Die Festlegung einer Überzeugung () ist ein Aufsatz des amerikanischen Philosophen Charles Sanders Peirce.

Es handelt sich um eine frühe Abhandlung von Peirce über seinen Pragmatismus, den er später zur Abgrenzung gegen eine daraufhin entstandene, ähnliche Richtung in „Pragmatizismus“ umbenannte. Zum wesentlichen Inhalt hat sie das von Alexander Bain übernommene Prinzip des Zweifels und der Überzeugungen, die das Handeln der Menschen bestimmen. Dieses Prinzip war eng verbunden mit der Pragmatischen Maxime von Peirce.

Der Aufsatz findet sich in der Zeitschrift Popular Science Monthly (12/1877, S. 1–15) und ist der erste Teil einer von 1877 bis 1888 veröffentlichten, sechsteiligen Aufsatzreihe unter dem Titel Illustrations of the Logic of Science.Hier wiedergegeben nach: Charles S. Peirce: Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus. (herausgegeben von Karl-Otto Apel), Suhrkamp, Frankfurt am Main 1967, Band 1, S. 293–325.

I. Abschnitt Peirce beginnt mit einer kurzen Geschichte der Schlussfolgerung, einem Thema der Logik:

Die Scholastik hat sich auf eine bestimmte Art des Schlussfolgerns beschränkt, nämlich die Deduktion (CP 5.358). Durch Deduktion gelangt man allerdings zu nichts Neuem, das nicht schon in den Prämissen des Schlusses vorgegeben wäre. Diese unhinterfragten Prämissen gab die Autorität der Religion vor. Roger Bacon widersprach diesem Prinzip der Autorität und erkannte, dass vielmehr „die Erfahrung allein uns alles lehrt“ (CP 5.360). Francis Bacon klärte den von Roger Bacon aufgestellten Begriff der Erfahrung, indem er Dinge, wie eine „innere Erleuchtung“ davon ausschloss. Erfahrung ist nach ihm etwas, das wiederholter Prüfung offenstehen muss (5.361). Frühe neuzeitliche Wissenschaftler schließlich benutzten bereits Methoden, die auch moderne Logiker anwenden würden. Johannes Kepler stütze sich auf Zahlen und deren Auswertung, um herauszufinden, welche Planetenkurve den Tatsachen entspricht (CP 5.362). Der Abschnitt schließt mit Beispielen für Peirces Behauptung, dass jeder große Fortschritt in der Wissenschaft zugleich eine Lektion in Logik war, eine Weiterentwicklung in der Kunst des Denkens.

II. Abschnitt Peirce bezeichnet hier als das Ziel schlussfolgernden Denkens: „durch die Betrachtung dessen, was wir bereits wissen, etwas herauszufinden, das wir nicht wissen“ (CP 5.365). Die Gültigkeit eines Schlusses hängt (nicht so sehr vom menschlichen Denken, sondern mehr) von den Prämissen, den Tatsachen des Schlusses ab. Wahre Prämissen ergeben eine wahre Konklusion. Ob dem Einzelnen eine Konklusion angenehm ist oder nicht, ändert nichts an ihrer Wahrheit oder Falschheit (5.365). Der Mensch ist ein logisch denkendes Wesen, aber er ist es nicht völlig. Zum Beispiel ist er optimistischer, als die Logik das rechtfertigen würde. Die Erfahrung schränkt seinen Optimismus zwar ein, rottet ihn aber selten aus. Peirce fügt noch hinzu, dass im Hinblick auf praktische Angelegenheiten Logizität besser sei, bei nicht praktischen Gegenständen heitere Phantasiebilder (5.366).

