mini|Willkommensgrüße für den Wahlsieger Chen Shui-bian an einem Tempel in seiner Heimatgemeinde Guantian
Die Präsidentenwahl in der Republik China 2004 fand am 20. März 2004 statt. Sie war die 11. Präsidentenwahl seit 1947 und die dritte direkte Wahl eines Präsidenten in der Republik China auf Taiwan. Hauptkontrahenten waren der amtierende Präsident Chen Shui-bian und die Vizepräsidentin Annette Lu als Spitzenkandidaten der Demokratischen Fortschrittspartei (DPP) auf der einen Seite und der Kuomintang (KMT)-Vorsitzende Lien Chan mit dem Vorsitzenden der Qinmindang James Soong auf der anderen Seite. Die Wahl wurde mit einem Vorsprung von 0,22 % der Stimmen sehr knapp von den Kandidaten der DPP gewonnen.
Am Wahltag wurde auch ein Referendum über die Beziehungen zur Volksrepublik China abgehalten.
Wahlkampf mini|Anhänger der pan-blauen Koalition schwenken die Kuomintang-Fahne Im Februar 2003 einigten sich die Kuomintang und die Qinmindang (chin. 親民黨, engl. People First Party, PFP) auf die Bildung einer gemeinsamen Wahlkampfplattform für die kommende Präsidentschaftswahl. Als Kandidat für die Präsidentschaft wurde Lien Chan von der KMT und als Kandidat für die Vizepräsidentschaft James Soong von der Qinmindang aufgestellt. Dies geschah vor dem Hintergrund der Erfahrungen der Wahl im Jahr 2000, bei der beide Bewerber getrennt angetreten waren und durch den Kandidaten der DPP Chen Shui-bian überraschend geschlagen worden waren. Zusammen hatten beide damals jedoch fast 60 Prozent der Stimmen erzielt.
Am 11. November 2003 nominierte Präsident Chen Shui-Bian offiziell erneut Annette Lu als Kandidatin für das Vizepräsidentenamt, nachdem es im Vorfeld deshalb innerparteiliche Diskussionen gegeben hatte. Beide wurden im Wahlkampf durch die pan-grüne Koalition unterstützt.
Im Wahlkampf spielte wie immer der politische Status der Republik China eine wichtige Rolle. Die KMT-geführte pan-blaue Koalition betonte die chinesischen Wurzeln Taiwans, sprach sich jedoch entschieden gegen die von der Volksrepublik China vorgeschlagene Einheit unter dem Motto „Ein Land, zwei Systeme“ aus. Die pan-grüne Koalition betonte die Nationalinteressen Taiwans als separater, von China unabhängiger Staat und warf der KMT den Ausverkauf der Interessen Taiwans an die Volksrepublik China vor. Im Verlauf des Wahlkampfs kam es zu zahlreichen persönlichen Angriffen. Beide Kandidaten und Koalitionen bezichtigten sich gegenseitig der Korruption, der Vetternwirtschaft sowie der Inkompetenz. Anfänglich lag die pan-blaue-Koalition in der öffentlichen Meinung in Führung, jedoch begann sich die Stimmung spätestens nach der von der pan-grünen Koalition organisierten Massendemonstration, der 228-Hand-in-Hand-Kundgebung am 28. Februar 2004, zu wenden. Am 19. März 2004, dem Vortag der Wahl, kam es bei einer Wahlkampfveranstaltung in Tainan zu einem Schusswaffenattentat auf den Präsidenten und die Vizepräsidentin, bei der beide leicht verletzt wurden. Die Hintergründe konnten nicht eindeutig geklärt werden, vermutlich handelte es sich um einen Einzeltäter. Von KMT-Anhängern wurde schon kurz nach dem Vorfall spekuliert, dass das Ereignis inszeniert worden sein könnte, um dem DPP-Präsidenten Sympathiestimmen zu verschaffen. Dabei wurde auf angebliche Ungereimtheiten verwiesen. Der verletzte Präsident war unter anderem nicht in das nächstgelegene, sondern in ein weiter entferntes Krankenhaus gebracht worden. Der ganze Vorfall war zudem auf keiner Kameraaufnahme gut dokumentiert worden und ein auf den ersten Aufnahmen sichtbarer, mutmaßlicher Blutfleck war auf der Kleidung des Präsidenten bei seiner Ankunft im Krankenhaus nicht mehr zu sehen. Diese Vorwürfe wurden von den Anhängern der pan-grünen Koalition heftig zurückgewiesen und auch von unabhängigen Beobachtern als nicht plausibel bewertet.
