mini|Lage des Südsudan mini|Flagge der SPLA und des Südsudan

Die Geschichte des Südsudan ist die Geschichte des jüngsten Staates Afrikas und der Erde, die im engeren Sinn mit der Unabhängigkeitserklärung des Südsudan am 9. Juli 2011 beginnt. Sie umfasst aber auch die Geschichte der Lösung des neuen Staates vom Sudan, dessen südlicher Landesteil er 54 Jahre lang war, seine über 100-jährige Geschichte als Teil erst des Türkisch-Ägyptischen und später des Anglo-Ägyptischen Sudans sowie die Geschichte der dort lebenden Völker vor der jeweiligen Kolonialherrschaft.

mini|Das Königreich Schilluk und das Fur-Sultanat in der Neuzeit

Abgrenzung der Geschichte des Südsudan Der Südsudan war bis in die jüngste Zeit hinein zu keiner Zeit ein staatlich geeinter Raum oder auch nur ein religiös oder kulturell einheitliches Gebiet. Deutlich klarer als seine Behandlung als Einheit ist seine Definition in Abgrenzung von den umliegenden Großräumen, insbesondere vom Nordsudan, mit dem er 150 Jahre lang mehr oder weniger verbunden war. Der Südsudan ist demnach das Gebiet rechts und links des Nils, das in der Antike nicht von Kultur und Zivilisation des alten Ägypten beeinflusst war. Im frühen Mittelalter entsprach seine Nordgrenze etwa der Grenze des Einflussgebietes von Alwa, des südlichsten der christlichen Reiche Nordsudans/Nubiens und seit der frühen Neuzeit bildet der Südsudan die Grenze der von Norden her sich verbreitenden Islamisierung Nordost-Afrikas. Richtung Osten gibt es eine ähnliche Definition seiner Ausdehnung in Abgrenzung: in diesem Fall von den christlichen Reichen des Hochlandes von Äthiopien (wie etwa des Aksumitischen Reiches oder später des Kaiserreichs Abessinien). Die Südgrenze des Südsudan wiederum entspricht grob der Nordgrenze der Staatsideen der Königreiche der Afrikanischen Großen Seen. Nur Richtung Westen war in diesem Sinn bis zur Kolonialzeit die Grenze der Region Südsudan undefinierbar, erst mit der kolonialen Eroberung entstand hier eine Grenze zwischen dem britischen und dem französischen Kolonialreich.

Frühe Geschichte Die nilotischen Völker der Dinka, Nuer und Schilluk sollen als erste der heute hier existierenden Bevölkerung im 10. Jahrhundert n. Chr. in den Südsudan eingewandert sein. Im 16. Jahrhundert folgten die Azande, die hier den lange Zeit mächtigsten Staat errichteten. Während der nördliche Sudan früh islamisiert wurde, blieb die Bevölkerung des Südsudan ganz überwiegend ihren traditionellen Religionen verhaftet.THE TURKIYAH, 1821–1885.

Türkisch-Ägyptischer Sudan: Sklavenjagden und Eroberung durch den Norden mini|Der Sudan unter türkisch-ägyptischer, später anglo-ägyptischer Herrschaft.

Ab 1821 begann die Eroberung des Nordsudans durch das formal noch zum Osmanischen Reich gehörige Ägypten Muhammad Ali Paschas. Damit wurde ab 1840 die Jagd auf schwarze Sklaven im heutigen Südsudan intensiviert. Eine Vorstellung vom Ausmaß des Horrors, das die mit Privatarmeen durchgeführte Sklavenjagd für die Bevölkerung des Südsudans bedeutete, vermittelt der Begriff, der bei den Dinka für diese Jahrzehnte üblich ist: die Zeit des „spoiling the world“, also etwa der „Zerstörung der Welt“. In dieser Phase wurden die Grundlagen für die Feindschaft der Menschen des Südens gegenüber dem Nordsudan gelegt.Mark Bixler: Historic day ahead after decades of war. Auf: cnn.com, abgerufen am 26. Februar 2011.

Die eigentliche ägyptische Eroberung des Südsudans erfolgte erst in den 1870er Jahren, formal abgeschlossen mit der Errichtung der Provinz Äquatoria 1871, die bis zu den Afrikanischen Großen Seen reichte. Zeitgleich geriet Ägypten ab 1875 allerdings aufgrund seines Staatsbankrotts unter den Einfluss europäischer Großmächte, insbesondere Großbritanniens. Europäer wurden in den besetzten Gebieten als Beamte und sogar Generalgouverneure eingesetzt mit dem Ziel, den Sklavenhandel im Süden zu unterbinden. Noch in den 1870er Jahren verheerten arabische Sklavenhändler durch Sklavenjagden insbesondere die Region Bahr al-Ghazal.Le Monde diplomatique: Kleine Geschichte des Südsudan. Februar 2011. 1877 schlossen das Vereinigte Königreich und Ägypten ein Abkommen über die allmähliche Abschaffung der Sklaverei, das 1878 einen Aufstand der Sklavenhändler auslöste. Der Aufstand wurde 1880 niedergeschlagen, eine tatsächliche Abschaffung des Sklavenhandels aber nicht erreicht.