Es gibt (ob sie nun konstitutionell oder erworben ist) eine Verhaltensweise des Verstandes. Diese bestimmt uns, aus gegebenen Prämissen (Tatsachen) einen Schluss eher zu ziehen, als einen anderen. Positiv ist sie, wenn sie (im Allgemeinen, nicht im speziellen Fall) wahre Konklusionen aus wahren Prämissen zieht; andernfalls ist sie „nicht positiv“ (CP 5.367). Eine besondere Verhaltensweise des Verstandes, die diesen oder jenen bestimmten Schluss regelt, kann in einem Satz formuliert werden: Dieser Satz heißt leitendes Prinzip eines Schlusses. Die Wahrheit eines leitenden Prinzips beruht auf der Gültigkeit der Schlüsse, die von ihm bestimmt werden. Peirce gibt ein Beispiel: Man macht die Beobachtung, dass eine rotierende Kupferscheibe schnell zum Stillstand kommt, wenn sie zwischen die Pole eines Magneten gebracht wird. Nun kann man richtig schließen, dass das bei jeder Kupferscheibe passieren wird. Das leitende Prinzip dabei ist: „Was für dieses eine Stück Kupfer wahr ist, ist für jedes wahr“. Ein falsches leitendes Prinzip wäre: „Was für dieses Stück Kupfer gilt, gilt auch für alle Metalle, z. B. Messing“ (CP 5.367). Es gibt nun sehr viele leitende Prinzipien des Schlussfolgerns. Sie aufzuschreiben hätte für praktische Routine- oder Alltagsarbeiten keinen Nutzen, da Alltagsarbeiten durch das Erlernen eines Berufes ein für alle Mal bekannt sind. Das Aufschreiben oder das Studium der leitenden Prinzipien des Schlussfolgerns bringt jedoch etwas auf unvertrauten Gebieten, wie auch auf Gebieten, wo die Ergebnisse nicht ständig durch Erfahrung kontrolliert werden können (gemeint sind wohl Bereiche wie Technik, u. ä.) (CP 5.368).

Tatsachen können als leitendes Prinzip dienen. Davon gibt es zwei verschiedene Arten: solche, die „als leitendes Prinzip unbedingt notwendig sind“ (logische Grundannahmen) und zweitens Tatsachen, die nicht „notwendigerweise als selbstverständlich angenommen werden müssen,...wenn man die logische Frage stellt“. Erstere Tatsachen sind mit dem Denken und dem logischen Vorgang selbst gegeben. Aus solchermaßen richtigen Prämissen können keine falschen Konklusionen folgen (CP 5.369).

III. Abschnitt Peirce unterscheidet hier zwei Empfindungen: Zweifel und Überzeugtsein (CP 5.370). Sie unterscheiden sich in dreierlei Hinsicht: Zweifeln wir, dann stellen wir Fragen, sind wir überzeugt, dann sprechen wir Urteile aus. In der Praxis leiten Überzeugungen unsere Handlungen, Zweifel kann das nicht. (Die Assassinen zum Beispiel haben sich aus Überzeugung, dass ihnen dadurch ewige Glückseligkeit sicher ist und ohne Zweifel, in den Tod gestürzt). Das Überzeugtsein ist so Anzeichen für eine Verhaltensgewohnheit, die wir angenommen haben und die unsere Handlungen bestimmen wird (CP 5.371). Zweifel treibt uns voran. Er ist unangenehm und unbefriedigend. Zweifeln wir, dann suchen wir den Zustand der Überzeugung zu erreichen. Überzeugung ist ein ruhiger, befriedigter Zustand, den man nicht aufgeben möchte (auch nicht für andere Überzeugungen). Wir klammern uns an unser Überzeugtsein und an das, von dem wir überzeugt sind (CP 5.372).

Beide haben also positive Wirkungen: Überzeugtsein ermöglicht es uns zu Handeln, Zweifel regt uns zum Forschen an (CP 5.373). Am besten sind Überzeugungen, wenn sie unsere Handlungen so leiten, dass sie unsere Wünsche befriedigen (Überzeugungen, die nicht dieses Ergebnis haben, weisen wir zurück) (CP 5.375).

IV. Abschnitt Die Anstrengung, den Zweifel zu überwinden und eine Überzeugung zu erreichen, nennt Peirce Forschen (CP 5.374). Peirce definiert nun das Ziel des Forschens. Mit dem Zweifel beginnt ein innerer Kampf, mit seinem Aufhören endet dieser Kampf. Das einzige Ziel des Forschens ist, eine Meinung, eine Überzeugung festzulegen. Dabei genügt zu unserer Zufriedenheit oft irgendeine Meinung, es muss keine wahre Meinung sein (CP 5.375).

Peirce warnt vor drei irrigen Vorstellungen vom Forschen (CP 5.376): Einige Philosophen raten, um mit dem Forschen zu beginnen, einfach irgendeine Frage zu stellen. Aber einfach einen Satz in interrogative Form zu setzen, regt keineswegs an, nach einer Überzeugung zu streben – es muss ein wirklicher, lebendiger Zweifel da sein. Viele glauben, dass ein Beweis auf letzten, absoluten, unbezweifelbaren Sätzen beruhen muss. Je nach Schule sind diese: primäre Prinzipien allgemeiner Natur oder primäre Sinnesempfindungen. Will aber das Forschen Beweise, muss es, so Peirce, nur mit Sätzen beginnen, die völlig frei von Zweifel sind. Viele Leute argumentieren für Punkte, von denen alle Welt längst überzeugt ist. Wenn aber der Zweifel aufhört, so Peirce, hat das Forschen keinen Zweck mehr.

