mini|„Turks Slaughter Christian Greeks“, Schlagzeile des Lincoln Daily Star vom 19. Oktober 1917
In den Jahren 1914 bis 1923 kam es zu einer Welle von Griechenverfolgungen im Osmanischen Reich, die in der sogenannten Kleinasiatischen Katastrophe (griechisch Μικρασιατική Καταστροφή) – also der Vertreibung der Griechen von der Westküste Kleinasiens und der fluchtartigen Auflösung der dort im Zuge des Griechisch-Türkischen Krieges (1919–1922) errichteten staatlichen Institutionen – sowie in gewaltsamen Maßnahmen gegen die Griechen Ost-Anatoliens kulminierte.
Während des Ersten Weltkrieges und der Folgejahre veranlasste die Regierung des Osmanischen Reiches die Tötung zahlreicher griechischer Bewohner der kleinasiatischen Halbinsel. Die Maßnahmen umfassten Massaker, Deportationen und Todesmärsche, schließlich die Vertreibung und Umsiedlung der Überlebenden. Gemäß verschiedenen, weit divergierenden Quellen starben mehrere hunderttausend osmanische Griechen in dieser Zeit.Adam Jones: Genocide: A Comprehensive Introduction. Routledge, New York 2006, S. 154–155. Einige der Überlebenden und Flüchtlinge, vor allem jene in den östlichen Provinzen (Vilâyets), flüchteten in das benachbarte Russische Reich. Nach dem Ende des Griechisch-Türkischen Krieges kam es zum zwangsweisen Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei: Die meisten der überlebenden Griechen mussten 1923 das Osmanische Reich verlassen und siedelten unter den Bedingungen der Konvention über den Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei im Vertrag von Lausanne nach Griechenland über. Im Gegenzug wurden die meisten Muslime Griechenlands in die Türkei übersiedelt.Norman M. Naimark: Fires of Hatred. Ethnic Cleansing in Twentieth-Century Europe. Harvard University Press, Cambridge and London 2001, S. 55.
Die Regierung der Republik Türkei – Rechtsnachfolger des Osmanischen Reiches – behauptet bis heute, dass die Verfolgungen und Vertreibungen durch die Vermutung der damaligen Staatsführung ausgelöst wurde, die griechische Bevölkerung in der Türkei unterstütze die Kriegsgegner des osmanischen Staates. Die Alliierten des Ersten Weltkrieges und zahlreiche ausländische Beobachter der Geschehen sahen dies anders und verurteilten die Massaker als Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
mini|hochkant=2.2|Griechisch besiedelte Gebiete im Nahen Osten vor dem Ersten Weltkrieg. In Blau sind die Bereiche dargestellt, in denen die Griechen die Mehrheit der Bevölkerung bildeten (Karte von William Robert Shepherd, 1911).
Historischer Hintergrund und Ursachen Griechen lebten bereits seit der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends, zur Zeit Homers, an der Westküste Kleinasiens. Seit dem siebten Jahrhundert v. Chr. folgte die Gründung der Kolonien an der Küste des Schwarzen Meeres, der späteren Pontos-Region, und die partielle Besiedlung des dahinterliegenden kappadokischen Binnenlandes. In byzantinischer Zeit wurde der griechische Einfluss auf die gesamte kleinasiatische Halbinsel durch administrative Maßnahmen gestärkt; Kleinasien war lange Zeit das Kernland des griechischsprachigen Reiches. Noch bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges war die Bevölkerung Anatoliens ethnisch vielfältig; dort lebten Türken, Griechen, Armenier, Kurden, Zazas, Tscherkessen, Aramäer (Assyrer), türkische Juden, Lasen und Aserbaidschaner.
