Architekturtheorie wird wie die Architektur selbst (Baukunst, Technik, Kultur, Umwelt etc.), in vier oder mehr übergeordnete Bereiche gegliedert.

So ist sie als Theorie des Faches Architektur eine theoretische Fundierung des Handelns und der Rolle der Architekten sowie der Inhalte und Ausdrucksformen der Architektur selbst. Von Vitruv, dem Verfasser des ältesten erhaltenen Traktats zur Architekturtheorie, über Leon Battista Alberti, Andrea Palladio und andere bis hin zu Gottfried Semper für die Neuzeit sowie den Architekten der Moderne, wie beispielsweise Le Corbusier, Frank Lloyd Wright, Walter Gropius, Mies van der Rohe über Louis I. Kahn, Denise Scott Brown und Robert Venturi und weitere, bis hin zu den Protagonisten der zeitgenössischen Architektur entwickelten Architekten architekturtheoretische Grundlagen für ihr Schaffen.

Als Theorie der Baukunst ist die Architekturtheorie Teilbereich der Kunstgeschichte und der „allgemeinen Kunsttheorie, der sie als Bestandteil angehört“.Hanno-Walter Kruft: Geschichte der Architekturtheorie, S. 12. Die Kunsthistoriker richten ihr Augenmerk dabei auf Architekturtraktate genauso wie auf fertiggestellte Bau-Kunstwerke und deren Einordnung in stilistische und kunsttheoretische, soziale und gesellschaftliche Zusammenhänge sowie auf Querverbindungen zu anderen Kunstgebieten.

Im Zentrum der Architekturtheorie als Reflexion über das Kulturphänomen Architektur mit all ihren Implikationen, als theoretische Auseinandersetzung über Inhalte und Ausdrucksformen ebenso wie über die Auswirkungen der Architektur auf die Kultur und das Leben der Menschen steht das Betrachten und Beurteilen von Konzepten oder umgesetzten Ergebnissen. Sie widmet sich der Architektur als Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher Prozesse.

Weiterhin gewinnt vor dem Hintergrund des Klimawandels auch der umwelttheoretische Aspekt der Architekturtheorie zunehmend an Bedeutung; relevant sind hier v. a. Gesichtspunkte der Umweltverträglichkeit bzw. Klimaneutralität der verwendeten Baustoffe bzw. von deren Herstellungsprozess oder auch die klimatischen Auswirkungen der Beheizungs- und Isolierungssysteme der jeweiligen Bauwerke.

Definitionen „Theorie der Architektur (ist) disziplinunabhängiges oder […] interdisziplinäres Nachdenken über Architektur, zudem Methodenreflektion, Wissenschafts- und Metatheorie der Architektur.“ (Selbstbeschreibung des Lehrstuhls für Architekturtheorie TU Cottbus)

Architekturtheorie fragt nach Ästhetik, Wesen und Bedeutung der Architektur, erforscht deren „ideen- und geistesgeschichtlichen Hintergründe“ und betreibt deren Einordnung in größere historische, kulturelle, soziale und künstlerische Zusammenhänge. Architekturtheorie ist „Teil [der] Kunstliteratur, die sich zwar mit Architektur [befasst], auch Aussagen zum Berufsbild des Architekten und zur Entwurfslehre [trifft], meist aber zunächst im Zusammenhang mit der allgemeinen Kunsttheorie und der Diskussion an den akademischen Institutionen zu begreifen [ist].“ (Zitate aus Selbstbeschreibung des Lehrstuhls der Architekturtheorie am Karlsruher Institut für Kunstgeschichte)

Architekturtheorie ist die „Theorie einer Handlungswissenschaft“, die „anders als naturwissenschaftliche Theorien, die provisorische Schneisen durch noch unerforschtes Gelände legen, […] auf Gründe, Haltungen und Weltanschauungen (verweist), welche das Handeln von Architekten motivieren und leiten.[…] Sie (betrachtet) die gebaute Wirklichkeit im Licht von Verfassererklärungen, Regeln, Traktaten, Dogmen und Doktrinen. Sie sucht auch dort nach Erklärungen und verborgenen Motiven, wo das Bauen scheinbar ganz ohne Theorie oder bekennende Autoren vonstatten geht.[…] Sie interessiert sich für Sachverhalte, die […] über den Horizont unmittelbarer und einmaliger Bezüge hinausführen. Sie fragt nach Ideen, Themen und Topoi, die im Verlauf der Geschichte entdeckt, vergessen und reaktiviert wurden.“ (Zitate aus Selbstbeschreibung des Lehrstuhls für Architekturtheorie RWTH Aachen)

