mini|hochkant=1.0|Margaret Roper, Detail einer Kopie einer Zeichnung von Hans Holbein, um 1527 Margaret Roper geborene More und genannt auch Margaret More Roper und Margaret More-Roper (* 1505 in Cheapside, London; † Dezember 1544 in Chelsea, London) war eine englische Übersetzerin und eine der ersten Gelehrten Großbritanniens. Von ihrem Vater, dem Humanisten Thomas More, in den gleichen Fächern unterrichtet wie ihr Bruder, galt sie als eine der gebildetsten Frauen Europas. Sie war ab 1521 verheiratet mit dem Juristen und Biografen William Roper und stand in regem Briefwechsel mit ihrem Vater sowie mit dessen bestem Freund Erasmus von Rotterdam, dessen Vaterunser-Kommentar sie übersetzte. Nachdem ihr Vater auf Befehl Heinrichs VIII. hingerichtet worden war, gelang es ihr, die Schriften und Briefe, die er während seiner Gefangenschaft verfasst hatte, zu sichern und für die Nachwelt aufzubewahren.
Leben Geburt und Kindheit
Margaret More-Roper wurde im Jahr 1505 als erste Tochter von Thomas More und Joan Colt in Bucklersbury, Cheapside, geboren. Kurz nach ihrer Entwöhnung wurde Margaret Giggs, die gleichaltrige Tochter einer verstorbenen Freundin der Familie, als Ziehtochter aufgenommen. Sie wurde Margarets engste Freundin. Auch leibliche Geschwister folgten bald. 1506 wurde Elizabeth († 1564) geboren, ein Jahr später eine weitere Schwester namens Cecily. 1509 erblickte schließlich ihr Bruder John († 1564) das Licht der Welt. Nach dem Tod ihrer Mutter im Jahre 1511 heiratete ihr Vater innerhalb eines Monats die Witwe Alice Middleton, die eine Tochter Alice, sechs Jahre älter als Margaret, mit in die Ehe brachte. Gemeinsame Kinder entsprangen dieser Ehe nicht mehr.
Schon im frühen Kindesalter kam die junge Margaret mit europäischen Humanisten in Berührung. Erasmus von Rotterdam, ein Freund ihres Vaters, war anlässlich der Krönung Heinrichs VIII. eine Weile zu Gast bei der Familie More. Über die Jahre hinweg entwickelte sich zwischen ihm und Margaret eine Freundschaft. Für ihn war ihre Entwicklung besonders interessant. Während Thomas More den Ideen Platons, Frauen ebenfalls Bildung zukommen zu lassen, offen gegenüberstand, blieb Erasmus skeptisch. Aus seiner Sicht war Ausbildung für eine Frau allenfalls eine Möglichkeit des Zeitvertreibs, wie Musik und Handarbeiten.
Unterricht und Ausbildung
Ungefähr 1516 begann John Clement, ein Page und Sekretär Thomas Mores, in London als Lehrer an Mores Privatschule (bezeichnet als „platonisch-christliche Akademie“) zu unterrichten. Zu seinen Schülern gehörten auch Margaret und ihre Geschwister, denen er Griechisch und Latein beibrachte. Als Kardinal Wolsey Clement eine Stelle als Dozent in Oxford verschaffte, fand Thomas More einen neuen Lehrer für seine Kinder in dem Cambridgedozenten William Gonnell. Margaret stellte sich rasch als begabte und ehrgeizige Schülerin heraus. In einem Brief an seine Tochter schrieb More:
mini|hochkant=1.0|Cecily und Margaret bei ihren Studien
Der Lehrplan der Kinder bestand zunächst in der Lektüre der Bibel und den Schriften der Kirchenväter. Täglich wurde Margaret in Lateinübersetzungen geschult, sowie in Poesie und dem Schreiben von Aufsätzen, teilweise auch in Latein. Da ihr Vater 1518 eine Stelle als königlicher Berater angenommen hatte, war er für längere Perioden nicht zu Hause, was Gonnell dazu nutzte, Margaret und ihre Geschwister zum Briefeschreiben zu ermutigen, um ihren Ausdruck und Stil zu schulen. Durch allmählich komplexere Autoren wie Sallust und anspruchsvollere Bibelstellen wurden Margarets schriftliche Lateinkenntnisse bald so ausgezeichnet, dass ihr Vater ihr voll des Lobes schrieb:
