mini|Entscheidendes Dokument in der Konstitution des modernen Autors: Statute of Anne Was ist ein Autor? (französisch: Qu’est-ce qu’un auteur?) ist ein Text des französischen Philosophen Michel Foucault. Der Text geht auf Foucaults Vortrag vom Februar 1969 vor der Société française de philosophie zurück. Die deutsche Erstübersetzung erschien 1974.

Foucault, durch dessen Werk sich die Beschäftigung mit Subjekt und Autor zieht, gibt in Was ist ein Autor? seine ausführlichste und am straffsten formulierte Stellungnahme zum Autorbegriff ab. Der Vortrag ist eine Replik auf und Weiterentwicklung von Roland Barthes’ These vom Tod des Autors. Auch Foucault wendet sich gegen die literaturwissenschaftliche Auffassung eines Autors als Subjekt, der den Text hervorbringt. Allerdings ist für ihn der Autorbegriff noch vorhanden: Demnach bestimmen Diskurse eine Autorfunktion, die jedoch keinen direkten Bezug zum Text aufweist. Foucaults Anliegen ist es, die Autorfunktion zu thematisieren, ihrer Veränderung durch Kontext und Geschichte nachzugehen.

Was ist ein Autor? ist ein zentraler Text der postmodernen Debatte um den Autorbegriff. Zusammen mit Barthes’ Arbeit ist Foucaults Essay einer der kanonischen Texte in der andauernden Diskussion um Autor und Subjekt in verschiedenen Kulturwissenschaften. Unter anderem löste der Aufsatz eine intensive Forschung zur Geschichte des Individuums, des romantischen Genius-Kultes und des Urheberrechts aus. Auch die seit den späten 1990er Jahren stattfindende Debatte um die „Rückkehr des Autors“ geht auf Foucaults Text als einen der Kerntexte ein.

Ausgaben Die französische Erstausgabe des Vortrags Was ist ein Autor? wurde 1969 im Bulletin de la société française de philosophie veröffentlicht, allerdings ohne die anschließende Diskussion. Foucault wiederholte den Vortrag mit leichten Änderungen 1970 an der University of Buffalo in den USA. Er autorisierte später von beiden Vortragsvarianten gedruckte Versionen; die Pariser Fassung erschien 1983 in der Psychoanalysezeitschrift littoral, die Version aus Buffalo 1984 in The Foucault Reader (Hrsg.: P. Rabinow, New York).Martin Stingelin: Vorbemerkung zu Was ist ein Autor? in Martin Stingelin (Hrsg.): Michel Foucault: Schriften zur Literatur. Suhrkamp 2003, ISBN 3-518-29275-7, S. 234.

Die deutsche Erstübersetzung von Karin von Hofer und Anneliese Botond wurde 1974 im Nymphenburger Verlag in der Schriftensammlung: Michel Foucault: Schriften zur Literatur verlegt. Weitere Verbreitung fand Schriften zur Literatur durch eine Lizenzausgabe des Fischer Taschenbuch-Verlags im Jahr 1988. Die dort enthaltene Hofer/Borond-Übersetzung dient als Grundlage für zahlreiche Veröffentlichungen in weiteren Textsammlungen, dabei besonders wirkmächtig in der Aufsatzsammlung Texte zur Theorie der Autorschaft (Fotis Jannidis (Hrsg.) 2000).

Die heute maßgebliche Ausgabe von Was ist ein Autor? erschien 1994 in der von Daniel Defert und François Ewald herausgegebenen französischen Sammlung der kurzen Schriften Foucaults, Dits et écrits. Sie enthält sowohl den Pariser Vortrag wie den aus Buffalo und die anschließende Diskussion in der Société française de philosophie. Auf dieser Grundlage erfolgte eine Neuübersetzung durch Hermann Kocyba für die deutsche Ausgabe der Dits et écrits (Schriften). Was ist ein Autor? war 2001 Teil des ersten Bandes der deutschen Übersetzung. Die Kocyba-Übersetzung wiederum wurde in einer Suhrkamp-Sammlung verschiedener Foucault-Texte von 2003 nachgedruckt. Die 2003er-Ausgabe trug den Titel Michel Foucault: Schriften zur Literatur.Hartling S. 116–117. Die erste englische Ausgabe erschien 1977 in dem Sammelband Language, Counter-Memory, Practice, herausgegeben von Donald F. Bouchard und übersetzt von Donald F. Bouchard und Sherry Simon bei Cornell University Press;Molly Nesbit: What Was an Author? In: Yale French Studies, No. 73, Everyday Life (1987), pp. 229–257, S. 229. sie hat auch in dieser Sprache mehrere Neuauflagen und Aufnahmen in Textsammlungen erhalten.