Architekturtheorie ist „einerseits Reflexion der Architektur im Hinblick auf ihre Wirklichkeitspotenziale, das heißt in Hinblick auf ihr Gemachtwerden und Gemachtsein, also auf die praktische Umsetzung und Materialisierung architektonischer Ideen. In diesem Sinne ist Architekturtheorie eine praktische Ästhetik. Andererseits ist Architekturtheorie das kritische Nachdenken über die kulturelle Funktion der Architektur, also über ihre Möglichkeitsbedingungen im großen kulturellen Ganzen, besonders dort, wo sich dieses in einem ständigen Umbauprozess befindet. Wo es um die kulturellen Bedingungen für die Architektur geht, findet die Erweiterung der Architekturtheorie zur Philosophie der Architektur statt.“Jörg H. Gleiter: Architekturtheorie heute. S. 8.

„In der Architekturtheorie spielt die illustrierende Demonstration eine wesentliche Rolle. […] Es wäre möglich, eine begriffliche Definition von Architekturtheorie aufzustellen, die sich um Objektivität bemüht, doch läuft diese Gefahr, ahistorisch auszufallen, da sie von einer Konstanz des Begriffes ausgeht, die sie möglicherweise nicht besitzt. Die Kriterien für eine solche Definition bedürfen der historischen Legitimation, die immer nur zeitgebunden gegeben werden kann.“ (Zitat aus Hanno-Walter Kruft: Geschichte der Architekturtheorie. Von der Antike bis zur Gegenwart).

In Architekturtheorie zur Einführung (2022) führt Jörg Gleiter eine neue Systematik der Architekturtheorie ein. Auf der Grundlage des Aufsatzes Traditionelle und kritische Theorie (1937) von Max Horkheimer unterscheidet Gleiter vier Phasen der Architekturtheorie: Nachdenken über Architektur, Traditionelle Theorie der Architektur, Kritische Theorie der Architektur und Kritische Erkenntnistheorie der Architektur. Unter Nachdenken über Architektur fallen alle Diskursformen seit dem Übergang der Architektur von einer ars mechanica zu einer ars liberalis im 15. Jahrhundert bis zum Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Der Übergang zur Traditionellen Theorie wird mit dem Wandel in der Konzeption der Architektur mit dem Aufkommen neuer Materialien wie Eisen, Glas und Beton, der Maschine und der Änderung der sozialen Stellung der Architektur in der Massengesellschaft eingeleitet. In dieser Phase entsteht die moderne Architektur und ihre spezifischen Formen der Theoriebildung. Traditionelle Theorie heißt diese Art der Reflexion über Architektur, weil diese damit beschäftigt war, das Neue mit dem Alten oder die neu sich etablierende moderne Architektur mit der Geschichte in eine Entwicklungslinie zu bringen. Abgelöst wird diese durch die Kritische Theorie der Architektur Mitte des 20. Jahrhunderts. Auslöser ist die Kritik an der moderne Architektur. Die Architekturtheorie reflektiert jetzt nicht nur das Verhältnis der neuen, modernen Architektur zur Tradition, sondern muss die Defizite der modernen Architektur selbst kritisch hinterfragen. Architekturtheorie wird selbstreflexiv. Mit der Digitalisierung, der Umweltproblematik und der künstlichen Intelligenz findet die kritische Theorie der Architektur aktuell ihre Erweiterung zur kritischen Erkenntnistheorie der Architektur.

Das Wesen der Architektur Zu den zentralen Aufgaben jeder Architekturtheorie gehört die Definition des Begriffs „Architektur“ selbst, die Klärung ihres besonderen Charakters zwischen Bauen als Anforderung und Baukunst. Diese Klärung erfolgt als vergleichende Betrachtung ihrer historisch bedingten Lösungen, denn zum einen hat sich die Bedeutung des Begriffs „Architektur“ im Laufe der Geschichte mehrfach geändert (vom Teilbereich der Bildenden Künste bis zum Hochbaugebiet), zum anderen kann der besondere Charakter der Architektur nur in Abgrenzung zu den benachbarten Gebieten Kunst, Wissenschaft, Technik, Design etc. herausgearbeitet werden. „Von den Künsten trennt sie der Graben der Zweckgebundenheit – aber sie kann trotzdem große Kunstwerke hervorbringen. Von dem streng methodischen Vorgehen der Wissenschaft trennt sie das Spontane, Intuitive – aber sie verarbeitet dennoch ständig die neuesten wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften. Vom allgemeinen Bauen trennt sie der Qualitäts- und Gestaltungsanspruch – aber sie muß trotzdem alle Gewerke des Bauens perfekt beherrschen. Von der mangelnden Steuerbarkeit der künstlerischen Produktion trennt sie die Notwendigkeit der Auftragsplanung, die nicht allein auf die Zufälle von Kreativität und Originalität vertrauen kann, sondern auf erlernbare gestalterische und ästhetische Qualifikationen zurückgreifen muß. Architektur ist daher per se weder Bauen noch Baukunst, sondern die Kunst des Bauens.“Günther Fischer: Architekturtheorie für Architekten. Die theoretischen Grundlagen des Faches Architektur. In: Birkhäuser Verlag, Basel 2014, S. 60.