Unter den Ursachen für die osmanische Kampagne gegen die griechische Bevölkerung wird die Befürchtung der osmanischen Regierung genannt, die osmanisch-griechische Bevölkerung werde den Gegnern des osmanischen Reiches helfen. Durch die Machtergreifung Eleftherios Venizelos’ hatte Griechenland sich eng mit der Triple Entente alliiert und gehörte nun also eindeutig zum gegnerischen Lager der Mittelmächte, mit denen das Osmanische Reich verbündet war. Daneben äußerten einige Verantwortliche die Überzeugung, man müsse das Osmanische Reich grundsätzlich von den verschiedenen nationalen Gruppierungen „säubern“, die die Integrität einer türkischen Staatsnation gefährden könnten. Dann könne man einen „ethnisch reinen“ türkischen Nationalstaat gründen.Donald Bloxham: The Great Game of Genocide. Imperialism, Nationalism, and the Destruction of the Ottoman Armenians. Oxford University Press, Oxford 2005, S. 150. Laut dem deutschen Militärattaché erklärte der osmanische Kriegsminister Ismail Enver im Oktober 1915, er beabsichtige, Niall Ferguson: The War of the World. Twentieth-Century Conflict and the Descent of the West. Penguin Press, New York 2006, S. 180.
Ereignisse + Verteilung der Nationalitäten im Osmanischen Reich (Asien),Amtliche osmanische Statistik, 1910 Provinz (Vilâyet) Türken Griechen Armenier Juden Andere Gesamt IstanbulAsiatisches Ufer 135.681 70.906 30.465 5.120 16.812 258.984 İzmit 184.960 78.564 50.935 2.180 1.435 318.074 Aydın (Smyrna) 974.225 629.002 17.247 24.361 58.076 1.702.911 Bursa 1.346.387 574.530 87.932 2.788 6.125 1.717.762 Konya 1.143.335 85.320 9.426 720 15.356 1.254.157 Ankara 991.666 54.280 101.388 901 12.329 1.160.564 Trabzon 1.047.889 351.104 45.094 - - 1.444.087 Sivas 933.572 98.270 165.741 - - 1.197.583 Kastamon 1.086.420 18.160 3.061 - 1.980 1.109.621 Adana 212.454 88.010 81.250 – 107.240 488.954 Bigha 136.000 29.000 2.000 3.300 98 170.398 Insgesamt 8.192.589 1.777.146 594.539 39.370 219.451 10.823.095 Bevölkerungsanteil 75,7 % 16,42 % 5,50 % 0,36 % 2,03 % Insgesamt 1912Statistik Ökumenisches Patriarchat, 1912. Anmerkung: Die kleinere Bevölkerungszahl 1912 geht auch auf den Verlust von Gebieten zurück. 7.048.662 1.788.582 608.707 37.523 218.102 9.695.506 Bevölkerungsanteil 72,7 % 18,45 % 6,28 % 0,39 % 2,25 %
mini|hochkant=1.2|Durch irreguläre türkische Truppen gelegte Brände in Phokaia, Juni 1914
Bereits im Sommer 1914 zwang die geheime Guerillaorganisation Teşkilât-ı Mahsusa, unterstützt von Beamten der Regierung und der Armee, griechische Männer im wehrfähigen Alter aus Thrakien und Westanatolien in Arbeitsbataillone, in denen Hunderttausende starben.Isabel V. Hull: Absolute Destruction. Military Culture and the Practices of War in Imperial Germany. Cornell University Press, Ithaca/NY 2005, S. 273. Hunderte von Meilen in das Innere Anatoliens gesandt, wurden diese Wehrpflichtigen zu Arbeiten im Straßen- und Tunnelbau sowie zu Bau- und Feldarbeiten eingesetzt, wobei sich ihre Zahl stark verringerte – entweder durch Entbehrungen und Misshandlungen oder durch richtiggehende Tötungen und Massaker durch die türkischen Wachen.William C. King: , The History Associates, Massachusetts 1922, S. 437. Dieses Programm der Zwangsrekrutierung wurde später auf andere Regionen des Reiches, einschließlich des Pontos, ausgedehnt.
mini|hochkant=1.2|Irreguläre türkische Soldaten präsentieren ihre Beute in Phokaia
Die Zwangsarbeit von griechischen Männern wurde begleitet von Deportationen der allgemeinen Bevölkerung, die teilweise den Charakter von Todesmärschen annahmen. Zudem wurden griechische Dörfer und Städte gezielt von Türken eingeschlossen und ihre Bewohner massakriert. Ein solches Geschehen wurde am 12. Juni 1914 aus der westanatolischen Stadt Phokaia (), fünfundzwanzig Meilen nordwestlich von Smyrna gelegen, berichtet; die entstellten Leichen von Männern, Frauen und Kindern seien anschließend in Brunnen geworfen worden.Staff: Massacre of Greeks Charged to the Turks. In: The Atlanta Constitution, 17. Juni 1914, S. 1.
