mini|Belagerung Magdeburgs 1551 Unseres Herrgotts Kanzlei ist der Titel eines 1862in Westermanns Jahrbuch der illustrierten deutschen Monatshefte, 11, Nr. 63–66, und als Buch, Braunschweig 1862. publizierten historischen Romans„Eine Erzählung“ als Untertitel von Wilhelm Raabe. Die Handlung spielt zur Zeit der Religionskriege und handelt vom Freiheitskampf der Magdeburger Bürger gegen die kaiserlichen Truppen vom September 1550 bis zum November 1551. Verbunden mit der Kriegshandlung ist die Liebesgeschichte des Ratmannssohns Markus Horn und der Buchdruckertochter Regina Lotther und ihre Auseinandersetzung mit den Vorstellungen ihrer Väter.

Der Titel bezieht sich auf den seit 1524 gebräuchlichen Ehrennamen Unseres Herrgotts Kanzlei der protestantischen Stadt Magdeburg.

Inhalt Vorgeschichte Die Vorgeschichte wird immer wieder in Gesprächen der Personen oder Informationen des auktorialen Erzählers in die Handlung eingeblendet, z. B. im 6. Kap.: Markus, der 1523 geborene Sohn des Magdeburger Ratmanns Ludolf Horn, und Regina, die acht Jahre jüngere Tochter des Buchdruckers Lotther, sind als Nachbarskinder miteinander befreundet, doch bricht ihr Kontakt ab, als Markus, wie er im 4. Kp. seinem Jugendfreund erzählt, ab 1545 die Universitäten Wittenberg und Leipzig besucht, wo er 1547 das Studium mit dem Magister-Titel abschließt. Zu dieser Zeit wird Leipzig während des Schmalkaldischen Krieges zwei Wochen lang durch die Truppen des auf der protestantischen Seite kämpfenden Kurfürsten Johann Friedrich erfolglos belagert. Markus verteidigt mit Soldaten des Kurfürst Moritz die Stadt, gewinnt Gefallen an dem abenteuerlichen Leben, wird Söldner des Sachsen-Fürsten und kämpft in der Mühlberg gegen den Bund. Als sein strenger Vater davon erfährt, sieht er dies als Verrat am Protestantismus an und bricht mit dem Sohn. Markus verdingt sich dann bei verschiedenen Fürsten: beim dänischen König, in Böhmen, beim Grafen von Oldenburg und steht zuletzt bei Herzog Heinrich dem Jüngern bei der Belagerung Braunschweigs im Dienst. Nach Ende des Kampfes will Herzog Georg zu Mecklenburg die entlassenen Söldner übernehmen, um gegen Magdeburg zu ziehen, aber Markus wechselt das politische Lager und will bei der Verteidigung seiner Heimatstadt helfen. Inzwischen wirbt der in die Stadt gezogene Leutnant Adam Xaver Schwartze, ein Landsknechtführer aus Bamberg, um die 19-jährige Regina und ihr Vater, der sich einen Soldaten zum Schwiegersohn wünscht, sympathisiert mit ihm.

Die militärische Situation Magdeburgs hat sich nach dem Sieg des Kaisers über den protestantischen Fürstenbundes im Schmalkaldischen Krieg verschlechtert. Kaiser Karl V. setzt auf dem Augsburger Reichstag 1548 eine Verordnung durch, Interim genannt, welche die teilweise Rücknahme der Reformation zum Ziel hat. Die Stadt ist Zufluchtsort vieler Verfolgter und hinter ihren Wällen finden auch geächtete Adlige Schutz, wie Graf von Mansfeld, Herr von Heideck und Herr Kaspar Pflugk. Wie viele andere Reichsstädte widersetzt sich das bereits drei Jahre zuvor mit der Acht belegte protestantische Magdeburg der Anordnung und soll durch die Belagerung zum Nachgeben gezwungen werden, was u. a. eine Zensur der Gottesdienste und des Buchdrucks, z. B. ein Verbot, Streitschriften zu publizieren, bedeutet. Herzog Georg (Jürgen) zu Mecklenburg übernimmt diese Aufgabe, die „Acht“ zu vollstrecken. Am 14. September 1550 rückt der „wilde“ Herzog Georg zu Mecklenburg in das Stift Halberstadt ein und zieht weiter in das Erzstift Magdeburg. „Unser Herrn Gottes Kanzlei“ Magdeburg Raabes Roman beginnt am 14. September 1550 mit der Rückkehr des für tot gehaltenen Markus Horn und anderer Magdeburger Söldner in ihre Heimatstadt. Dort haben bereits die Maßnahmen zur Verteidigung der Stadt begonnen. Die Verantwortlichen sind sich einig „das Panier deutscher Gedankenfreiheit“ hochzuhalten: „Überall im Reich wurden die Druckereien, welche wider das Interim gewirkt hatten, gesperrt, überall wurde das freie Wort und der freie Gedanke mit aller Macht in Banden gelegt, und das neue Religionsgesetz mit Gewalt eingeführt.“ Deshalb nennen sie „die Stadt Magdeburg Unser Herrn Gottes Kanzlei“.Wilhelm Raabe: Unseres Herrgotts Kanzlei. Greutzsche Verlagsbuchhandlung, 5. Auflage, Magdeburg 1903, 2. Kap., S. 39.

