einberufen wird, vom 8. Oktober 1931. Winkler seinerseits behauptete, dass er mit Sicherheit die für die Kandidatur nötigen 2000 UnterschriftenBundesgesetz vom 27. März 1931 über die Wahl des Bundespräsidenten, vom 20. Mai 1931. erhalten hätte. Tatsächlich schien sein Name in der Liste der Wahlvorschläge zur Bundespräsidentenwahl, deren Durchführung ursprünglich für den 18. Oktober 1931 festgelegt war, nicht auf. Ebenfalls im Oktober 1931 musste sich Winkler in einem Strafverfahren wegen Betrugs in Wien verantworten. In einem Brief, den er mittels eines Dienstmannes an das Gericht schickte und das der Richter in der Verhandlung hat verlesen lassen, behauptete Winkler, dass er hätte: (Siehe dazu oben zu September 1930.)Friederike Kraus: Wiener Originale der Zwischenkriegszeit. Diplomarbeit, Universität Wien, 2008. Kap. „7.4.5. Bundespräsidentenwahl“, S. 103–105.
In der Zeit des Nationalsozialismus widmete sich Winkler Schwarzmarktgeschäften. Am 6. April 1944 wurde er verhaftet, am 22. Jänner 1945 als Volksschädling wegen Vergehens gegen das Devisen- und Zollgesetz zu sechs Jahren Zuchthaus und zu einer Geldstrafe von 300.000 Reichsmark verurteilt. Am 6. April 1945 wurde Winkler aus dem Gefängnis befreit, behauptete, politisch verfolgt zu sein, und legte Bestätigungen über seine Mitgliedschaft bei einer Widerstandsbewegung vor, die sich angeblich „Ring freier Österreicher“ nannte. 1946 und 1947 stand Winkler vor Gericht wegen Diebstahlsanklagen. In einem Fall wurde er für schuldig befunden.
1947 wurde Winkler wegen Kinderschändung angeklagt, gemeinsam mit einem Freund an acht Mädchen sexuellen Missbrauch verübt zu haben. Während der Freund, dem ein strafbarer Tatbestand im Sinne des Gesetzes nicht nachgewiesen werden konnte, freigesprochen wurde, wurde Winkler vom Schöffensenat zu fünfzehn Monaten schweren Kerkers verurteilt. 1951 wurde er neuerlich wegen des gleichen Delikts angeklagt. Er wurde schuldig erkannt, mehrere Mädchen zwischen sieben und elf Jahren mit Er beschenkte die Mädchen Ein im Strafverfahren eingeholtes psychiatrisches Gutachten bescheinigte ihm zu sein, dessen sind. Winkler wurde Friederike Kraus: Wiener Originale der Zwischenkriegszeit. Diplomarbeit, Universität Wien, 2008. Kap. „7.7. Verurteilung als Kinderschänder“, S. 108.
Als Rosemarie Nitribitt ermordet wurde, schrieb er im Februar 1958 einen Brief an die deutsche Staatsanwaltschaft, in dem er sich des Mordes an ihr und einer weiteren Prostituierten bezichtigte. Er machte damit zum letzten Mal kurzfristig Schlagzeilen.Friederike Kraus: Wiener Originale der Zwischenkriegszeit. Diplomarbeit, Universität Wien, 2008. Kap. „7.8. Letzte Jahre“, S. 109. Winkler starb mittellos im Krankenhaus Hietzing.
Literatur Dietmar Grieser: Verborgener Ruhm: Österreichs heimliche Genies. Wien 2004. Friederike Kraus: Wiener Originale der Zwischenkriegszeit. Diplomarbeit an der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät, Universität Wien 2008 (doi:10.25365/thesis.862). Werner Sabitzer: Wiens „Goldfüllfederkönig“. Ernst Winkler, ein extrem geltungsbedürftiger Geschäftsmann mit krimineller Energie, beschäftigte in der Zwischenkriegszeit mit seinen „Mystifikationen“ und Straftaten Polizei und Strafgerichte. Kriminalgeschichte. In: Öffentliche Sicherheit. Innenministerium (Hrsg.), Ausgabe 5–6/15, Mai 2015, S. 53–55 (Artikel online (PDF; 273 KB) auf bmi.gv.at.)
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