Im Juli 1915 erklärte der griechische Geschäftsträger Tsamados, dass die Deportationen nichts anderes Vahagn Avedian: The Armenian Genocide of 1915 from a Neutral Small State’s Perspective: Sweden. In: Genocide Studies and Prevention, Band 5, Nr. 3 (2010), S. 323–340, doi:10.3138/gsp.5.3.323, auf S. 328. Laut George W. Rendel vom britischen Außenamt wurden 1918 G. W. Rendel: Foreign Office Memorandum on Turkish Massacres and Persecutions of Minorities since the Armistice, 20. März 1922. In seinen Memoiren schrieb der Botschafter der Vereinigten Staaten zwischen 1913 und 1916, Henry Morgenthau: Henry Morgenthau: Ambassador Morgenthau’s Story, Doubleday, Page & Company, Garden City, New York, 1919.
Am 14. Januar 1917 versandte der schwedische Botschafter in Konstantinopel Cosswa Anckarsvärd eine Depesche zu den Deportationen der osmanischen Griechen:
Methoden der Vernichtung, welche den Tod indirekt verursachten – wie Deportationen einschließlich Todesmärschen, das Verhungern in Arbeitslagern und die Konzentrationslager – wurden als „weiße Massaker“ bezeichnet. Die türkischen Kriegsgerichte der Jahre 1919 und 1920 sahen Anklagen gegen eine Reihe von führenden türkischen Beamten für ihre Rolle bei den Massakern gegen Griechen und Armenier vor. In einem Bericht vom Oktober 1920 beschreibt der britische Offizier ein Massaker im nordwestanatolischen İznik, indem er berichtet, dass mindestens 100 verstümmelte Leichen von Männern, Frauen und Kindern in und um eine Höhle außerhalb der Stadtmauern gebracht worden seien.
Auf die bereits systematischen Massaker an den kleinasiatischen Griechen und die begleitenden Deportationen seit 1914 folgte der Griechisch-Türkische Krieg mit der Besetzung des überwiegend griechisch bewohnten Smyrna im Mai 1919 aufgrund eines Völkerbundmandats.Arnold J. Toynbee: The Western question in Greece and Turkey. A study in the contact of civilisations. Houghton Mifflin, Boston 1922, S. 270. In diesem Krieg verübten diesmal beide Seiten ein gegenseitiges Massaker. Zwischen Mai 1919 und September 1922 verübten auch die griechischen Truppen in dem von ihnen besetzten Teil Westanatoliens Übergriffe gegen türkische Städte und Dörfer. In Alaşehir, dem antiken Philadelphia, wurden 4300 von 4500 Häusern zerstört, 3000 Menschen kamen dabei ums Leben. In Manisa, dem antiken Magnesia, blieben nur 1400 von 14000 Häusern unversehrtAndrew Mango, Atatürk. London 1999, ISBN 0-7195-5612-0, S. 343.. Die griechische Besetzung endete im September 1922, worauf eine panikartige Flucht der griechischen Bevölkerung einsetzte. Am 13. September 1922 brach im armenischen Viertel der Stadt ein Feuer aus – wahrscheinlich durch gezielte Brandstiftung während der Plünderung der Stadt durch türkische Truppen – das sich rasch über die Viertel der Griechen und der westlichen Ausländer (der sogenannten „Franken“) ausbreitete und einen großen Teil Smyrnas vernichtete; in der griechischen Geschichtsschreibung wird dieses Geschehen als Katastrophe von Smyrna (Καταστροφή της Σμύρνης) bezeichnet. Dieses Ereignis wurde zum emblematischen Bild der kleinasiatischen Katastrophe in der griechischen Memoria.