Bei seiner Rückkehr ins Elternhaus (Kap. 3) wird der wegen seines Kampfes gegen die protestantischen Fürsten „verlorene Sohn“ vom „eisenherzigen“ Vater zum Kummer seiner Frau und Reginas aus dem „Haus des Zorns“ gejagt, ohne dass er seinen Irrtum und seine Umkehr erklären kann. Vergeblich ruft Lotther seinen dogmatischen Nachbarn mit dem Hinweise auf das biblische Gleichnis zur Versöhnung auf.

Auf dem Weg durch die Stadt begegnet Markus seinem Jugendfreund Christof, dem Sohn des Bürgermeisters Heine Alemann und Fähnrich der städtischen Reiterei (4. Kap.). Markus bereut ihm gegenüber, bei Mühlberg auf der falschen Seite gestanden zu haben, und will jetzt seine Stadt gegen die Angreifer verteidigen. Der Freund stellt ihn seinem Hauptmann Johann von Kindelbrück vor und dieser bürgt bei Oberst Ebeling Alemann für ihn. Markus wird als Rottmeister angestellt und wirbt Männer an, die er von der Braunschweiger Belagerung her als vertrauenswürdig ansieht und die als Söhne der Stadt sehr motiviert sind (5. Kap.). Bei seiner Aktion konkurriert Markus erfolgreich mit dem im Dienst der Stadt stehenden elsässischen Hauptmann Springer und seinem Leutnant Adam Xaver Schwartze aus Bamberg, die ihren Trupp aus dem unzuverlässigen und wankelmütigen „Lumpenvolk“ rekrutieren. Schwartze ist auch privat Markus’ Rivale, denn er bemüht sich um Regina, die jedoch Markus liebt und dieser verliebt sich nach seiner Rückkehr sofort in die während seiner dreijährigen Abwesenheit zu einer jungen Frau herangewachsenen Kinderfreundin. Wegen seines Konfliktes mit seinem Vater und seiner Versäumnisse, Kontakt mit den Eltern zu halten, hat er jedoch Hemmungen, die Einladung Lotthers, der zwischen Vater und Sohn vermitteln will, in sein Haus anzunehmen und sich Regina zu erklären (4. Kap.). Schlacht an der Ohre Herzog Jürgen (Georg) dringt mit seiner Truppe in das Magdeburger Umland ein. In der Stadt Zuflucht suchende Bauernfamilien berichten, dass die Söldner die Dörfer und Städte plündern und in Brand setzen, die Männer töten und die Frauen vergewaltigen und dass sie dies auch in Magdeburg vorhaben. Der Magistrat berät über eine Strategie. Während einige Ratsherren auf die Verteidigung der befestigen Stadt setzen, plädiert eine Mehrheit unter dem Druck der Bevölkerung für eine Feldschlacht, um den Gegner am Vorrücken zu hindern.

Am 21. September (6. Kp.) ziehen einige Verbände mit ihren Versorgungswagen, von weinenden Frauen beklagt und der Siegeszuversicht des Volkes begleitet, aus der Stadt ins Vorland. Es sind die Fähnlein der Hauptmänner Kindelbrück, Galle von Fullendorf und Springer, unter ihnen Markus und Schwartze. Auch Männer der Bürgerwehr wie der ergraute Buchdrucker Lotther sind dabei. Während die zurückgebliebenen Magdeburger auf Nachrichten warten, hören sie in den Kirchen die Predigten der von der Richtigkeit der Lehre Luthers überzeugten Pfarrer an und beten für ihre Soldaten. Für den Rottmeister Markus ist der Kampf die erste Bewährungsprobe, aber er ist wegen der geringen Aussicht auf privates Glück deprimiert (7. Kap): „Nun war alles übrige grau, öde, leer wie diese graue kalte Herbstnacht“ Er fühlt sich in der „Nacht vor dem blutigen Kampfe mit dem seiner Heimatstadt drohenden Feinde, heimatlos, ziellos, zwecklos, unnütz, überflüssig“.Wilhelm Raabe: Unseres Herrgotts Kanzlei. Greutzsche Verlagsbuchhandlung, 5. Auflage, Magdeburg 1903, 7. Kap., S. 140.