Da in der selbstreflexiven Moderne Architekturtheorie immer die Selbstkritik der Disziplin beinhalten muss, kann die Architekturtheorie in diesem Sinne definiert werden als „die Form der kritischen Reflexion des Konzipiert-, Gemacht- und Wirksamwerdens der Architektur wie auch der Funktion der Architektur im größeren, sich dynamisch ändernden kulturellen Kräftefeld. Ziel der kritischen Reflexion ist es, Vorstellungen und Modelle zu hinterfragen, zu bestätigen oder zu formulieren, auf deren Grundlage der Mensch sich eine ihm angemessene, vom Zustand der reinen Naturhaftigkeit sich unterscheidende Umwelt schafft.“

Grundlegung als Universitätsfach in Deutschland Lewis Mumford wie Fritz Schumacher grenzten die Architektur deutlich von einer Immobilienwirtschaft ab: „Wenn man das Wort ‚Architektur‘ hört, können die verschiedensten Vorstellungen im Innern auftauchen. […] In unserer Zeit ist das Bauen […] Sache eines mechanisch arbeitenden Unternehmertums geworden. Diese Leistungen […] bilden ein höchst wichtiges und interessantes Kapitel der Wirtschaftsgeschichte, nicht aber der Architekturgeschichte, wir dürfen sie im Folgenden ein für allemal ausscheiden.“

In seinem Vorwort als Herausgeber des ersten Heftes der Zeitschrift Architectura, Zeitschrift für Geschichte und Ästhetik der Baukunst beschrieb Leo Adler 1932 das Fehlen von Literatur ausschließlich zum Thema der Geschichte und Theorie der Baukunst. Die baugeschichtliche Forschung teilt sich demnach in die Bereiche primitives Bauen, Archäologie und Kunsthistorische Forschung in der Architektur. Alfons Leitl gründete 1947 die Zeitschrift Baukunst und Werkform mit Beitragen zur Architekturtheorie einer Nachkriegsmoderne von Egon Eiermann, Otto Bartning, Rudolf Schwarz, Hans Schwippert u. a., die in dieser Zeitschrift heftige architekturtheoretische Debatten (Bauhausdebatte, Düsseldorfer Architektenstreit) um die Ziele und Aufgaben des Wiederaufbaus und die Nachkriegsmoderne führten.

Es war Oswald Mathias Ungers, der an diese Debatten anknüpfte und das erste, internationale Symposium über Architekturtheorie in Deutschland vom 11. Bis 15. Dezember 1967 an der Architekturfakultät der Technischen Universität Berlin ausrichtete, und auf die Notwendigkeit verwies, dieses Fach künftig an deutschen Architekturhochschulen zu lehren. An dem Symposium nahmen unter anderem Friedrich Achtleitner, Reyner Banham, Peter Blake, Lucius Burkhardt, Colin Rowe, Kenneth Frampton, Sigfried Giedion, Jürgen Joedicke, Julius Posener, Adolf Max Vogt und weitere namhafte Architekturtheoretiker teil.

Jürgen Joedicke mit der Gründung des IGMA – Institut für Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen 1967 an der Universität Stuttgart und Julius Posener am Lehrstuhl für Baugeschichte an der Berliner Hochschule für Bildende Künste (seit 2001 Universität der Künste Berlin) begründeten die Architekturtheorie als kleines Fach an deutschen Architekturhochschulen. Ihnen folgten Manfred Speidel, Winfried Nerdinger, Werner Durth, Thilo Hilpert und andere Architekten, die seitdem dieses Fach wie folgt verstanden, lehrten und betrieben: