mini|Beji Caid Essebsi (2015) rahmenlos|klasse=skin-invert-image notpageimage|Unterschrift Beji Caid Essebsi (, ; * 29. November 1926 in Sidi Bou Saïd; † 25. Juli 2019 in Tunis) war ein tunesischer Politiker und vom 31. Dezember 2014 bis zu seinem Tod Präsident der Tunesischen Republik. Der Jurist diente seit der Unabhängigkeit Tunesiens von Frankreich 1956 langjährig in verschiedenen Regierungsämtern, darunter als Innen-, Verteidigungs- und Außenminister. Nach dem Sturz des Autokraten Ben Ali war er vom 27. Februar bis 24. Dezember 2011 Übergangs-Ministerpräsident des Landes. Er führte die 2012 von ihm gegründete säkular ausgerichtete Partei Nidaa Tounes bei der Parlamentswahl im Oktober 2014 zur stärksten Kraft im neuen tunesischen Parlament.

Familie und Ausbildung mini|Mit seiner Abschlussklasse im Collège Sadiki (Kreis rechts) Essebsi stammte aus einer angesehenen Familie, die zur Oberschicht der Bauern und Grundbesitzer an der tunesischen Küste in der Zeit der Beys gehörte, wie schon sein Beiname Kaid ausweist (siehe zum Familiennamen auch Sebsi).Wolfgang Günter Lerch: Béji „Caïd“ Essebsi. Tunesischer Übergänger. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. März 2011. Seine Mutter, Habiba Ben Jafaar, kam aus einer ähnlich bedeutenden Familie; sie war milchverwandt mit dem ersten Vorsitzenden der Neo-Destur-Partei, Mahmoud El Materi.Erich Alauzen: In: Scribium.com, 26. August 2012. Sein Bruder Salaheddine (geboren 1933) ist ein bekannter Anwalt.Essebsi (Slahiddin). In: Who’s Who in the Arab World 2007–2008. Saur, München 2007, ISBN 3-598-07735-1, S. 290. Die Familie zog nach Hammam-Lif, wo Beji Caid Essebsi den Großteil seiner Kindheit und seines weiteren Lebens verbrachte.Eric Gobe: Les avocats en Tunisie de la colonisation à la révolution (1883–2011). IRMC, 2013, S. 101, Fn. 61; Essebsi retrouve ses racines à Hammam-Lif ! In: Espace Manager, 20. Oktober 2014. Er besuchte in Tunis das Collège Sadiki, das in bilingualem Unterricht die zukünftige Elite des Landes gemäß den Werten der Aufklärung und Moderne ausbildete. Daraufhin nahm er in Paris das Studium der Rechtswissenschaft auf, das er 1950 mit dem Lizenziat abschloss. Mit seiner Frau Chadlia Saida geb. Farhat (geboren am 1. August 1936), die er 1958 heiratete, hat er zwei Söhne (darunter den Politiker Hafedh) und zwei Töchter.Les premières déclarations de la Première Dame de Tunisie, Chadlia Saïda Caïd Essebsi. In: Baya.tn, 8. Januar 2015; Annuaire des personnalités. Béji Caïd Essebsi. In: Leaders.com.tn.

Politische Karriere unter Bourguiba und Ben Ali (bis 1994) mini|Als Verteidigungsminister mini|Mit Habib Bourguiba Essebsi wurde 1941Ridha Kéfi: Béji Caïd Essebsi. In: Jeune Afrique, 15. März 2005. Mitglied der Jugendorganisation der laizistischen, für die Unabhängigkeit von Frankreich kämpfenden Neo-Destur-Partei des späteren Gründers der Republik Habib Bourguiba. 1942 wurde er Mitglied dieser Partei.Essebsi (Begi, Qaid). In: Who’s Who in the Arab World 2007–2008. Saur, München 2007, ISBN 3-598-07735-1, S. 290. Während seines Studiums in Paris war er einer der Anführer der für die Unabhängigkeit eintretenden Studenten. Im Juli 1952 kehrte er nach Tunesien zurück, wurde als Anwalt zugelassenÉric Gobe: Les avocats en Tunisie de la colonisation à la révolution (1883–2011). Édition Karthala et IRMC, Tunis 2013, ISBN 978-2-8111-1056-7, S. 101. und trat am 3. Oktober des Jahres in die Kanzlei des Neo-Destur-Aktivisten Fathi Zouhir ein. Essebsi begann seine Anwaltsarbeit mit der Vertretung politisch Angeklagter; später wurde er für den Kassationsgerichtshof zugelassen.Annuaire des personnalités. Béji Caïd Essebsi. In: Leaders.com.tn.