Das Magdeburger Heer übernachtet im verbündeten befestigten Marktflecken Wolmirstädt und die Heerführer beraten über die weitere Strategie (7. Kap). Bürgermeister Gregorius Guerike spricht sich für einen Überraschungsangriff auf das feindliche Lager im Kloster Hillersleben in den frühen Morgenstunden aus. Hauptmann Springer warnt davor, wegen der angeblichen Unzuverlässigkeit der Bauernsoldaten. Er ist für die Errichtung einer Wagenburg und eine Feldschlacht und setzt dies durch.

In einem Gespräch des Elsässers Springer mit seinem Leutnant Schwartze aus Bamberg (7. Kap.) wird deren Einstellung zum Krieg und deren Plan deutlich. Sie stehen zwar im magdeburgischen Dienst, sind aber wie viele Landsknechte nicht von der protestantischen Lehre überzeugt. Söldner schließen sich oft, in oder nach der Schlacht, dem jeweiligen Sieger an oder werden ab- oder angeworben. Springer schätzt die Truppe des Gegners stärker als die eigenen Fähnlein ein und plant bei der kommenden Feldschlacht zum Mecklenburger Herzog zu wechseln, um als Lohn dafür bei ihm Karriere zu machen. Schwartze überzeugt dagegen seinen Hauptmann davon, dieses Risiko jetzt noch nicht einzugehen, da Magdeburg stark befestigt und die Situation auch nach einer ersten Niederlage im Feld noch offen sei. Er schlägt vor, dass sie sich in der kommenden Schlacht zurückhalten und die Entwicklung abwarten und erst nach der Kapitulation der Stadt die Seiten wechseln. Diesen Plan verbindet er mit seinem privaten Interesse an Regina. Auf seinen Wunsch positioniert Springer seinen Rivalen Markus mit seiner Rotte an der gefährlichsten Stelle der Wagenburg.

Am nächsten Tag erweist sie die Strategie der Magdeburger als falsch und sie verlieren den Kampf (Kap. 8): Die Mecklenburger Reiter umkreisen mit dem unbarmherzigen Ruf: „Schlage Bürger tot! Schlage Bauer tot! Lass Landsknecht leben!“ die Wagenburg, das Magdeburger Heer der Bürger, Bauern und Landsknechte sitzt in der Falle, verliert viele Soldaten, und nach einer halben Stunde ist die Schlacht vorbei. Springer ruft zum Rückzug auf und die Überlebenden fliehen. Markus bleibt jedoch an seinem Platz und kämpft in der Verzweiflung über seine private Situation todesmutig. Er rettet zusammen mit Christof Alemann den von einem Hellebardenhieb schwer verletzten Lotther und bringt ihn in die Stadt zurück. In dieser Situation versöhnt er sich mit seiner Mutter, die zusammen mit Regina und den anderen Bewohnern den ganzen Tag auf eine Nachricht von ihren Soldaten gewartet hat. (Kap. 9). Die Rüstungen der Geschlagenen tragen böse Kampfspuren. Mancher hat die Waffe im Feld gelassen. Springer und Schwartze – von den daheim gebliebenen Magdeburgern misstrauisch beäugt – kehren jedoch unversehrt und voll bewaffnet zurück.

Springer ist nach der Niederlage an der Ohre in einer schwierigen Lage und sucht Zuflucht im Alkoholrausch, aber die Stadtregierung braucht ihn als Heerführer. Durch Anspielungen in Buß- und Trauerpredigten auf seinen unsoliden Lebenswandel, seine Alkoholabhängigkeit und seine Beziehung zur Kurtisane Johanna von Gent, unter Druck gesetzt, plant er wiederholt mit seiner Geliebten die Flucht aus der Stadt, er wird aber von Schwartze, der andere Interessen verfolgt, zurückgehalten. Andererseits spricht Springer seinem Leutnant Mut zu: Die lutherischen Magdeburger Rebellen sollen Gewinn bringend verraten werden.

Markus wird jetzt, während der Belagerung im November, anstelle von Schwartze, Lotthers Vertrauter, ist aber Regina gegenüber befangen und vermeidet eine Annäherung. Er darf nach bestandener Feuerprobe zwar wieder das Elternhaus betreten, wird jedoch von seinem Vater kalt behandelt. Lotther kritisiert seinen hartherzigen Nachbarn, weil er dem tapferen Sohn Markus immer noch nicht verziehen hat, und Regina leidet mit Markus unter dieser Situation, ist jedoch als Tochter zum Gehorsam und Schweigen erzogen worden.

Regina mini|Magdeburg, die Stadt mit der Jungfrau im Wappen