Ab ca. 1521 wurde Margaret auch in Mathematik, Geographie und Astronomie, etwa durch Nicolaus Kratzer, unterrichtet. Dennoch gab es zwischen der Ausbildung der Schwestern und des Bruders einen entscheidenden Unterschied. John wurde auch in Rhetorik unterrichtet, um aus dem Stegreif Reden halten zu können, was für Frauen als unschicklich galt. Die Mädchen lernten stattdessen Musik und Handarbeiten. Für den Vater stellte die Bildung einer Frau eine Möglichkeit dar, ihr zu mehr Besonnenheit und Tugend zu verhelfen. Mehr Selbstständigkeit und öffentliche Anerkennung für gelehrte Frauen hingegen waren keineswegs sein Ziel. Diese Haltung wurde offensichtlich, als Margaret mit dem Gedanken spielte, eines Tages selbst ein Buch zu veröffentlichen. Für More war dieser Plan ein Ausdruck von Eitelkeit und Arroganz, hart an der Grenze zur Unsittlichkeit. Eine Frau sollte ihre Bildung vertiefen, um sich geistig weiterzuentwickeln, nicht um in der Öffentlichkeit damit zu prahlen. Lediglich ihr engster Familienkreis sollte in den Genuss ihrer Werke kommen. Solange sie unter der Vormundschaft ihres Vaters stand, musste Margaret daher ihre literarischen Pläne und Ambitionen beiseitelegen.
Beziehung zu ihrem Vater
Trotz seiner Strenge bezüglich ihrer schriftstellerischen Ambitionen hatte Margaret ein sehr herzliches, inniges Verhältnis zu ihrem Vater. In seinen Briefen nannte er sie häufig „Meg“ oder „geliebte Tochter“ und er war voller Stolz und Rührung über ihre Fortschritte. Die Bildung seiner Töchter lag ihm am Herzen.
mini|Die Familie des Thomas Morus, Zeichnung von Hans Holbein d. J., um 1527 Ihre beachtlichen Leistungen machten Thomas More so stolz, dass er auf wenngleich sehr subtile Art vor seinen Freunden mit seiner gescheiten Tochter prahlte. Eine Methode war, im Gespräch mit Freunden „zufällig“ einen Brief von Margaret zu finden und ihn dem Freund zu zeigen. Auf diese Weise gelangten Margarets Schriften u. a. auch in die Hände von Reginald Pole, der sich von More kaum überzeugen lassen wollte, dass eine junge Frau etwas Derartiges ohne die Hilfe eines Lehrers geschrieben hatte.
Wie sehr More seine älteste Tochter am Herzen lag, zeigte sich an seiner Reaktion, als sie schwer krank wurde. Im Jahr 1528 suchte der Englische Schweiß das Land heim und forderte unzählige Todesopfer. Auch Margaret Roper blieb nicht von der Krankheit verschont. Es war bereits bekannt, dass Patienten, die im Verlauf der Krankheit einschliefen, letztendlich sterben würden, weshalb die Ärzte versuchten, sie wach zu halten. Doch Margarets Zustand verschlechterte sich zusehends und ihr Vater betete verzweifelt für ihr Leben. Margarets Ehemann William Roper schrieb in seiner Biografie Life of Sir Thomas More:
Im Laufe der Zeit wurde Margaret zur engsten Vertrauten ihres Vaters. Sie war eine der wenigen Menschen, die wussten, dass er ein Cilicium trug, ein Umstand, den er lange Zeit auch vor seiner zweiten Ehefrau geheim hielt. Laut William Ropers Biografie Thomas Mores war Margaret diejenige, der ihr Vater das Cilicium zum Waschen anvertraute. Einmal, so Roper, hatte Mores Mündel und zukünftige Schwiegertochter Anne Cresacre ihn das Cilicium tragen sehen, was sie zum Lachen brachte. Margaret, die davon erfuhr, erzählte es ihrem Vater unter vier Augen, der daraufhin sorgfältig darauf achtete, es niemanden mehr sehen zu lassen. Kurz vor seiner Hinrichtung sandte er es ihr, damit es auf dem Schafott niemand sah.