Inhalt Foucault beginnt und endet seinen Text mit einem Zitat Samuel Becketts aus dessen Erzählungen und Texte um Nichts: Was liegt daran wer spricht, hat jemand gesagt was liegt daran wer spricht? oder in der älteren deutschen Übersetzung des Foucault-Textes: Wen kümmert's, wer spricht, hat jemand gesagt, wen kümmert's?Hartling S. 115.

In seinen Vorbemerkungen setzt Foucault sich intensiv mit Barthes’ Text Der Tod des Autors auseinander, den er als dem 19. Jahrhundert verhaftet bezeichnet. Danach widmet er sich dem Autor und stellt seine zentrale These auf, dass die Funktion des Autors bestimmte Diskurse in der Gesellschaft charakterisiert. Im Hauptteil skizziert Foucault vier Charakteristiken der Autor-Funktion. Im dritten Teil wendet er sich einer besonderen Form der Autoren zu, den Diskursivitätsbegründern, namentlich Karl Marx und Sigmund Freud. Im kurzen Schlussteil schließlich spricht er weiter gefasste Themen an: die Diskursanalyse, die Frage nach den Privilegien des Subjekts und die Anonymität des Diskurses, die Foucault für die Zukunft voraussah.Wilson S. 347.

Auseinandersetzung mit Barthes Foucault stellt fest, dass Kritik und Philosophie schon länger vom Verschwinden oder Tod des Autors Kenntnis genommen haben. Inhaltlich eng an Barthes angelehnt, aber ohne diesen direkt zu nennen, kritisiert Foucault jedoch Versuche, den „verschwundenen Autor“ durch den Schreiber zu ersetzen, ebenso wie die Übernahme des Werkbegriffs. Letztlich seien dieses nur synonyme Begriffe zum Autor, da sie noch zahlreiche Merkmale des Autors aufwiesen. Ihre unkritische Verwendung positioniere den Schreiber, also in diesem Zusammenhang vor allem den ungenannten Barthes, im 19. Jahrhundert. Das tatsächliche Verschwinden des Autors sei noch Utopie. Noch sei der Autor in gewissen Diskursen notwendig.

Während Barthes sein Argument wesentlich auf einer historischen Skizze von Schreiben und Autorschaft aufbaut, beginnt Foucault mit der Ankündigung, keine historische Analyse des Autors schreiben zu wollen. Untergründig jedoch schreibt Foucault eine Gegengeschichte zu Barthes. Letzterer behauptet, dass eine Reihe von Literaten von Stéphane Mallarmé bis zu den Surrealisten darin gescheitert sei, die Tyrannei des Autors abzuwerfen, und es der Linguistik bedurfte, dies zu erreichen. Foucault hingegen stellt die These auf, dass die Literatur selbst schon das Verschwinden des Autors herbeigeführt habe.Wilson S. 344.

In unserer KulturMichel Foucault: Was ist ein Autor? Frankfurt, Suhrkamp 2003, S. 239 hat das Werk eine Metamorphose erfahren. Das Werk, das die Aufgabe hatte, unsterblich zu machen, hat das Recht erhalten zu töten, seinen Autor umzubringen. Denken Sie an Flaubert, Proust, Kafka. Damit, dass Foucault sowohl Flaubert (1821–1880) als auch Samuel Beckett (1906–1989) als Teil „unserer Kultur“ definiert, widersetzt er sich dem historischen Fortschrittsgedanken Barthes’. Mallarmé, der in Barthes’ Text eine zentrale Rolle als gescheiterter Vorläufer jetziger Entwicklungen spielt, taucht bei Foucault erst im Fazit seiner Einleitung auf: Das Verschwinden des Autors, das sich seit Mallarmé unaufhörlich ereignet..Michel Foucault: Was ist ein Autor? Frankfurt, Suhrkamp 2003, S. 242. Mallarmé, der gescheitere Vorläufer Barthes’, wird für Foucault zum triumphalen Zeitgenossen.Wilson S. 345.

