Die Libysch-Nationale Armee (LNA) und das Militär der Regierung der Nationalen Übereinkunft (Government of National Accord – GNA) sind zwei im zweiten libyschen Bürgerkrieg in Opposition zueinander stehende Streitkräfte in Libyen (), die sich nach dem Sturz Muammar al-Gaddafis bildeten. Sie rekrutieren sich beide ursprünglich auch aus den historischen bis zum Bürgerkrieg 2011 bestehenden Libyschen Streitkräften.
Sowohl die teils international anerkannte libysche Übergangsregierung Government of National Accord (GNA) mit Sitz in Tripolis im Westen Libyens als auch der teils international anerkannte Abgeordnetenrat mit Sitz in Tobruk im Osten Libyens verfügen über eine eigene Armee. Dieser Umstand und beider Anspruch die legitime Libyschen Streitkräfte zu sein, erschwert es besonders westliche Beobachtern die jeweiligen Streitkräfte zu identifizieren.
Die Libysch-Nationale Armee (LNA) operierte bis 2019 vor allem in Ost-Libyen, während die GNA-Streitkraft den Westen Libyens kontrollierte.Presidenten-Garde sichert die Küstenstraße Libya Herald, 15. November 2017 (englisch). 2019–2020 kämpften die beiden Gruppen mit militärischer Unterstützung ihrer jeweiligen internationalen Verbündeten gegeneinander. Eng verflochten sind die westlibyschen Truppen mit den Türkischen Streitkräften, während die ostlibyschen Streitkräfte eng mit der russischen Gruppe Wagner kooperieren.
Geschichte Vor 2011 In den 80er Jahren trugen die Streitkräfte Libyens gegen den Tschad den Libysch-Tschadischen Grenzkrieg aus.
Im Jahr 2010 hatten die Streitkräfte der Libysch-Arabischen Dschamahirija unter Machthaber Muammar al-Gaddafi nach dem International Institute for Strategic Studies (IISS) und dem Jaffee Center for Strategic Studies (JCSS) rund 119.000 Mann. Etwa 25.000 Mann davon waren Wehrpflichtige.Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. März 2011, S. 4. Das libysche Heer hatte 50.000 Mann, die Luftwaffe 18.000 und die Libysche Marine 8.000. Daneben gab es als Reserve 40.000 Mann der Volksmiliz.fpc.state.gov (PDF; 494 kB), S. 27. Der paramilitärischen Libyschen Revolutionsgarde gehörten 3000 Soldaten an, die direkt Muammar al-Gaddafi unterstellt waren.
Seit 2011 Im Bürgerkrieg in Libyen wechselten Anfang 2011 Teile der Streitkräfte auf die Seite der Opposition. Zusammen mit Freiwilligen bildeten sie Revolutionsbrigaden, die als Libysche Nationale Befreiungsarmee gemeinsam kämpften. Nach Ende des Bürgerkrieges arbeitete der neue Verteidigungsminister Usama al-Dschuwaili daran, die Milizen der Befreiungsarmee in die regulären libyschen Streitkräfte, die Polizei und andere Einrichtungen der neuen Regierung zu integrieren.Libya to include rebels in military from January, Reuters am 26. Dezember 2011 (englisch). Dies scheiterte. Unter anderem daran, dass al-Dschuwaili, wie verschiedene Politiker, gleichzeitig als Warlord eine eigene Privatarmee aufbaute. Auch seine Nachfolger Mohammed Barghathi und Abdullah Al-Thinni konnten die Ordnung nicht wiederherstellen.Libya Herald am 6. August 2013 (englisch). Im Gegenteil eskalierte die Situation schließlich im Sommer 2014 mit einem erneuten Ausbruch eines Bürgerkriegs.
Seit Oktober 2017 wurde in Ägypten über ein Abkommen zur Bildung einer gemeinsamen Armee der beiden Streitkräfte aus West-Libyen und Ost-Libyen beraten.Can Cairo talks succeed in uniting Libya's divided armed forces? (englisch). Als Leiter der beiden Delegationen agierten die beiden Generalstabschefs Abdel Razek Nadori (LNA), sowie Abdul Rahman al-Tawil (GNA).Libyan army factions to meet in Cairo Sunday (englisch). Vorerst vereinbarte Friedensgespräche scheiterten im Jahr 2019.
Streitkräfte in Libyen seit 2014 In Libyen operieren eine Reihe bewaffneter Gruppen, die sich zum Teil aus ehemaligen Mitgliedern der Libyschen Streitkräfte rekrutieren, jedoch auch von weiteren in- und ausländischen Sympathisanten und Söldnern unterstützt werden. Die beiden größten, auf die historischen Streitkräfte des Landes zurückgehenden und sich gegenüberstehenden Truppen sind:
Die Streitkräfte unter Chalifa Haftar (LNA) Siehe Libysche Nationalarmee
Der Hauptteil der Streitkräfte folgte seit Mai 2014 General Chalifa Haftar und dessen „Würde“-Milizen (etwa der Großteil Luftwaffe und die Spezialtruppen).Wohlwollender Diktator oder schlafender Monarch? Am 2. März 2015 wurde Haftar schließlich auch offiziell vom Parlament zum Oberbefehlshaber der Libysch-Nationalen Armee ernannt.International anerkanntes Parlament ernennt Armeechef, Neue Zürcher Zeitung, 2. März 2015.
Als größter Erfolg von Haftar und den LNA-Streitkräften gilt die Befreiung von Bengasi aus der Hand radikal-islamistischer Milizen sowie die weitgehende Stabilisierung des Ostens mit Ausnahme von Derna. Als enge Verbündete gelten die Streitkräfte der Vereinigten Arabischen Emirate im und die Streitkräfte Ägyptens. Beide Staaten unterstützten die LNA mit Luftangriffen und Waffenlieferungen. Die Emirate unterhalten zudem einen Militärstützpunkt östlich von Bengasi.Covert Emirati support gave East Libyan air power key boost: U.N. report (englisch).UAE on brink of deploying fighter aircraft to Libya battlefield (englisch).
Die Streitkräfte unter Fayiz as-Sarradsch (GNA) Der Teil der Armee, welcher Haftar nicht folgte, schloss sich unter dem Generalstabschef Jedalla al-Obeida im Sommer dem Bündnis Fadschr Libya an und bildete mit den Milizen der dortigen Regierung die „Libysche Armee“, sowie die Gegenregierung Government of National Accord (GNA).Das neue Terrornest Libyen alarmiert Europa. Ende 2015 schlossen sich diese Streitkräfte der neuen international anerkannten Regierung unter as-Sarradsch an und wurden so zur 2. international anerkannten Armee Libyens. Zu dieser standen Parlament, Haftar und die LNA-Streitkräfte bis Ende 2017 weiter in Opposition.
2016 bildete sich die „Präsidenten-Garde“, welche in Westlibyen operiert und seit Mai 2017 ihren Sitz im Tripoli International Airport hat.Presidential Guard moves into Tripoli International Airport, Libya Herald, 28. Mai 2017 (englisch).
Als größter Erfolg der GNA-Streitkräfte gilt die Befreiung von Sirte im August 2016, wo der sogenannte Islamische Staat ab 2015 ein Terrorregime errichtet hatte. Die dortigen GNA-Verbände nennen sich selbst „Al-Bunyan Al-Marsoos“ („Undurchdringliche Wand“). Sirte markiert seitdem auch die Waffenstillstandslinie zwischen beiden Streitkräften, welche aber immer wieder verletzt wurde.
Am 27. November 2019 unterschrieb die westlibysche Regierung ein Militärabkommen mit der Türkei, dass seitdem zahlreiches Kriegsmaterial in das Land brachte und seitdem verschiedene Stützpunkte unterhält. So nutzen die westlibyschen Streitkräfte von der Türkei gelieferte M60, T-155 Fırtına Panzerhaubitzen, T-122 Sakarya Raketenwerfer, BMC Kirpi Transportpanzer, Bayraktar TB2 und Bayraktar Akıncı Drohnen, TAI Hürkuş Flugzeuge und MIM-23 HAWK Luftabwehrsysteme.
Eng verbündet sind die GNA-Truppen mit der alten Kolonialmacht Italien und den Italienischen Streitkräften, welche in Misrata einen Stützpunkt unterhalten.Libya army delegation in Rome for talks with Italian military (englisch).Eastern authority condemns Italy decision to increase troops in Libya (englisch). Als weiterer enger Verbündeter gelten die Algerische Streitkräfte.Algeria to train Presidential Guard personnel (englisch).