Eine gewisse Rolle spielte auch der Ausbruch der SARS-Epidemie. Taiwan war ab März/April 2003 von SARS-Krankheitsausbrüchen betroffen. Epidemiologische Analysen zeigten, dass der Ursprung der Epidemie in Südchina lag, von wo sie nach Taiwan übergegriffen hatte. Dadurch fühlten sich Teile der taiwanischen Öffentlichkeit in ihrer Auffassung von den „schlechten Auswirkungen“ eines verstärkten Kontakts zu Festlandchina bestätigt. Hinzu kam, dass die Volksrepublik China das Ersuchen der Regierung Taiwans um einen Beobachter-Status bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) blockierte. Die taiwanische Regierung hatte angeboten, SARS-Experten zu einem Treffen der WHO zu entsenden, was auf den Widerstand der Volksrepublik stieß. Präsident Chen beklagte sich daraufhin öffentlich, dass Taiwan in der SARS-Frage nicht isoliert gelassen werden dürfe und erhielt Unterstützung vom US-Repräsentantenhaus, das eine entsprechende Resolution verabschiedete. Dies trug zur Popularität Chens in Taiwan bei.John F. Copper: Taiwan’s Presidential and Vice-Presidential election: Democracy’s consolidation or devolution? Maryland Series in Contemporary Asian Studies, 2004 (176) School of Law University of Maryland, ISBN 1-932330-06-2. PDF
Ergebnisse der Präsidentenwahl Der Wahltag verlief weitgehend ohne Zwischenfälle. Als sich am Wahlabend abzeichnete, dass die pan-grüne Koalition sehr knapp in Führung lag, gab der Spitzenkandidat der KMT eine Erklärung ab, in der er die Wahlen als „unfair“ bezeichnete. Außerdem forderte er eine unabhängige Untersuchung des Attentats vom Vortag, das er als undurchsichtig und verdächtig bezeichnete. In den folgenden Tagen kam es zu Massendemonstrationen von KMT-Anhängern. Schließlich einigten sich beide Seiten auf eine erneute Auszählung der fraglichen Stimmbezirke unter unabhängiger Kontrolle. Diese fand vom 10. bis 18. Mai 2004 statt. Im Endergebnis blieb es beim Wahlsieg Chen Shui-bians. Allerdings war dessen Vorsprung von 29.518 Stimmen bei der ersten Auszählung auf 25.563 Stimmen bei der zweiten Auszählung geschrumpft.
Landesweite Ergebnisse mini|Grafische Darstellung der Mehrheitsverhältnisse Die Tabelle zeigt die Ergebnisse nach der ersten Auszählung der Stimmen. Kandidaten (Präsident und Vize) Partei Wahlbezirke Stimmen Prozent Chen Shui-bian (陳水扁),Annette Lu (呂秀蓮) DPP 11 6.471.970 50,11 % Lien Chan (連戰),James Soong (宋楚瑜) Kuomintang 14 6.442.452 49,89 %Gesamt2512.914.422100,0 % Die Wahlbeteiligung betrug 80,28 %, von den insgesamt abgegebenen 13.251.719 Stimmen wurden 337.297 (2,5 %) als ungültig gewertet.
Ergebnisse nach Wahlbezirken Die folgende Tabelle zeigt die Ergebnisse in den 18 Landkreisen und sieben kreisfreien bzw. regierungsunmittelbaren Städten. Die Stimmen- und Prozentzahl des Gewinners ist jeweils rot markiert. Typisch für die taiwanesische politische Szenerie ist die Verteilung der Mehrheiten. Die DPP besitzt ihre politischen Schwerpunkte im Süden des Landes, die KMT im Norden und Osten. Den höchsten Stimmenanteil für die KMT gab es auf den nahe der Volksrepublik China gelegenen Matsu-Inseln und Kinmen, deren Bewohner einen Konflikt mit der Volksrepublik China aufgrund der auf die Unabhängigkeit Taiwans zielenden Politik einer DPP-geführten Regierung fürchten.