Mit dieser Kritik an Barthes positioniert sich Foucault auch in seiner Rolle des Literaturtheoretikers neu: Während es für Barthes die Rolle von Wissenschaft und Kritik war, den Autor zu töten, sieht Foucault für die Kritik eine deutlich bescheidenere Rolle vor. Da die Literatur selbst den Autor schon zum Verschwinden gebracht habe, sei es Aufgabe der Kritik, die Bedeutung des Momentes zu würdigen und die daraus folgenden Konsequenzen nachzuzeichnen.Wilson S. 346.

Autor-Funktion Foucault untersucht die Funktion, die der Autor in diesen Diskursen einnimmt. Dabei ist diese Funktion historisch kontingent, diskursiv und institutionell gebunden.Hartling S. 110 Für Foucault ist nicht die individuelle, namentlich gekennzeichnete Stimme des Subjekts für die Funktion des Autors bestimmend, sondern „das Murmeln des Diskurses“.Wilson S. 342 Dabei sei der Autor ein rationalistisches Konstrukt, aus dem die Literaturwissenschaft tiefere Bedeutung und psychologischen Gehalt eines Textes ablesen könne.

Die Autor-Funktion wandele sich dabei je nach Kontext und im Laufe der Geschichte.Petra Gehring: Foucault-- die Philosophie im Archiv, Campus Verlag, 2004 ISBN 3-593-37393-9, S. 29. Dabei begreift Foucault seine Argumentation nicht als historische Argumentation, sondern lediglich als transhistorische Illustration, die auch durch zeitgenössische Beispiele verschiedener Verwendungsweisen der Autor-Funktion ergänzt wird.Wilson S. 349 Foucault geht davon aus, dass diese individuelle Zuordnung eines Textes eine vergleichsweise neue Bewegung ist. Lange Zeit sei nicht der Verweis auf den Autor notwendig gewesen, um einen Text zu legitimieren. In den Bereichen, die im 20. Jahrhundert als literarische Texte klassifiziert wurden, sei in der Vormoderne ihre Anonymität kein Problem gewesen, sondern ihr echtes oder zugeschriebenes Alter habe für ihre Autorität gebürgt. Anders sei es bei jenen Texten gewesen, die nach moderner Auffassung in den Bereich der Wissenschaft fallen: Texte über Kosmologie oder Medizin, Naturwissenschaften oder Geographie hätten nur dann einen Wahrheitswert gehabt, wenn sie durch einen der legitimierten Autorennamen (Hippokrates, Plinius, Aristoteles) legitimiert wurden.Briehler S. 274

Foucault setzt die Zeit des Umbruchs auf das 17. und insbesondere das 18. Jahrhundert. Während in dieser Zeit in den Naturwissenschaften die Funktion des Autors an Wichtigkeit verloren habe, sei sie in den anderen Bereichen eingeführt worden und habe Wirkmacht gewonnen. Er benutzt dabei das Konzept des Diskurses und stellt fest, dass es Diskurse gebe, die mit der Autorfunktion auskommen, und andere, in denen diese nicht notwendig sei. In der modernen Literatur entstehe dieser Bezug auf die Autorfunktion zusammen mit dem literarischen Markt. Die Funktion Autor sei dabei an ein Rechts- und Staatssystem gebunden. Zur Definition der Funktion bedürfe es einer Reihe spezifischer und komplizierter Operationen.Briehler S. 275 Im Gegensatz zu Heiligen und mystischen Personen zum Beispiel bekamen Diskurse wirkliche Autoren in dem Maße, in dem der Autor bestraft werden konnte.Harvey Hix: Morte D'Author: An Autopsy. In: The Iowa Review, Vol. 17, No. 1 (Winter 1987), pp. 131–150, S. 132. Später gehöre vor allem die legale Kodifizierung des Autorenstatus, sich durch die Möglichkeit des neu geschaffenen Urheberrechts Eigentum an einem Text anzueignen:Rouff S. 79 Und als man eine Eigentumsordnung für Texte, als man strenge Gesetze erließ über Urheberrechte, über Beziehungen zwischen Autoren und Verlegern, über Reproduktionsrechte etc. – das heißt Ende des 18. Jahrhunderts und Anfang des 19. Jahrhunderts –, in diesem Augenblick nahm die Möglichkeit der Übertretung, die dem Akt des Schreibens innewohnte, mehr und mehr den Charakter eines der Literatur inhärenten Gebots an.Michel Foucault: Was ist ein Autor? Frankfurt, Suhrkamp 2003, S. 246. ₩