mini|hochkant|Mit Dag Hammarskjöld (1961) Seine politische Karriere begann er wie viele politisch aktive Anwälte mit der Unabhängigkeit im März 1956, als er Berater im Stab des Premierministers und späteren Präsidenten Habib Bourguiba wurde. Unter ihm hatte er verschiedene politische Positionen inne, darunter als Chef der Regionenverwaltung und des Sicherheitsdienstes, als der er 1962 die Folgen eines gescheiterten Putschversuchs zu bewältigen hatte.Reiner Wandler: Die Revolution frisst ihren Opa. Neue Regierung in Tunesien. In: Die Tageszeitung, 28. Februar 2011. Essebsi diente in der tunesischen Regierung 1965 bis 1969 als Innenminister, 1969/70 als Verteidigungsminister und 1981 bis 1986 als Außenminister.Zu den Stationen im Einzelnen trotz des polemischen Duktus hilfreich wegen großer Präzision Mounir Ben Aicha: Etude: Béji Caïd Essebsi, un vieillard tunisien, ancien dictateur, encore assoiffé de pouvoir. In: Nawaat.org, 3. Januar 2013.

Dabei war er zwar Teil des autokratischen politischen Systems, bezog aber Position für die Reformorientierten; Wolfgang Günter Lerch konstatiert, Essebsi habe immer als liberale Stimme gegolten, und im Rückblick bezeichnete er sich als „immer frei und unabhängig“: Seit 1970 Botschafter Tunesiens in Paris, legte er Ende 1971 dieses Amt nieder und begründete im Juni 1972 seinen Rückzug öffentlichkeitswirksam in einem Beitrag für die französische Zeitung Le Monde, um Bourguibas Regierung herauszufordern.Der Beitrag ist dokumentiert in: Béji Caïd Essebsi: Les raisons d’un départ. In: Leaders.com.tn, 17. November 2014. Er kehrte nach Tunis zurück und wurde 1974 aus der Neo-Destur-Partei ausgeschlossen, nachdem er 1964 ins Zentralkomitee und 1965 ins Politbüro der inzwischen sozialistisch strukturierten Partei aufgenommen worden war. Essebsi gründete 1976 die französischsprachige Zeitung „Démocratie“, die der Bevölkerung des autoritär regierten Landes eine pluralistische politische Kultur näherbrachte, und engagierte sich in den nächsten Jahren in der Tunesischen Menschenrechtsliga.Noureddine Baltayeb: In: Al-Akhbar, 23. Dezember 2014. Ob Essebsi sich – wie von ihm angegeben – für die regimekritische, ab 1978 erscheinende Wochenzeitung Errai starkmachte, ist allerdings umstritten.Zeïneb Ben Ammar: Hassib Ben Ammar et le journal „Er-Raï“ (1978–1987). In: Kapitalis.com, 19. Mai 2012.

Nach der Zusicherung von (wenn auch formalem) Parteienpluralismus und Pressefreiheit kehrte Essebsi 1980 wieder in die Neo-Destur-Partei zurück und wurde Staatsminister. 1981 wurde er in der Regierung Mzali Außenminister und blieb das bis September 1986. Er hatte internationale Schwierigkeiten zu bewältigen, als die PLO unter ihrem Anführer Jassir Arafat 1982 nach dem Beginn des Libanonkrieges nach Tunesien floh, dort ihr Hauptquartier bezog und Israel dieses 1985 bombardieren ließ (Operation Wooden Leg). Essebsi trug dazu bei, dass das israelische Verhalten vom UN-Sicherheitsrat einstimmig verurteilt wurde – das einzige Mal, dass die Vereinigten Staaten sich bei einer solchen gegen Israel gerichteten Resolution enthielten, was in Tunesien als sein großer Erfolg aufgenommen wurde. Auch weil die Arabische Liga unter ihrem tunesischen Generalsekretär Chedli Klibi ihren Sitz wegen der israelfreundlichen Politik Anwar el-Sadats nach Tunis verlegte, gewann sein außenpolitischer Kurs Gewicht. Ab 1981 war Essebsi wieder Mitglied des Politbüros der Regierungspartei und wurde 1986 Botschafter Tunesiens in der Bundesrepublik Deutschland.

