Konduktive Förderung ist ein komplexes Fördersystem, das von dem ungarischen Arzt András Pető ursprünglich für Kinder und Jugendliche mit cerebralen Bewegungsstörungen und Erwachsene mit Parkinson-Syndrom oder nach Apoplex (Schlaganfall) unter der Bezeichnung Konduktive Erziehung und Konduktive Pädagogik entwickelt wurde.
Grundlagen und Geschichte Der Begriff wurde von Karin S. Weber im Rahmen des ersten deutschen Pilotprojektes (1990–1992) zur Konduktiven Förderung erweitert und hat sich so im deutschsprachigen Raum etabliert.Angelika Baumann: Die Beziehung zwischen Körperbehindertenpädagogik und Konduktiver Förderung in Bildung und Erziehung. 2009, S. 188. Pető hat die Dokumentation der Konduktiven Förderung selbst nicht systematisch beschrieben. Maria Hári, Petős Schülerin und Nachfolgerin in der Leitung des Pető Andras Institute for Conductive Education of the Motor Disabled and Conductors College, hat in einer Geschichte der Konduktiven Pädagogik Grundgedanken aus der Praxis Petős festgehalten.Maria Hári: Die Geschichte der 'Konduktiven Pädagogik, verkürzte Übersetzung des ungarischen Originals von 1977: A konduktív pedagógia története, Übersetzung Anikó Dobslaff, Mpanni-Verlag Internationales Pető Institut Budapest, First published by Trendham Books Limited, German Version in Occasional Papers, Supplement 1, 1997.
Die Konduktive Förderung versteht sich als untrennbare Einheit von Pädagogik und Therapie. Die motorische Förderung ist nur ein Teil des Konzepts, in dem der behinderte Mensch in seiner sozialen, emotionalen, sprachlichen und kognitiven Kompetenz gefördert wird.Friederike Bock: Konduktive Förderung'. Bewegungstherapeutische Aufgabensammlung. 2005, S. 3 Im Mittelpunkt steht nicht die Behinderung eines Menschen, sondern seine Persönlichkeit. Die Behinderung wird als eine Lernstörung gesehen, die überwunden werden kann, aber nicht heilbar ist.Reinhard Lelgemann und Juliane Quandt: Das bayrische Außenklassenmodell als Möglichkeit der Integration körperlich und mehrfach beeinträchtigter Schülerinnen und Schüler. Ergebnisse der Begleitung einer konduktiv gestalteten Außenklasse. In: Zeitschrift für Heilpädagogik 6, 2010, S. 221–229. Hier: S. 222 Es hat sich in der Praxis gezeigt, dass die Konduktive Förderung auch bei anderen Behinderungen geeignet ist.
Pető hat das Berufsbild der Konduktorin geschaffen, das in Ungarn 1963 staatlich anerkannt wurde. Abgeleitet von ‚zusammenführen‘, führt die Konduktorin die verschiedenen Kenntnisse aus den einzelnen pädagogischen, therapeutischen und medizinischen Bereichen zu einem individuellen Konzept zusammen. Pető hat die Anerkennung des „pädagogischen Charakters seiner konduktiven Bemühungen“ erst nach jahrelangem Kampf für die Konduktive Förderung 1963 mit den Behörden erreicht. Nach der staatlichen Anerkennung und Angliederung an das Kultusministerium konnte 1965 auch ein heute vierjähriges Hochschulstudium zum Konduktor etabliert werden.Baumann, Angelika: Die Beziehung zwischen Körperbehindertenpädagogik und 'Konduktiver Förderung' in Bildung und Erziehung. 2009, S. 196 In Ungarn, England und Israel werden heute Konduktorinnen in einem Hochschulstudium ausgebildet. Dieses Berufsbild ist in Deutschland bisher nicht anerkannt, weil es hier getrennte Ausbildungen für Pädagogen und Therapeuten gibt. In Deutschland werden Weiterbildungen für Fachkräfte aus den Bereichen Pädagogik, Medizin, Rehabilitation und Psychologie zu pädagogisch-therapeutischen Konduktoren angeboten. . Abgerufen am 17. Januar 2011
In Deutschland wurde die Konduktive Förderung ab 1985 durch Karin S. Weber, Universität Siegen, importiert. 1988 startete das erste Pilotprojekt mit einer Düsseldorfer Gruppe, die am Institut in Budapest gefördert und von Weber wissenschaftlich begleitet wurde. 1990 bis 1992 wurde im Auftrag des BMA das erste Pilotprojekt in Deutschland in der Taunusklinik durchgeführt und von Karin S. Weber wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Ab 1994 verbreitete sich die Konduktive Förderung durch das Ehepaar von Quadt und andere betroffene Eltern in den Medien. Zahlreiche Elterninitiativen und Vereine wurden von den beiden und anderen betroffenen Familien mitbegründet oder initiiert. Für die Eltern steht im Vordergrund, dass ihre Kinder nicht als „personifiziertes Defizit“ wahrgenommen werden, sondern als „Mensch, der wachsen und sich entwickeln kann.“Annette Fink: Praxis der 'Konduktiven Förderung' nach A.Petö. 1998, S. 132 Eltern engagieren sich in Deutschland für die Entstehung vielfältiger Angebote, in deren Rahmen die Konduktive Förderung ausgeübt werden kann,Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen, Fachausschuß konduktive Förderung (Hrsg.), 2009: Integration Konduktiver Förderung in das Rehabilitations- und Bildungssystem für Menschen mit Behinderung in Deutschland. Adressenliste ab S. 41 sowie für ihre Verbreitung und Anerkennung.