Ehe mit William Roper mini|hochkant=1.0|William Roper, von Hans Holbein Im Sommer 1521 wurde Margaret More im Alter von 16 Jahren in der Kirche St. Stephen Walbrook mit dem Juristen William Roper verheiratet, dem ältesten Sohn eines Bekannten ihres Vaters. Die Eheleute kannten sich bereits vor ihrer Verheiratung, da Roper als Margarets Mitschüler in ihrem Elternhaus wohnte. Über die Mitgift konnten sich beide Familien lange nicht einigen, bis More schließlich einen Vorschlag machte, den alle akzeptabel fanden. Margaret und William Roper erhielten für fünf Jahre freie Kost und Logis in Bucklersbury und die Mitgift, zusammen mit Margarets Ländereien, würde zu einem späteren Zeitpunkt ausgezahlt werden. Es ist wahrscheinlich, dass William Roper von nun an zusammen mit seiner Frau Thomas Mores „Schule“ besuchte, denn Thomas More schrieb an Margaret: „Ich freue mich, dass dein Mann dieselben Studien aufgenommen hat wie du. Ich werde mich stets bemühen, dich zu überzeugen, ihm in allem nachzugeben, jetzt allerdings gebe ich dir meine ausdrückliche Erlaubnis, ihn in Astronomie zu überflügeln!“
Die Ehe mit William Roper sollte sich streckenweise recht turbulent gestalten. William lag in einem langen Rechtsstreit mit seinem Vater, der wenig Interesse zeigte, seinem ältesten Sohn seinen gesamten Besitz zu vermachen. Zusätzlich begann William Roper ein steigendes Interesse an der Reformation und den Ideen Martin Luthers zu entwickeln. Pikanterweise hatte Thomas More im Namen des Königs eine Schmähschrift gegen Luther verfasst und verachtete die Reformatoren als Ketzer. Es gelang More allerdings nicht, seinen Schwiegersohn zu überzeugen. Möglicherweise war es Margarets Einfluss, der ihren Mann dazu bewog, sich wieder dem Katholizismus zuzuwenden. 1529 waren ihr Vater und William Roper offenbar wieder versöhnt, denn Thomas More, nun Lordkanzler von England, verschaffte William einen Sitz im Parlament.
Eine der gebildetsten Frauen Europas
Auch als verheiratete Frau hielt Margaret den Briefkontakt zu Erasmus aufrecht. Aus dieser Zeit stammt die Anekdote, die Erasmus dazu bewog, sie als eine der gebildetsten Frauen Europas zu bezeichnen. Während der Lektüre von Cyprians Briefen, die Erasmus ediert hatte, fiel Margaret ein Fehler bei Erasmus auf, der die Bedeutung eines Satzes gravierend änderte. Gleichzeitig stellte sie fest, dass der betreffende Brief in Wahrheit nicht von Cyprian, sondern von dem Ketzer und Schismatiker Novatian stammte. Erasmus, etwas verlegen wegen seines Fehlers, war zutiefst beeindruckt von Margarets Fähigkeiten und schrieb zu ihrem Lob einen lateinischen Dialog, in dem eine gelehrte Magdalia einen törichten Abt namens Antronius der Dummheit und Inkompetenz überführt.
Ein weiterer Bekannter Margarets war Juan Luis Vives, der später im Auftrag der Königin Katharina von Aragón ein bedeutendes Werk über die Bildung von Frauen und ein Lehrbuch für die junge Prinzessin Maria veröffentlichen sollte.
Im Jahr 1525 wurden Margaret Roper und ihre Schwestern Elizabeth und Cecily zum ersten und einzigen Mal an den königlichen Hof eingeladen, um dort die Weihnachtsfeiertage zu verbringen. Tatsächlich aber sollten sie ihre Talente unter Beweis stellen, da der König stets an Bildung interessiert war. Sein illegitimer Sohn Henry Fitzroy wurde bereits in Latein unterwiesen und es stellte sich die Frage, ob er auch Griechisch lernen sollte. Da die Schwestern von klein auf in dieser Sprache unterrichtet worden waren, wollte Heinrich VIII. sich selbst überzeugen, ob Griechisch tatsächlich geeignet war, den jungen Verstand zu schärfen. Vor dem königlichen Hof disputierten Margaret, Cecily und Elizabeth und präsentierten ihre Argumente zu verschiedenen kniffligen Rechtsfällen, in denen sie für verschiedene Seiten eintraten. Ein Zeitgenosse, der Margarets Notizen sah, erklärte: „Je schwieriger eine solche Verteidigung ist, desto größer die Macht ihrer Beredsamkeit und ihres Witzes.“
Veröffentlichung als Übersetzerin, Briefe
mini|hochkant=1.0|Titelblatt von Margaret Ropers Erasmus-Übersetzung A Devout Treatise upon the Pater Noster, London 1526