Nach dem gewaltfreien Sturz Bourguibas durch einen Staatsstreich Ende 1987 schloss sich Essebsi der Partei des neuen Präsidenten Ben Ali an, die als Neuformierung der Neo-Destur und wie bis dahin diese die tunesische Politik fast unbeschränkt dominierte. Unter Ben Ali war Essebsi 1990/91 Präsident der Abgeordnetenkammer, gehörte aber nie dem „Machtklüngel“ Ben Alis an.Thomas Schmid: Tunesien: Die Jasmin-Revolution. In: Frank Nordhausen, Thomas Schmid (Hrsg.): Die arabische Revolution. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Ch. Links, Berlin 2011, ISBN 978-3-86153-640-6, S. 17–38, hier S. 30. Er trat bei der Wahl 1994 nicht mehr für seinen Parlamentssitz an und zog sich aus der tunesischen Politik zurück, da er das Gefühl gehabt habe, keine großen Änderungen im politischen System bewirken zu können, wie er 2005 sagte. Fortan praktizierte er wieder als Anwalt, vor allem in Schiedsverfahren.

Premierminister nach der tunesischen Revolution (2011) mini|Kabinett Essebsi (2011) mini|hochkant|„Mann des Jahres“ im Magazin Tunivisions (Januar 2012) Erst nach dem Sturz Ben Alis und der Revolution in Tunesien 2010/2011 kehrte der 84-Jährige in die Öffentlichkeit zurück. Er wurde am 27. Februar 2011 vom Übergangspräsidenten Fouad Mebazaa zum ersten Premierminister ohne direkte Kontinuität zum alten Regime ernannt, nachdem sein Vorgänger Mohamed Ghannouchi nach anhaltenden Protesten und Sitzblockaden seines Amtssitzes zurückgetreten war.New Tunisia PM Appointed. In: Al Jazeera, 28. Februar 2011. Essebsi stellte am 7. März 2011 das Kabinett Essebsi vor, das vor allem aus Technokraten bestandNeues Kabinett in Tunesien ernannt. In: ORF.at, 7. März 2011. und dessen Mitglieder sich verpflichten mussten, nicht bei den für Juli 2011 angekündigten (und Ende des Jahres durchgeführten) demokratischen Wahlen anzutreten. Seiner Regierung gelang es, die ungeordnete revolutionäre Situation zu beruhigen und Wahlen zu organisieren. Am 24. Dezember 2011 wurde er von Hamadi Jebali abgelöst, der nach der ersten demokratischen Wahl in Tunesien zur Verfassunggebenden Versammlung ernannt wurde. Essebsi war der erste Premierminister in der arabischen Welt, der die Macht geordnet an eine demokratisch legitimierte und islamistisch dominierte Regierung übergab.

Anführer von Nidaa Tounes (2012–2014) Im April 2012 gründete Essebsi die Partei Nidaa Tounes (dt. Ruf Tunesiens), die als heterogene Sammlungsbewegung der säkularen Opposition gegen die islamische Partei Ennahda nach Ansicht vieler Beobachter von seiner Popularität getragen und zusammengehalten wurde.Siehe etwa Tunisia’s Election: The Secularist Comeback. In: The Economist, 28. Oktober 2014. Die Partei ging als Sieger mit relativer Mehrheit aus der Parlamentswahl 2014 hervor.

Einer der Söhne, Hafedh, hat eine führende Position in der Partei inne und sieht sich Vorwürfen des Nepotismus und fehlenden Engagements ausgesetzt,Alex Féraud: Tunisie: Un Essebsi peut en cacher un autre. In: Jeune Afrique, 4. August 2014. wurde aber im Mai 2015 zu einem der drei stellvertretenden Parteivorsitzenden bestimmt.Nida Tounes: Baccouche, Essebsi et Elloumi vices président, Marzouk secrétaire général. In: EspaceManager.com, 13. Mai 2015. Hafedhs Position innerhalb der Partei führte am 9. November 2015 zu deren Spaltung. Kritiker warfen der Familie Essebsi zunehmenden autoritären Charakter und den Aufbau einer Dynastie vor.

Präsident Tunesiens (2014–2019) mini|Mit dem amerikanischen Außenminister John Kerry (Mai 2015)