Kontroverse In den Fachwissenschaften wird die Konduktive Förderung kontrovers diskutiert.Reinhard Lelgemann, Juliane Quandt: Das bayrische Außenklassenmodell als Möglichkeit der Integration körperlich und mehrfach beeinträchtigter Schülerinnen und Schüler. Ergebnisse der Begleitung einer konduktiv gestalteten Außenklasse. In: Zeitschrift für Heilpädagogik 6, 2010, S. 221–229. S. 223 Seit ihrem Auftreten in Deutschland setzt man sich wissenschaftlich mit ihr und ihrer Übertragbarkeit auf deutsche Verhältnisse auseinander.Angelika Baumann: Die Beziehung zwischen Körperbehindertenpädagogik und Konduktiver Förderung in Bildung und Erziehung. 2009, S. 497
Grundlagen Petős Pető verstand seinen Ansatz als „Zusammenführung von Sprache und Bewegungslernen im Dienst neuronaler Veränderung“.Angelika Baumann: Die Beziehung zwischen Körperbehindertenpädagogik und Konduktiver Förderung in Bildung und Erziehung. 2009, S. 189 Er ging davon aus, dass die Plastizität des Gehirns eine Kompensation der Hirnschädigung möglich macht. Die moderne Hirnforschung hat nachgewiesen, dass man unter Plastizität verstehen kann, dass „multiple Teilfunktionen oder ganze Funktionen erhalten bleiben, wenn sie von der Läsion nicht berührt werden, durch eine ähnliche Funktion ersetzt werden können oder sich über einen Umweg innerhalb der neuronalen Verschaltung bemerkbar machen können“.Angelika Baumann: Die Beziehung zwischen Körperbehindertenpädagogik und Konduktiver Förderung in Bildung und Erziehung. 2009, S. 37 Die Ursache der Bewegungsstörung kann von keinem Therapiemodell korrigiert werden.
Die zerebral bedingte motorische, sensorische oder Mehrfachbehinderung kann sowohl angeboren als auch später erworben sein. Der sensorische, motorische, psycho-soziale und kognitiv-sprachliche Entwicklungsprozess, der beim nicht behinderten Säugling scheinbar automatisch in Gang kommt, ist bei einer zerebralen Schädigung des Gehirns nicht ungehindert zu erwarten oder bestimmte Fähigkeiten sind nicht verfügbar. Das vorhandene, meist reflektorische Repertoire kann nicht weiter ausgebaut werden und dysfunktionale Bewegungsmuster und Verhaltensweisen bauen sich auf. „Eine Schädigung des Zentralen Nervensystems wirkt sich als Lernhindernis aus, das alle Entwicklungs-/Lernprozesse beeinflusst und somit die ganze Persönlichkeit erfasst.“Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen, Fachausschuß Konduktive Förderung (Hrsg.), 2009: Integration Konduktiver Förderung in das Rehabilitations- und Bildungssystem für Menschen mit Behinderung in Deutschland. Konduktive Förderung. S. 11 Akzeptiert man diese Sichtweise, würde das bedeuten, dass bei frühzeitiger Förderung neue, adäquate Bewegungsmuster erlernt und ausdifferenziert werden können.