Luftfahrzeuge Folgende Luftfahrzeuge werden von der GNA und der LNA verwendet, der größte Teil ist nicht einsatzfähig (Stand Ende 2020): +TypHerkunftFunktionVersionAktivAnmerkungenKampfflugzeugeMikojan-Gurewitsch MiG-21Abfangjäger12Die meisten der noch vorhandenen MiG-21 bis und MiG-21UM waren eingemottet. 2004 soll ein Modernisierungsvertrag über 16 Stück mit der Ukraine abgeschlossen worden sein.Holger Müller: MiG-21 im Einsatz -Teil 2: Naher Osten und Afrika in Fliegerrevue Extra Nr. 23, Möller 2008, , S. 25.Mikojan-Gurewitsch MiG-23Abfangjäger Jagdbomber3Die meisten waren eingemottet. Eine Maschine wurde am 19. März 2011 über Bengasi abgeschossen.www.nachrichten.at.Dassault Mirage F1Jagdflugzeug2Zwei Maschinen wurden im Februar 2011 für eine Flucht nach Malta genutzt.Suchoi Su-22Jagdbomber1Suchoi Su-24Bomber2Eine Einheit ging bei einem Brand verloren.TransportflugzeugeAntonow An-26Transportflugzeug1Antonow An-72Transportflugzeug1Lockheed C-130 HerculesTransportflugzeugC-130H C-130L-10022 C-130J geplant.SchulflugzeugeSoko GalebSchulflugzeugG-214Eine Trainingsmaschine wurde am 24. März 2011 über Misurata abgeschossen.Aero L-39Schulflugzeuge10Mikojan-Gurewitsch MiG-23Kampftrainer1Dassault Mirage F1Kampftrainer2Aermacchi SF-260Schulflugzeug37Italienische Piloten, mindestens teils Ex-Militärpiloten, waren auch zur Ausbildung jahrelang in Libyen.HubschrauberAgustaWestland AW139Mehrzweckhubschrauber1Boeing CH-47 ChinookTransporthubschrauberCH-47C2Lieferung über ItalienMil Mi-2Mehrzweckhubschrauber6Mil Mi-8MehrzweckhubschrauberMi-8 Mi-1717Mil Mi-14U-Jagd3Mil Mi-24KampfhubschrauberMi-24 Mi-357Unbemannte LuftfahrzeugeBayraktar TB2Kampfdrohne Aufklärungsdrohne?Wird von der GNA genutzt.TAI AnkaKampfdrohne Aufklärungsdrohne?Wird von der GNA genutzt.Chengdu Wing LoongKampfdrohne?Wird von den Unterstützern von Chalifa Haftar genutzt; Vermutlich von den VAE geliefert. Ehemalige Luftfahrzeuge:
Soko J-21 Jastreb Dassault Falcon 20 Gulfstream II Dassault Falcon 50 Iljuschin Il-76 Antonow An-124 Bell 206 Bell 212
Historische Teilstreitkräfte Die Libyschen Streitkräfte waren bis 2011 wie folgt gegliedert und ausgestattet:
Heer Das 50.000 Mann starke Heer war in 10 Panzerbataillone, 10 motorisierten Infanteriebataillone, 18 Infanteriebataillone, 6 Kommandobataillone, 22 Artilleriebataillone und 7 Luftabwehrbataillone organisiert.
Ausrüstung Die geschätzte Anzahl an Panzern belief sich im Jahr 2009 auf 3025. Ein Großteil der rund 2000 Kampfpanzer galt als nicht einsatzbereit und wurde zur Ersatzteilgewinnung für andere Einheiten verwendet.Vgl. Focus Online: Libysche Armee: Veraltete Waffen und viele Überläufer, Zugriff am 15. April 2011.
200 T-72;www.bbc.co.uk (englisch). (115 eingelagert); 100 T-62 (70 eingelagert); 1500 T-55; (1.040 T-54/T-55 eingelagert).
Es gab gepanzerte Aufklärungsfahrzeuge der Typen BRDM-2 (ca. 50) und EE-9 (ca. 70). Des Weiteren etwa 1000 BMP-1 und weitere BMD für die Infanterie.IISS 2009. 2010 wurde gemeldet, dass Russland Libyen bei der Modernisierung von T-72 Panzern unterstützen werde.(englisch).
RadfahrzeugeMiddle East Military Balance, (2005), , Libya, Zugriff am 24. April 2007 (PDF; englisch).
500 BRDM-2 70 EE-9 Cascavel 100 EE-11 Urutu 540 BTR-60 und BTR-50 im Dienst OT-64 SKOT
Artillerie 120 DANA 160 Palmaria 2S1 36 2S3 330 M-46 190 D-30
Boden-Boden-Raketen 9K52 Luna-M R-17, (416 Raketen)
Panzerabwehr / 400 MILAN 620+ AT-3, AT-4, AT-5
Luftabwehr S-200 8 Bataillone 9K32 Strela-2 20 9K33 Osa 60 9K31 Strela-1/9K35 Strela-10
Luftabwehrwaffen 90 57 mm S-60 250 23 mm ZSU-23-4 23 mm SU-23 30 mm M53/59 Praga 40-mm-Bofors-Geschütz
Leichte Waffen FN F2000 Gorjunow SG-43 Wladimirow KPW AK-47 RPG-7
Luftstreitkräfte mini|Kampfhubschrauber vom Typ Mil Mi-35 (Mi-24) im Oktober 2009 Nach dem Putsch von 1969 begann Libyen, das bis dahin nur über eine kleine, etwa 400 Mann zählende Luftwaffe verfügte, unverzüglich mit der Beschaffung von Flugzeugen für die LARAF (Libyan Arab Republic Air Force). Ein Großauftrag ging noch im selben Jahr an Frankreich, aber auch in die USA und nach Italien gingen Bestellungen. Insbesondere die aus Frankreich stammenden Mirage-5-Jäger wurden an Ägypten verliehen und nahmen an Kampfhandlungen im Jom-Kippur-Krieg von 1973 teil.Tom Cooper/Chuck Canyon/AlbertGrandolini: Libyens Luftwaffe – von König Idris bis Oberst Gaddafi in Fliegerrevue Extra Nr. 29, Möller 2010, , S. 9. Ab 1973/74 kam es zur Umorientierung auf sowjetische Waffentechnik. Die Pilotenausbildung erfolgte zu großen Teilen im Ausland, so Frankreich, Algerien, Pakistan, Rumänien, Großbritannien und der Sowjetunion.