Wahlbezirk Chen・Lu Lien・SoongUngültigeStimmenWahl-enthaltung Stimmen % Stimmen %Taipeh Stadt 690.379 43,47 % 897.870 56,53 % 30.789 207.491Landkreis Taipeh 1.000.265 46,94 % 1.130.615 53,06 % 52.948 130.350Keelung Stadt 90.276 40,56 % 132.289 59,44 % 4.996 42.013Landkreis Yilan 147.848 57,71 % 108.361 42,39 % 8.885 39.487Landkreis Taoyuan 448.770 44,68 % 555.688 55,32 % 30.838 106.918Landkreis Hsinchu 92.576 35,93 % 165.027 64,07 % 6.737 72.451Hsinchu Stadt 96.818 44,88 % 118.924 55,12 % 5.143 22.106Landkreis Miaoli 123.427 39,24 % 191.059 60,76 % 10.868 67.632Landkreis Taichung 440.479 51,79 % 410.082 48,21 % 27.270 30.397Taichung Stadt 267.095 47,34 % 297.098 52,66 % 10.566 30.003Landkreis Changhua 383.296 52,26 % 350.128 47,74 % 26.288 33.168Landkreis Nantou 146.415 48,75 % 153.913 51,25 % 8.784 7.498Landkreis Yunlin 243.129 60,32 % 159.906 39,68 % 16.748 83.223Landkreis Chiayi 199.466 62,79 % 118.189 37,21 % 11.554 81.277Chiayi Stadt 85.702 56,06 % 67.176 43,94 % 2.905 18.526Landkreis Tainan 421.927 64,79 % 229.284 35,21 % 19.313 192.643Tainan Stadt 251.397 57,77 % 183.786 42,23 % 8.247 67.611Kaohsiung Stadt 500.304 55,64 % 398.769 44,37 % 15.012 101.535Landkreis Kaohsiung 425.265 58,40 % 302.937 41,60 % 21.903 122.328Landkreis Pingtung 299.321 58,11 % 215.796 41,89 % 13.385 83.525Landkreis Hualien 53.501 29,79 % 126.041 70,21 % 4.523 72.540Landkreis Taitung 40.203 34,48 % 76.382 65,32 % 3.198 36.179Landkreis Penghu 22.162 49,47 % 22.639 50,53 % 1.213 477Kinmen 1.701 6,45 % 26.433 93,54 % 1.069 24.732Matsu-Inseln 248 5,76 % 4.060 94,24 % 117 3.812
Wahlkarten
Ergebnisse des Referendums Im Jahr 2003 verabschiedete der Legislativ-Yuan ein Gesetz, das erstmals die Abhaltung von Volksabstimmungen (Referenden) ermöglichte. Auf Initiative der regierenden DPP wurde ein Referendumsentwurf mit zwei Fragen eingebracht. Bei der ersten ging es darum, ob die taiwanesische Regierung ermächtigt werden sollte Raketenabwehrsysteme zu installieren, um damit der Bedrohung durch die Raketensysteme der Volksrepublik China auf der anderen Seite der Taiwanstraße entgegenzutreten:
Die zweite Frage war, ob Verhandlungen mit der Volksrepublik China aufgenommen werden sollten, um ein „Friedens- und Stabilitätsnetzwerk“ im gegenseitigen Interesse aufzubauen
Von Seiten der oppositionellen pan-blauen Koalition wurde Wahlenthaltung empfohlen. Es wurde ganz überwiegend mit „Ja“ abgestimmt, jedoch wurde die erforderliche Beteiligung von 50 Prozent nicht erreicht, die Ergebnisse der beiden Abstimmungen waren damit nicht verbindlich. Referendum -Stimmen(in %) -Stimmen(in %) Ungültige Stimmen(in %) Wahlbeteiligung(in %) Frage 1 (Raketenabwehr) 6.511.216(91,8 %) 581.413(8,2 %) 359.711(4,8 %) 45,2 % Frage 2 („Friedens- und Stabilitätnetzwerk“) 6.319.663(92,1 %) 545.911(8,0 %) 578.574(7,8 %) 45,1 %
Weblinks
Offizielle Ergebnisse in Kurzform Ergebnisse bei der Zentralen Wahlkommission Taiwans (chinesisch)
Literatur Tana AC, Wu J-d The presidential election in Taiwan, March 2004. Electoral Studies 24(3), September 2005, S. 519–524 doi:10.1016/j.electstud.2005.01.003
Einzelnachweise
#2004 China #Republik