In den 1880er und 1890er Jahren wurde der gesamte Türkisch-Ägyptische Sudan von der islamischen, antikolonialen Mahdi-Bewegung erfasst, die ihre Wurzeln und ihren Haupteinfluss naturgemäß im islamischen Norden hatte. Der Südsudan bildete den südlichsten Ausläufer des Herrschaftsgebiets der Mahdisten, das Kalifat von Omdurman jedoch, dass das gefestigte Staatsgebiet der Mahdisten umfasste, endete an der Nordgrenze des Südsudan, der damit weitgehend sich selbst überlassen blieb – abgesehen von den Aktionen der Sklavenjäger, da im Kalifat der Sklavenhandel wieder erlaubt war. Mit der Schlacht von Omdurman endete endgültig 1898 der Türkisch-Ägyptische Sudan als Kolonialmacht des Südsudan. An seine Stelle trat die britische Kolonialherrschaft.

Anglo-Ägyptischer Sudan: Die Spaltung vertieft sich mini|Die drei südlichen Provinzen des Anglo-Ägyptischen Sudan umfassen in etwa den heutigen Südsudan

Anglo-Ägyptischer Sudan nannte sich das ab 1899 bis zur Unabhängigkeit des Sudan 1956 bestehende Kondominium Großbritanniens und Ägyptens über den Sudan. Das Kondominium war formal eine gemeinsame Herrschaft Ägyptens und Großbritanniens über den Sudan, de facto war der britische Einfluss von Beginn an größer als der ägyptische und mit dem britischen Protektorat über Ägypten 1914 wurde der „anglo-ägyptische“ Herrschaftsbereich offensichtlich zur britischen Kolonialherrschaft.

Formal bildeten der Norden und der Süden dieses Gebietes eine Einheit. Tatsächlich verwalteten die Briten die drei südlichsten der 13 Provinzen des Kondominiums getrennt vom Rest des Landes. Diese drei Provinzen Bahr al-Ghazal, Upper Nile und Äquatoria entsprachen weitgehend dem heutigen Südsudan. Um den Sklavenhandel zu unterbinden, verfolgten die Briten die Politik der „restricted districts“, die das Reisen zwischen Nord und Süd behinderte, und drängten den Einfluss arabischer Händler im Süden zurück.Britain's Southern Policy Helen Chapin Metz, ed. Sudan: A Country Study. Washington: GPO for the Library of Congress, 1991. Abgerufen am 3. März 2011 Zudem konzentrierten sie sich mit Anstrengungen zur Entwicklung („Entwicklung“ natürlich im wohlverstandenen britisch-kolonialen Interesse) ihrer Kolonie auf den Norden des Landes, während der Südsudan nach den Worten eines sudanesischen Diplomaten weitgehend den Status eines „Naturmuseums“ erhielt. Die Wurzeln des vollkommen unterschiedlichen Grades der Entwicklung der beiden Landesteile bei der Unabhängigkeit des Sudan 1957 sind hier zu finden. Die Trennung der Landesteile setzte auch der Islamisierung des Südens einen Riegel vor, obwohl die Kolonialregierung nicht die Ausbreitung des Christentums im Süden förderte. Sie hielt die islamischen Gesellschaften sogar im Sinne der indirect rule für leichter regierbar als die Stammesgesellschaften. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts strömten jedoch französische, italienische und amerikanische Missionare in den Südsudan, der allerdings bis in die Neuzeit überwiegend traditionellen Religionen verhaftet blieb. Und schließlich galten in den beiden Landesteilen unterschiedliche Amtssprachen: Arabisch im Norden, Englisch im Südsudan.