V. Abschnitt Wie schon gesehen, verhält man sich entweder zweifelnd oder überzeugt. Ist man im Zweifel, so gibt es nach Peirce vier verschiedene Methoden, eine Überzeugung festzulegen:

Die Methode der Beharrlichkeit Man kann eine Frage einfach mit einer beliebigen Antwort beantworten und dann sein ganzes Leben auf dieser Antwort und auf allem, was aus ihr folgt, beharren. Auf diese Weise hat man für sich eine Überzeugung festgelegt. Von Menschen, die mit dieser einfachen und direkten Methode ihre Überzeugung festlegen, wird auf gegensätzliche Meinungen oft mit Hass und Abscheu reagiert. Es ist zwar immer angenehm, eine Überzeugung zu haben, aber diese Art Glaube hat noch weiter schlechte Seiten. Er kann leicht zu Unbequemlichkeit führen, nämlich wenn er falsch ist. Man könnte zum Beispiel glauben, dass einen Feuer nicht verbrennt. Solange aber das Vergnügen, das aus der Überzeugung erwächst, die Unbequemlichkeiten überwiegt, solange stören die Unbequemlichkeiten den Gläubigen auch nicht. Beharrliche bringen alles außer Sichtweite. Peirce zieht einen amüsanten Vergleich: bei Gefahr steckt der Strauß den Kopf in den Sand, er ist glücklich, es gibt keine Gefahr mehr. Warum sollte er also den Kopf heben? Trotz allem wäre es anmaßend, dieses Vorgehen, diese Methode, eine Überzeugung festzulegen, als unvernünftig zu kritisieren, nur weil man selbst sie nicht anwendet. Übrigens will ein Gläubiger, so Peirce, gar nicht vernünftig, rational sein, sondern er wird die Vernunft wahrscheinlich sogar verachten (CP 5.377).

Kritik an der Methode der Beharrlichkeit Die Methode der Beharrlichkeit wird sich in der Praxis nicht durchsetzen, weil ihr der Trieb zur Gesellschaft entgegensteht. Habe ich eine Meinung angenommen, werde ich finden, dass andere Menschen anders als ich denken. Und in einem vernünftigen Moment, werde ich einsehen, dass diese fremden Ansichten genauso gut wie meine eigenen sind. Dadurch, dass wir also unsere Ansichten gegenseitig beeinflussen, wird das Vertrauen in eine solchermaßen festgelegte Überzeugung leicht erschüttert. Es entsteht uns nun das Problem, wie wir eine Überzeugung nicht bloß in einem Individuum, sondern in der Gemeinschaft festlegen sollen (CP 5.378).

Die Methode der Autorität Sie wurde vor allem in der Philosophie der Scholastik angewandt (siehe oben).Siehe auch CP 5.391. Man kann die Methode der Autorität so von der Methode der Beharrlichkeit unterscheiden, dass hier die Meinung, auf der man beharrt, von außen, von der Gesellschaft, nicht von einem selbst kommt. Man gehorcht, und zwar überzeugter Maßen.

Wenn der Staat statt des Individuums handelt, muss eine Institution geschaffen werden, die dem Volk die richtigen Lehren beibringt und eintrichtert sowie entgegengesetzte Lehren ausschaltet. Die Menschen müssen der Institution glauben und auf private (unabhängige) und ungewöhnliche (abweichende) Ansichten am besten mit Hass reagieren. Andersdenkende bringt man mit Terror, Inquisition, Tötungen, Blutbädern oder dem aufgebrachten Volk zum Schweigen. Wenn man die Macht, das zu tun, nicht hat, so stellt man eine Liste von Ansichten auf, welche die gläubigen Untertanen annehmen müssen. Die Methode der Autorität war seit frühesten Zeiten das Mittel, theologische und politische Lehren aufrechtzuerhalten. Eingesetzt wurde sie von der Priesterschaft der jeweiligen Religion sowie von der jeweiligen Aristokratie, dem Zunftwesen oder irgendeiner anderen Vereinigung einer Klasse. Ihnen allen ist ein bestimmtes soziales Fühlen gemeinsam. Und sie alle hatten fast immer Grausamkeiten zur Folge. Der Beamte einer solchen Gesellschaft führt durch, er fühlt sich nicht berechtigt, die Interessen der Gesellschaft aus Mitleid oder privaten Interessen zu opfern. In einem Regime können außerdem Sympathie und Kameradschaftsgeist eine höchst unbarmherzige Gewaltherrschaft hervorbringen (CP 5.379).