Pető war der Überzeugung, dass man die motorischen Entwicklungsprozesse nicht von anderen Entwicklungsbereichen loslösen kann. Förderung musste seiner Ansicht nach vernetzt sein und Wahrnehmung, Sprache, Kognition und Motorik umfassen. Das Ziel war, die Lebenswirklichkeit des Kindes mit dem Bewegungslernen zu verknüpfen: „… die Therapie, egal wie gut sie ist, [hilft nicht], wenn sie nicht in alle Bereiche des Lebens eingebettet wird“.Pető zit. nach Maria Hári: Die Geschichte der Konduktiven Pädagogik, Verkürzte Übersetzung des ungarischen Originals von 1977, German Version in Occasional Papers 1997, S. 33 Damit stand Pető im Gegensatz zu damals gängigen Therapieauffassungen, die nur eine „äußerliche Behandlung der Bewegungsbehinderung ohne Eigenbeteiligung des Patienten“ kannten.Angelika Baumann: Die Beziehung zwischen Körperbehindertenpädagogik und Konduktiver Förderung in Bildung und Erziehung. 2009, S. 190
Einflüsse Über die Einflüsse auf Petős Grundannahmen ist viel geschrieben worden. In seiner Bibliothek finden sich Werke von Hippokrates, Paracelsus, Hufeland und Cannon. Seine Sichtweise der Heilbarkeit von Krankheiten hat er unter Pseudonym in zwei Büchern vertreten.Annette Fink: Praxis der Konduktiven Förderung nach A. Petö. 1998, S. 35 Wichtige Impulse erhielt er aus der russischen kulturhistorischen Schule um Lurija, Wygotski und Leontjew, die in ihrer Tätigkeitstheorie Bewegungen als zielgerichtete Bestandteile von Operationen und Handlungen in Richtung auf eine Tätigkeit oder ein Motiv sahen. Das Kind soll zu Tätigkeit angeregt werden. Dadurch kommt es zur wechselseitigen Beeinflussung von Kind und Umwelt. Emotionen, Wahrnehmung und Motivation sind damit verbundene Ereignisse. Eine zielgerichtete Handlung besteht aus Einzelteilen des Bewegungsaktes, die mehr oder weniger automatisch abgerufen werden können. Dieser Aneignungsprozess ist beim zerebral versehrten Kind eingeschränkt.: Konduktive Förderung nach Petö bei Kindern mit Entwicklungs- und zerebralen Bewegungsstörungen. Abgerufen am 19. Juni 2010 Wygotski erklärte die „soziale Vermitteltheit der menschlichen Entwicklung“ und damit auch der Behinderung. „Petö allerdings machte sich Wygotskis Auffassung zunutze, in dem er sie umdrehte: Wenn Behinderung sozial vermittelbar ist, dann ist es Nicht-Behinderung ebenso.“Angelika Baumann: Die Beziehung zwischen Körperbehindertenpädagogik und Konduktiver Förderung in Bildung und Erziehung. 2009, S. 189. Ob die Arbeiten um Lurija und Wygotski ihn direkt beeinflusst haben, wird angezweifelt, da nur von Wygotski ein so früher Text vorliegt (1924), dass er Pető im Entstehen der Konduktiven Förderung beeinflusst haben kann. Alle anderen Texte erschienen erst ab Anfang der 50er Jahre: M. Danielczyk: Konduktive Förderung bei Erwachsenen. Konzept nach András Petö. 2003, S. 23 Damit meinte er, dass die Auseinandersetzung des Säuglings mit der gegenständlichen Welt nur über die Vermittlung des Erwachsenen entstehen kann. In diesem Umgang mit den Erwachsenen kommt auch der Übungsprozess zustande.
Pető erkannte das Gewicht von sprachlichen Steuerungsfunktionen für das kognitive Lerngeschehen. Lernen erfolgt selbstregulierend, daher werden Handlungen verbal in der Ich-Form rhythmisch intendiert, so dass sich das Kind das Ziel seiner Bewegung selbst vorgibt. Für Pető war das Lernen in Gruppensituationen erfolgreicher als in Einzeltherapien, daher werden die Übungen nur in Gruppen durchgeführt. Hier werden Einflüsse des russischen Pädagogen Makarenko, aber auch seines lebenslangen Freundes Moreno, dem Begründer des Psychodramas, vermutet.Angelika Baumann: Die Beziehung zwischen Körperbehindertenpädagogik und Konduktiver Förderung in Bildung und Erziehung. 2009, S. 190 und M. Danielczyk: Konduktive Förderung bei Erwachsenen. Konzept nach András Petö. 2003, S. 21 Die Motivation des Lernenden und eine positive Lernatmosphäre verbunden mit einer konsequent kompetenz- und zielorientierten Sichtweise erkannte Petö als essentielle Voraussetzung für die Gestaltung optimaler Lernbedingungen.
Ziele der Konduktiven Förderung