Republik Sudan Unter diesen Voraussetzungen war es naheliegend, dass die ursprünglichen Pläne für die Dekolonialisierung des Sudan die Unabhängigkeit zweier Länder vorsahen: des Nord- und des Südsudan, bzw. ein Anschluss des wenig entwickelten Südsudan an die benachbarte britische Kolonie Britisch-Ostafrika überlegt wurde. 1947 kam es jedoch auf der sogenannten Dschuba-Konferenz zu einer völligen Kehrtwendung, nach der der unabhängige Staat Sudan auch die drei südlichen Provinzen einschließen sollte. Gleichzeitig wurde die Aufhebung aller bisherigen Einschränkungen für den Verkehr zwischen Nord und Süd beschlossen und Arabisch auch im Süden als Amtssprache eingeführt.The South and the Unity of Sudan Helen Chapin Metz, ed. Sudan: A Country Study. Washington: GPO for the Library of Congress, 1991. Abgerufen am 3. März 2011 Eine Ursache auf der britischen Seite für den plötzlichen Schwenk weg von einem unabhängigen oder mit Uganda vereinigten Südsudan kann in den damaligen Rebellenaktivitäten im britischen Kenia und Uganda vermutet werden. Denkbar ist auch, dass die USA ihren Einfluss geltend machten, um die Sympathien der künftigen, vom Norden dominierten Regierung im Kalten Krieg zu gewinnen.Daniel Gerber: Fünfzehn Dollar für ein Leben. Brunnen-Verlag, Basel 2005, ISBN 3-7655-3843-4, S. 70f. zitiert nach Wikipediaartikel Sezessionskrieg im Südsudan

Die Protokolle der Konferenz von Dschuba machen das Überlegenheitsgefühl der Vertreter des Nordens gegenüber den wenigen Vertretern des Südens deutlich. So verglich etwa ein Teilnehmer der Konferenz die Völker des Nordens und Südens und setzte dabei diejenigen des Nordens mit „alten Soldaten“, diejenigen des Südens jedoch mit „Rekruten“ gleich. Andere verwiesen auf die nicht vorhandenen Erfahrungen des Südens mit irgendeiner Form von Selbstverwaltung und sprachen der Bevölkerung dort das Recht ab, Vertreter in die Nationalversammlung zu entsenden. abgerufen am 26. Februar 2011. An Verwaltung und Regierung des zukünftigen Staates Sudan waren Südsudanesen schließlich kaum beteiligt.

1. Sezessionskrieg 1955–1972

Im August 1955, also noch vor der Unabhängigkeit, kam es an den Standorten Torit, Juba, Yei und Maridi zu einer Meuterei der einheimischen Kolonialtruppen der Sudan Defence Force. Unmittelbare Ursachen der Meuterei waren ein Prozess gegen ein Mitglied der sudanesischen Nationalversammlung aus dem Süden und ein mutmaßlich gefälschtes Telegramm, in dem Verwaltungsangestellte aus dem Norden angewiesen wurden, Leute aus dem Südsudan zu unterdrücken.Edgar O’Ballance: The Secret War in the Sudan: 1955–1972. Faber and Faber, London 1977, ISBN 0-571-10768-0, S. 41 zitiert nach :en:First Sudanese Civil War Die Meuterer töteten mehrere hundert Menschen aus dem Norden, darunter Regierungsbeamte, Offiziere und Händler, hatten aber militärisch keine Chance. Die Meuterei wurde unterdrückt und die geflohenen Meuterer begannen aus einer aussichtslosen Lage heraus mit bewaffnetem Widerstand gegen die Kolonialherren und nach der Unabhängigkeit des Sudan auch gegen die Truppen des Nordens. Die Meuterei wurde so zur Geburtsstunde des 1. Sezessionskrieges des Südsudan gegen den Norden.

Nach einem Militärputsch im Sudan ging die neue Regierung 1958/59 massiv gegen den Widerstand im Süden vor, ließ Dörfer niederbrennen und Verdächtige töten oder foltern. Bereits 1963 soll die Regierung des Nordens mit einer Politik des „Spalte und Herrsche“ ethnische Gegensätze innerhalb des Südsudan für sich ausgenutzt und etwa das Volk der Murle mit Waffen gegen seine traditionellen Feinde, die Dinka und Nuer, ausgerüstet haben.Sudan: Transcending tribe, von May Ying Welsh, abgerufen am 3. März 2011 Ab 1963 intensivierte sich der bis dahin nur sporadische militärische Widerstand der Südsudanesen, angeführt von einer Organisation, die sich nach einem giftigen Gebräu Anya-Nya nannten.The Abbud Military Government, 1958–1964 Helen Chapin Metz, ed. Sudan: A Country Study. Washington: GPO for the Library of Congress, 1991. Abgerufen am 3. März 2011

Eine 1964 eingesetzte Zivilregierung versuchte eine Übereinkunft auf dem Verhandlungsweg, scheiterte aber damit. Die Demokratisierung des Landes ging am Süden vorbei: Aufgrund der Bürgerkriegssituation im Süden wurden dessen Bürger nicht an der Parlamentswahl im Sudan 1965 beteiligt.